Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Bald ausverkauft!

Kaum etwas ist spannender als die individuelle Lebensgeschichte. Wie wurde man, was man ist? Wie kann man werden, der man sein will? Wie konnte das bisherige Leben gelingen und was waren Hindernisse? Welche Entwicklungssprünge kann man erinnern, und welche sind wohl noch zu erwarten? Welche Entwicklungsthemen ‚gehören‘ zu welchem Alter, bei welchen erlebte man sich selbst als ‚frühreif‘, bei welchen als ‚Spätzünder‘. Was hat alles auf das ‚Lebenskonto‘ eingezahlt und damit die Biografie zu einer unverwechselbaren individuellen Geschichte werden lassen? In unserem Kartenset ‚Blick ins Leben‘ zeigen wir auf, was es in welcher Phase zu entwickeln gibt. So können Sie reflektieren, was bereits hinter Ihnen liegt und Sie können erahnen, welche Themenfülle des Lebens noch auf Sie wartet.

Auf den Vorderseiten finden Sie zusätzlich in der Regel originäre Zitate von Viktor E. Frankl, dessen Menschenbild wir uns zutiefst verbunden fühlen.

Die entwicklungspsychologischen Biografiekarten ‚Blick ins Leben‘ sind das Ergebnis umfassender Literaturrecherchen. Die einzigartigen Vorteile:

  • Jedes Lebensjahr bis >85 Jahre wird aus entwicklungspsychologischer Perspektive kommentiert.
  • Kein anderes Tool dient in dieser Weise sowohl zur Vergangenheits- wie Zukunftsbetrachtung.
  • Die Lebensjahre werden förmlich „anfassbar“:110 Karten mit abgerundeten Ecken
    Format 7 x 12 cm
    FSC zertifizierter Spielkartenkarton
    Vollfarbendruck
    Faltschachtel, UV beschichtet D
  • Die Karten sind mit abwischbarem Folienstift auch beschriftbar und können daher direkt zur Biografiearbeit eingesetzt werden.

Nur noch wenige Exemplare verfügbar!
Kosten: 99 EUR Mwst-frei nach Paragraph 19 UStG incl. Versand
[119 EUR incl. Versand nach CH/A]
Bitte bestellen Sie per Mail an office@krisenpraxis.de

Die Forschungsgrenzen eines Momentes

Seit 25 Jahren arbeite ich als Coach, seit 19 Jahren leite ich zudem eine psychotherapeutische Praxis. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Situationen, in denen mir Klienten über ihre Gedanken zum Tod berichteten. Eine Geschäftsführer berichtete über den Suizid des Sohnes eines seiner leitenden Mitarbeiter, über dessen Kummer und die Auswirkungen auf die Familie, das private und berufliche Umfeld. Ein anderer berichtete über seine eigene unheilbare Krebserkrankung und das Kartenhaus, das wie vom Blitz getroffen dabei sei einzustürzen. Eine andere Person beschäftigte die Frage, wie denn die Diagnose einer recht seltenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung von ihm seiner siebenjährigen Tochter vermittelt werden könne. Der Tod von Freunden, Angehörigen, Eltern, der eigene Tod oder der des Lebenspartners – die bisherige Bandbreite war groß und es wunderte mich aufgrund meines thematischen Schwerpunktes ‚Krise‘ nicht, dass oftmals die Frage in den Raum gestellt wurde, welchen Sinn das eigene Leben wohl hatte oder welchen es noch haben könne, wenn doch ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sei. Gerade dann, wenn die letzten Seiten des Lebensbuches aufgeschlagen werden, wollen viele Menschen darüber sprechen, was es für sie heißt, da gewesen zu sein und was es heißt, wenn sie aus der Sichtbarkeit heraustreten und für die Menschen, die ihnen nah waren, in den Raum der Erinnerung wechseln.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in denen Psychologie auf meinem Lehr- und Lernplan stand, fand sich dort ein Thema nicht: der Tod. Vielmehr wurde gefragt, wie Menschen wahrnehmen, wie sie empfinden, wie sie fühlen, sich verhalten, sich motivieren oder handeln. Blickt man in die junge Geschichte der Psychologie und Psychotherapie zurück, dann waren das die Kernthemen, später dann natürlich flankiert durch Statistik, Diagnostik und dann bis heute durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Die Thanatopsychologie, die sich mit Erleben und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund seines Wissens um die Sterblichkeit befasst, gehört zu den sehr jungen Ablegern der psychologischen Wissenschaft.

Wie tickt der Mensch im Kontext von Sterben, Tod und existenziellen Fragen wie der nach dem Sinn des gelebten Lebens? Dass mit Viktor Frankl eine Schule der Psychotherapie eröffnet wurde, in der Fragen integral verhandelt werden, die früher entweder in der Psychologie, der Theologie oder der Philosophie ihren Platz fanden, macht die Komplexität deutlich, der sich Menschen gegenüber gestellt sehen, wenn sie sich berührt fühlen von offenen Fragen, deren Bearbeitung kaum mehr von einer Einzelwissenschaft geleistet werden kann. Aber ist eine ‚Universalwissenschaft Psychologie‘ die passende Antwort darauf?

Wenn irgendetwas in der Welt geschehen ist, wo es so richtig menschelte, dann fragt man die Psychologie. Was geht nur in Menschen vor, die …? Wie können diese Leute bloß …? Was kann man gegen Typen wie diese nur unternehmen, dass …? Und wenn etwas ‚in mir‘ geschehen ist, dann liegt die Analogie auf der Hand. Da, wo Mensch drin ist, da ist auch Psyche drin. Und wenn das so ist, dann sollte die Psychologie für jedes dieser psychischen Prozesse und Phänomene auch Antworten parat haben. Wie motivieren sich Menschen, und wie ich mich? Wie finden Menschen Sinn, und wie ich? Wie empfinden Menschen Glück, und warum ich nicht? Wie sterben Menschen, und wie wohl ich?

Wird Wissenschaft so gefragt, dann geht sie auf die Suche, sie forscht. Je nach wissenschaftlichem Hintergrund haben Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten von Wissenschaftlern gelernt, was von diesen zuvor erforscht wurde. Und da ‚Mensch‘ in der Psychologie in den unterschiedlichsten Facetten seines Seins erforscht wurde, hat jede Schule ihre Schüler hervorgebracht, die am verlängerten Arm der Forschung Menschen einen Ausschnitt von Allem zur Erklärung ihrer subjektiven Anliegen anbieten. So kann man sich leicht vorstellen, dass man bei einer spezifischen Frage, zum Beispiel der nach der Sinnfindung, aus den verschiedenen Forschungsrichtungen auch verschiedene Antworten erhält. Das macht es nicht gerade leichter.

Und schon hat man ein Problem. Gehen Sie in eine Buchhandlung und schauen Sie nach seriösen, also wissenschaftlich fundierten Büchern zu einer für Sie existenziellen Fragestellung. Sie werden fündig werden, das ist klar. Aber werden Sie Antworten erhalten auf Fragen wie: Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Sinnimpulses? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Zufalls? Was genau geschieht im Moment des Fühlens von Glück? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung einer Fügung? Was genau im Moment der Wahrnehmung des Todes? …

Noch müssen wir attestieren: Nie hatten Menschen so viel Wissen wie heute. Nie standen ihnen so viele Tools und Methoden zur Selbsterkenntnis und -reflexion zur Verfügung. Wir greifen zurück auf Sinnforschung, Glücksforschung, Sterbeforschung … und doch haben weder KI noch wir auf die Frage, was genau in einem existenziellen Moment geschieht, die Antworten. Mehr noch, trotz aller dieser Forschungen ist kaum eine Generation so sinnsuchend, unglücklich, sterbeängstlich wie die unsere – so man der Forschung dazu glaubt (sic!)

Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, will man der Psychologie alleine Antworten auf existenzielle Fragen abringen. Und es ist nachvollziehbar, dass Menschen – eingedenk der Leerstellen der Forschung – dann andere Dinge tun in der Hoffung, dadurch auf Antworten für sich zu treffen. Die Gründe sind vielfältig, warum immer mehr Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – die Antwortsuche nicht mehr mit dem Begriff des liturgischen Gebetes in Verbindung bringen.

Eine integralere Anmerkung dazu: kann ein Gebet in vMeme Beige noch als Stoßgebet im Kontext einer Überlebenskrise verstanden werden, erfahren Dialoge mit dem, was ‚Mensch‘ als seine tiefste innere Instanz versteht, auf anderen Ebenen der Bewusstheit eine völlig andere Qualität. Ich nenne – als Angebot – die ‚Gebete‘ im vMeme purpur Beschwörungsgebet, in rot Anspruchsgebet, in blau  Pflichtgebet, in orange Zweckgebet, in grün Sozialgebet.
.

Beige: Hilf mir, damit ich überlebe.
Purpur: Halte das Böse fern, und sei uns gnädig.
Rot: Hilf mir, damit ich stark bin.
Blau: Dein Wille geschehe und bitte, vergebe uns.
Orange: Hilf mir, mein Ziel zu erreichen.
Grün: Lass uns verstehen und heile, was verletzt ist.

Anstelle von Gebets-Dialogen begann mit den 1970er-Jahren zunehmend die Meditation für viele Menschen attraktiv zu werden. Einen innerpsychischen Zustand tiefer Entspannung zu bewirken, war im Getöse der Zeit von damals eine Art Heilsversprechen, das man meinte, sich selbst geben zu können. Dieses Versprechen reicht bis heute, auch, wenn mit der Angebotswelt der Achtsamkeitslehren immer weitere Aspekte und Methoden hinzukamen. All diesen Angeboten gemein ist, dass es dabei für den Menschen stets um seinen psychophysischen Zustand und dessen Verbesserung geht. Was dabei jedoch schlicht fehlt, ist ein Gegenstand außerhalb seiner selbst, auf den er sich transzendierend beziehen könnte.

Viktor Frankl sinngemäß dazu: Die eigentliche Frage sollte nicht lauten „Was ist gut für mich?“, denn diese Frage stellen Menschen umso stärker, je unglücklicher sie sind. Die reifere Frage hingegen lautet: „Wofür bin ich gut?“

Weitergedacht ist dieser Perspektivenwechsel eine klare Absage gegen die ich-bezogenen Empfehlungen Positiver Psychologie oder auch gegen Konzepte wie das der Selbstverwirklichung, heute der Selbstoptimierung. Werde ich als Therapeut gefragt, ‚wie kann ich mich am besten selbst verwirklichen‘, und ist meine Antwort nicht als Methodiker gewünscht, sondern als ‚Hoffender auf das Beste‘, dann antworte ich: ‚Verwirklichen Sie bloß nicht all das, was Ihnen selbst möglich ist. Das Ergebnis könnte Sie sonst in Schrecken versetzen. Verwirklichen Sie nur das, was wert ist, von Ihnen verwirklicht zu werden.“ Und ergänzend: ‚Sobald sich die Möglichkeit bietet, dann verwirklichen Sie nur das, was zu einem gegenständlichen Gefühl in Ihnen führt, und nicht nur zu einem Zustandsgefühl. Fühlen Sie ein Gegenstandsgefühl, dann liegt nahe anzunehmen, dass Sie nicht sich selbst verwirklicht, sondern Sinn erfüllt haben.“

Anders gesagt: Menschen verarmen nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie nicht geben. Wer also möchte, dass sein Bestes existiert, muss es in die Welt bringen (wenn er dies in einem bestimmten Moment tut, so ist auch dieser Moment keiner, der erforscht werden könnte). Und das Beste ist niemals nur ein psychischer Zustand, den ein Mensch fühlt, sondern immer ein Beitrag, mit dem er sich trotz des (positiven oder negativen) Zustands für jemanden oder etwas hingibt.

Ein echt passender Buchtitel

Da verletzt sich ein Mann an einem Messer, infiziert sich mit Streptokokken, bekommt rasant eine lebensgefährliche Sepsis und stellt sich irgendwann die Sinnfrage. Über die er dann in einem Buch schreibt, das schnell zum Spiegel-Bestseller wird. Wie es in vielen Büchern steht, fragt sich auch diese Person, was ist Glück und kommt zum mittlerweile trivialen Schluss: Geld und Macht sind es nicht. Gut, das sehen manche noch anders, aber lass diese Menschen erst mal eine Sepsis haben.

Und – kaum zu glauben – der Autor entfaltet seine Gedanken hin zur waghalsigen Idee, dass es wohl Beziehungen sind, die dem Menschen zum Lebensglück verhelfen. Nun, dass wir soziale Wesen sind und wir alle systemisch miteinander verbunden sind, haben viele schon gelernt und immer mehr begreifen auch, dass es wirklich so ist, dass das Verhalten eines Menschen im brasilianischen Urwald ein wenig dazu beiträgt, wie wir uns in Augsburg verhalten. Und umgekehrt. Und austauschbar, egal wo ein Mensch lebt. Dass das mit dem Begreifen der systemischen Wirklichkeit fraglos noch besser laufen kann, beweist uns jeden Tag die Natur. Sie lässt sich bewahren oder zerstören, nur kann man mit ihr nicht verhandeln oder einen Deal machen. Die Natur führt uns immer und überall in die Entscheidung: so oder so. So verhalten oder so verhalten. Wir können uns lustvoll verhalten, oder machtvoll, oder voll-ständiger, oder sinnvoll. Das haben uns die vier wichtigsten Schulen der Psychotherapie gelehrt, und andere Schulen haben diese Seins-Richtungen weiter aufgefächtert, manchmal auch verschlimmbessert.

Wenn nun der Autor das Lebensglück in ‚Beziehungen‘ wähnt, was bedeutet das dann aus der Perspektive der vier Schulen? Wie bringt man Trieb und Beziehungen, Macht und Beziehungen, Individuation und Beziehungen oder Sinn und Beziehungen zueinander und worum geht es einem Menschen je nach Perspektive?

Ein Klient eines hidden champions aus dem Mittelstand berichtet mir, dass er seine jüngsten Beziehungen über Datingplattformen gefunden hat und dass er dabei immer wieder konkret nachfragt, wie viele Beziehungen die auserkorene Person denn schon hatte. „Schließlich will ich im Bett nicht erst Nachhilfeunterricht geben“. Okay, diese Haltung kann man haben. Im Job beschreibt er sich seines Einflusses durchaus bewusst. „Fehler macht man bei Menschen am Anfang, nicht am Ende“, sagt er und so prüft er jede neue Beziehung auf seine Robustheit und Loyalität. „Wer da durch mein Raster fällt, ist draußen, denn auf dem Markt sind meine Gegner, die mich fordern und da will ich meine Energie nicht mit Inhouse-Gegnern vergeuden.“ Okay, diese Haltung kann man haben. Für seine eigene Erbauung nutzt er regelmäßig Retreats in einem Kloster. „Da baue ich quasi meinen Seelenmüll ab und mein Immunsystem wieder auf. Mit den Brüdern spreche ich gerne, denn in der Beziehung zu ihnen merke ich immer den Zwang, dem sie unterliegen. Sie nennen es Freiwilligkeit. Ich nenne es Unterwerfung. Nach der Zeit im Kloster ist mir klar, dass ich meinen Weg weitergehe.“ Okay, diese Haltung kann man haben. Ich frage den Klienten, worin das besteht, was ihn am meisten erfreut. „Wenn ich weltweit unterwegs bin und sehe, dass unsere Produkte hoch wirksam und auch unter extremen Bedingungen in der Lage sind, äußerst sensible technische Geräte nach ihrer Nutzung schnell wieder keimfrei zu machen und dadurch zum Wohl gefährdeter Menschen und Ressourcen lange im Einsatz bleiben können, dann erfreut mich das jedes Mal. Das ist das, worum es mir geht.“ Okay, diese Haltung kann man haben.

Würde mit dieser Person (keine Kinder, Vater in Südamerika lebend, viele Freunde, Liebhaber alter französischer Autos, Kenner des Portweins …) weitergesprochen, dann fänden wir wohl weitere Beziehungen in unterschiedlichster Bedeutung.

  • „Fühlen Sie sich glücklich?“ „Glück ist keine Kategorie für mich.“
  • „Was dann?“ „Ein Container-Begriff, nicht mehr.“
  • „Wenn es ein Begriff ist, der für Menschen etwas positiv Erreichtes bedeutet. Was wäre dann der für Sie passende?“ „Lebendigkeit.“
  • „Gibt es etwas aus Ihrer Erzählung, das dem, was für Sie ‚Lebendigkeit‘ bedeutet, am ehesten entspricht?“ „Nein, alles, was ich beschrieben habe ist Teil meiner Lebendigkeit. Das fühlt sich insgesamt gut an.“
  • „Gibt es einen Unterschied zwischen der Lebendigkeit und der Freude?“ „Die ist für mich sowas wie ein seltenes Sahnehäubchen, wenn ich sehe, welchen Beitrag ich eingebracht habe. Die Lebendigkeit ist quasi der notwendige Grundton und die Freude entsteht für mich in den seltenen Momenten der Resonanz.“
  • Gibt es Menschen, die eine Lebensfreude in Ihnen so auslösen wie die Situationen, die Sie beschrieben haben, wenn Sie in der Welt Ihre Beiträge sehen? „Nein. Ich werde von vielen Menschen verstanden, und das reicht mir. Ich kenne viele, die sich nicht verstanden fühlen und sich daraus ein Problem machen, das sie nicht lösen können und dann von Unglücklichsein sprechen.“

Halten wir das Gespräch, das im Rahmen eines Coachings zur Krisenprävention geführt wurde, hier einmal an und kommen zurück zum Bestseller-Buch, in dem von ‚Beziehungen sind die Basis von Glück‘ gesprochen wird. Ich möchte meinen, dass hier eine Person einen Lebensentwurf beschreibt, der dazu aufrufen kann, genauer zu schauen, was für einen selbst das ist, was man aus einer Beziehung ‚be-zieht‘. Nutzen wir hierzu aus dem integralen Kontext der bereits in der KrisenPraxis beschriebenen vMeme von Graves die Hinweise zu den unterschiedlichen Ebenen der Bewusstheit, dann können wir in den Ausführungen des Klienten situativ das Thema ‚Beziehung‘ einmal mit dem Ich-vMeme Rot (Stärke, Dominanz, Abgrenzung, Macht) in Verbindung bringen. Dann aber auch in den Kontext des Übergangs von Rot zu Blau, wenn es darum geht, dass der Klient entscheidet, wann sich wie eine Person sich ihm gegenüber loyal verhält. Die Gespräche wiederum, die er mit seinen Sparringspartnern im Kloster führt, scheinen Hinweise zu geben auf ein Ich-vMeme Orange, das sich deutlich von einer ‚Unterwerfung‘ (Wir-vMeme Blau: Regelsysteme und Glaubensordnung) abheben will, das er im Lebensmodell seiner Gesprächspartner entdeckt. Im Wir-vMeme Grün schließlich findet der Klient in der Beziehung zur Wirkung seiner Beiträge eine Resonanz, die ihn erfreut. Mit seinem vMeme Orange wird diese Resonanz utilisiert, im Sinne eines ‚es ist gut, dass ich einen Beitrag leiste (Orange), der zum Wohl eines größeren Ganzen (Grün) führen kann‘.

Meine Hypothese lautet hier: Angesichts eines Impulses, den der Klient irgendwann irgendwo erreichte und ihn dazu aufrief, etwas in die Welt zu schaffen, das als Gegenentwurf für ein bestehendes Problem dienen könnte, hat er gehandelt. Dabei wurde das bestehende Problem für den Klienten zu einem Gegenstand, auf den er sich seither bezieht – mit seinen Kompetenzen und mittels Verwirklichung seiner Werte. Die Beziehung zu diesem Gegenstand aufrechtzuerhalten, diese Beziehung zu gestalten, etwas für sie zu tun, erfüllt den Klienten mit dem Gefühl von Resonanz, die ihn erfreut.

Jetzt frage ich Sie, die Leserin, den Leser dieses kurzen Beitrags: Hatten Sie Vorurteile bezüglich des Klienten als Sie seine ersten Ausführungen zum Thema ‚Beziehungen‘ lasen? Hatten Sie ein Vorurteil hinsichtlich seiner Haltung zum Thema ‚Glück‘? War er Ihnen sympathisch – grundsätzlich ja oder nein? Oder wenn Sie ahnen, wie er seinen Trieb auszuleben versucht, oder seine Macht, oder seine Suche nach voll-ständigerer Entwicklung? Oder, wenn es für ihn um eine Sinnerfüllung ging?

Übrigens: Der Buchtitel lautet ‚Jetzt gerade ist alles gut‘.
Ich will meinen: Wie passend, denn es geht wirklich darum, auf das ‚jetzt gerade‘ zu schauen.

Integraler betrachtet: Ein Mensch, der Beziehung (jetzt gerade) aus einem vMeme Grün heraus gestaltet, setzt ein völlig anderes Bewusstheits-Schema ein als jemand, der das Thema Beziehung (jetzt gerade) mit einem Schema entlang eines vMeme Purpur, Rot, Blau … gestaltet.
(Und – kleine Übung – nehmen Sie statt des Begriffs Beziehung einen konkreteren Stellvertreter wie beispielsweise Unterhaltung mit A …, Sex mit B …, Freundschaft mit C …, Ehe mit D, Nachbarschaft mit E …, Projekt X, Projekt Y, Vater, Mutter, Kind, Gott, Haustier … also einen Begriff, der eine emotionale, kognitive und-oder soziale Beziehung mit oder zu Jemandem oder Etwas beschreibt, dann können Sie überlegen, welches vMeme die Grundlage Ihres Verhaltens und Ihrer Handlungen in jedem dieser Kontexte ist, und zwar so als wären Sie ‚jetzt gerade‘ in der jeweiligen Be-ziehung.)

Beziehungen an sich und für mich, so mein Resümee, sind niemals die Basis möglichen Lebensglücks.
Beziehungen, die für jemanden oder für etwas gestaltet werden, um Resonanz zu ermöglichen, schon.

Aus der Zukunft

Hallo, hier spricht K2-I2 vom Raumschiff Kokolores.

Ich war letztes Jahr, 7025, Eurer Zeitrechnung, bei Euch zu Besuch. Da fand ich in einem alten Datensilo eines lustig ausschauenden Gerätes, wo ein abgebissener Apfel abgebildet war, ein Dokument und glaubte zuerst an einen Defekt in meinem Übersetzungsmodul. Es ging bei dem Beitrag vollständig nur um ein Wort: Krise.

Offenbar war dies damals kein einzelnes Ereignis, sondern ein Lebensgefühl im Abo-Modell. Krise war für fast alles gut: für Banken, Klima, Demokratie, Viren, Weihnachten, Glaube und vermutlich auch für den Moment, wenn der Kaffee kalt wurde. Ihr wusstet sogar, dass der Begriff ursprünglich etwas Präzises meinte. Einen Wendepunkt, eine Entscheidungslage hin zu etwas Besserem oder zu etwas Schlechterem. Je nach dem, wie Ihr Euch auf solche Situationen vorbereitet hattet. Einige von Euch wussten, dass man das damals schon konnte. Viele haben es ignoriert und bejammerten dann das Geschehen. So wurde aus etwas Besonderem ein Allzweckgeräusch, ähnlich dem Dauerpiepen unserer Raumanzug-Sensoren, wenn man sie falsch kalibriert.

Je häufiger Krise gerufen wurde, desto weniger schien sie Euch zu bedeuten. Im Beitrag stand nüchtern, dass die ständige Ausrufung des Ausnahmezustands paradoxerweise irgendwann zur Normalität führte. Für uns Außerirdische klingt das, als hättet Ihr beschlossen, den Feueralarm dauerhaft laufen zu lassen, um Euch an Sicherheit zu gewöhnen.

Ihr wusstet sogar um Eure eigene Kurzzeitaufmerksamkeit. Ihr wart Meister im Vergessen. Was damals an einem Tag apokalyptisch wirkte, wurde am nächsten von einer neuen Katastrophe überholt mit neuen Schlagzeilen und Erregungsbegriffen. Das Alte verschwand nicht, es wurde lediglich archiviert im mentalen Ordner „Später, vielleicht“. Die Vergesslichkeit war keine Panne. Im Gegenteil, sie war Euer Betriebsmodus. Nur so ließ sich wohl das Dauerfeuer an Krisen überhaupt aushalten, ich muss dazu mal Pille fragen, was er davon hält. Weil, wir vergessen heutzutage nichts, wir integrieren alles und werden dadurch immer besser.

Aus unserer Perspektive ist Euer Verhalten sehr rührend. Ihr wart eine Zivilisation, die permanent vom Ende spracht und dennoch zuverlässig den Müll rausbrachte, Kinder großzog und Serien streamte. Sie diskutierte mit Pathos über den Untergang und plante gleichzeitig den Sommerurlaub. Die Krise war Hintergrundrauschen, laut genug, um wichtig zu klingen, leise genug, um weiterzumachen.

Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass Krise weniger Diagnose war als Erzählwerkzeug. Es strukturierte Zeit, verlieh Bedeutung und erlaubte es, Komplexität in ein einziges, schweres Wort zu gießen. Dass dieses Wort dabei verschlissen wurde, bemerkten die Menschen damals selbst. Einige schrieben Artikel dazu.

Heute lesen wir das hier und ich habe mit K2-I3 eben darüber gesprochen, wie wir das nennen. Sie meinte nur kurz: Alltag.

Gehirn und Sinn

Jill Bolte Taylors Buch Gehirn hoch 4 ist die Verbindung einer außergewöhnlichen neurologischen Erfahrung mit moderner Hirnforschung. Ausgangspunkt ist ihr eigener Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte, durch den sie zeitweise Sprache, autobiografisches Gedächtnis, Zeitgefühl und das Gefühl eines abgegrenzten Ichs verlor. Gleichzeitig erlebte sie einen Zustand tiefer Gegenwärtigkeit, Verbundenheit und inneren Friedens. Diese paradoxe Erfahrung des Verlustes der Ich-Funktion bei gleichzeitiger Erweiterung des Bewusstseins wird für Taylor zum Schlüssel, um das menschliche Gehirn neu zu verstehen.

Sie entwickelt daraus die These, dass unser Gehirn nicht eine einheitliche Persönlichkeit erzeugt, sondern aus vier funktionalen „Charakteren“ besteht, die sich aus der Kombination von linker und rechter Hemisphäre sowie Denken und Fühlen ergeben. In der linken Hemisphäre liegen zwei dieser Anteile: das denkende Ich (Charakter 1), das logisch analysiert, plant, Sprache benutzt und Zeit in Vergangenheit und Zukunft gliedert, und das emotionale Ich (Charakter 2), das unsere Ich-Identität, Ängste, Selbstschutzmechanismen und Verletzlichkeit trägt. Diese beiden linken Anteile sind stark auf Kontrolle, Bewertung und Abgrenzung ausgerichtet. Sie erzeugen das, was wir gewöhnlich als unser „Ego“ erleben – ein Ich, das sich getrennt von der Welt fühlt und ständig versucht, Sicherheit herzustellen.

In der rechten Hemisphäre verortet Taylor zwei weitere Anteile. Das rechte emotionale Ich (Charakter 3) erlebt die Welt in Beziehung und Resonanz. Es fühlt Mitgefühl, Verbundenheit, Dankbarkeit und Nähe zu anderen Menschen. Noch grundlegender ist das rechte Seins-Ich (Charakter 4), das jenseits von Gedanken, Zeit und persönlicher Geschichte existiert. In diesem Zustand erleben Menschen sich als Teil eines größeren Ganzen, in tiefer Präsenz, Stille und Sinnhaftigkeit. Genau diesen Zustand erlebte Taylor während ihres Schlaganfalls besonders intensiv, weil die linke, identitätsbildende Gehirnhälfte vorübergehend ausfiel.

Der Kern des Buches ist die Einsicht, dass diese vier Anteile nicht bloß theoretische Konstrukte sind, sondern reale, neuronale Funktionsweisen unseres Gehirns. Wir leben normalerweise überwiegend in den linken Anteilen, vor allem im denkenden und im ängstlich-identifizierten Ich. Dadurch entstehen Stress, innere Anspannung, Selbstkritik und das Gefühl, ständig etwas beweisen oder kontrollieren zu müssen. Das rechte Seins-Ich ist jedoch immer vorhanden, nur wird es im Alltag meist vom Lärm des Denkens und der Sorgen überdeckt.

Taylor zeigt, dass Gedanken und Emotionen neurobiologisch gesehen nur kurzlebige Aktivierungsmuster sind. Wenn wir sie nicht ständig weiterfüttern, beruhigt sich das Nervensystem von selbst, und der Zugang zur rechten Gehirnhälfte mit ihrer Präsenz, Weite und inneren Freiheit  öffnet sich wieder. In diesem Sinne versteht sie Freiheit nicht als äußere Unabhängigkeit, sondern als die Fähigkeit, bewusst zu wählen, welchem inneren Zustand wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

Ein zentraler Gedanke des Buches ist, dass Sinn nicht durch Denken erzeugt wird. Das linke Gehirn versucht Sinn über Ziele, Leistung und Identität herzustellen, doch das bleibt fragil. Der tiefere Sinn entsteht im rechten Seinszustand, in dem wir Verbundenheit mit dem Leben selbst erfahren.

So ist Gehirn hoch 4 letztlich ein Plädoyer für eine radikale Verschiebung unseres Selbstverständnisses: Wir sind nicht unsere Gedanken, nicht unsere Ängste und nicht unsere Geschichten, sondern das Bewusstsein, das all das wahrnehmen und zwischen verschiedenen inneren Welten wählen kann. Taylors Buch lädt dazu ein, diese Wahlfähigkeit wiederzuentdecken und aus einem Zustand der Präsenz, Verbundenheit und inneren Freiheit zu leben.

Aus der Perspektive der Sinntheorie Viktor Frankls können wir dessen Hinweis, dass sich objektiver Sinn für einen Menschen stets in dessen Welt finden lässt, mit dem Charakter 4 in Verbindung bringen, während der Sinnsubjektivismus, der gemachte Sinn, mit den Denkprozessen des Charakters 1 korrespondiert.

Haben Sie eigentlich Ihren Sinn im Leben gefunden? – Teil 2

Mit etwas Abstand betrachtet, mutete diese Situation damals für mich absurd an. Ich war auf einer Veranstaltung in einem Kontext, in dem ich bis dahin beruflich meinen Erfolg verankerte. Und dann eben kommt das Absurde, das meiner Vernunft widersprechende, das noch Ungereimte – von dem Albert Camus einmal schrieb, dass jeder Mensch von der Erfahrung des Absurden überrascht werden kann, womöglich unvermittelt an der nächsten Straßenecke, auf tragische oder amüsante Weise. Die Logik des Absurden ist, dass er auf einem unausgesprochenem Irrtum basiert –  bei mir damals darauf, dass ich felsenfest davon ausging, dass ich das, was ich wollte auch brauchte. Dieser Irrtum wurde in einem sehr kurzen Moment aufgedeckt. Das Absurde trat zutage. Ich fühlte, es gab eine Zeit, in der ich bekam, was ich wollte. Nun aber trat etwas ein, dass mich fragen ließ, was ich brauchte. Das Absurde war die Erkenntnis, dass ich in der Zeit, als ich bekam, was ich wollte, nicht wusste wie es einmal sein würde, wenn ich bekomme, was ich brauche. Dass ich aber gleichzeitig in dem Moment, als ich bekam, was ich brauchte wusste, wie es war, als ich noch bekam, was ich wollte. Diesen Moment kann man nicht planen, er ist ein Ereignis – er eignet sich dafür, mit Absurdem umzugehen.

Für mich war dieser Moment mit Handlungen verbunden, die einer eigenen absurden Logik folgten – bei mir war dies ein für mich bis dahin ungewöhnliches Sozialverhalten auf der Veranstaltung und eine mir ebenso neue spontane Handlungsweise als der kurze Moment geschah, die so gar nicht im Einklang stand mit sonst üblichen Handlungen [zum Beispiel bei inhaltlichen Irritationen, die auf Veranstaltungen wie dieser immer wieder vorkamen, mich mit anderen Teilnehmenden darüber auszutauschen …].

Diese Uneinigkeit zwischen einer ‚absurden neuen Logik‘ als dem berühmten Sandkorn und der anderen, der ‚gewohnten Logik‘ als dem Getriebe, erzeugt einen Zustand, über den man entweder lachen oder verzweifeln kann. Eine einseitige Auflösung einer solchen Uneinigkeit bewirkt Verweigerung. Sie zeigt sich entweder darin, sich völlig dem Absurden zu verschreiben, die Welt als grundsätzlich absurd anzusehen und ihr mit grenzenloser, egozentrierter Freiheit zu begegnen. Oder aber darin, den bisherigen Bedingungen weiterhin zu folgen, sie zum Prinzip zu erheben und sich der Potenzialität des Neuen zu verschließen.

Beide Formen des Verweigerns haben etwas gemein, beide sind ichhaft und gewissermaßen auch zwanghaft. Beide erinnern auf eigentümliche Weise an die sinnlose Mühe, der sich Sisyphus mit seinem Felsbrocken unterzieht. Bei ihm fallen völliges Unterwerfen unter die Bedingungen und  völlige Selbstbezogenheit gleichzeitig zusammen.

Hätte es nun in der griechischen Mythologie einen Coach gegeben, so hätte er bei Sisyphus vielleicht für einen Moment zum Innehalten beigetragen, damit dieser sich die Frage nach dem ‚Wofür tue ich das alles‘ hätte vorlegen können. Im besseren, weil gesünderen Fall aber hätte Sisyphus sogar erkennen können, dass er seiner absurden Handlungsweise etwas aus seiner Sicht noch Absurderes hätte entgegenstellen können. Die Frage nämlich: Wofür verantworte ich das alles?

Beide Fragen hätten geholfen, dem starken Steineschlepper einen Raum zu eröffnen dem Viktor Frankl sinngemäß zuschreibt, dass in ihm die ’Trotzmacht des Geistes zur Wahl der Reaktion‘ liegt.

Die Offenheit, sich im Raum zwischen den Extremen der Verweigerung aufhalten zu können, ermöglicht Sinnfindung. Oder andersherum: Wer sich in einem Extrem der Offenheit verweigert, schließt den Möglichkeitsraum. Wer aber die Tür zu diesem Raum einen Spalt öffnet, gerät in ein anfangs unbequemes Wanken. Fällt man dann zurück ins Extreme [Regression], will ich dies gleichsetzen mit der immer wieder zu beobachtenden ‚Hyperreflexion des Ich‘ [ich kann nicht anders, weil …; ich würde zwar gerne, aber …; bislang war ich doch damit erfolgreich, warum sollte ich da…].

Tritt man hingegen hinein in den Raum [Progression], dann wird dies zum einem existenziellen ‚Sprung hin zu einem Du‘ (dazu will ich im Teil 3 etwas schreiben), dann springt man hin zu den Fragen des Lebens, auf die man nur selbst die Antwort sein kann: Wofür tue ich das alles, wofür verantworte ich das alles?

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Trauer

Wird über Trauer gesprochen, dann ist der Tod meist nicht fern. Dabei ist diese Grundemotion des Menschen mit Erfahrungen verbunden, die über den physischen Tod weit hinausreicht. Menschen betrauern den Verlust ihrer Heimat, ihrer Jugendlichkeit, ihres Berufes, ihrer Freiheiten, ja sogar die Niederlage ihrer Mannschaften im Sport. Menschen versinken in Lethargie, Depression, Apathie, Wehmut, Menschen suchen Trost und liegen sich in den Armen, um ein Stückchen Geborgenheit zu erfahren. Das alles unabhängig von ihrem Alter, ihrer Bildung, ihrem Geschlecht, ihrer Kultur, ihres Glaubens oder auch ihres Wohlstands.

Offen Trauer zu zeigen ist in einer Selbstoptimierungsgesellschaft, die dem Primat des Durchhaltens, Kämpfens und Leistens folgt, eine schwierige Sache. Schnell kommt so Trauer in die Nähe der Schwäche und des Tabus – mit der Folge, dass man verlernt, mit der eigenen und der Trauer anderer angemessen umzugehen. Viele Menschen geraten so in Trauerkrisen, weil sie ihre Verlusterlebnisse, die Folgen ihrer Erkrankungen oder die sich im Leben ergebenen Abschiede meinen nicht kommunizieren zu sollen. Dabei ist Trauer als angeborenes primäres Gefühl evolutionsgeschichtlich eine psychobiologische Reaktion zur Aufrechterhaltung der Gruppenbindung bei Trennungs‐ und Verlusterlebnissen. ‚Wir müssen jetzt näher zusammenrücken‘, dieser Satz spiegelt wider, wonach sich viele Menschen sehnen, wenn sie in Trauer sind.

Die Trauerforscherin Elisabeth Kübler‐Ross war die erste Wissenschaftlerin, die detaillierte Beobachtungen über die wechselnden emotionalen, kognitiven und verhaltensmäßigen Zustände bei trauernden Menschen machte. Mit ihrem Phasenmodell half sie dabei, die unterschiedlichen Interventionen herauszuarbeiten, die Menschen gut tun, um zuerst die Phase des Nicht‐Wahrhaben‐ Wollens, dann die Phase der aufbrechenden Emotionen, gefolgt von der Phase des Suchens und Sich‐Trennens und letztlich der Phase des neuen Selbst‐ und Weltbezugs zu durchlaufen. Heute wissen wir aber, dass dies nur ein grobes Modell ist. In der Realität verlaufen die Etappen manchmal mehrfach, manchmal unvollständig, manchmal schnell, manchmal über Jahre.

Trauer ist individuell und passt nicht in ein festes Schema. Dennoch gilt es für den betroffenen Menschen immer, zuerst einmal einen Verlust als Realität zu akzeptieren, den individuellen Trauerschmerz zu erfahren, sich wieder in die Umwelt einzupassen, in der nun fehlt, was zuvor gegeben war und dabei sich für das, was das Leben bereithält zu öffnen. Ob dabei das Gespräch mit vertrauten Personen, neutralen Dritten oder Gruppen unterstützen kann, muss die Person für sich fühlend entscheiden.

Ein trauernder Mensch stellt hohe Anforderungen daran, wie sein Trauern zu sein hat. Nicht selten wird Trauer in einer Weise gezeigt wie man sie in jungen Jahren im familiären Umfeld erlebt hat. Hieraus ergeben sich Trauer‐Glaubenssätze, die als ‚Ich‐sollte‘ oder ‚Ich‐müsste“‐Sätze formuliert werden, zum Beispiel als ‚sei perfekt in deiner Trauer‘; ‚beeil dich in deiner Trauer‘, ‚Sei stark in deiner Trauer‘. In der Begleitung eines trauernden Menschen kann es für ihn daher sehr entlastend werden, wenn er sich Erlaubnis erteilt, zum Beispiel ‚ich darf mir Zeit lassen‘ oder ‚ich darf meine Trauer auf meine Art gestalten und abschließen‘. Auf der körperlichen Seite gehören zu den Erlaubnissen, die eigene Versorgung durch gute Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte zu erhalten.

Aus Trauer zu lernen verweist auf die Vergänglichkeit unseres Lebens und der Dinge dieser Welt. Sie macht bewusst, dass Leben immer auch Abschied und Trennung mitmeint. Damit fördert sie eine Haltung, den Augenblick und das Vorhandene zu schätzen und die Relativität vieler Werte und Verhaltensweisen zu erkennen. Ein solches ‚abschiedlich leben‘ kann eingeübt werden: ‚Was würdest du heute anders machen, wenn dies der letzte Tag deines Lebens, deines Berufs, deiner Jugendlichkeit … wäre?‘ Sich diese Frage immer wieder einmal vorzulegen, kräftigt präventiv einen Menschen für den Umgang mit der Trauer, die sich eines Tages einstellen wird.

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Scham

Scham ist ein brennendes Gefühl. Man spürt einen Achtungsverlust sich selbst gegenüber oder vor anderen Menschen. Scham ist stärker als Peinlichkeit. Um Scham zu empfinden, brauchen wir ein menschliches Gegenüber, das auch Selbstbewusstsein hat. Vor dem Computer schämen wir uns nicht, obwohl der viel besser rechnen kann als wir. Auch nicht vor Tieren oder Säuglingen. Das unterscheidet die Scham von der Angst: Ich kann mich vor einer Schlange oder vor einem heranrasenden Auto ängstigen, aber nicht schämen.

Auf den ersten Blick kann Scham als eine psychische Funktion zum Erhalt der Überlebensfähigkeit eines Menschen angesehen werden. Wer Scham fühlt, der anerkennt seine Selbstanteile der Nicht‐Fähigkeit oder Nicht‐Fertigkeit im Spiegel der Erwartungen an sich selbst. Der Mensch vergleicht sich mit einem oder mehreren anderen Menschen und empfindet seine Außenwirkung in seiner Selbstanschauung diesen gegenüber als minderwertig. Oder er vermittelt ein Selbstbild von sich, das sich in einer Situation als unangemessen erweist und von der Außenwelt als solches ‚entlarvt‘ und mit entsprechendem Feedback versehen wird.

Scham geht meist einher mit einer Verunsicherung über das aktuelle Identitätskonzept. Dadurch, dass sie die Diskrepanz zwischen Ist‐ und Sollzustand anzeigt, hat sie eine identitätsfordernde Funktion. Die eigenen Unzulänglichkeiten, derer man sich schämt, können in der Folge jedoch nicht nur zu einem negativen Effekt – zum Beispiel der Minderung des Selbstvertrauens – führen, sondern auch ein bedeutender Impuls zur Persönlichkeitsentwicklung sein. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass Scham zu einer größeren Hilfsbereitschaft und größerem Mitgefühl führen kann. Ebenso erweist sich die Scham als zweckdienlich, um bei berechtigter Kritik von Dritten diese über das Schamgefühl zu einer angemessenen Selbstkritik zu transformieren, der ihrerseits ein Lernprozess folgt. Scham vermag somit die Fähigkeiten stärken, sich selbst zu helfen, offener für einen möglichen Fortschritt in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu werden, die psychische oder physische Verfassung zu verbessern oder die Schwelle der eigenen Schamtoleranz adäquat zu verschieben.

Hilfreich ist es in diesem Zusammenhang, den Unterschied zwischen dem ‚Gefühl für Scham‘ und einem ‚beschämt zu sein‘ zu erkennen. Das Gefühl für Scham kann als Reaktionsbildung verstanden werden, mit der sich im Verhalten eine besondere Sensibilität für den Erhalt und Schutz kontextspezifischer Ideale und Werte, zum Beispiel der Würde oder des Respekts zeigt. Das Gefühl ‚beschämt zu sein‘ resultiert hingegen vielmehr aus einer Frage wie: ‚War es richtig, mich so zu zeigen?‘.

Aus einer sozialpsychologischen Perspektive betrachtet schützen Schamgefühle unsere Privatheit und sind als inneres, extrem aversives Signal ein Indiz für eine empfundene Übertretung von Distanzgrenzen, zum Beispiel im Kontext der Preisgabe von intimen Informationen. Im sozialen Kontext bewirkt das Schamgefühl, dass Distanz zu anderen Personen eingehalten wird. In diesem Sinne ist Scham die Grundlage von Moral und Intimität und steht in engem Zusammenhang mit Schuld‐ und Selbstwertgefühlen.

Der kleine ‚Schmerz‘, das maßvolle und dosierte Erleben von Scham, ist notwendig, um sich selber in Frage stellen zu können und somit zu lernen. Sie spornt uns an, nach mehr Unabhängigkeit zu streben, Leistungen zu erbringen, die wir uns bisher nicht zugetraut haben ‐ also unseren Idealen nachzukommen, den idealen Vorstellungen, die wir von uns als Person haben. Solange Scham diesen Aspekt hat, ist sie durchaus positiv. Erst wenn sie die Person überwältigt und sich womöglich zudem mit Angst vermengt, wirkt sie destruktiv. Pathologisch meint dies: Wenn Häufigkeit oder Heftigkeit nicht mehr zu neuen angemesseneren Konzepten vom Selbst, von den Objektbeziehungen und der Umwelt führen können, sondern umgekehrt entweder zur dauerhaften Ausprägung eines schamresistenten ‚Größenselbst‘ oder zu einem fragilen narzisstischen Gleichgewicht mit ständigen Selbstzweifeln und der Neigung zur Idealisierung anderer Personen führen, dann ist therapeutische Arbeit an der Scham angezeigt. Das Bewältigen von Scham kann zu Erfahrungen des Stolzes führen und sich somit in innere Stärke verwandeln. Es stärkt die Fähigkeit, sich der Scham zu stellen und unterstützt den Individuationsprozess.

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Wut

Die Impulskontrolle zu verlieren oder mit Gebrüll, Gekeifer oder Aggression die Luft abzulassen, gilt heute weithin als Ausdruck einer schlechten Kinderstube. Wem öffentlich die Ader schwillt, wer schreit oder flucht, dem drohen schiefe Blicke. Auch Ärzte warnen vor zu viel Wutstress. Herzattacken und Schlaganfall werden begünstigt. Andererseits ist das der Emotion Wutvorangehende Gefühl des Ärgers an sich sehr hilfreich. Wem etwas ‚arg‘ ist, empfindet im Kern einen Wertekonflikt. Irgendetwas stört massiv und entspricht nicht den eigenen Wertmaßstäben. Günstig wäre nun natürlich, den verletzten Wert zu erkennen und angemessen den Konflikt zu kommunizieren. Wer anstelle dessen aber zur Wutreaktion übergeht, der mag sich biologisch ‚getröstet‘ wissen. So gehen Wissenschaftler der Harvard‐Universität davon aus, dass Wut dem Zweck diene, sich in der sozialen Hierarchie durchzusetzen. Dabei dienten Erbanlagen, die bei manchen Menschen den Botenstoff Dopamin im Gehirn regulieren, der für Wut und Aggression von Bedeutung ist. Viktor Frankl hielte diesem ‚Freibrief‘ wohl entgegen, dass ‚man sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen muss‘, also auch nicht von Genen und Dopamin.

Schauen wir auf das kleine Kind, dann zeigt sich Wut bereits im Gesicht mancher Babys. Klar, wenn man etwas will und nicht bekommt, dann entsteht ein Ungerechtigkeitsempfinden. Wut wird so zur Antriebskraft des Kindes, seinen Wert ‚Gerechtigkeit‘ verwirklichen zu können. Gelingt dies, dann steigert die Wut quasi das Selbstwertgefühl. Kommt das Kind durch sein Schimpfen nicht weiter, erhält es sogar Gegenwut, dann steht zu befürchten, dass es sich nicht angenommen oder ernstgenommen erlebt – mit entsprechend möglichen Auswirkungen für die weitere Entwicklung. Andererseits: wer als Kind konfrontiert wird mit elterlichem Gebrüll für Kleinigkeiten, der kommt in eine ständige Alarmbereitschaft, in Furcht oder Dauerscham.

Wie auch immer, wer als Wutbürger durchs Leben geht, braucht als Gegenpol die Fähigkeit, ‚in seiner Fassung zu verbleiben‘. Selbstregulation meint dabei nicht zwanghaft positives Denken. Vielmehr die Fähigkeit ‚eine Nacht drüber zu schlafen‘, eine regulierende Atemtechnik zu beherrschen, im Stillen zu fluchen, Ausdauersport zu betreiben, um mentalen Stress abzubauen. Dies wäre die verhaltenspsychologische Komponente. Die existenzpsychologische ist die, das eigene Wertesystem zu analysieren, um herauszuarbeiten, bei Verletzung welcher Werte der Hut hochgeht, und warum. Vielleicht wird einem so klar, dass vielleicht die Kaffeetasse, die immer in der Teeküche dreckig herumsteht als Mangel an Wertschätzung des Arbeitsteams empfunden wird. Die Tasse wird so zum Symbol für das Empfinden, immer den Dreck anderer wegmachen zu müssen. Wer einen solchen Zusammenhang erkennt zwischen Wert, Auslöser und Wutreaktion, der kann gegensteuern – mit wertebasierter Kommunikation und Bedürfnisformulierung.

  • Auf welche Menschen oder Erlebnisse reagiere ich mit Ärger, Wut oder Zorn?
  • In welchen Situationen ist meine Wut am größten?
  • Wie lange beschäftigt mich schon diese Wut?
  • Was empfinde oder spüre ich, bevor die Wut hochkommt?
  • Was erlebe ich nach einem Wutausbruch?
  • Was macht diese Wut mit meinen Gedanken und Phantasien?
  • Wie äußert sie sich in meinem Körper?
  • Was bekomme ich dafür, wenn ich meine Wut zurückhalte oder verberge?
  • Was könnte mein Gewinn sein, wenn ich sie ausdrücke?
  • Was wäre das Schlimmste, das mir beim Ausdruck meiner Wut passieren könnte?
  • Was wäre das Schlimmste, das mir zustoßen könnte, wenn ich der Wut keinen Ausdruck gebe
  • Was änderte sich tatsächlich in meinem Leben, wenn eine dieser Möglichkeiten eintreten sollte?

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Angst

Kaum eine andere menschliche Emotion hat eine solche Vielzahl von Erscheinungsformen und wird so kontrovers bewertet wie die Angst. Das zeigt sich an den vielen verwandten Begriffen: Furcht, Panik, Entsetzen, Grauen, Schrecken, Horror, Phobie, Beklemmung, Hilflosigkeit, Besorgnis und andere mehr. Überspitzt könnte man sagen: Es gibt so viele Ausformungen von Angst, wie es Menschen gibt. Denn jeder Mensch hat seine persönliche, in seinem Leben gewachsene Angst und seine eigene Weise, mit ihr umzugehen. Dennoch bezeichnen wir alle diese Erscheinungsformen mit dem einen Wort Angst. Es muss also einen gemeinsamen Kern aller dieser Arten von Angst geben, den jeder Mensch versteht.

Angst dient als Warnsignal vor akuten und zukünftigen Gefahren. Sie aktiviert, sensibilisiert und hält eine Person präsent hinsichtlich möglicher Bedrohungen der körperlichen und psychischen Integrität. Die Angst vor Ansteckung – wer erinnert sich nicht an die anfängliche Corona‐Zeit. Diese Angst war zumeist gesund, die Gefahr war unbekannt, das Leben galt es zu beschützen. Schnell wurde jedoch für viele Alles und Jeder zur Gefahr, irrational, überzogen, zu heftig und manchmal auch zu laut. Wenn der Grad der Angst der realen Situation nicht mehr angemessen ist, wenn sie das Verhalten deutlich und einseitig prägt und sich die Angst so weit verselbstständigt, dass eine Person Angst vor ihrer Angst bekommt: Dann ist Angst nicht mehr gesund. Dann ist sie nicht nur Warnung, sondern Lebensthema.

Die Unangemessenheit krankhafter Angst zeigt sich quantitativ wie qualitativ, körperlich, zeitlich und in ihrer Intensität. Wird Angst als unerträglich empfunden, in einem Gefühl der Selbstvernichtung, dann hat sich förmlich vom Leben Besitz ergriffen und es ist längst an der Zeit, ihr wieder den Platz einzuräumen, der ihr gebührt – der freundliche Platz dessen, der aufpasst, aber nicht lähmt. Ein solches Verhalten wieder einzunehmen, gelingt meist besser mit professioneller, auch medikamentöser Unterstützung. Der Grund dafür ist, dass Angst – anders als andere Emotionen nicht einfach verschwindet, selbst wenn sich die Situation neu darstellt. Angst ist derart fest mit unserer evolutionären Entwicklung verbunden, dass es auch wundern würde, nähme sie mit einmal Mal eine völlige Nebenrolle ein. Im Grunde hat der Mensch ‚nur‘ zu lernen, dass er stets die Hauptrolle in seinem Leben spielt. Denkt er jedoch stets über Angst nach, erwartet er förmlich, dass sie sich zeigt, dann wird die Person selbst zum Statisten ihrer zur Hauptrolle gewordenen Angst.

Typische Denkfehler unter Angst sind das Überschätzen von Gefahren und das Unterschätzen eigener Kompetenzen, das Beziehen von Misserfolgen auf die eigene Person und von Erfolgen auf glückliche Umstände, das katastrophische Denken und das Denken in extremen Entweder‐Oder Kategorien [z.B. ‚entweder ich werde Klassenbester oder ich bin der totale Looser]. Bei einem gesunden Umgang mit möglichen bedrohlichen Situationen, sieht die Person hingegen auch das, was keine Gründe bietet, sich zu sorgen, zu fürchten oder was Gefahr läuft, verloren zu gehen.

Jede unangemessene Angst ist krankhaft, aber nicht jede krankhafte Angst ist behandlungsbedürftig, sofern sie nicht störend ist, weil man ihr aus dem Weg gehen kann (z.B. indem man die Treppe statt des Aufzugs benutzt) oder weil man trotz der Angst immer noch handlungsfähig bleibt. Wird Angst als Störung, als Leidensdruck empfunden, dann sollte nicht gezögert werden, einen Logo‐ oder Verhaltenstherapeuten aufzusuchen.