Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Depression: Wie Angehörige und Freunde helfen können

Jährlich empfinden gut vier Millionen Deutsche ihren psychischen Zustand als depressiv. Ob  leichte depressive Stimmung bis hin zu einer Depressionserkrankung – oft werden neben der betroffenen Person auch Partner, Angehörige, Freunde oder Kollegen mehr oder weniger indirekt mit den Auswirkungen konfrontiert. Wie aber soll man vorgehen, wie soll geholfen werden, wird Hilfe überhaupt angenommen? Nicht selten treten dann die Außenstehenden den Rückzug an, um keine Fehler zu machen oder abgewiesen werden. Die Folge davon sind zusätzliche Belastungen beim Betroffenen und Gewissensbisse bei den Menschen im Umfeld. Dabei ist es nicht allzu schwierig, eine gute Unterstützung anzubieten.

Zuallererst: Akzeptanz der Depression als oftmals für das Umfeld nicht nachvollziehbare Belastungsstörung. Die Erkrankung beeinflusst das Erleben und Verhalten der Person, sie kann jeden Menschen jeden Alters treffen und das Spektrum ihrer möglichen Ursachen ist groß. Eine Depression ist keine Schwäche oder ein Problem der Persönlichkeit, vielmehr  psychischer Ausdruck einer erforderlichen Bewältigung einer Lebenssituation in einer Form, die die betroffenen Person für sich erst noch zu erkunden hat. Psychotherapeutische Begleitung, zuweilen auch eine Medikation, sind die Methoden der Wahl bei psychogenen Depressionserkrankungen, die Logotherapie bei Depressionen, die mit einem Gefühl einer existenziellen Sinnleere einhergehen.

Professionelle Unterstützung ist allemal besser als Abwarten und Tee trinken. Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle, er kann in der Folge eine weitere Begleitung durch Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten empfehlen. Sofern dem Betroffenen die Energie fehlt, aktiv zu werden, so kann auch der Lebenspartner oder ein Familienangehöriger die nötige Initiative ergreifen. Gerade handlungsstarke und aktive Menschen empfinden bei depressiven Episoden eine Scham oder Schuld für ihren psychischen Zustand. Diese Gefühle sind zwar unbegründet, führen aber allzu oft zu Blockaden, Zuwarten, Rückzug, Aggression. Wenn Sie als Angehöriger dieses Verhalten bemerken, dann sollten sie einerseits aktiv werden und einen Termin beim Arzt vereinbaren, denn  Depressionen einer Person bessern sich nicht dadurch, dass es anderen Menschen ebenfalls schlechter geht. Andererseits sollten Sie bedenken, dass der Betroffene es vermag, seine eigenen Gefühle auszudrücken noch die emotionale Zuwendung aus seinem Umfeld zu erwidern.

Ist die ärztliche oder therapeutische Begleitung im Gange, sollten Sie dem Betroffenen freundlich und angemessen zugewandt begegnen. Zuviel Nähe oder Kritik hinsichtlich des von Ihnen wahrgenommenen Fortschritts sind oft kontraproduktiv. Günstig hingegen ist es, bei der Erledigung von Aufgaben zu helfen, ungünstig jedoch, dem Partner, Angehörigen oder Freund zu viele seiner Verpflichtungen abzunehmen oder ohne Einbeziehung der Person wichtige Entscheidungen zu treffen. Ermöglichung, Ermunterung, hilfreiche Alltags-Routinen, Sport und Humor sind gute Zutaten für die Bewältigung der belastenden Lebens-Episode. Ebenso natürlich Treffen mit Freunden – die am besten zuvor von Ihnen über das Beschwerdebild informiert wurden, sofern Ihnen dies der Betroffene erlaubt hat.

Letztlich ist es wichtig, Unter- und Überforderungen in alle Richtungen zu vermeiden. Das gesunde Maß zu finden, ist schwierig – eine Faustregel kann sein: Stellen Sie sich vor, Sie hätten das Doppelte Ihres Körpergewichts zu tragen. Was wollten Sie nun an körperlichen oder psychischen Anstrengungen zulassen, ohne dass Sie die Zuversicht verlieren, sie zu schaffen? Wollten Sie sich Sätze anhören wie „Kopf hoch, das ist doch gar nicht so schlimm“,  „Stell´ dich nicht so an!“ oder „Nun reiß´ dich doch zusammen!“.

In extremen Momenten können Menschen mit Depressionen die Lebenslust völlig verlieren und Selbsttötungsabsichten in direkter oder indirekter Weise mitteilen. Solche Äußerungen muss man immer ernst nehmen, also hinhören, handeln [gemeinsam mit der Person zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren], Hilfe holen [Polizei rufen], wenn sich der Betroffene nicht überreden lässt, mit Ihnen zum Arzt oder in die Klinik zu fahren.

Als Angehöriger, Partner oder Freund sind Sie nicht gefeit vor eigenen negativen Gefühlen, die durch das Verhalten des Betroffenen oder den eigenen Ansprüchen an Hilfsbereitschaft, Perfektion oder emotionaler Zuwendung in Ihnen ausgelöst werden. Diese Gefühle dürfen sein, die Kunst besteht ’nur‘ darin, sie so zu verarbeiten, dass die Belastung für Sie selbst wie für den unmittelbar Betroffenen nicht noch stärker wird. Depressionen brauchen auch dauerhaft Energie und Kraft, sie zu dosieren hilft Ihnen, auch selbst nicht ‚in die Knie‘ zu gehen. Lassen Sie daher nie zu, dass Ihr eigenes Leben der Depression Ihres Partners oder Freundes ‚geopfert‘ wird. Grenzziehung, Auftanken, es sich gut gehen lassen, vielleicht auch der Besuch in einer der vielen Selbsthilfegruppen – es klingt banal, ist aber doch so wichtig, je näher man dem Betroffenen steht!

Informationen zum Sterbeprozess

Der Tod eines Partners, Angehörigen oder Freundes trifft viele Menschen wie ein Schock. Dabei treten die meisten Tode nicht plötzlich und unerwartet ein, sondern sie kündigen sich mit einem Prozess an, der es ermöglicht, in Ruhe Abschied zu nehmen. Zumeist steht dabei das Sterben am Ende einer tödlich verlaufenden Erkrankung oder des natürlichen Alterungsprozesses. Deutliche Hinweise lassen sich meist bereits mehrere Tage wahrnehmen, seltener sind Tode, die nur wenige Stunden nach den ersten Anzeichen eintreten.

Die folgenden, oft zusammen auftretenden Anzeichen können Hinweise darauf sein, dass der körperliche Sterbeprozess begonnen hat. Wichtig: Sie können, aber sie müssen nicht bei jedem Sterbenden auftreten:

  • Sterbende hören auf zu essen und zu trinken. Der Flüssigkeitsmangel führt zu einem trockenen Mund und eine trockene Zunge.
  • Das Schmerzempfinden nimmt ab, der Sterbeprozess führt so meist zu einer Erleichterung.
  • Der Stoffwechsel verlangsamt sich, die Nieren stellen ihre Funktion nach und nach ein. Eine dunkle Farbe des Urins ist normal, ebenso eine Veränderung des Körpergeruchs.
  • Der Puls wird schwächer und schneller. Die Körpertemperatur sinkt, insbesondere Hände und Füße werden kalt. Verfärbungen der Finger sind ein häufiges Zeichen für den Sterbeprozess.
  • Der Mensch atmet schnell, flach, oft auch unregelmäßig mit Atemaussetzern und Atemgeräuschen. Schleim in den Atemwegen kann schlechter abgehustet werden.
  • Oft zeigt sich der Kraftverlust in den geschlossen gehaltenen Augen. Sprechen ist für den Sterbenden ebenfalls anstrengend. Jedoch können Sterbende oft hören, was in ihrem Umfeld geschieht oder was gesprochen wird.
  • Hände und Füße werden kälter.
  • Das Organversagen führt nach und nach zu Vergiftungserscheinungen, Bewusstseinstrübungen und Schläfrigkeit. Der Mensch wird immer ruhiger, zuweilen unterbrochen durch Überlagerungen von Traum und Wirklichkeit, was sich zum Beispiel durch Halluzinationen oder Phantasien anzeigt.
  • In der finalen Phase wird der Atem immer flacher oder er setzt zeitweise aus.
  • Die Muskulatur erschlafft, die Kiefermuskeln können den Mund nicht mehr geschlossen halten.
  • Die Pupillen reagieren nur noch schwach auf Licht. Ganz zum Schluss sinken Augen und Wangen ein, die Gesichtshaut wird matt, fahl oder gräulich. Hände und Füße können sich fleckhaft dunkel verfärben.

Wenn Sie einen Sterbenden begleiten, dann ist Behutsamkeit angesagt, denn die Bedürfnisse der Person können sich auf unterschiedliche, nicht selten unausgesprochene Weise äußern:

  • Erzwingen Sie nicht das Essen oder Trinken.
  • Reichen Sie Flüssigkeit, damit der Mund nicht völlig austrocknet.
  • Manche Sterbenden hilft es, wenn ihre Lippen befeuchtet werden.
  • Die Wärme für Hände und Füße kann durch Decken erhalten werden.
  • Damit das Atmen leichter wird, kann der Oberkörper leicht aufgerichtet werden.
  • Frische, aber nicht kalte Luft ist für viele Sterbende angenehm.
  • Zu sprechen ist anstrengend, gehen Sie daher nahe mit Ihrem Ohr ans Gesicht des Sterbenden.
  • Bleiben Sie geduldig und aufmerksam. Manchmal äußern Sterbende konkrete Wünsche, manchmal sprechen sie wirr, manchmal ängstigen sie sich und können mit Trost, Berührung oder Musik beruhigt werden – andere Menschen wiederum können leichter sterben, wenn sie alleine sind. Das alles ist normal und es gibt kein Verhaltensrezept dafür. Begleiten Sie so gut Sie es können und hören Sie auf Ihre Intuition, meist ist sie ein guter Ratgeber.

Von Querdenkern und Corona-Sieben

Von Sokrates im antiken Athen, dem Lehrer von Platon und Aristoteles, wird folgende Geschichte erzählt:

„Höre, Sokrates, das muss ich dir erzählen!“ sagte einer, der zu Sokrates gelaufen kam.
„Halte ein“, unterbrach ihn der Weise. „Hast du alles, was du mir erzählen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“
„Drei Siebe?“, fragte der der andere voller Verwunderung.

„Ja, guter Freund! Lass sehen, ob das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht:
Das erste ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“
„Nein, ich hörte es jemanden erzählen und…“
„So, so! Aber sicher hast du es im zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst gut?“

Zögernd sagte der andere: „Nein, im Gegenteil …“
„Hm“, unterbrach ihn der Weise, „so lasst uns auch das dritte Sieb noch anwenden. Ist es notwendig, dass du mir das erzählst?“
„Notwendig nun gerade nicht…“

„Also“, sagte Sokrates lächelnd, „wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“

Diese Geschichte können Sie gerne denen erzählen, die Ihnen mit ihren Gedanken und Sprüchen zu quer kommen.

Sinn ist objektiv

In der Logotherapie von Viktor Frankl wird der geistigen Dimension des Menschen ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Das besondere Verdienst Frankls besteht darin, der die Geistigkeit des Menschen in den Mittelpunkt stellenden therapeutischen Arbeit ein nicht-reduktionistisches Menschenbild zugrunde zu legen. Frankl betonte stets die Bedeutung, die Transzendenz in die Wesenslehre vom Menschen mit einzuschließen. „In der Analyse menschlicher Existenz kommen wir ohne den Einbezug der Transzendenz nicht aus“, so sein Credo. Ohne Bezug zur Transzendenzfähigkeit des Menschen kann ein wahrer Humanismus nicht gedacht werden – vielmehr wird ein solcher ‚Humanismus‘ zum Nihilismus, zu einem Leben, das für die Sinnimpulse aus der individuellen Welt einer Person unempfänglich ist.

Im Sinne Frankls arbeitende Therapeuten können nicht voraussetzen, dass ihre Patienten die Überzeugung teilen, dass das Leben jedem Menschen zu jeder Zeit einen Sinn bereit hält, auf den er sich transzendieren kann. Gerade in Krisen oder langfristigen Extrembelastungen wie zum Beispiel Corona fehlt es vielen Menschen am Glauben daran, dass es auch in diesen Lebensstationen einen unbedingten Sinn gibt. Zudem ist Gott als eine mögliche Sinninstanz im Erleben vieler abhanden gekommen oder Menschen konnten mit Gott im Kontext einer wissenschaftsorientierten, aufgeklärten Epoche ohnehin wenig anfangen. Den Sinn im Leben mit ‚Gott‘ zusammenzudenken, trifft die Lebenswirklichkeit vieler Menschen daher nicht [mehr]. Als ebenso wenig tragfähig erweist sich heute mehr denn je die Idee des ‚Sinnkonstruktivismus‘. Sich Sinn selbst zu erschaffen – in Form von Zielen, Zwecken oder Absichten – gelingt vielen Menschen nicht, weil sie die aus ihrer Sicht dazu erforderliche Ressource an Freiheitsgraden nicht realisieren können. Betrachtet man dies genauer müsste man zum Schluss kommen, dass Sinnfindung nur im Kontext von Freiheit gedacht werden kann.

Viktor Frankls Sinnlehre setzt hierzu einen völlig anderen Akzent. Für ihn steht der ‚Sinnobjektivismus‘ im Mittelpunkt. Sinn ist per se für jeden Menschen jederzeit gegeben – und mit ihm der objektive Aufforderungscharakter des Lebens. Das Leben, das dem Menschen Fragen stellt, denen der Mensch antworten hat, erfordert von ihm die Ressource ‚Verantwortung‘ – ein Wert, den jeder Mensch jederzeit ‚unbedingt‘ verfügbar hat und ihn verwirklichen kann. Dies eben auch in einer Zeit, die durch Begrenzung von ohnehin immer im Leben ‚bedingten‘ Freiheiten gekennzeichnet ist. Sinnvoll zu leben kann so zum Beispiel auch in der Coronazeit verstanden werden als Auftrag des Lebens zur verantworteten Ausgestaltung der gegebenen Möglichkeiten vor dem Hintergrund der Wirklichkeit. 

Dass sich Menschen unter dem Einfluss ihrer zur Gewohnheit gewordenen Freiheitsgrade andere Möglichkeiten zur Lebensgestaltung erhoffen, ist in Krisenphasen nachvollziehbar und fraglos wünschenswert. Doch stehen gesellschaftspolitisch erworbenen Grundrechten stets auch lebensindividuelle Grundpflichten gegenüber. Pflichten, die keinen metaphysischen Überbau für ihre Beherzigung benötigen, sondern -lediglich- die Fähigkeit, hinzuhören auf die Erfordernisse des Moments. Diese Fähigkeit gilt es zu trainieren. Ein solches Training zu unterlassen, zwingt den Menschen dazu, sich permanent Sinn machen zu müssen. Ein sehr kräftezehrendes Unterfangen wie wir Sinntherapeuten immer wieder feststellen müssen, wenn uns Menschen gegenübersitzen, die uns zu verstehen geben, dass sie sich durch ihre Selbstoptimierungsbemühungen, ihre ambitionierten Lebenszielentwürfe und ihren Dauerstress durch einen selbstauferlegten Aktionsberg zu verfehlen drohen. Ein Verfehlen, das auch schon ohne [Corona]-Krise psychisch stark belastet.

Neue Buchrezension zum ‚Coaching des Todes‘

So wichtig Prozesshaftigkeit, Lösungs- und Zielorientierung im Coaching sind, mit der Metapher „auf den Punkt kommen“ – so der Untertitel des Buches – wird mit der Publikation „Coaching des Todes“ ein innovativer Ansatz für die Begleitung existenzieller Situationen im Leben gewählt. Es mag auf den ersten Blick verwundern, weshalb das Buch nicht beispielhaft als „Sterbecoaching“ überschrieben ist. Allerdings spiegelt genau dies die spezielle Fokussierung auf Existenziale – und damit letztlich auf den Tod. Denn, wie jeder Seelsorger und Sterbebegleiter weiß, ist auch Sterben ein Prozess – ähnlich wie die allermeisten Begleitungen im Coaching –, der Tod indes ist dessen Endpunkt. Dieser Radikalität stellt sich „Coaching des Todes“, konsequent zu seinem Titel – und nicht zuletzt seinem durchweg (schwarzen) Einband.

In 43 einzelnen Kapiteln wird Schlieper-Damrichs Auseinandersetzung mit dem Thema Tod entfaltet, wobei man dem Buch durchgängig die Ausbildung und Erfahrung des Autors in den Coaching-Feldern Werte, Sinn und Krisen anmerkt. Wichtige und wiederkehrende Aspekte sind: Wertfülle, existenzielle Erfahrungen, Lebenssinn und Verantwortung. Der Augsburger Coach, Therapeut und Autor greift in seinen Fragestellungen und Reflexionen nicht nur – aber immer wieder – auf das Sinnkonzept und die Logotherapie von Viktor Frankl zurück, sondern verdichtet seine Betrachtungen mehrperspektivisch aus verschiedenen wissenschaftlichen Linien sowie aufgrund eigener Coachingprozesse und v.a. auch persönlicher Erfahrungen. Auf der Ebene des interdisziplinären Zugangs wird neben dem profunden Wissen des Autors auch die breite Unterstützung durch Expert*innen verschiedener Fachdisziplinen – der Logotherapie und Medizin, der Philosophie und Physik sowie dem Werte- wie Krisencoaching – durchweg deutlich. Die immer wieder eingeflochtenen Fallbeispiele, Aphorismen sowie Impulse zur Reflexion spiegeln die Erfahrungsdichte des Lebensthemas Tod. Die Reflexionstiefe, mit der sich der Autor dieses „Themas“ stellt, scheint nicht nur ein persönliches Interesse von Schlieper-Damrich zu sein, sondern wirkt zutiefst authentisch.

Wer Menschen auf dem Weg zum – physischen – Tod begleiten darf, der kennt das Phänomen einer nicht beschreibbaren letzten Klarheit: Da fällt kein Wort zu viel. Da stimmt der Ton. Da sind Botschaft und Sinn eindeutig. Diese Geist-Leib-Seele-Fokussierung im Angesicht des nahenden Todes steht aber sonstigen, üblichen Coaching-Aspekten diametral gegenüber: Wo Erfolg an erster Stelle steht, geht es hier um Werte. Wo Effizienz als oberstes Prinzip genannt wird, lauten die Ziele hier die Erfahrung und das Wiederfinden von Sinn. Schlieper-Damrich vermag es, ohne Betroffenheitspädagogik, hier und da sogar mit einem Hauch von Leichtigkeit bis hin zu einer Prise Humor für ein Thema zu öffnen, das in unserer Gesellschaft ansonsten ein emotionalisiertes und/oder mit Angst besetztes und verdrängtes Minenfeld ist. Leitend scheint das Interesse an einer Kompetenz zu sein, den Tod buchstäblich ins Wort zu nehmen, um so „auf den Punkt zu kommen“ – so der Untertitel. Damit kommt dem Tod – erstaunlicherweise nicht direkt so formuliert, aber unterschwellig auf der Haltungsebene deutlich – kein „Aus“ zu, sondern es bleibt eine Energie, die vom handelnden Subjekt Mensch zu verantworten ist. Und genau diese Visualisierung passt sich auf dem Cover auch in das sonstige Schwarz des Buches ein. Mit dem abschließenden Kapitel „Ja, aber“ – als Kontrapost aus der bis dahin durchlaufenden Nummerierung herausgenommen – und den drei folgenden Arbeitsblättern mit den Themen: „Die Brückenentscheidung“, „Der existenzielle Abschied“ und „Der Eigenauftrag“ mündet das Buch in ganz praktischen Anleitungen für ein Coaching des Todes. Zahlreiche Illustrationen unterstützen bis dahin die Leserfreundlichkeit dieser über 400-seitigen Monografie.

Nicht nur für Coaches, Berater und Therapeuten bietet „Coaching des Todes“ einen breiten Einblick in ein (zu) oft gemiedenes Thema. Auch Philosophen und Theologen dürfen dankbar sein, dass sich ein Kaufmann der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre auf dieses Terrain vorwagt. Dadurch wirkt seine Auseinandersetzung nicht „ideologisch“ vorbelastet. Sondern sie gewinnt Klarheit und kann dadurch immer wieder „auf den Punkt“ kommen, weil sie das Abschiednehmen und Erfahren von Sinn auf voraufgehenden, tieferliegenden Werteebenen gründet. Der Ansatz ist daher auch gänzlich frei von weltanschaulichen Glaubensinhalten, sodass das hier vorgestellte Konzept für eine kulturell und religiös plurale Gesellschaft eine wichtige Grundlage darstellt. Eine diesbezügliche Rezeption ist „Coaching des Todes“ zu wünschen!

Fazit: Sterben und Tod sind in der westlichen Gesellschaft an Spezialisten delegiert worden. Damit ist das Thema nicht nur aus dem Alltag verdrängt worden, sondern in gewisser Weise auch ein Tabu. Die Corona-Pandemie hat wieder daran erinnert, dass der Tod zum Leben – und zum Beruf – gehört. Sie hat schmerzhaft in die Komfortzone eingegriffen und verdeutlicht, dass es auch im Leben und Beruf kleine und größere Tode gibt. Diese Tode lassen sich zwar für gewisse Zeit verdrängen, man muss sich ihnen aber stellen, um zur Klarheit zu gelangen und Sinn zu erfahren. Für die Begleitung dieses letzten Schrittes, „auf den Punkt zu kommen“, ist „Coaching des Todes“ eine sehr wertvolle Lektüre – gleichermaßen für die Bereiche Personal und Business Coaching. Als gut erweiterbar kann der Ansatz auch insbesondere für das Feld des Exit-Coachings und der Exit-Strategien empfohlen werden!

Zitat: „Ist eine Person auf den Punkt gekommen, so bringt sie damit zum Ausdruck, im Einklang zu stehen mit dem Wert, den sie frei verwirklichen will und mit dem sie sich verantwortlich auf einen Sinnanlass ausrichtet.“ (S. 150)

Dr. Thomas Hanstein

Wer mit der Komplexität seines Lebens nicht klar kommt,
der sucht sein Heil in der Reduktion.

Wer mit der Reduktion seines Lebens nicht klar kommt,
der findet sein Heil im Sinn. 

Ralph Schlieper-Damrich

Neue Rezension zum Buch ‚Coaching des Todes‘

In der Tradition anspruchsvoller Coachingfachbücher, die sich der Transformation der sinnzentrierten Arbeit mit Menschen widmen und mit dem Namen Viktor Frankl unverrückbar verbunden sind, hat der Augsburger Coach, Therapeut und Autor Ralph Schlieper-Damrich erneut ein besonderes Leseformat entwickelt. In meiner Anschauung erstmalig, bietet hier ein Coach sowohl einen biografischen Einblick in aus seinem Empfinden existenzielle Lebenssituationen als auch eine mutige Weiterentwicklung des Frankl‘schen Gedankengebäudes, der sich nachvollziehbar dargestellte Gespräche mit Klienten anschließen. Indem der Autor sein Werk selbst hybrides Ideenbuch nennt, macht er schon zu Beginn deutlich, dass sich der Leser auf Multiperspektivität, die ein oder andere Provokation und Grenzbetrachtung zwischen Psychologie, Philosophie und gesellschaftlichen Entwicklungen einstellen kann. Spannend fand ich die Idee, Begriffe wie Tod, Abschied, Gefühl, Punkt oder auch Verantwortung in einen mir neuen Verstehensraum zu setzen. Als Führungskraft in einem international tätigen Unternehmen habe ich schon oft mit Coachs zu den verschiedensten Anlässen zusammengearbeitet. Mit dem Coachphilosophen Schlieper-Damrich, dessen inhaltsreiche Arbeit ich bereits lange verfolge, bin ich einig, dass Coaching künftig wesentlich stärker aus dem Schatten der Selbstoptimierungsunterstützung, Performanztreiberei und eines Erfüllungsgehilfen sinnentleerter Führungsstrukturen heraustreten muss. Das Buch Coaching des Todes hat mir dabei auf anregende, zuweilen fordernde, aber auch amüsante Weise zu ganz neuen Überlegungen verholfen. Und ganz nebenbei fanden sich gerade jetzt zu Corona-Zeiten ganz hilfreiche Anknüpfungspunkte – vom Autor unbeabsichtigt, aber das macht ein Buch vielleicht ja gerade aus, dass es sich in Situationen anbietet, wenn man gar nicht daran denkt.

Michael Dagenhof

Corona-Blog: Und vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt

1943 war meine Mutter 13 Jahre alt. Sie lebte mit ihren Eltern in Duisburg und sah zu, wie ihre Stadt bombardiert und nach und nach zerstört wurde. Und, wie dies auch zu menschlichen Tragödien führte. So wurde bei einem britischen Bombenangriff im Mai auch ihr Stadtteil getroffen und dabei einer ihrer Freunde aus der Nachbarschaft. ‚Vor meinen Augen wurde mein Spielkamerad zerfetzt …‘ Über zwei Jahre lang stand die Bevölkerung unter Angst und Schrecken – die Verluste waren gewaltig. Immer wieder erzählte meine Mutter die Situation, wie der neogotische Turm der Salvatorkirche zusammenbrach oder wie sich die Umgebung darstellte, wenn sie und andere Menschen nach einem Angriff aus dem Bunker wieder heraustraten.

Schaut man auf die von Viktor Frankl beschriebenen drei Säulen des Menschseins, die – wenn balanciert entwickelt – ein sinnerfülltes Leben ermöglichen, dann fällt nicht schwer zu erkennen, wie erschüttert diese Säulen zu Kriegszeiten gewesen sein müssen.

Säule 1: Verwirklichung von schöpferischen Werten mit Aufbau und Erhalt individueller Leistungsfähigkeit: Die Personen leitet einen sinnvollen Beitrag für die Welt.
Säule 2: Verwirklichung von Erlebniswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Liebesfähigkeit. Die Person ist welt- und wahrnehmungsoffen für das, was in der Welt sinnerfüllend geschieht.
Säule 3: Verwirklichung von Einstellungswerten mit Aufbau und Erhalt individueller Leidensfähigkeit. Die Person vermag sich zu Unabänderlichem in Freiheit und Verantwortlichkeit zu stellen.

Aktuell spricht die ‚Corona-Politik‘ weiterhin ein kriegerisches Vokabular, von massiver Krise und einer katastrophalen Lage. In der Berichterstattung wird dargestellt, dass Familien unter den Gegebenheiten leiden, dass Kinder zu Hause zum Problem werden, dass die Leute vor lauter Angst vor der Arbeitslosigkeit ihre geplanten Investitionen zurückhalten würden, dass die Verbraucherstimmung am Boden sei usw.

Die Empfehlung, den Blick 80 Jahre rückwärts zu richten und dann diese Bilder [finden sich zuhauf im Internet, sollte man niemanden mehr haben, der einen an die Zeit erinnert] mit einem Blick aus dem eigenen Fenster zu vergleichen, ist für viele Menschen keine Hilfe. „Das kann man doch nicht vergleichen:“ Stimmt, damals war alles kaputt, viele tot, das System wirklich am Ende ….

Heute? Corona ermöglicht Lernprozesse, die vielleicht auch ohne das Virus begonnen worden wären, die nun aber einen Schub erhalten haben und ergänzende Formen der Kommunikation, Kooperation und Kollaboration befördern. Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht, wenn er über ‚Leistungsfähigkeit‘ spricht, dann kann ihm durch die Corona-Sondersituation womöglich ein Verwirklichungsfeld entstehen, das ihm zuvor durch das ‚Alltagsgeschehen‘ nicht nahe lag.

Corona ermöglicht Beziehungsprozesse, die in ihrer Fülle und Kreativität zuvor vielerorts auch noch nicht erlebt wurden. Ob es die Tochter ist, die mit ihrer Mutter, vor dem Fenster des Seniorenheims stehend, fröhliche Witze reißt; ob es der Erhalt lustiger Handynachrichten ist, die von mehr oder weniger nahe stehenden Bekannten verschickt werden, um andere Menschen zu erheitern. Ob es neue Formen der Fürsorge, künstlerischen Entfaltung usw. sind – auch hier finden sich Verwirklichungsfelder, die genutzt werden können, wenn ein Mensch weiß, worum es ihm geht.

Corona ermöglicht Abschiedsprozesse, die ohne Besinnung auf das Wesentliche sich nicht in den Vordergrund gerückt hätten. Von was kann man sich trennen, materiell, ideell, zwischenmenschlich.? Welchen Verzicht kann man üben, weil dies für andere und einen selbst lebensdienlicher ist? Welche Form der Hilfe kann man bei allem Autonomiestreben annehmen, weil man seiner Begrenzungen nun bewusster wird? Was ist durch Corona nun ‚tot‘ und ruft nach Übernahme einer neuen Verantwortung für das ‚Leben danach‘? Wenn ein Mensch weiß, worum es ihm im Leben geht, welche Werte seine eigenen sind – und welche nicht -, dann wird es leichter, trotz Virus sinnvoll zu handeln und sich sinnvoll zu verhalten.

Corona-Blog: Perspektivenwechsel bei Grappa und Käse

Anfang Oktober 2020, seit vier Wochen liegt der Replikationsfaktor des Virus kontinuierlich bei 0,3. Alles, wo sich Menschen in großen Gruppen tummeln würden, ist noch betroffen, alles andere läuft seinen Gang. In Fliegern, Bussen und Bahnen gibt’s mittlerweile eine Maskenpflicht und auf der Straße haben die Leute ein Distanzgefühl entwickelt, das sich weniger in schreckhaftem Zurseitespringen äußert als in einer Art Abstandhalten auf der Autobahn. Ausnahmen wie dort gibts auch auf dem Gehweg, aber im Großen und Ganzen funktionierts.

Ich habe Geburtstag. Ich sitze in Südtirol bei Peter. In der Grappastube. Heute sehen wir uns erstmals wieder nach Corona, und klar: Es werden Fragen gestellt, wie hast Du es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und das ganze wird dann vielleicht so zehnmal wiederholt, weil immer wieder Bekannte dazu kommen, die uns auch erzählen und fragen: wie habt Ihr es geschafft, wie haben wir es gemacht!? Und dann wird erzählt und gefeiert und nach vorne geschaut.

Das Leben kommt von vorn. Wie es immer schon war. Diejenigen Menschen, die einem früher schon auf die Nerven gingen, werden nicht dadurch anders, nur weil sie vergleichbare Bedingungen zu gestalten hatten wie man selbst. Und die, mit denen man früher gut auskam, werden nicht dadurch noch besser, nur weil man jetzt zusammensteht und einander berichtet, wie es vor einem halben Jahr zuging. Oktober 2020 wird für die allermeisten nicht ein besserer Oktober sein als er ohne Corona gewesen wäre. Anders werden dies nur die Menschen sehen, die in persönlicher Gefahr standen oder die einen Menschen in ihrem Umfeld verloren haben. Oder, die nun Anlauf nehmen, um die Probleme ihrer -temporären- Arbeitslosigkeit zu überwinden [die Massensorge, die sich im Frühjahr entwickelte und das Angstbarometer von der Flüchtlingsthematik hin zur Lage der wirtschaftlichen Entwicklung verschob, hat sich bereits zu weiten Teilen verflüchtigt – die Wachstumsmaschinerie ist bereits angesprungen und eingedenk enormer Investitionsprogramme der Staaten werden die Auftragsbücher epochal proppenvoll werden. Trump steht vor der Wiederwahl, aber dank Corona ohne Chance zu gewinnen. Kanzlerin Merkel aber würde wohl wiedergewählt, aber sie will ja nicht mehr].

Menschen, die zurecht in Trauer sind, werden anders auf die Monate zurückschauen. So wie es auch diejenigen taten, die seinerzeit den Tsunami miterleben mussten oder das Oder-Hochwasser oder oder oder. Vielleicht werden viele ein Stück mehr Selbst-Bewusstheit haben, weil in den letzten Wochen die Zeit blieb zu reflektieren, mit Verwirklichung welcher Werte man persönlich die ungewöhnliche Zeit überwunden hat. Worum es einem ging als man im Home-Office saß und versuchte, weiterhin seinen Job zu erledigen. Oder worum es einem ging, als die quengelnden Kinder beruhigt werden mussten, weil die Sonne so schön schien und sie zum Spielen hinaus wollten, aber nicht durften. Worum es einem ging, wenn man der alten Mutter Briefe schrieb und sie eben nicht im Pflegeheim besuchte, weil dies untersagt war. Beim nächsten Schluck des wirklich guten Weins bei Peter denke ich mir aber, dass auch diesmal die Chance zur Klärung der eigenen Werte und das Hineinfühlen in das Zusammenspiel von Werte, Einstellungen, Verhalten und Handlungen von vielen Menschen verpasst wurde. Jetzt, im Oktober ist Corona integriert als weitere Lebenserfahrung [nicht als Werteerfahrung], einige Menschen werden wohl etwas mehr individuelle Krisenprävention betrieben haben, die allermeisten sind zum Alltagstrott zurückgekehrt und werden sich dann zu Silvester mit den Worte zuprosten: ‚Was war das bloß für ein Jahr!?‘

Ich sitze da beim Wein, jetzt auch mit feinem Käse vom Almbauern, und denke mir: Eigentlich schade. Die, die vor Corona den Mist ihrer Hunde nicht wegräumten, haben es durch Corona auch nicht gelernt. Die, die im Stadion Menschen verunglimpften, werden es auch nicht gelernt haben. Die, die es doch eigentlich begriffen haben sollten, dass sie mit ihren Verschwörungstheorien nicht weiterreichten als bis zu denjenigen, die auch ohne sie bislang nicht von Zwölf bis Mittag dachten, erfinden sich dennoch jeden Tag eine neue Mär. Ein ’neuer‘ Mensch ist nicht entstanden, die prophezeite ’neue Normalität‘ ist ausgeblieben. Verzicht wurde geübt und ist bis jetzt auch noch aktuell – schließlich fallen gerade jetzt Anfang Oktober keine sturzbesoffenen Personen über Oktoberfest-Bierbänke; leider gibts aber auch kein feines Theresienplatz-Hendl. Na und? Eine Tragödie?

Aber vielleicht hat als ’neue Normalität‘ ja die Digitalkompetenz zugenommen? Schließlich haben viele Menschen sich nun wochenlang mit langsamen Leitungen gequält und ihren Kolleginnen und Kollegen über die Laptop-Kamera gezeigt, mit welchen Kuscheltieren sie so wohnen. Daran kann man sich gewöhnen. Deshalb wollen sicher viele lieber öfter zu Hause hocken und ihre Arbeitsleistung einbringen, oder? Peter, der nun neben mir sitzt und ein kleines Oktoberfest-Bier trinkt [frisch aus dem Fass!] meint, dass es Homeoffice-Anhänger doch schon lange gibt und die die Form der Arbeit auch ohne Corona gewollt hätten, ihre Chefs nur zu geizig waren, die Hardware und die Sicherheitssoftware zu kaufen. Das mag wohl stimmen, wie könnte man wohl sonst die enormen Verkaufszahlen interpretieren, nachdem die Bundesregierung den Kauf von entsprechender Software finanziell unterstützt hat? Wie auch immer, auch an diese ’neue Normalität‘ glaube ich nicht. Der Mensch ist ein Resonanzwesen und eine PC-Maus gibt einem eher wenig davon her – da brauchts dann doch echte Gesichter, in Echtzeit. Überhaupt: Das Virus hat die Strommasten nicht wachsen lassen, also haben wir weiterhin ein Energieproblem. Und ein Digitalisierungsproblem – wo doch sogar die Kanzlerin im virtuellen Dunkel saß und bei einer Videokonferenz fragen musste: Ist Söder noch da? Und ein Flüchtlingsproblem. Und ein Europroblem. Und ein Deutsche-Sprache-Problem, auch bei den Deutschen. Und das Nur-unzureichend-konzentriert-Lesenkönnen-Problem ist auch nicht weniger geworden. Alles beim Alten also, Anfang Oktober. Dafür kommt bald die Winterzeit und die Uhr wird zurückgestellt, so viel ist sicher. Und meine Wünsche sind auch noch dieselben, die ich schon vor einem halben Jahr hatte. Der Wunsch nach einer Weltfriedenskonferenz, der das Langweiligste der Welt endlich beendet: den Krieg als Ausdrucksmittel, den Krieg als unkreatives Machtmittel von Mächtigen. Und eine Weltabfallkonferenz, bei der beschlossen wird, alle Abfallberge, Müllhalden, wilde Entsorgungsdeponien und den sonstigen Dreck dieser Welt per App aufzuzeigen und es endlich zu schaffen, diese ganzen Furchtbarkeiten mit Ingenieurstechnik vernünftig zu beseitigen. Und eine Weltkulturkonferenz, bei der beschlossen wird, nicht nur über das Erbe von Kulturerrungenschaften zu befinden, sondern auch darüber, was nicht mehr zur Kultur der Menschheit gehören sollte. Ich hätte da ein paar Ideen, merke aber schon bei den Gedanken daran, dass sie auszusprechen an dieser Stelle vielleicht nicht so opportun wäre [zum Beispiel die Abschaffung der Gender-Sternchen, das Verbot des Verzehrs von Fledermäusen oder des Tragens gelb getönter Sonnenbrillen] – Grappa-Peter werde ich die anderen aber alle erzählen, sicher hat er dazu noch seine Ergänzungen.

Als ehemaliger Manager in der Pharmaindustrie freue ich mich Anfang Oktober 2020 darüber, dass das Virus sein Antidot gefunden hat. In ein paar Monaten wird Deutschland durchgeimpft werden können. Das Virus wird sich einreihen in die vielen anderen Virenwesen, denen sich der Mensch schon hat annehmen müssen. In den Griff bekommen durch Forschung und Wissenschaft, nicht mit Handauflegen, Grenzsperrungen oder – Entschuldigung – Gebeten. Überhaupt hat die Wissenschaft an Bedeutung gewonnen und ebenso die Wissenschaft von der Wissenschaft. Denn manches tut sich an den Universitäten – man hat gelernt, dass die Vielzahl der unterschiedlichen Virologen- Expertenmeinungen nicht unbedingt gut ist, vor laufender Kamera zur Schau gestellt zu werden. Das machen die Wirtschaftsweisen besser – die denken und formulieren dann aus einem Guss ihr durchaus manchmal auch diversifiziertes Statement. So etwas kommt nun im Oktober mit auf die Wunschliste, denn das nächste Virus kommt bestimmt. Warum sehen wir eigentlich nicht im Fernsehen moderne Wissenschaftssendungen, in denen die deutsche Exzellenz dem Volk zu jeweils einem brisanten Zukunftsthema die verschiedenen Forschungsperspektiven aufzeigt, nicht im 45 Minuten Gehetze, sondern dreistündig, mit einem Informationsziel und ansprechenden und verständlichen Grafiken?

Peter bringt noch ein Gläschen. Touristen kommen, zumeist deutsche. Sie schauen so aus wie immer, ihre allzu oft zu kurzen Hosen sind zum Schreien. Wie sehr wünsche ich mir die Wiederauferstehung von Karl Lagerfeld herbei, aber Ostern war ja schon. Ja, und die Corona-Cartoons sind nun auch Geschichte. Das Bilder der Katze mit dem Maul- und Nasenschutz war schon lustig, aber jetzt ist das ebenso gestrig wie die im Frühling immer wieder kolportierten romantischen Vorstellungen einer Solidaritätsgemeinschaft unter uns Menschen. Die gab es vor Corona ja auch schon und  schlummerte vor sich hin, bis der Anlass kam, sie zu zeigen. Im Frühling also die Nachbarschaftshilfe, ähnlich engagiert wie 2015 bei der Unterstützung der Kriegsflüchtlinge. Aber nun dauerhaft mehr Solidarität, liebevolles Umsorgen oder Menschenfreundlichkeit? Nein, ich sehe das nicht. Die Leistungsgesellschaft wird nicht von einer Solidaritätsgesellschaft abgelöst. Dazu fehlt es an Rahmenbedingungen, die zwar diskutiert werden, es bei diesen Diskussionen aber mehr den Anschein hat, als würde damit ein Kampf gegen die Leistungsgesellschaft gefochten. So wird im Beispiel des bedingungslosen Grundeinkommens als einer Art monatlichem Helikoptergeld aus meiner Sicht der Gedankenfehler gemacht, dass kein Mensch in Bedingungslosigkeit lebt und leben will. Viktor Frankl hat dies so zum Ausdruck gebracht: Jeder Mensch hat Bedingungen. Und jeder Mensch ist frei und verantwortlich, sich diesen Bedingungen zu stellen. Wenn ein Mensch also zum Beispiel Bedingungen nicht erfüllen kann, die an einen Bereich seiner Lebensführung gestellt werden, dann ist die Lösung nicht die Erschaffung einer Bedingungslosigkeit, sondern das Ermöglichen von Räumen für Probehandlungen. Für den Eintritt in solche Räume für Probehandlungen ist der Mensch frei und verantwortlich – Betonung auf ‚und‘. Das Virus hat solche Räume eröffnet. Viele Menschen haben sich neu entdeckt und ‚freie Handlungs-Kapazitäten‘ gefunden, die sie auch weiterhin nutzen können. Ein Teil dieser Kapazitäten zeigen sich in dem, was wir mit einem Begriff wie Solidarität in Verbindung bringen können, andere finden wir im Kontext von Bildung, Kunst, Forschung, Journalismus und anderen. Jetzt, im Oktober, zeigen diese erweiterten Kapazitäten bereits Wirkung. Auf dem Weg zum Grappa-Peter bin ich am Studio einer Violinistin vorbeigekommen, die zweimal die Woche mit einem Jugendpsychotherapeuten gemeinsam Stimmungstrainings für 12- bis 16jährige anbietet. Hier wird an den Themen Kooperation und Zukunftswünsche musikalisch und verhaltenstherapeutisch gearbeitet. Ein Beispiel, von vielen weiteren werden wir hören.

Ja, das Wachstum hat einen Dämpfer bekommen, aber die einstigen Zerstörungsrezessionspropheten erkennen zunehmend, dass Ökonomie heute resilienter ist als vor zehn Jahren. Und diese Resilienz wird Folgen haben. Am Fuße meines Weinglases sehe ich eine Wirtschaft, die noch globaler werden wird, aber mit mehr Lieferantenstandbeinen und einer etwas anderen Lagerhaltung. Irgendwie ist es ja auch schöner, im eigenen Weinkeller eine Flasche bei spontanem Bedarf zu finden als erst dann, wenn der Besuch vor der Tür steht, eine Buddel über amazon bestellen zu müssen.

Peter bringt mir noch einen Grappa. ‚Geht aufs Haus‘, meint er. Das gab es früher auch schon, nicht nur bei Peter. Die Geste zeigt mir aber an, dass gute Beziehungen zu pflegen weiterhin ein Hauptmotiv von Menschen ist. Nun mehr denn je, denn Quarantäne & Co. dienten der Verwirklichung des Oberwertes Gesundheit. Jetzt, im Oktober, ist die Lage im Griff. Jetzt geht es um den Wert Präsenz. Wie bei einem Kind, das vor kurzem noch einen gebrochenen Arm hatte und sich schonen musste, dessen Gips aber nun entfernt und die Muskulatur wieder hergestellt ist. Nun rufen es seine Freunde zum Mitspielen auf – und das Kind will. Auch, wenn es immer wieder noch zwickt. Manche Kinder übertreiben, und brechen sich wieder irgendetwas. Andere passen auf oder setzen sich zum Ausruhen immer wieder mal auf die Ersatzbank. Und jedes Kind lernt die Reaktionen der anderen kennen, so wird das Spiel komplexer. Durch Präsenz. Einfach nur rumsitzen und nichts tun – für die allermeisten ist das nicht vorstellbar. Die Präsenz-Maschine ist deshalb wieder hochgefahren, schließlich will man zeigen, dass man da ist und die eigenen Kompetenzen und bisherigen Wirkungskreise nicht wegquarantänisiert wurden.

Der Wein schmeckt, der Grappa auch. Die Geschäfte sind alle geöffnet, die Tüten der Touristen gefüllt. Die Leistungsgesellschaft hat uns wieder und alle wissen, wenn es nötig ist, dann zeigt sich auch die Solidaritätsgesellschaft. Bei letzten Schluck frage ich mich, wie es beide Ausrichtungen lernen könnten, gemeinsam den Weg zu ebnen für eine weltoffene, europäische Universalitätsgesellschaft, in der spontane, sozialökonomische, situative Kooperation auf intelligentere Weise möglich wird als bislang. Dass es ein kleines Virus schafft, dass innerhalb kürzester Zeit Grenzen wieder hochgezogen werden, nationalistisch kruder Menschenhass geschürt wird oder wir wartend zu Hause hocken, bis Politiker meinen, dass es nun Zeit sein könnte, etwas zu ‚lockern‘, ist doch absurd. Ob es wohl einmal eine einzige App geben wird, über die sich nicht nur alle Europäer überregional bis lokal über die Zustände von Luft und Wasser, bis hin Stadtverschmutzung, UV- oder eben auch Viruslast informieren können, sondern auch durch eine künstliche Intelligenz Anregungen erhalten, freiwillig ihren Anteil zur Verbesserung von Belastungsparametern zu leisten. All diese Informationen sind an sich verfügbar, aber ineffizient organisiert und für den Einzelnen viel zu mühevoll zu recherchieren. Und wieder könnte die europäische Exzellenz zusammenkommen und die Daten bündeln, die für Otto-Normalverbraucher relevant und gestaltbar sind.

Am Ende des Tages zählt nur die Handlung, wusste schon Viktor Frankl. Corona hat gelehrt, dass das jedem möglich ist. Am Ende des Tages zu Hause geblieben zu sein, hat gezählt [und dass das Interesse an Fake-News sprunghaft abgenommen hat, ist ein schöner Nebeneffekt. Wenngleich: Sich vorzustellen, dass der Wuschelkopf von Boris Johnson das Virus in UK erst zu rechter Verbreitung geführt hat, entbehrt nicht eines gewissen Amusements]. Wenn individuelles Handeln zum Wohl der europäischen Gesundheit künftig initiiert werden würde durch eine pfeilschnelle, wissenschaftlich validierte App-Information, wäre wohl ein wichtiger Meilenstein für eine universale Bürgerinitiative gelegt. Und in Europa würde man zunehmend verschont von Politikern, die ihre fachlichen Inkompetenzen zu übertünchen versuchen mit schnellen nationalistisch-rassistischen Zuschreibungen. Peter meint das auch, wir sind schließlich in Italien.

Corona-Blog: Alles Virus oder was?

Wird gelockert, oder nicht? Und warum dort, wenn nicht auch hier? Und warum erst dann, wenn dort schon jetzt? Viele Widersprüchlichkeiten tun sich auf und so sehen manche Auguren zum Beispiel schon Heerscharen von Abiturienten vor Gerichte ziehen, weil diese sich in ihren Prüfungsvorbereitungen benachteiligt fühlen, andere sehen eine Welle von Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen in die Therapiepraxen strömen – sobald diese sich trauen, wieder in eine Praxis zu gehen. Wieder andere sehen die Weltwirtschaft in eine Rezession wie 1929 fallen. Selbst die Idee, dass durch Corona gegen Weihnachten viele Babys erwartet werden könnten, wird schnell von denen kassiert, die meinen, es wären wohl eher mehr Scheidungen. Aber vielleicht wäre ja sogar das Eine so gut wie das Andere?

Allen erdenklichen, medial quotenwirksamen Szenarien [des Schreckens] stehen aber bei genauerem Hinhören auch sehr viele gegenüber, die Ausdruck größerer ‚Entspanntheit‘ sind. So verweisen manche Statistiker zum Beispiel auf die Toten durch Krebserkrankungen oder Sturzverletzungen, deren Zahlen in Deutschland auch in diesem Jahr weit höher sein werden als die durch Covid19. Das, was diese Zahlen vermeintlich erträglicher werden lassen, ist wohl das Wissen um die Phänomene Krebs, Sturz u.a.. Denkt man dies weiter, dann ist eigentlich nicht das Virus als solches das Problem, sondern die Existenz von etwas konkret unerträglich Neuem. Kein Wissenschaftler wäre je auf die Idee gekommen, dieses konkrete Virus finden zu wollen. Vielmehr hat das Virus etwas in uns gefunden, und es ist uns erschienen, weil es dieses Etwas [Angreifbares, Verletzliches …] in uns gefunden hat. Das Virus lehrt uns also, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen. Wann war für Sie das letzte Mal etwas ‚unerträglich Neues‘ geschehen? Welche Lehren haben Sie aus diesem letzten Mal gezogen?

Erinnern wir in diesem Zusammenhang einen Satz des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er sagte einmal: „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie wiederholt ihre Lehren.“ Eine Lehre, die man zum Beispiel aus unserer logotherapeutischen Sicht erneut ziehen kann, stammt von Viktor Frankl. Er erkannte: In Kriegszeiten gibt es keine Neurosen. Will sagen: Wenn es wirklich eng wird, dann haben Menschen keine Zeit für Wehwehchen. Dann haben sie ein einziges Thema: Überleben. Wie wiederholt sich diese Lehre heute, wenngleich wir [zum Glück] nicht im Krieg, durchaus aber in einer extremen Covid19-Sondersituation sind?

Beispielhaft darin, dass in vielen Arzt- und Therapiepraxen gähnende Leere herrscht, obwohl ein Besuch dort möglich wäre. Eine Erklärung: Jetzt geht es vielen Menschen um die Verwirklichung des Oberwertes ‚Gesundheit‘ mit der Folge, dass alles vermieden wird, was nicht zwingend ist. So verschiebt sich auch manch psychische Problem aus dem Spektrum des neurotischen Formenkreises vor diesem Hintergrund ein gutes Stück ins Nebensächliche. Ja, sogar eine Vielzahl von Menschen mit Angst- – oder in deren Unterform – Zwangsstörungen erleben nun eine echte Entlastung, eben weil sie sehen, wie viele [gesunde] Menschen ihre Angst individuell ausleben, es quasi ’normal‘ geworden ist, nicht nur Angst zu haben, sondern sie auch zu zeigen. Das Virus lehrt uns, etwas unerträglich Neues als Möglichkeit zuzulassen und es zeigt uns, dass diese Möglichkeit für viele Menschen darin besteht, ihre Angst zu zeigen. Angst in ihren verschiedenen Formen wie Beziehungs-, Verlust-, Leistungs- oder Entscheidungsangst ist für viele Menschen derart unerträglich neu, dass wir als eine Konsequenz dieses Erlebens in unserer therapeutischen Praxis immer öfter nach unseren Angeboten zur Individuellen Krisenprävention als Angstprävention gefragt werden. Prävention, um das eigene Nichtwissen bezüglich möglicher Ängste aufzuhellen und Umgangsformen zu entwickeln, die die Unerträglichkeit ummünzen helfen in etwas Sinnvolles.

Am Rande angemerkt: Dass wir es mit unserer ‚german Angst‘ auch übertreiben können, zeigt uns der hygienische Übereifer vieler – nicht zwangserkrankter – Zeitgenossen, der sicher auch von denen nicht empfohlen wird, die uns nahelegen, das zu tun, was sich irgendwie immer anbietet: Händewaschen, wenn man unterwegs war. Oder das förmlich sprunghafte Ausweichen anderen Menschen auf dem Gehweg gegenüber, wenn das Risiko droht, für eine Zehntelsekunde das Abstandsgebot von 1,5 Metern zu unterschreiten – auch dies ist keine offizielle Empfehlung, allein schon wegen der Verletzungsgefahr bei solchen Hasensprüngen. Oder der Entzug des Blickkontaktes oder eines Lächelns zu anderen Menschen, weil diese ja potenziell Infektiöse sein könnten – auch dieses Verhalten wurde bislang nicht als notwendig ins Pflichtenheft aufgenommen. Ob ein offizielles ‚Rechte-Heft‘ es den Menschen erleichtern würde, zu wissen, was sie weiterhin dürfen? Also, ich weiß nicht.

Oἶδα οὐκ εἰδώς – ich weiß, dass ich nicht weiß … – Sokrates weiser Satz [der eben nicht besagt, dass ein Mensch wüsste, dass er nichts weiß] wird in der Gegenwart besonders erlebbar. Viele Experten wissen, dass sie nicht wissen, was richtig ist. Weshalb in der Folge manchmal das Eine hier eine Pflicht, das Andere dort kein Recht ist. Wenn aber viele nicht wissen, was richtig ist, dann bieten sich Fahrten auf Sicht im Nebel der Komplexität förmlich an. Diese Nebelfahrten haben nur einen Beigeschmack – das Gefühl, das unerträglich Neue könnte einen beim kleinsten Fehler rammen, bleibt dauerhaft erhalten. Wenn alle Experte wissen, dass sie nicht wissen und [fast] wir alle wissen dies auch, wir also alle gemeinsam im kollektiven Nichtwissen stecken – dann sind mindestens zwei Wege möglich. Entweder kollektive Resignation, Depression oder Aberglaube hinsichtlich der Wunderfähigkeit mancher Politiker, die immer noch nicht wissen, dass sie nicht wissen. Oder die Möglichkeit, die ich ‚konstruktive Reaktanz‘ nenne. Der kollektive Trotz, sich diesem Nichtwissen gegenüber nicht abzugeben, sondern bereit zu sein für das ‚kollektive Staunen‘, das in der Erkenntnis besteht, dass Nichtwissen eben nicht meint, nichts zu wissen. 

Was wir im Moment erleben, passt vielleicht in dieses Bild: Solange das Schiff nicht oder nicht unreparierbar an einen Eisberg gesetzt wird, hat man es wohl eher mehr als weniger richtig gemacht. Die Methoden, das Schiff zu lenken, sind unterschiedlich. Manche Entscheidungsträger in der Welt versuchen, zum Beispiel durch laute Schreie den Eisberg dazu zu bewegen, einfach zu verschwinden. Manche sehen ihn auch nicht, also ist er auch nicht da. Wie zu erwarten, sind dies eher fragwürdige Einstellungen derer, die meinen zu wissen, dass sie wissen.

Andere erkennen dafür ihre weniger ausgeprägten Wunderfähigkeiten und entscheiden Schritt für Schritt, transparent, wenn auch unter Unsicherheit. Das ganze erscheint langsam, abwägend und alles andere als bei einem Hauruck – in dieser Gruppe mag man wohl unsere politische Elite eher sehen. 

Wieder andere, die einst vollmundig zu wissen vorgaben, welche Entwicklung eine Gesellschaft einschlagen sollte, ziehen sich nun kleinlaut zurück und machen offenkundig, dass sie in ihrem [braunen] Kern nichts zu bieten haben, was als Entscheidungsbasis oder gar als Lehre herangezogen werden könnte. So werden wir hoffentlich eines Tages erleben, dass diese Dampfplauderer zwar nach der Epidemie mit ihren alten Parolen wieder um die Ecke kommen, jedoch niemand mehr daran interessiert ist, sich manch theoretische Verschwörung im Gewand einer ‚deutschalternativen Geschwürung‘ anzuhören. Es besteht auf Sicht also die Hoffnung, dass das Virus uns manches erspart hat. Ist das alles, was wir erhoffen dürfen?

Der richtig große Entwurf einer neuen, solidarischen, gesunden, entschleunigten … Welt wird – so meine Glaskugel – eine Utopie bleiben. Dafür ist das Zeitfenster des Ereignisses zu kurz, ebenso das Zeitfenster, in die post-corona-ökonomischen Wachstumskonzepte etwas hineinzuschreiben, was zum Beispiel nach so etwas wie die Vereinten Nationen von Europa ausschaut oder nach irgendwelchen politischen Welt-Initiativen, in denen sich etwas Positives vorgenommen wird, was eben diese Welt noch nicht gesehen hat. Für so etwas ist das Virus im übertragenen Sinn einfach zu klein, selbst wenn seine Folgeerscheinungen Billionen kosten werden. Aber was sind Billionen, die in Wirtschaftskreisläufe eingespeist werden, die auf unzerstörte Städte, eine funktionierende Infrastruktur, weiterhin bestehende Technologien, kompetente Menschen zurückgreifen können? Sie sind Bumerangs, denn irgendwie kommt das Geld auch wieder zurück, allemal in der ein oder anderen Besteuerung. Das Virus ist eben kein Bombenhagel, kein Atomgau, keine Sintflut, kein Meteor. Wir sollten es daher nicht größer machen als es ist. Das Virus hat uns nicht die Handlungsräume geschlossen. Es hat uns nicht die Freiheit und Verantwortung genommen, auf die Frage zu antworten, worum es jetzt – individuell, in der Familie, im Unternehmen, in der Gesellschaft – zu gehen hat. Ich persönlich glaube, dass dieses Worum für viele nicht sonderlich anders ausschauen wird wie noch vor wenigen Wochen – es sei denn, der aktuelle Zustand bleibt uns über viele Monate erhalten. Aber daran glaube ich so wenig wie daran, dass die Erfolgsfaktoren der Wirtschaft durch die Auswirkungen des Virus substanziell in Frage gestellt werden. Vielmehr sehe ich vor uns, dass das kollektive Wissen um das Nichtwissen einen ungeheuren individuell-kreativen, technologischen und systemisch-vernetzteren Schub auslösen wird, in Wissenschaft, Kunst, Ökonomie und – wer lernbereit ist – beim einzelnen Menschen. Ich glaube: Das neue Staunen beginnt.