Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Sinn und Arbeit

Sinn und Arbeit – welch ein riesiges Thema in unserer heutigen Zeit. Der ein oder andere erinnert sich vielleicht, wie Arbeit einem selbst einmal Sinn machte. Heute ist für viele Menschen die Suche nach Sinn echte Arbeit. Man sucht und sucht und fragt sich, warum man ihn nicht (mehr) findet. Wenn uns das Empfinden einer ‚Sinnfindungsstörung‘ bei unseren Klienten begegnet und wir uns erklären lassen, worin die tägliche Arbeit besteht, so findet sich häufig ein nachvollziehbarer Grund. Es besteht im Dilemma zwischen Transzendenz und Transformation.

Menschen wollen sich auf einen ‚Gegenstand‘ transzendieren, auf etwas, was sie in ihrer ‚Welt‘ entdecken und das ihnen förmlich innerlich zuruft: Du bist gefragt! Ich – Dein Gegenstand – ist das, worauf Du Dich beziehen sollst, mit Deinen Fähigkeiten, Gaben, Talenten, Deinem Wissen, Deiner Kompetenz. Ein solcher Gegenstand kann alles Mögliche sein, im Beruf aber ist es meist das Aufgabenfeld, dem man sich gewachsen fühlt, das man sich ausgewählt hat, für das man sich qualifiziert und weitergebildet hat, in dem man Bescheid weiß. 

Transformationen – und derer gibt es viele und schnelle, zum Beispiel durch Technologiefortschritte, Geschäftsexpansionen, New Work Konzepte, Prozessentwicklungen, Wegfall beruflicher Arbeitsfelder und Rollen usw. – entziehen dem arbeitenden Menschen heute immer mehr die ‚Gegenstände‘. Was gestern noch individueller Gegenstand war, ist heute angesichts wirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Herausforderungen zunehmen obsolet. So schnell, wie die Gegenstände verschwinden, so schnell entstehen zwar auch neue, nur eben allzu oft für andere Menschen. Das war an sich schon immer so, nur nicht so ‚überall, hyperschnell und ausnahmslos‘. Sinnvolle Arbeit zu finden wird damit zur eigentlichen Arbeit und das, was der Mensch jeden Tag so arbeitet ist mehr oder weniger eine Arbeit auf Abruf, ein Job, eine Beschäftigung, ein Mittel zum Zweck (meist zum Zweck des Überlebens). Sicher, es gibt berufliche Rollen, die Menschen ausüben, die ihrerseits mit dieser Dynamik kein Sinnproblem haben. Wieder andere Menschen, die an sich kein Sinnproblem haben sollten (man denke an Kirchenvertreter), sägen durch ihr kriminelles Verhalten den Sinnast eigenhändig ab, auf dem sie sitzen und damit verbunden auch noch den Sinn, den andere Menschen mit diesen Rollen für ihr eigenes Leben in Verbindung bringen. 

Trotz allem bleibt die Befriedigung des Sinnbedürfnisses die stärkste Motivationsquelle für jeden Menschen. Versiegt diese Quelle im Berufsleben, dann verkümmert Arbeit immer mehr zum ‚Zeiteinsatz zum Gelderwerb‘. Dieser Verfall verläuft zudem umso schneller, je weniger der Einzelne die Kontexte der Transformationen versteht – denn um sie zu verstehen, braucht es immer mehr inhaltliche Kenntnis über neue Technologien, über die Veränderung von und in Märkten, von Szenarien, Kenntnisse eben, die vielen Menschen schwerfallen aufzubauen. Also bleibt man verständnislos und sinnleer zurück und hofft darauf, dass ein Wunder geschieht und jemand vorbeischaut und eine Tüte Sinn bereithält. Dass ein solcher Heiland zuweilen in Führungspersonen gesehen wird, mutet wie das Festhalten an einem Strohhalm an. Ihnen wird zugetraut, dazu beizutragen, den ‚Purpose‘ [den Zweck der Transformationsdynamik] zu vermitteln. Sie sollen ihren Mitarbeiternden die ‚Bedeutung‘ lehren, die all das ‚überall, hyperschnell und ausnahmslos‘ hat. Und damit das gelingt, stopft man sie in Trainings mit klangvollen Begriffen wie Empathie, Resonanz und Achtsamkeit – allzu oft ohne mit den Führungskräften zuerst einmal zu klären, worin diese die Bedeutung ihrer Führungstätigkeit sehen. Kommt diese Frage nicht in einen Diskurs, stehen Führungskräfte vor einem komplexen Problem: Sie sollen einen Sinnfindungsbeitrag für ihre Mitarbeitenden leisten, sie sollen ihre eigene Rolle als sinnvoll ansehen und sie sollen eine sinnvolle Führung gestalten. Für Letzteres finden sich in der aktuellen Führungsliteratur auf breiter Linie Verhaltensleitplanken. Sinnvolle Führung beweist sich dort insbesondere durch eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Menschen und Situationen (man könnte vereinfach sagen: sinnvolle Führung bedingt, Menschen zu lieben und der Welt offen gegenüber zu stehen), ein Streben nach Selbsterkenntnis (vereinfacht: sich nicht aus dem Feld des Lernens zu nehmen und sich eigener Grenzen stets bewusst zu sein), moralisch vorbildlich zu handeln (vereinfacht: einen normativen klaren Rahmen im Verhalten und in Handlungen heranzuziehen), den geführten Menschen eine persönliche oder berufliche Unterstützung anzubieten und über den Einzelnen hinaus auch das Gefühl für die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Arbeitsengagement zu fördern.

All das kann man in der Führungsarbeit von Führungskräften beobachten – dennoch ist damit noch nicht gesagt, ob ebendiese Führungskräfte ihre eigene Führungstätigkeit im situativen und systemischen Kontext ihres Unternehmens als sinnvoll erachten, geschweige, ob sie ihre derartig gelebte ’sinnvolle Führung‘ mit den Arbeitsplatzmerkmalen ihrer Mitarbeiter in Kohärenz wahrnehmen (in unserer Coachingpraxis hören wir gerade jetzt in der Coronazeit ein solches Kohärenzdefizit, wenn Führungskräfte berichten, dass ihr Beziehungsgeflecht zu ihren Mitarbeitenden bedingt durch Homeoffice-Tätigkeiten gerissen ist oder zu reißen droht).

Der eigenen Führungstätigkeit das prädikat ’sinnvoll‘ zuzuschreiben meint, neben den objektivierbaren Fähigkeiten, sinnvoll führen zu können, immer wieder die subjektive Erfahrung zu machen, dass der Wert der Führungstätigkeit eigenen Idealen und Grundüberzeugungen entspricht. Dass diese Überzeugungen jedoch nicht zwingend von denen goutiert werden, die die Führungstätigkeit der Führungskraft bewerten ist bekannt und wird leider allzu oft zum Anliegen, das unsere Klientinnen und Klienten im Krisencoaching bearbeiten wollen. Ein Ergebnis in diesen Coachings ist meist, dass die Klienten erkennen, dass sich auch die Führungsrolle in einer Transformation befindet, ergo es quasilogisch ist, dass der Versuch, den selbstbewusst der eigenen Rolle zugeschriebenen Wert von anderen Personen [hier insbesondere den eigenen Vorgesetzten] ‚gewertschätzt‘ bekommen zu wollen, scheitern muss. Dieses Problem zu lösen, gelingt nach unserer Erfahrung leichter, wenn die Führungskraft weniger die Verwirklichung eigener Ideale zum Maßstab des eigenen Sinngefühl macht als ganz basal nur das im Führungshandeln zu tun, was in der Lage ist, andere [hier in der Regel die Mitarbeitenden] wachsen zu lassen. Das jedoch zu können, bedarf einer anderen, neuen Form des Gesprächsführung, nämlich der Wertekommunikation und der Sinnvereinbarung.

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen

Die großartigsten Tage im Leben des Menschen:
– Der Tag des Geborenwordenseins
– Der Tag, ab dem der Mensch erkennt, wofür er lebt
– Die Tage, an denen der Mensch fühlt, worum es ihm geht
– Die Tage, an denen der Mensch von Jemand oder Etwas existenziell Abschied nimmt und erkennt, dass alles im Verantwortethaben unverlierbar geborgen bleibt.

Grafik aus Schlieper-Damrich, Ralph [2020]: Coaching des Todes

Impfgewissen

To impf or not to impf – das scheint heut die Frage. Soll ich, soll ich nicht? Was ist das Gesollte, wer sagt mir das, was gesollt ist? Kann ich das Sollen wollen?

Das Gewissen gehört zur Grundausstattung eines Menschen und allemal einer freien und zur Verantwortungsübernahme vernunftbegabten Person. Die innere Stimme und der innere Kompass steuern die sittlichen Handlungsentscheidungen eines Menschen.

Für Sokrates (469·399 v.Chr.) war diese Stimme noch Ausdruck des Göttlichen, eine Stimme, die das Schlechte auf Distanz hält. Thomas von Aquin (1226-1274) war sich sicher, dass das Gewissen seinen Menschen nie­ in die Irre führen und Vernunft dann den Rest besorgen würde – vom Gewissen in die gewissenhafte Schlussfolgerung, von dort in die gewissenhafte Handlung, von dort in das gewissenhafte Urteil über die Handlung. Von diesem inneren Gerichtshof sprach auch Kant (1724-1804). Das innere moralische Gesetz müsse mit dem Be­wusstsein der Existenz zusammengehen und der Mensch habe seine aus Vernunft resultierende Pflicht zu erfüllen, so wie ein Gesetz für einen Menschen als ausführende Gewalt zu verstehen sei.

Weniger festgelegt beschrieb Marx (1818 – 1883) das Gewissen als Ergebnis einer individuellen Entwicklungsgeschichte. Und Nietzsche (1844 – 1900) sah im Gewissen gar die tiefste Erkrankung des Menschen und plädierte für die Abschaffung dieser Instanz. Diesen ‚Job‘ übernahm dann Hitler (1889 -1945), der das Gewissen als jüdische Erfindung geißelte und sich selbst auf das Podest des Gesetzgebers stellte, der dafür Sorge tragen würden, dass der Einzelne von der Last der freien Entscheidung entbunden würde.

Freud (1856 – 1939) verglich das Gewissen mit dem Über-Ich, durch das Triebwünsche des ‚Es‘ mittels Geboten und Verboten reguliert würden. Gewönne dabei dennoch das Es, so wäre das ’schlechte Gewissen‘ mit seinen Schuldgefühlen quasi Ausdruck des tiefen Wissens, dass die vollzogenen Handlungen an sich verboten seien.

Demgegenüber formulierte Fromm (1900 – 1980) das Gewissen einerseits als Funktion des Gehorsams, das vor Gefahren im Innen und Außen schützen soll. Andererseits habe das Gewissen die Funktion der Einsicht, mit der nach als richtig erkannten Grundsätzen gehandelt würde.
So interpretiert ist das Gewissen die grundlegendste Entscheidungsin­stanz, in der nichts mehr zur Verhandlung ansteht, sondern in der in reinster Weise nach den grundsätzlichsten aller Werte entschieden wird. Welche könnten das sein?

Glaube, Liebe, Hoffnung [Thomas von Aquin]
Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung [Katechismus der katholischen Kirche]
Tapferkeit, Freiheit, Güte, Gerechtigkeit [Herbart]
Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Sitte, Wissen, Wahrhaftigkeit [Konfuzius]

Oder man schlägt nach bei Kant und findet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Das Gewissen gehört zu den spezifisch menschlichen Phänomenen. Es ließe sich definieren als die intuitive Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ.”

Viktor E. Frankl

Ansprache des Peinlichen

Wie soll ich einen Mitarbeitenden auf eine ‚Körper-Peinlichkeit‘ aufmerksam machen?
* zum Beispiel: jemand aus meinem Arbeitsteam riecht unangenehm nach Schweiß
* ich bin als Chef vielleicht bereits auch von Kollegen dazu angesprochen worden
* das Thema ist schwierig, tabuisiert, störend
* der oder die Betroffene hat womöglich hier einen „blinden Fleck“

Bewährt hat sich:
* frühzeitige Ansprache bevor sich das Verhalten oder das Körperphänomen manifestiert
* vertrauliches Gespräch unter vier Augen
* Wertschätzung und Ernsthaftigkeit gleichermaßen: ‚Weil Sie mir wichtig sind und weil Betriebsabläufe gestört werden, führe ich dieses Gespräch.‘
* in Ich-Aussagen sprechen
* keinen ‚Zeugen‘ nennen
* persönliches Gefühl aussprechen: ‚Ich fühle mich gestört …‘, Es ist mir unangenehm …. Ich bin irritiert…‘
* Beschreiben Sie Ihre Wahrnehmung konkret und nachvollziehbar: ‚Ich habe am … gemerkt …, Mir ist aufgefallen … ‚, Ich beobachte seit … ‚
* Brücken zur Selbsterkenntnis: ‚Man selbst merkt das häufig ja gar nicht…‘, sprechen Sie einmal mit Ihrem Partner, Freund, Freundin darüber … ‚
* Bieten Sie progressive Hilfestellung an: ‚Wie kann ich Sie unterstützen…‘
* Vereinbarung: ‚Wollen wir in vier Wochen noch einmal darüber sprechen …‘, ‚Soll ich Ihnen eine Rückmeldung geben, ob es sich verbessert hat oder nicht?‘

zu erwägen:
* gibt es eine noch geeignetere Person, die ein solches Gespräch führen könnte? Wichtig aber, dass die Person nicht erst aufmerksam gemacht werden muss, sondern die Störung selbst bereits artikuliert hat. Fehlt dies, führt man das Gespräch besser selbst.
* es mag besser sein, wenn Frau mit Frau und Mann mit Mann ins Gespräch über solche Themen gehen. Jedoch: Wenn Sie Ihrer Vorgesetztenrolle gerecht werden wollen, dann gehört ein solches Gespräch zu Ihrem Verantwortungsbereich.

Thought Leadership

Endlich, wie lange haben wir darauf gewartet, ein neues Buzzword für die Wirtschaft: „Thought Leadership“. Das meint soviel wie ‚Meinungsführerschaft in einer Vordenkerrolle‘. Die außerordentliche Expertin ihres Fachs, die Autorität in seinem Thema, der Innovator des Inhalts – wer diese Hüte auf hat, der ist der Tank des Thinks. In einer suchenden Welt ein reizvoller Gedanke, sich an die Lippen eines Thought-Leaders zu heften. Dabei: Die Gedanken sind frei und jeder Mensch ist verantwortlich und selbstverpflichtet, aus dem Misthaufen des medialen Stalls diejenigen goldenen Ähren zu ziehen und zu veredeln, die sinnvolles (wirtschaftliches) Handeln begründen können. Wer solche Ähren bereitstellt, leistet einen Dienst an der Gesellschaft und wer von dieser dann als Vordenker gewürdigt wird, hat sich bereits verdient gemacht. Wer sich jedoch selbst zum Thought Leader meint aufschwingen zu können, verkennt doch deutlich die Sensibilität derer, die bereits heute in der Lage sind, das Wortgehämmer der selbsternannten Premium-Knowledge-Worker auszublenden und auf die Suche nach den Denkpartnern zu gehen, die lautloser etwas Wesentliches zu sagen haben. So wird also auch dieser Begriff dereinst wieder im Orkus des Manager-Blabla verschwinden, aber bis dahin sicher noch ein paar Bäume für irgendwelche Bücher verdauen und selbstgekrönten Leader-Leuten Hoffnung auf Gehör verschaffen, die an sich für die, die Wesentliches zu entscheiden haben, nichts von Bedeutung zu vermitteln haben. 

Der Sinn im Alter

Menschen suchen nach etwas, das ihrem Leben Bedeutung verleiht. Dieses Etwas ist nicht gleichzusetzen mit dem ‚Sinn‘, der im Leben eines jeden Menschen stets per se gegeben ist. Bedeutung meint die kognitiv bemessene Wichtigkeit, die ein Gegenstand, ein Sachverhalt oder auch ein Mensch für einen Menschen haben kann. Der Mensch deutet also in Etwas etwas hinein und interpretiert das Ergebnis dann als mehr oder minder bedeutungsvoll. Analog erhoffen Menschen, dass sie selbst, ihre Taten, Werke und Leistungen für andere voll von Bedeutung sind. Dass sie gebraucht werden, dass sie nachgefragt werden, dass sie zu etwas beitragen können, dass sie für etwas angesehen werden – es ist naheliegend, dass insbesondere im Beruf diese Hoffnungen auf Erfüllung warten. Aber Menschen im fortgeschrittenen Alter, die sich nach ihrer Berufstätigkeit nun in der Phase der Freitätigkeit befinden, sich also noch nicht im Ruhestand befinden, fühlen häufig ein Bedeutungsdefizit. Sie erleben, nicht mehr ‚gefragt‘ zu sein, ihr Wissen, ihre Erfahrungen, ihre Expertise, ihre Motivation sind mit einem Mal gefühlt wertlos. Faktisch ist dies meist ein Denkfehler. Nur, weil ein Luftballon, in den ich immer wieder im Beruf hineingeblasen habe, nun diese Luft nicht mehr bekommt, ist der Ballon ja weiterhin da. Es braucht ’nur‘ einen neuen, unverbrauchten Atem. Einen Atem der Identität, der eigenen Werte, des Willens zur Freiheit und Verantwortung, das eigene Wertesystem einzusetzen für neue Aufgaben. Die Bedingung? Das eigene Wertesystem muss man kennen. Ist es nicht reflektiert, dann hofft man auf Aufgaben und fällt über kurz oder lang auf die Nase, weil man sich in die Hände derer begibt, die der Ansicht sind, die Person mit irgendwelchen Themen beglücken zu müssen, damit sie irgendwie beschäftigt ist.

Also: Entdecken und erarbeiten Sie zuerst Ihr Wertesystem. Dann klären Sie, welche dieser Werte sie frei und verantwortlich verwirklichen wollen. Und dann schenken Sie sich etwas Geduld, damit Sie die Angebote und Aufgaben, die Ihnen aus Ihrer Lebenswelt entgegenkommen, daraufhin überprüfen können, ob damit diese Werte in einer erfüllenden Tätigkeit aufgehen können. Wenn nicht, dann sagen Sie wertebewusst ’nein‘. Wenn ja, dann erfreuen Sie sich der freitätigen Bedeutung solange Sie es wollen.

Das Schema coachen

Im Feld der Psychotherapie nimmt die Schematherapie einen zunehmenden Stellenwert ein. Anfang der 90er Jahren von Jeffrey Young als Weiterentwicklung der Verhaltenstherapie konzipiert, leistet sie einen Beitrag dafür, Menschen zu helfen, in der Kindheit entstandene, unbefriedigte Grundbedürfnisse als Auslöser ihrer aktuellen Depression zu erkennen. Grundbedürfnisverletzungen werden dabei als ’negative emotionale Schemata‘ angelegt, die dann automatisierte Bewältigungsreaktionen bewirken, die ihrerseits – sofern sie nicht zu angemessenen Reaktionen entwickelt werden – auch im Erwachsenenleben weiterhin aktiv bleiben und unvernünftige Verhaltensweisen hervorbringen.

Da sich solche Verhaltensweisen auch im Berufsleben als Hindernis erweisen können, wurde das Wissen der schematherapeutische Grundlagen auch in einigen Ausbildungsprogrammen des Business Coachings aufgenommen. Im Coaching erhalten wir immer wieder als Auslöser für den Beginn einer Zusammenarbeit einen Mangel an Anerkennung, an Selbstüberforderung oder an Verdruss und Selbstzweifel im Job dargestellt. Stellen wir diese Empfindungen in einen biografischen Kontext so zeigt sich oftmals eine gewisse Analogie zur Kindheit. Liebe gegen Leistung, übervolle Kalender des Schülers, Mobbing in der Schulklasse, freudeloses Lernen oder Angst des Versagens – was hier ein Kind zu ‚managen‘ hat, geht ein in seine Interpretation dessen, was als ’normal‘ angesehen wird. Und dieses ‚Normale‘ hat keine Chance entlernt zu werden, sondern geht später über in die Interpretation von ‚Berufswelt‘.

Wir kombinieren in unserer Begleitung von Führungskräften das Schemacoaching mit den Erkenntnissen der Sinnlehre von Viktor Frankl. Dies indem wir die Schemaaktivierungen und automatisierten Bewältigungsreaktionen explorieren und dann aufbauend auf diesen kognitiven Erklärungen mit dem Klienten an der biografischen Entwicklung und Weiterentwicklungsmöglichkeit seiner Werte arbeiten. Da wir unbefriedigte Bedürfnisse des Kindes auch als Wertekonflikte verstehen können, die das Kind in seinem Umfeld hat aushalten müssen, so können Klienten diese Konflikte eingedenk ihrer weiteren Biografie, ihres erweiterten Rollenspektrums und ihrer aufgebauten Lebenserfahrung konstruktiv lösen, indem sie auf die Werte schauen, die sie trotz dieses erlebten Mangels in ihrem Leben verwirklicht haben und – darüber hinaus – welche sie künftig verwirklichen wollen.

Neurobiologisch ist ein Verhaltensschema ein Verband von Nerven­zellen. Dieser Verband wird durch Reise getriggert, das Schema wird aktiviert und die Person fühlt ihre Situation wie ‚einst als Kind‘. Die dabei entstehenden Emotionen können dabei ähnlich stark sein wie ‚damals‘ – für das Umfeld des Erwachsenen jedoch sind diese Emotionen unerklärlich [nicht selten sogar für den Betroffenen selbst]. Ist nun der Zusammenhang zwischen dem Aktualverhalten und dem einstigen Mangel an Bedürfnisbefriedigung hergestellt, wird im zweiten Schritt das Bündel seinerzeit der verletzten Werte herausgearbeitet und Wege besprochen, diese Werte zu revitalisieren und künftig vor Verletzungen zu schützen.

Die Aufgabe des logotherapeutisch-schemafokussierten Coachings besteht demnach darin, den Klienten zu stärken, die Aktivierung der Antreiberseite [Reaktionsverhalten] zu regulieren und sich die Aktivierung desjenigen Teils seines Wertesystems zu erlauben, das unter dem Einfluss des Schemas blockiert wurde.

Mit diesem Arbeitskonzept wird die Sinnlehre Viktor Frankls vollumfänglich integriert. Sein Menschenbild geht u.a. davon aus, dass der Mensch in der Lage ist, sich gegenüber dem zu distanzieren, was in der Schematherapie eben ‚Schema‘ genannt wird. Diese Fähigkeit zur Selbstdistanzierung ist nach Frankl notwendige Voraussetzung menschlicher Freiheit.

Frankl hat die Selbstdistanzierung einmal mit einer gerne von ihm erzählten Anekdote beschrieben:
Während des Ersten Weltkrieges saß ein jüdischer Militärarzt mit einem Oberst im Schützengraben, als ein heftiges Feuer einsetzte. Ihn hänselnd fragte der Oberst: „Jetzt haben Sie aber Angst, nicht wahr? Da sieht man wieder einmal, wie sehr die arische Rasse der semitischen überlegen ist.“ Worauf der Militärarzt antwortete: „Sicher habe ich Angst. Aber warum sprechen Sie von der Überlegenheit der einen Spezies gegenüber der anderen? Wenn Sie so viel Angst hätten wie ich, wären Sie vielleicht schon längst auf und davon gelaufen.“