Kategorie-Archiv: Umgang mit persönlichen Lebenslagen

Corona-Blog: Stresskommunikation [Beharrer]

Wer kennt sie nicht – die Beharrer. Menschen, die sich pflichtbewusst durchbeißen und unter Stress eifrig predigen, was denn nun das Wichtigste zu tun sei. Seine Grundhaltung: Augen zu und durch – dass man womöglich selbst Anteile daran hat, sich in einer Situation verrannt zu haben, kommt einem Beharrer nicht in den Sinn. Andere müssen perfekt sein, und da sie es nicht waren hat sich die Lage verfahren – daran glaubt der Beharrer felsenfest und kommuniziert es auch. Und wenn es schon so ist, dann muss er natürlich weitermachen, sich bis zur Erschöpfung einbringen, mit dem Kopf durch die dickste Wand gehen. Das ist er sich wert, das findet er gut, dafür gebührt ihm aus seiner Sicht Respekt.  

Für seine Anstrengungen will er Erfolg und den Besitz an der finalen Lösung. Wer mit ihm in belastender Situation spricht, sollte daher gewappnet sein – denn sein Widerstand und Widerspruch gegen andere Ansichten kann mächtig sein und jeder, der gegen ihn verliert, wirkt wie neuer Treibstoff auf dem Weg zu dem aus seiner Sicht einzig Wahren. Der ‚Beharrer-Apostel‘ sieht in der ihn belastenden Situation nicht vorrangig sich selbst als Person unter Druck stehend, sondern vielmehr das von ihm bis heute Geschaffene, Entwickelte, Geleistete. Wie ein Mensch, der nicht wahrhaben kann, dass eine neue Generation die Welt anders interpretiert, kämpft er, ,weil die Traditionen zu erhalten sind‘. Oft wirkt er stur, wo atmosphärische Intelligenz gefragt wäre.

Empfehlen ihm vertraute Personen eine neuen Sicht auf Zeitgeist und Gegebenheiten, dann hören sie ihn nicht selten Aspekte ansprechen wie ‚persönliches Lebenswerk in Gefahr‘, ‚erlittene Demütigung‘, ‚weiter harte Arbeit leisten müssen‘ oder ‚Gewissenlosig­keit anderer‘.

In der Begleitung eines ‚Beharrers‘ gilt es, seine Zukunftsresistenz, seine Neigung zur Abwertung der Ansichten seines Umfeldes und seine zuweilen dogmatische Selbstüberschätzung anzusprechen. Dabei ist hilf­reich, ihn biografisch auf frühere Lernprozesse zu befragen, ohne dabei die für ihn wichtige Diskretion in Frage zu stellen. Günstig ist seine grundsätzliche Haltung des ,Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren‘ [Brecht]. Sie bewahrt ihn davor, aufzuste­cken oder seine Grundüberzeugungen dem Opportu­nismus zu opfern.  

Kommunikationsstil: Beharrer
Kommunikationsbedürfnis:
Austausch von Meinungen
Psychisches Bedürfnis: Will Anerkennung für seine Leistung und seine Überzeugungen
Alltagsstress: Erwartet, dass andere perfekt sind, findet daher schnell etwas
auszusetzen, beharrt dann auf seinen Ansichten
Dauerstress:
missioniert oder predigt seine Überzeugungen
Lebensthema:
Angst
Authentisches Gefühl wäre:
Angst
Scheingefühl [
Masche]: Äußert Selbstgerechtigkeit und Ärger

Warum Angst als Lebensthema? Im Kern geht es dem Beharrer darum, seine Wertemaßstäbe, Grundüberzeugungen, Qualitätsvorstellungen heraus- und als Maß aller Dinge darzustellen. Und in der Tat – was Beharrer auch gegen Widerstände durchsetzen, ist vielfach bemerkenswert. Umso größer ist die Angst davor, dass das nicht mehr gelingt, dass die eigene Meinung nichts mehr zählt, dass man als ‚unwichtig‘ gilt. Dagegen wehrt sich der Beharrer und erwartet von seinem Umfeld, dass auf perfekte Weise [seinen] Empfehlungen gefolgt wird.

Dass viele Politiker einen hohen Beharreranteil in ihrer Kommunikationsbedürfnisarchitektur haben, dürfte kaum überraschen. Manche suchen förmlich nach jeder Gelegenheit, die eigene Position in die Kamera sprechen zu können. Auch bei Corona kann man den Eindruck gewinnen, dass viele – auch diejenigen, die weder Gesundheits- noch Wirtschaftskompetenz haben – danach drängen, sich zu produzieren. Wer um sich herum viele Beharrer weiß, der kennt die Meinungsvielfalt, teilweise im Überbietungswettbewerb. Beharrer mit hohem Logikeranteil können ihre Meinungen unterfüttern mit Zahlen, Daten und Fakten – sie wirken oftmals glaubwürdiger [ebenso wie Logiker mit hohem Beharreranteil, also Personen, die aus ihren Analysen und vergleichenden Datenrecherchen ihre Meinungsbildung ableiten] als Menschen mit anderen Kommunikationsstilen.

Morgen geht’s weiter. Mit dem Träumer.
Bleiben Sie gesund.

Corona-Blog: Stresskommunikation [Logiker]

Was geschieht, wenn ein Mensch in Stress gerät und zu wenig von der positiven Zuwen­dung erhält, die er braucht? Anfänglicher Stress, quasi Alltagsstress wird dadurch zu verringern versucht, indem die Person das Verhalten seines Basis-Kommunikationsstils weiter verstärkt, das ak­tuell das stärkste ist. Der Logiker würde – wenn er keine Anerkennung für seine Analysen, genauen Überlegungen, Recherchen, Berechnungen oder Vergleiche erhält – sein Wissen und seine Informationen noch detaillierter ausführen. Immer in der Erwartung, zumindest jetzt die Bestätigung für seine Bemühungen zu erhalten. Geschieht dies immer noch nicht, dann kann es in der nächsten Stressstufe durchaus vorkommen, dass der Logiker infrage stellt, dass sein Gegenüber überhaupt in der Lage ist nachzuvollziehen, wieviel Leistung in seiner Arbeit steckt. Oder dass jemand [Politiker, Ärzte, Journalisten …] überhaupt begreifen, wie schlimm die konkrete Situation wirklich ist.

Je mehr Stress im Spiel ist, umso negativer wird das kommunikative Verhalten – einzig, weil es dem Logiker nicht gelingt, seinen Stress herab zu regulieren und in ein gesundes MaB der Selbstberuhigung zu kommen. Es muss demnach et­was Schwerwiegendes sein, was diesen Prozess behindert, und das, was hier schwer wiegt, ist das ,Lebensthema‘.

Was nun könnte das Lebensthema für einen Logiker sein? Erinnern wir, dass ein Logiker alles dafür tut, um die relevanten Daten, Informatio­nen und Erfahrungswerte beisammen zu haben, um pünktlich und genau entscheiden und han­deln zu können. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ihn Situationen schmerzen, in denen er einen Verlust oder einen Abschied erlebt. Für Logiker, die an alles denken, und dann doch etwas verlieren [sei es materieller oder immaterieller Art] oder die eine Trennung erleben, die eine Person einleitet [z. B. Scheidung], ist ein solches Ereignis meist völlig unverständlich oder unbegreiflich – wie konnte das nur passieren?  

Anstatt nun den erlittenen Verlust oder Weggang mit dem passenden Gefühl des Traurigseins zu kommunizieren, äußern sich die Logiker, die dies zu tun nicht gelernt haben, eher frustriert und verärgert.

Woran kann es liegen, dass ein passendes Gefühl nicht gelernt wurde? Dies können frühe kindliche Erfahrungen sein, bei denen das Kind beobach­tete, wie erwachsene Personen mit ihrem Stress umgingen. Es können Glaubenssätze sein, die irgendwann einer Person ‚glauben‘ machten, nur ein bestimmtes Verhalten sei für eine Stresssitua­tion richtig. Schaut man hinter die von Mensch zu Mensch immer individuellen Kulissen, dann zeigt sich aber stets, dass ein authentisches Gefühl zu zeigen immer auch ein Stück weit zum Ausdruck bringt, fehlbar zu sein. Kein Logiker liegt immer zu 100% richtig, kein Beharrer [er kommt morgen dran]bringt immer 100%ige Qualität, kein Macher [er folgt im Laufe der Woche]hat immer zu 100% das Heft des Handelns in seiner Hand usw. – nur, sich dies einzugestehen fällt schwer und weil das so ist, zeigen Menschen eher ihre Scheingefühle [Ihre ‚Masche‘] als das, was wirklich in ihnen vorgeht.

Kommunikationsstil: Logiker
Kommunikationsbedürfnis:
Austausch von Information und Wissen
Psychisches Bedürfnis:
Will Anerkennung für seine Leistung und sein Zeitmanagement
Verhalten unter Alltagsstress:
Denkt, perfekt sein zu müssen, erklärt daher übergenau oder überträgt mögliche Aufgaben nicht an andere, weil er denkt, dass es andere nicht so genau und richtig machen wie er selbst.
Verhalten bei Dauerstress:
Kontrolliert und kritisiert andere dafür, dass sie nicht klar denken Lebensthema: Verlust
Authentisches Gefühl wäre: T
rauer
Scheingefühl: Äußert 
Frustration und Ärger

Und nun trifft Corona oder ein anderes unvorhersehbares, unberechenbares Ereignis einen Logiker. Sofort schaltet er in den Denk-Notfallmodus: Grübeln und mustergültig die Situation sezieren. Schließlich gilt für ihn: Eine Krise muss man doch ‚verstehen‘ können: Mit einem genauen Lageplan, einer tiefen Analyse des Geschehens und einem Hin-und-her-Abwägen besticht dieser ‚Krisentyp‘, ohne dabei überzeugend vermitteln zu können, wie der konkrete nächste Schritt denn ausschauen soll. Das, was war, ist klar – was nun sein soll, noch völlig diffus. Corona wird als Verlust­ereignis erlebt und darüber muss trefflich immer wie­der nachgedacht werden. Meist findet der Logikergrübler alle möglichen ,Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre … ‚ -Gründe für seine Belastung.

Raten ihm vertraute Personen zu einem ,Weniger-ist­- mehr‘ und zu einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit der Situation, dann werden sie mit einem ,Was versteht ihr denn schon?‘ oder einem ,Das geht nicht, weil … ‚ in ihre Denkschranken verwiesen. Irrationales, wie das Angebot, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben, wird oftmals schroff widersprochen, denn nur ein kühler Kopf sei in der Lage, alles zu über­blicken und in dieser besonderen Situation keinen Fehler zu machen.

In der Begleitung eines Logikers empfiehlt es sich, seine Handlungsresistenz, Deutungsüberschärfe und mentale Selbstüberforderung zu thematisieren. Dies gelingt gut, wenn er durch verschiedene Blickwinkel und eine humorvolle Gesprächsführung für konkrete Aktionen ermuntert wird. Natürlich, ohne dabei seine bisherigen Anstrengungen zu diskreditieren.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ,es kann mich niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden‘ [Adenauer]. Sie befähigt ihn zu grundsätzlich vernünftiger Argumentation und Risikoeinschätzung in relevanten Entscheidungen.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund. 

Corona-Blog: Stresskommunikation [Empathiker]

In Fortsetzung des gestrigen Beitrags komme ich heute zur Stresskommunikation. Und Stress haben heute ja nun wirklich viele Menschen – die Gründe dafür sind unterschiedlich. Angst, Überforderung, Hilflosigkeit, Erregung, Ärger, das kleine Virus triggert ganz mächtig unsere Emotionen. Und dabei verliert der ein oder andere schon einmal die Contenance, die Impulskontrolle oder lässt einfach seine gute Kinderstube vermissen. Oder aber es machen sich der Galgenhumor, der Sarkasmus oder auch der Rückzug in die Passivität breit. Neben diesem Stressverhalten zeigt sich die individuelle Belastung auch in der Stresskommunikation. Sie bei sich und anderen besser zuordnen zu können, schafft mehr Verständnis füreinander und ermöglicht Lernprozesse, um sich von seiner eigenen Stress- und Sprachwelt nicht alles gefallen zu lassen.

Rufen wir uns in Erinnerung, dass die eigene Sprachwelt und uns die dahinter stehenden Bedürfnisse von unseren wichtigsten Bezugspersonen [meist Eltern] vermittelt wurden. Dazu kommt nun die nächste Erkenntnis: Wurden die Bedürfnisse, die unsere Bezugspersonen mittels Kommunikation ’sendeten‘ nicht befriedigt, dann gerieten diese Menschen in Stress. Zuerst in eine Art Alltagsstress, in der sie eine Kommunikation pflegten, die dazu dienen sollte, doch noch ihre Bedürfnisse befriedigt zu bekommen. Oft ging dies auch gut und die Person ‚entspannte‘ sich [Beispiel: wurde Mutter laut, weil das Kind wieder sein Zimmer nicht aufgeräumt hatte und gehorchte es nun, dann wurde das Bedürfnis der Mutter befriedigt und es wurde ‚ruhig‘: ‚Braves Kind‘. Wurde das Kindesverhalten sogar belohnt, dann war klar: Mutter wird laut, dann muss ich als Kind gehorchen, dann winkt Belohnung]. Als Kind haben wir diesen psychischen Prozess oft genug wahrgenommen und da wir die Kommunikationsbedürfnisse unserer Bezugspersonen unbewusst erlernten, taten wir dies auch bei den Mustern der Stresskommunikation. Es mag daher eine spannende Reflexion sein, die persönlichen Stressmuster in der Kommunikation einmal mit denen zu vergleichen, die als Kind bei den eigenen Bezugspersonen erlebt wurden.

Nicht jeder kommunikativer Umgang mit dem Alltagsstress führt nun aber dazu, dass die nicht befriedigten Bedürfnisse durch Einsatz von Stresskommunikation befriedigt werden. Die Folge ist irgendwann eine Art Dauerstress. Man versucht dann – immer stärker sich selbst und andere überfordernd, womöglich sogar verbal verletzend – doch noch irgendwie die Anerkennung, Wertschätzung und Befriedigung zu erlangen, die man für sich erwartet. In diesem Prozess zeigt sich deutlich das ‚Lebensthema‘ [siehe im weiteren Text beispielhaft die Informationen zum Kommunikationsbedürfnis des ‚Empathikers‘ – ab morgen dann auch die jeweils anderen fünf], das förmlich dazu aufruft, anders ins Leben integriert zu werden als die Person es unter Stresseinfluss in der Lage zu sein scheint.

Dem Lebensthema geht eine Person, die es noch nicht im Zuge reifer Persönlichkeitsentwicklung integriert hat, förmlich aus dem Weg. Der Empathiker hat als Lebensthema den ‚Ärger‘. Ihm geht er aus dem Weg, eben weil er alles daran setzt, die Harmonie zu seinem Umfeld zu wahren. Ärger wäre da aus seiner Sicht kontraproduktiv, also schluckt er ihn herunter und zeigt alternativ seinem Umfeld ein sogenanntes Schein- oder ‚Maschengefühl‘. Beim Empathiker ist dies die ‚Trauer‘. Anstatt also das authentische Gefühl mitzuteilen – beim Lebensthema ‚Ärger‘ ist dies auch der ‚Ärger‘ – kommuniziert der Empathiker eine aus seiner Sicht zum Kontext passende Trauer. So ‚betrauert‘ er zum Beispiel, dass viele Menschen einfach so viel um die Ohren haben, so dass es ihnen nicht gelingt, die Sorgen und Nöte anderer wahrzunehmen – anstatt seinem Ärger [angemessen und andere nicht verletzend] Ausdruck zu verleihen, dass ihm gerade nicht die persönliche Zuwendung einer bestimmten Person zuteil wird, die er sich wünscht, um zu fühlen, dass er von ihr anerkannt und gebraucht wird.

Fassen wir bis hierhin zusammen:

Kommunikationsstil: EMPATHIKER
Kommunikationsbedürfnis: Austausch von Gefühlen
Psychisches Bedürfnis:
Will Anerkennung als Person und sinnliche Anregungen
Verhalten unter Alltagsstress: Fühlt
, es anderen recht machen zu müssen und passt sich anderen der Harmonie willen übermäßig an
Verhalten unter Dauerstress: Ü
berdehnt seine Fürsorge und lädt aufgrund seiner Anpassung an die Wünsche und Erwartungen anderer zur Kritik ein
Lebensthema: Ärger

authentisches Gefühl wäre: Ä
rger
Scheingefühl [Masche]: äußert 
Trauer

Und nun Corona. Trifft es auf einen Menschen mit einem Basisbedürfnis eines Empathikers, dann auf jemanden mit der Haltung: „Opfern und alles geben“. Ich erlebe in meiner Praxis diese Menschen einerseits sich sehr über das virale Ungemach in der Welt ärgern, andererseits aber auch bereit, den Familienmitgliedern, Kollegen, Freunden und Nachbarn alles zu geben, damit die Belastungssituation für jeden nur bald endet und wieder friedliches Fahrwasser erreicht wird. Dass diese Haltung, es allen mit dem eigenen Helfergeist recht machen zu wollen – sich dabei möglicherweise sogar schuldig zu fühlen, dass man nicht alles schafft, weil die eigenen Kräfte nicht ausreichen – einen wesentlichen Anteil an zusätzlicher Belastung haben kann, ist für den ,Belastungsharmoniker‘ kaum zu glauben. Kritisieren vertraute Personen seine hilfsbereite und mitleidende Haltung und raten zu ,gesunder Distanz‘, dann fühlt sich der Empathiker meist verunsichert, selbstzweifelnd und ungeliebt.

Seinem Muster folgend, versucht er, den eigenen Ärger über die Gegebenheiten durch eine überstarke Zuwendung zu den Akteuren im belasteten System zu verdecken. Dieses irgendwann durchsichtige Manöver [das von anderen zum Beispiel als Überfürsorge, oder als subtile Form, anderen von einem abhängig zu machen] führt zügig in eine Teufelsspirale, an dessen Ende eine zutiefst deprimierte und sich selbst verletzende Person stehen kann.

Bei allem Risiko, sich in den Nachrichten über Todesfälle, schwere Lungenerkrankungen, Folgen für die Familien der Betroffenen und über eine sich aufopfernde, riesige Gruppe von Ärzten und Pflegern zu verlieren und sorgenvoll schlaflose Nächte zu durchleben, ist die grundsätzliche Lebenseinstellung des Empathikers ebenso so wichtig wie es auch die anderer Menschen sind. ,Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid‘ [da Vinci]. Diese Haltung bewahrt einen Menschen mit stark ausgeprägten Empathikerbedürfnissen davor, hartherzig oder die Belange anderer Menschen missachtend, nur seine eigene Situation entlasten und verbessern zu wollen. Es ist gut, dass es sie gibt, die Empathiker. So wie auch die Logiker, aber um die geht es morgen.

Bis morgen.
Bleiben Sie gesund.

Corona-Blog: Verhalten im Zeichen des Virus.

Gerade bin ich jemandem begegnet, der fest davon überzeugt ist, dass das Virus von der Weltmacht WHO über die Menschheit gekommen ist. Die Weltgesundheitsorganisation also ist eine der vielen Adressen, denen zugeschrieben wird, uns das Böse zu verabreichen. Diesmal in Form kleiner viraler Häppchen. Gut, des Menschen Glaube ist sein Himmelreich. Und rechnet man einmal heraus, dass es neben Millionen Bundestrainern im Fußball und weiteren Millionen Experten der internationalen Flüchtlingspolitik nun auch ebenso viele Virologen gibt, die ihren Unwissenheitssenf zum Besten geben, dann bleibt doch bei jeder dieser Äußerungen so etwas wie Stress übrig, den die einzelne Person hat und den sie nun auf ihre Art und Weise zum Ausdruck bringt.

Bevor ab morgen auf die sechs verschiedenen Stressmuster eingegangen wird, von denen Menschen immer eines aktualisieren und von denen keines wirklich besser ist als das andere, hier die aus unserer Sicht beste Umgangsweise, nicht nur bei Corona:

Dieser Umgang lautet: ‚Radikale Akzeptanz dessen, was ist und mit eigenen Ressourcen nicht abgewendet werden kann, um sich über den Verzicht der Auflehnung gegen das Ereignis den Möglichkeitsraum offen zu halten, in dem getan werden kann, worum es jetzt zu gehen hat‘.
Therapeutisch gesprochen kombiniert dieser Umgang die sinnzentrierte Psychotherapie nach Viktor Frankl mit der dialektisch-behavioralen Therapie nach Marsha Linehan. Im Alltag hat diese sinnorientierte, akzeptierende Haltung sofort Folgen, zum Beispiel:
– man geht nichtssagendem, dusseligem, negativem, herunterziehendem Gequatsche anderer aus dem Weg; man schaltet quasi die Ohren auf Durchzug;
– man meidet die Flutung mit täglich wiederkehrenden Nachrichten, die im Kern aber solange irgendwie gleich klingen, bis jemand, der die Situation dank seiner Primärkompetenz beurteilen kann, Entwarnung gibt. Auch wenn sich der ein oder andere Virologe aktuell in einer Situation befindet, die auch ihn dazu vielleicht ermuntern mag, über seine Karriere- und Profilierungsmöglichkeiten nachzudenken: seine Kompetenzen sind allemal höher einzustufen als die zum Beispiel von Politikern, die der Ansicht sind, sie könnten per Dekret ein Virus zum Osterfest abstellen;
– man kommuniziert – auch nahestehenden – Menschen, dass man sich von sich selbst und anderen nicht alles gefallen lassen will, um ‚bei besten Kräften‘ zu bleiben, die man braucht, wenn sich die Lage wieder wendet [und sie wird sich wenden!]. Dazu gehört dann eben auch, dass man radikal akzeptiert, sich von der ein oder anderen Person [zeitweise] zu ‚trennen‘;
– man kümmert sich ausschließlich um das, was man trotz der Gegebenheiten für sich, seine Familie, seine Freunde, Mitarbeiter, Kollegen und so weiter durch konkretes Handeln in die Welt schaffen kann.

Radikal meint auch, nicht nur montags und donnerstags oder nur zwischen 12 und 13 Uhr. Sondern ein konsequentes Akzeptieren, was ist, wie es ist – sofern keine eigenen Ressourcen zur Verfügung stehen, es zu ändern. Klar, wenn mein Tischtuch brennt, werde ich löschen. Wenn das des Nachbarn brennt und er mich ruft, um ihm beim Löschen zu helfen, dann werde ich helfen, wenn ich dazu in der Lage bin. Wenn aber zum Beispiel ein Virus gerade das medizinische Personal einer Klinik komplett fordert, dann werde ich akzeptieren was ist und darauf verzichten, mich dagegen aufzulehnen, dass die Behandlung meines Tinnitus [oder irgendeines anderen Beschwernisses] gerade nicht die höchste Aufmerksamkeit erfährt.

Es gilt also Haltung zu bewahren, wenn man vor einem Problem steht, das durch eigenes Handeln nicht gelöst werden kann, eben weil eine Situation nicht veränderbar ist. Und dass es vieler dieser Nicht-Veränderbarkeiten gibt, weiß der Mensch [eigentlich]:
– alles, was in der Vergangenheit mit mir oder mir Nahestehendem geschah, hat bereits stattgefunden, tat und tut vielleicht noch weh. Radikales, sinnorientiertes Akzeptieren bedeutet nun: „Das ist so. Worum kann es mir nun trotz allem gehen?“
– alles, was ich nicht erreichte, obwohl ich es sooo gerne [auch] erreicht hätte, macht mich traurig, wütend …, aber jetzt: „Das ist so. Worum kann es mir nun trotz allem gehen?“

Kleiner Tipp zur Selbsttherapie: Schreiben Sie eine Liste auf mit den Themen, Problemen usw., die vergangen und geschehen sind. Schreiben Sie dazu auf, wie sie emotional und gedanklich bislang mit diesen Themen und Problemen umgegangen sind. Und nun notieren Sie zu jedem Punkt:
„Das ist so. Worum kann es mir nun trotz allem gehen?“
Beginnen Sie nun damit, [kleine, vielleicht erste] Handlungen durchzuführen [nicht nur planen, sondern agieren!].

Wer radikal akzeptiert, lässt nicht zu, sich von belastenden Ereignissen auffressen zu lassen und sich von seinen – für sich selbst oder anderen –  negativen Impulse leiten zu lassen. Das ist gut und bringt einen Menschen weiter.

Nicht, dass wir uns missverstehen. Es geht nicht darum, sich JETZT alles gefallen zu lassen. Wer JETZT etwas erlebt, was schmerzt, und dagegen JETZT etwas unternehmen kann (sich wehren oder sich helfen lassen …], der soll dies tun. Es gibt keinen guten Grund, JETZT zu leiden. Wenn man in einer Situation aber mit eigenen Ressourcen etwas nicht unternehmen kann oder wenn helfende Ressourcen anderer nicht zur Verfügung stehen [Beispiel Tinnitus und überlastete Kliniken], der tut gut daran, radikal zu akzeptieren. Denn es gibt immer ein ‚Worum trotz allem‘.

Corona-Blog: Was von Corona ist wirklich Krise?

Erinnern wir die Definition von Individual-Krise: „Krise ist ein belastender, temporärer, in seinem Verlauf und in seinen Folgen offener Veränderungsprozess der Person, der gekennzeichnet ist durch eine Unterbrechung der Kon­tinuität des Erlebens und Handelns, durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation und eine Destabilisierung im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels und durch ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern.“ [eng angelehnt an Bernd Ulich, Psychologie-Professor der Universität Augsburg]

Und nun haben wir ein Mega-Ereignis, das Virus. Rein sprachlich haben wir also keine Corona-Krise, sondern einen erforderlichen ‚Umgang mit einem Ereignis‘, der – würde er wirklich nicht geleistet werden können – bei Menschen eine Krise auslösen kann.

Ich will nun entlang meiner Wahrnehmungen nach vielen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen und ihren Situationen in den vergangenen zwei Wochen ein wenig genauer schauen:

  • Das Ereignis ist belastend.
    Hier zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Für eine Reihe der Menschen war das Leben vor Corona bereits belastend. Das Virus hat es für einen Anteil dieser Menschen weiter erschwert, für einige aber sogar auch erleichtert, weil sich nun Lebensthemen gewidmet werden kann, die zuvor zu kurz kamen. Nach dem Guten im Schlechten zu schauen, fällt womöglich nicht leicht, lohnt aber dennoch!
  • Das Ereignis ist temporär. Sicher, auch dieses Virus grassiert über einen endlichen Zeitraum. Soviel ist sicher. Aber niemand kann zur Zeit sagen, wie lange es dauert, bis das Ende in Sicht ist. Und worin die Kriterien genau bestehen, von einem Ende sprechen zu können. Diese Unsicherheit führt bei vielen Menschen [und Systemen] zur massiven [Stress-]Belastung. Wo stehen wir im Prozess, wohin geht die Reise, wie geht es weiter? Wir könnten also statt von Corona-Krise wohl eher von Planungskrise sprechen. Und wenn wir das tun, dann kann sich jeder fragen, was er früher tat, wenn eine Planung nicht realisiert werden konnte?
  • Das Ereignis ist in seinem Verlauf und in seinen Folgen ein offener Veränderungsprozess der Person. Bei diesem Kriterium finde ich nichts, was gegen es spricht. Meine Gesprächspartner formulierten dies zum Beispiel so: ‚Ich stehe im Moment im Dunkeln, wo mich das alles hinführt‘; ‚ich habe damals, 2001, das ‚9/11′ aus beruflichen Gründen vor Ort miterlebt, aber das jetzt ist noch einmal eine ganz andere Dimension für mich, denn die kollektive Betroffenheit an sich aller Menschen weltweit ist ein Phänomen, das ich noch bisher nicht kannte. Weil es aber alle betrifft, ist es irgendwie auch leichter‘, ‚ändern kann ich es nicht, nur das Beste draus machen – im Moment suche ich noch nach dem Besten’…
  • Das Ereignis ist gekennzeichnet durch eine Unterbrechung der Kon­tinuität des Erlebens und Handelns. Hier wiederum gibt es von Mensch zu Mensch kaum Unterschiede, es sei denn man lebt unter sehr stabilen Bedingungen [die stabilsten finden sich derzeit wohl im Gefängnis].
  • Das Ereignis zeichnet sich durch eine partielle Desintegration der Handlungsorganisation aus. Im Kreis meiner Gesprächspartner gab es niemanden, der nicht hinreichend viel zu tun hatte und hat, um seine Tagesaufgaben neu zu justieren [hier sei im übrigen empfohlen, sich bestimmte, seien es noch so ‚kleine‘ Rituale trotz aller Unterschiede aufrecht zu erhalten, zum Beispiel, dass man sich so anzieht, als würde man ins Büro fahren, auch wenn man gleich im Home-Office sitzt]. Als am häufigsten genanntes ‚Problem‘ sind dabei die Kinder, die den Tag lebendigst durcheinander wirbeln. Aber kennen Menschen diese ‚Störungen‘ im täglichen Handeln nicht auch aus anderen Lebenslagen? Ich selbst kenne das Phänomen aus den Zeiten einer unerwarteten Auftragsflut oder aus der Zeit der Unterstützung meiner Mutter im 600km entfernten Pflegeheim.
  • Das Ereignis destabilisiert im emotionalen Bereich mit dem zentralen Merkmal des Selbstzweifels. Ja, der emotionale Bereich kann durch die medizinisch-politischen Rahmenbedingungen in der Tat mächtig unter Druck geraten. Das Spektrum reicht dabei von einer Zunahme- oder Verstärkung von Angst-, Zwangs-, Depressions- und Suchtstörungen, über Probleme mit der Selbstkontrolle [Aggressivität, Lethargie …] bis hin zu kriminellem Verhalten [erste Fälle von Anspucken anderer Personen, Wohnungspartys bei bewusster Infektion – man erinnere ähnliche Verhaltensweisen von seinerzeit AIDS-Infizierten].
    Jedoch, und das lässt mich dafür plädieren, die aktuelle Situation individuell nicht als Krise, sondern als äußerst komplexes und [über]forderndes Problem zu benennen: Dass Menschen an ihrem Selbst, an ihren Werten und Grundüberzeugungen eingedenk von Corona zweifeln, habe ich bisher nicht wahrgenommen. Die virusbedingte Extrembelastung gibt wirklich wenig Grund dafür, sich eine Schuld, eine Verfehlung, ein Versäumnis zuzuschreiben – eine Zuschreibung also, in der man sich fragt, ob man selbst noch einen guten Grund dafür hat, seinen Werten entsprechend zu leben. Wenn Corona als solches also nicht dafür herangezogen werden kann, von Krise zu sprechen, dann darf nicht übersehen werden, dass sehr wohl aber der Umgang mit den Bedingungen zu einer Krise führen kann. Wer sich zum Beispiel von morgens bis abends von den medialen Ergüssen berieseln lässt, der schafft weder das Problem aus der Welt, noch etwas in die Welt. Die Folge ist letztlich der Selbstzweifel a là ‚es ist ja alles so schlimm, ich kann selbst gar nichts ausrichten‘. Erst, wer sich diesen Gedankenstrudel zu eigen macht, läuft Gefahr, in eine Individualkrise zu gelangen. Um in diese Gefahr zu kommen, braucht es aber nicht ein Virus, sondern die Unkenntnis der eigenen Werte [hierüber, insb. wie man die eigenen Werte erkennt, wurde in der Krisenpraxis bereits an vielen Stellen berichtet].
  • Das Ereignis erfordert ein Bündel notwendiger Ressourcen, die die Person entweder nicht hat oder von denen sie nicht weiß, dass sie sie hat, um die Situation zu meistern. Aktuell wird besonders die Ressource Geld thematisiert. Klar, wenn einer Person die finanzielle Puste ausgeht, dann kommen Ängste aller Art hoch – in den allermeisten Fällen jedoch fangen die verschiedenen Schutzschilde den Einzelnen auf, zumindest in Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern. Das allein ist fraglos zu kurz gesprungen, denn in unserem globalen Dorf verdienen viele Menschen einen Teil ihres Geldes über ihre Unternehmen und Organisationen mit Partnern, deren Volkswirtschaften deutlich stärker durch die aktuellen Bedingungen in die Knie gehen werden. Oder sie arbeiten in einer selbständigen oder freiberuflichen Tätigkeit, in der sie ohne nennenswerte Rücklagen für solche Notsituationen bei längerem Auftragsausfall an die Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten stoßen. Das wiederum wird dazu führen, dass Corona [es hätte auch jedes andere Mega-Ereignis können] auch in Deutschland trotz Ausschöpfen aller [Einspar-]Quellen zu einer höheren Arbeitslosigkeit und Insolvenzquote führen wird.
    Weiter gedacht erscheint dann jedoch aus unserer psychologischen Perspektive das eigentliche Problem am Horizont, das sich zu einer individuellen Krise auswachsen könnte, würde daran nicht gearbeitet: „Das Bedrückende ist nicht die Arbeitslosigkeit an sich, sondern das Sinnlosigkeitsgefühl. Der Mensch lebt nicht von der Arbeitslosenunterstützung allein.“ [Viktor Frankl]
    Womit wir beim zentralen Thema der Sinntheorie Viktor Frankls sind. Weiß der Mensch um seine wesentliche Ressource, seine Werte, dann findet sich ein Ausweg aus der empfundenen Sinnlosigkeit. Dann findet sich eine Antwort auf die Frage: Wozu ruft mich die jetzige Situation auf? Worum hat es mir jetzt zu gehen? Wer seinem Leben auf diese Fragen antworten kann, findet wieder Anschluss – vielleicht nicht gerade und genau da, wo man zuvor stand, aber doch robust genug, um sich bei aller Veränderung nicht zu verfehlen.

Corona-Blog: Ja, sind wir denn nun ganz von der Rolle?

Die Nachrichten sind zwischenzeitlich voll von aufregenden Ereignissen rund ums Papier für stille Minuten. Nicht nur in Deutschland, auch in vielen anderen Ländern wird das gerollte Papier zu einer Art Aktie für den Notfall. Selbst die Politik muss darauf aufmerksam machen, dass ein Notstand der Güter des täglichen Bedarfs überhaupt kein Thema ist – besuche ich selbst den Großhandel, zum Beispiel Metro, Selgros oder den Edeka-Großhandel, dann sind die Regale proppevoll. Was soll das also? Kurz gesagt: Die Psyche meldet sich auf ihre langweiligste Art und Weise. Der Raubtierkapitalismus manch ‚kleinen Mannes‘ – auch Frau – scheint voll durchzuschlagen. Andere stehen fassungslos diesem Treiben gegenüber und fragen sich, wie sich das Phänomen erklären lässt?

Im Coaching werden diese Persönlichkeitsakzentuierungen gerne herangezogen, um Hypothesen darüber zu bilden, was wohl der Urknall für Verhalten wie diese gewesen sein könnte. Dieser ‚Übung‘ will ich nun auch etwas nachhängen [so, wie ich dies in meiner, übrigens den aktuellen Kontaktregeln ensprechenden, Coachingausbildung mit den Teilnehmer*innen praktiziere], ohne Anspruch auf Vollständigkeit – im Gegenteil, eher als Anregung für Sie, vielleicht im Kreise der Familie [gerade Kinder machen da gerne mit] über diese oder andere Besonderheiten in Zeiten des Virus nachzudenken und miteinander zu plaudern.

Lust auf Rolle, weil

  • Ausscheidung ist schambesetzt. Das will man vermeiden.
  • Gier als Verhaltensmuster bestimmter Menschentypen ist die Ursache.
  • Der berühmte Herdentrieb – früher war es der Sommerschlussverkauf, heute die Rolle.
  • Zeitungspapier, Wasser oder Bärlauchblätter – diese Möglichkeiten aus Kriegszeiten will man in unserer zivilisierten Welt nicht mehr in Betracht ziehen.
  • Die Rolle ist eine Ersatzhandlung – das flauschige Papier tut gut in rauer Zeit.
  • Der Virus könnte besonders am Ausgang sitzen, viel Virus, viel Papier. Logisch, oder?
  • Zur Ausscheidung ging man bisher zu McDonalds, ins Museum, zu Freunden und/oder man nahm – als Zusatznutzen – den Besuch im Schwimmbad, im Seniorenheim, natürlich auch den Arbeitsplatz usw. für die Örtchen-Momente in Anspruch. Folge: zu Hause ist nun Papier-Ebbe.
  • Ausgehbeschränkungen führen zu Warteschlangen vor dem Wohnungsklo – die ganze Familie muss, das ins neu und bedarf der Vorratshaltung. Außerdem wird mangels Restaurant wieder mehr zu Hause gegessen, mit den entsprechenden Verdauungsfolgen.
  • Der Virus zwingt uns zu Veränderungen – gegen ihn können wir unmittelbar nichts tun. Anders beim Zwang des eigenen Körpers, da haben wir mit der Rolle ein Sicherheitsgefühl, noch handeln zu können.
  • Nicht zu vergessen, in der Steinzeit haben wir gejagt und gesammelt – wo gibt es diese Gelegenheit noch in einer Überflussgesellschaft?
  • Menschen könnten schlicht den Dreisatz nicht beherrschen: wenn ich eine Rolle in drei Tagen benötige, wie viele sind es dann in zwei, vier, zehn Wochen? Gut, dafür hilft der Rollenkalkulator.
    [Wem die Statistik reicht: Im Durchschnitt verbraucht jeder Deutsche in seinem Leben 3.651 Rollen, pro Jahr 46, pro Sitzung 57 Blätter – Quelle: Industrieverbands für Körperpflege und Waschmittel. Jetzt aber hurtig ins Bad und nachzählen.]
  • Das Virus ist unbekannt – zumindest der Normalbevölkerung. Die Vorstellung seiner Herkunft, seien es Fledermaus, chinesische Wildtiere oder andere von sogenannten Fachleuten formulierten Spekulationen, bereiten Angst, vielleicht auch Ekel. Das Klopapier ist dagegen ein Hort der Sicherheit und des Kontrollerhalts.
  • Mit den Rollen kann man prima auch die von der Regierung verordnete Abschottungszeit rechnen. Sprechen da manche in den Medien von Monaten der sozialen Quarantäne, dann kann man am Verbrauch der Rollen das Ende des Virus kommen sehen. Fast so wie das Maßband, das Soldaten abschneiden, wenn es an das Ende der Dienstpflicht geht. Die letzte Rolle als Maß aller Hoffnung – das ist fast schon lyrisch.
  • Leider – auch das gehört dazu – werden manche Menschen mit spezifischen Zwangserkrankungen besonders auf das Klopapier angewiesen sein. Vielleicht sollten alle Therapeuten diese Perspektive im Auge behalten und mit ihren Patienten den Umgang mit der besonderen Situation erörtern.
  • Auch nicht ganz abwegig mag die Vorstellung sein, dass sich das Papier für ganz andere Nutzungen anbietet als der bekannten. Basteln, spielen, auch die Anfertigung von Lockenwicklern oder der Einsatz als Putzlappenersatz sollten den Massenkonsum mit erklären helfen.
  • … Hier ist Platz für Ihre eigenen Hypothesen …

Natürlich: Wenn man nun für sich und – [eventuell] ungewohnt – für die ganze Familie plus im Zuge der Nachbarschafts- oder Altenhilfe zur Rolle greift, dann kann schon mal ein größeres Gebinde nachvollziehbar sein. Für das aktuelle Hortungs- und Hamster-Geschehen jedoch findet sich keine rechte Sinnhaftigkeit. Vielleicht also doch kurz in den Faktor Vernunft investieren und sich an Immanuel Kant orientieren: „Kaufe Klopapier nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Bleiben Sie gesund.
Morgen geht’s weiter.

Corona-Blog: Sich ’so oder so‘ den Bedingungen stellen

Unser globales Dorf hat einen winzigen Gegner. Ungefähr 150 Nanometer ist er groß. Ein Nanometer verhält sich zu einem Meter wie der Durchmesser einer 1-Cent-Münze (16,25 mm) zu dem des Erdballs (12.714 km). 150 nm, also 0,00015 mm – ein unsichtbares, winziges Wesen

Im Vergleich: Eine Gehirnzelle ist etwa fünf bis 100 Mikrometer (1 μm = 0,001 mm) groß, also bis zu 0,1 mm und damit x-mal größer als das Virus. Zwar auch winzig, aber in jedem Menschen in Massen vorhanden, und in unserem globalen Dorf schier unendlich verfügbar. Also sollten wir uns von Corona nicht alles gefallen lassen, sondern vielmehr das nutzen, was reichlich verfügbar ist. Hirnzellen.

Viktor Frankl sagte schon: „Jeder Mensch hat Bedingungen, doch er kann sich so oder so diesen Bedingungen stellen„. Das Virus ist eine der aktuell alltäglichen Bedingungen vieler Menschen. Ihm kann man sich nun psychisch oder geistig stellen (und dies in den beiden Varianten: infiziert / nicht infiziert):

[noch] nicht infiziert
psychisch-dysfunktional – z.B. ‚dann krieg ich eben Corona, Hauptsache Spaß‘ oder der Aufbau einer stattlichen Klopapier-Sammlung [dazu morgen mehr].
Personen mit diesem Verhalten zeigen ‚kein Interesse an der Welt‘ und eine provisorische Daseins-Haltung. Tendenziell leben sie entlang ihrer Langeweile in den Tag hinein und aus ihren Trieben heraus [Corona-Party …]. Oder sie zeigen ‚keine Initiative für die Welt‘ und eine fatalistische Lebens-Einstellung. Tendenziell folgen sie der Idee ‚wo der Glaube zurückgeht, wächst der Aberglaube‘ [z.B.: ‚Die Hauptsache ist jetzt Klopapier‘ oder die Neigung, sich Verschwörungstheorien anzuschließen oder – wie auf Fehmarn geschehen – Urlaubsgäste in die eigene Ferienherberge zu ’schmuggeln‘ …].

infiziert
psychisch-dysfunktional – z.B. das vollbewusste Anhusten anderer Menschen nach zuvor vollzogener privat beendeter Quarantäne oder das Verschweigen eigener, bekannter Symptome nach Aufenthalt in einem Risikogebiet, um die Teilnahme des eigenen Kindes an einer Reha-Behandlung zu sichern – mit der Folge, dass eine ganze Kinderklinik gesperrt werden musste.
Personen mit diesem Verhalten lassen deutlich eine Orientierung am Gewissen vermissen. Das Gewissen ist die intuitive geistige Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn aufzuspüren, der in jeder Situation verborgen ist. Dass individueller extremer Belastungsstress oft als die Quelle für derart verfehltes Verhalten zur Begründung herangezogen wird, rechtfertigt nicht die jedem Menschen per se gegebene Möglichkeit, dem Streben nach Selbstverwirklichung die der Sinnverwirklichung voranzustellen.

[noch] nicht infiziert
geistig-funktional – alle Handlungen, die ein Mensch setzt, „in einem Werk, das er schafft oder in einem Erlebnis von Kunst, Natur, Schönheit, Wahrheit, wissenschaftlicher Forschung, oder in dem Erlebnis von Güte, in dem Erlebnis eines anderen Menschen, in dessen Einmaligkeit und Einzigartigkeit.“ [Frankl]
Personen mit diesem Verhalten zeigen ‚Interesse an der Welt‘ und eine wertebasierte  Daseins-Haltung. Tendenziell schaffen sie entlang ihrer Werte etwas in die Welt hinein. Oder sie zeigen ‚Initiative für die Welt‘ und eine hoffnungsvolle Lebens-Einstellung. Tendenziell folgen sie der Idee: ‚wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch‘ [Hölderlin], und handeln, indem sie sich Menschen oder Themen annehmen, ohne dass die Wirkung ihres Handelns auf sie selbst gerichtet ist. Zu einer solchen Handlung gehört auch, sich zum Wohl anderer von Menschen [auch geliebten] fernzuhalten, solange die Gefahr besteht, dass ein anderes, [auch gut gemeintes] Handeln zu einem Schaden werden kann. Die Beurteilung eines solchen möglichen Schadens bedarf einer Primärkompetenz, die aktuell einzig denen zugestanden werden muss, die um die Bewertung der Bedingungen am besten wissen. Es gilt daher hier das Primat der medizinischen Wissenschaft.

infiziert
geistig-funktional: Gerade dort, wo ein Mensch sichtlich hilfloses Opfer einer sichtlich hoffnungslosen Situation konfrontiert ist mit einem Schicksal, das er gar nicht ändern kann, dass gerade dort noch immer eine letzte Sinnmöglichkeit besteht und zwar, Zeugnis abzulegen davon, wessen der Mensch und nur er fähig ist, nämlich eine Tragödie in einen Triumph zu verwandeln, oder ein Leiden in eine menschliche Leistung umzukehren. Das heißt, dass eigentlich es keine Lebenssituation gibt, die wirklich bar wäre jedweden Sinns. [Frankl]. Menschen zeigen dies in ihrem Verhalten, indem sie zum Beispiel nicht aufbegehren, sollte eine sonst erwartbare medizinische Leistung nicht erbracht werden können. Indem sie zum Beispiel tapfer erdulden, was zu ändern gerade nicht möglich ist. Psychisch zuweilen kaum erträglich, kann sich geistig in menschlicher Großartigkeit verhalten werden – in einer Weise, wie es Außenstehende nicht für möglich erachten. Und doch: man muss sich von seiner Psyche nicht alles gefallen lassen.

Jetzt ist eine Zeit, in der das Psychische oder das Geistige bei jedem Menschen vollsichtbar werden. Wer kurz innehalten mag, um hineinzufühlen, wie Geistiges sich individuell vollziehen kann, dem können diese Fragen weiterhelfen:

  • Wer will ich als Opa, Oma, Vater, Mutter, Sohn, Tochter … unter den Corona-Bedingungen gewesen sein?
  • Wer will ich als Mitarbeiter*in meines Unternehmens gewesen sein?
  • Worum geht es mir jetzt konkret und unmittelbar?
  • Was täte mir leid, es gerade jetzt nicht getan, gestaltet, entschieden, gesagt zu haben?
  • Welche meiner Handlungen sind unter den aktuellen Bedingungen eher hoffnungs- oder leidvermehrend?
  • Sehe ich die Kraft des Satzes: „Das Leben hat unter allen Umständen Sinn“ ?

„Es gibt keine Lage, die sich nicht veredeln ließe,
entweder durch Leisten oder durch Dulden“
Goethe

Bleiben Sie gesund.
Hier geht’s morgen weiter. Mit Klopapier.

Neues Buch von Ralph Schlieper-Damrich

Gerne möchte ich Ihnen mein soeben erschienenes neues Buch für Logotherapeuten und sinnorientiert arbeitende Coachs vorstellen.
Ich freue mich, wenn es auf interessierte Leserinnen und Leser trifft.

Zum Buch: Jetzt kommen Sie doch einmal auf den Punkt! Hinter diesem Appell steht meist eine bei einer Person erlebte Unklarheit, Langsamkeit, Unschlüssigkeit oder Ineffizienz. Man wünscht sich ein verbindliches und eindeutiges Wort. Was aber, wenn es einem Menschen selbst im inneren Dialog an solch deutlichen Worten fehlt? Und was, wenn dann zudem eine Situation eintritt, die sich durch einen unumkehrbaren, unwiederbringlichen, unersetzlichen Verlust oder eine sich plötzlich auftuende, einmalige Möglichkeit auszeichnet? Eine Situation, die eine klare Stellungnahme erzwingt? Ralph Schlieper-Damrich nennt diese Situationen ‚Tode im Leben‘ und das, was ihnen bestenfalls folgt ‚existenzielle Abschiede‘. Deren Besonderheiten und Hintergründe beleuchtet dieses Buch – psychologisch, auf Basis der Sinntheorie Viktor Frankls existenzphilosophisch und mit zahlreichen Fallvignetten aus der Praxis. Und es lädt ein, sich zum Prozesscharakter in Logotherapie und –coaching eine erweiterte Perspektive zu erarbeiten, denn: Problementstehungsprozess, Coach/Therapeutenauswahlprozess, Coaching/Therapieprozess, Veränderungsprozess, Lösungsprozess, wohin man auch schaut, der Prozess dominiert – nicht der Punkt. Aus gutem Grund rückt er daher in diesem Buch in den Vordergrund. Denn es geht um die Todespunkte im Leben. Besondere Punkte, die zu besonderen Abschieden führen, besondere Stellungnahmen erfordern und besondere Gefühle auslösen. Punkte, die den Klienten dazu aufrufen, sofort verantwortungsvoll und wertebasiert zu handeln. Das Buch bietet Geschichten über diese Punkte und über existenzielle Abschiede. Und es sensibilisiert für die Besonderheit existenzieller Gefühle. Es integriert eine kleine ‚Philosophie des Punktes‘, es regt zu einer Neubetrachtung der von Viktor Frankl so genannten Einstellungswerte und zu seinen Thesen zur Person an – und es versucht den Beweis anzutreten, dass jeder Mensch an ‚Leben nach Tod‘ glaubt.

Zur Person: Ralph Schlieper-Damrich zählt zu den erfahrensten Krisencoachs und Logotherapeuten im deutschsprachigen Raum. Seine Berater- und Therapeutentätigkeit umfasst bislang mehrere Hundert von ihm begleiteter akuter Krisen- und existenzieller Lebenssituationen. Er ist Autor zahlreicher Buch- und Online-Publikationen in den Themen Krise, Krisenprävention und Sinn. Als Pionier in der Transformation der Logotherapie Viktor Frankls ins Coaching positioniert er sich deutlich jenseits des aktuellen Coachingmainstreams. Zu seinen Kunden zählen große und mittelständische Industrieunternehmen, Banken und Versicherungen, Organisationen aus dem Dienstleistungs- und IT-Sektor, politiknahe Institutionen und zahllose Einzelpersonen. Ralph Schlieper-Damrich studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, gefolgt von dreizehn Jahren in leitenden Funktionen im Personal-, Qualifizierungs- und Kulturmanagement von Konzernen und internationalen Bildungsinstitutionen. Er promovierte in Philosophie zum Kontext ‚logos und crisis – sinnorientierte Krisenberatung nach Viktor Frankl‘ und verfügt durch seine Vollausbildung in der originären Logotherapie mit anschließend langer klinischer Hospitation über die Erlaubnis zur Leitung einer psychotherapeutischen Praxis. Dr. Ralph Schlieper-Damrich lebt und arbeitet mit seiner Frau in Augsburg.

Die Internet-Seite zum Buch lautet: https://buecher.perspektivenwechsel.de/

 

„Wie geht’s“ – V

Fortsetzung vom 20.4.19

Wer sich jedoch präventiv seiner Emotio­nen klar wird, kann sie im Fall des Falles annehmen, justieren, regulieren und damit leichter aus dem Stimmungstief herauskommen. In einer Krise diese Emotionsarbeit zu leisten ist natürlich ebenso möglich – nur ungleich schwerer, da neben dieser Klärungsarbeit der eigentliche Anlass ja auch bedrückt. Was Menschen in einer solchen Situation oft versuchen ist, dem Ereignis einen Sinn ab­zuringen – ‚für irgendetwas wird es gut sein‘. Dieses sehr menschliche Vorgehen entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als [weitere] Illusion. Der Illusion, man bliebe wohl verschont von bestimmten Ereignissen, gesellt sich nun die zweite, dass man wohl erst durch die Krise einen Reifungsschritt hat gehen können. Ist dieses Menschenbild in einer Zeit, in der so viel zur Verfügung steht, um sich selbst gut kennenzulernen, angemessen?

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Krisenprävention verhindert keine Krisen. Ihr Beitrag besteht vielmehr darin, den Umgang mit Krisen zu verbessern. Durch sie wird es möglich, sich über das Wesentliche bewusst zu werden, über das, was jede Krise überdauern wird – die eigenen Werte [Betonung auf eigene]. Wer sie kennt, setzt klare Prioritäten, entscheidet wertebewusst, bleibt weltoffen und sensibel für die trotz allem auf den Menschen wartenden Sinnangebote.

Krisenprävention kann man nicht delegieren. Wer sie also selbstbewusst vollzieht, kann Krisen in eigener Stärke trotzen. Krisenprävention kostet nicht viel an Zeit oder Geld. Es kostet vorrangig Überwindung des Glaubens an eine lllusion. Ist sie überwunden, lässt sich auf die Frage ‚Wie geht’s‘ selbstbewusst antworten: „Danke, ich stehe im Einklang mit mir.“