Neurosen

12 irrationale Vorstellungen nach Albert Ellis, die eine Neurose hervorrufen und aufrechterhalten

    1. Die Vorstellung, es sei eine dringende Notwendigkeit, dass Erwachsene von jemandem geliebt werden und zwar für nahezu alles, was sie tun – statt sich also auf ihren Selbstrespekt zu konzentrieren, für praktische Zwecke Anerkennung zu ernten, statt sich darauf zu konzentrieren, dass sie selbst jemandem Liebe zeigen, statt selbst geliebt werden zu wollen.
    2. Die Vorstellung, bestimmte Handlungen seien fürchterlich oder schlecht und dass Menschen, die solche Handlungen vollziehen, verachtet werden müssen – statt der Vorstellung, dass bestimmte Handlungen unsinnig oder antisozial sind und dass Menschen, die so handeln, sich dumm, ignorant oder neurotisch verhalten und Hilfe benötigen, damit sie sich ändern. Wenn Menschen sich schlecht verhalten, macht das niemanden zu einem verachtenswerten Individuum.
    3. Die Vorstellung, es sei entsetzlich, wenn die Dinge anders sind, als wir das gerne möchten – statt der Vorstellung, dass die Lage gar nicht so schlimm ist, dass wir widrige Umstände zu ändern oder in den Griff zu bekommen versuchen, sodass sie zufriedenstellender sind, und wenn das nicht möglich ist, sollten wir das lieber vorübergehend hinnehmen und uns in ehrenhafter Weise damit abfinden, dass die Dinge nun mal so sind.
    4. Die Vorstellung, menschliches Unglück sei immer von außen verursacht und werde uns von außen stehenden Menschen und Ereignissen aufgezwungen – statt der Vorstellung, dass eine Neurose zu einem großen Teil durch unsere Sichtweise unglücklicher Umstände verursacht wird.
    5. Die Vorstellung, dass wir uns fürchterlich aufregen sollten, wenn etwas gefährlich ist oder sein könnte – statt der Vorstellung, dass man der möglichen Gefahr besser offen ins Gesicht blickt und sie zunächst als ungefährlich einstuft und, wenn das nicht möglich ist, das Unvermeidliche einfach akzeptiert.
    6. Die Vorstellung, es sei einfacher, die Schwierigkeiten des Lebens und die Eigenverantwortlichkeiten zu meiden, als sich ihnen zu stellen – statt der Vorstellung, dass der so genannte einfache Weg sich letztlich doch oft als der härtere herausstellt.
    7. Die Vorstellung, dass wir unbedingt etwas bräuchten, das größer und stärker ist als wir selbst, damit wir uns darauf verlassen können – statt der Vorstellung, dass es besser ist, das Risiko unabhängigen Denkens und Handelns einzugehen.
    8. Die Vorstellung, wir müssten in jeder erdenklichen Hinsicht überaus kompetent, intelligent und erfolgreich sein – statt der Vorstellung, dass wir besser manches wirklich gut machen, statt immer und überall gut sein zu müssen, dass wir uns selbst als ein recht unvollkommenes Wesen akzeptieren, das wie alle anderen Menschen seine Grenzen und individuellen Schwächen hat.
    9. Die Vorstellung, etwas, das uns in unserem Leben einmal sehr stark beeinflusst hat, werde unendlichen Einfluss auf uns ausüben – statt der Vorstellung, dass wir aus vergangenen Erfahrungen lernen und uns nicht übermäßig mit ihnen beschäftigen oder Vorurteile daraus entwickeln müssen.
    10. Die Vorstellung, wir müssten eine bestimmte und perfekte Kontrolle über die Dinge ausüben – statt der Vorstellung, dass die Welt voller Wahrscheinlichkeiten und Zufälle steckt und dass wir das Leben dennoch genießen können.
    11. Die Vorstellung, menschliches Glück könne durch Trägheit und Untätigkeit herbeigeführt werden – statt der Vorstellung, dass wir am glücklichsten sind, wenn wir uns vital in kreative Unternehmungen vertiefen oder wenn wir uns Menschen und Projekten außerhalb unserer selbst widmen.
    12. Die Vorstellung, wir hätten keinerlei Einfluss auf unsere Emotionen und könnten nicht anders, als uns von den Dingen gestört zu fühlen – statt der Vorstellung, dass wir reale Kontrolle über unsere destruktiven Empfindungen haben, wenn wir uns nur entschließen, die „musturbatory hypotheses“ zu ändern, die wir häufig dazu gebrauchen, derartige Emotionen zu erzeugen.

Albert Ellis

 

Krisenpass

Für Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, in eine schwere psychische Krise zu fallen, hat die ‚bipolaris‘ – Manie & Depression Selbsthilfevereinigung Berlin-Brandenburg e. V. einen Krisenpass zum Download oder zur Bestellung ins Netz gestellt. Der Pass dient dazu, Therapeuten mit Behandlungsanweisungen, den Anschriften von Vertrauenspersonen, Informationen zu Vollmachten und zur Medikation sowie weiteren wichtigen Informationen zu unterstützen.

Ein hilfreicher Service – gerade bei Patientinnen und Patienten mit bipolarer Störung.

http://www.bipolaris.de/weitere-informationen-links/materialien-downloads/krisenpass

Die Psychohygiene des Krisentherapeuten und Krisencoachs

Damit die Verarbeitung der Lebensthemen von Klienten und Patienten einen psychisch guten Verlauf nimmt, sollten Coachs und Therapeuten diese Reflexionen und Regulierungen einsetzen.

  • Wie belastbar ich zur Zeit, wie viele Krisen verkrafte ich? Wie nahe bin ich an einer Selbstüberforderung?
  • Wie und womit schalte ich ab? Nutze ich Stimmungsaufheller?
  • Welche Arbeitsbedingungen bedürfen einer Korrektur? (Belastungen, Terminfolgen, Wechsel von Tätigkeiten, Regulierung der Nähe-Distanz)
  • Mit welchen Arten von Krisen kann ich gut und weniger gut umgehen? Mit welchen Persönlichkeitsmerkmalen von Betroffenen kann ich besser, mit welchen weniger gut andocken?
  • Nutze ich Supervision? Permanent oder fallweise? Wie sind die Erfahrungen?
  • Nehme ich Themen der Patienten oder Klienten mit in Urlaub? Nehme ich Krisenliteratur mit?Dosiere ich angemessen? Spreche ich über die Krisenthemen mit Dritten?
  • Erhält mein Körper was er braucht? Ist mein Schlaf gut? Wechsel ich in der Freizeit die Themen? Achte ich darauf, dass Freunde mich nicht auf den Beruf reduzieren?
  • Arbeite ich in ästhetischer Umgebung, habe ich einen erfreuend gestalteten Arbeitsplatz?
  • Wie bewältige ich eigene Krisen?
  • Empfinde ich mich als resilient? Achte ich auf die eigene Krisenprävention im Kontext der möglichen Belastungen in der kommenden Lebensphase?

„Widrige, stark belastende Situationen, die Ärger, Angst oder Trauer
hervorrufen, können zu einem seelischen Zusammenbruch führen. Die
Fähigkeit oder Unfähigkeit, in solchen Situationen seine Gedanken und
Gefühle anderen zu zeigen und ihren Trost und Hilfe zu suchen, ist für
den Erhalt der seelischen Gesundheit entscheidend.

Diejenigen, die während ihrer Kindheit in solchen widrigen Situationen
auf Verständnis gestoßen sind, werden auf ein ähnliches Wohlwollen in
der gegenwärtigen Krise hoffen, aber Menschen, die in ihrer Kindheit
Zurückweisung und Verachtung erfahren haben, werden dasselbe
erwarten, wenn sie sich als Erwachsene wieder in widrigen Situationen
befinden.“

John Bowlby

Soviel als Gruß aus dem verdrängten Unbewussten, das förmlich wie die Katze vor dem Mauseloch darauf wartet, dass der Mensch in eine Situation gerät, die ihn zurückwirft in ein Damals.

Ist das aber zwangsläufig und empirisch nachgewiesen immer so?
Nein. Weder noch.

Warum sollte ein Mensch so etwas auch erwarten? Nur, weil alles, was er erlebte, unauslöschlich geborgen ist in seiner Vergangenheit?

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht, Freiheit und Verantwortung zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion beweist sich unsere Entwicklung.

Wer also erwartet, dass es wieder so kommt, wie es früher immer so war, hat vergessen, dass er immer eine Wahl hat. Und für diese Wahl ist er frei und verantwortlich – nicht seine Vergangenheit.

Wenn man sinnsatt wäre

Als Logotherapeuten brennen wir für den ‚unbedingten Sinn‘.
Wir wissen um den besonderen Prozess der individuellen Sinnsuche.
Suchen, zweifeln, verzweifeln, verwerfen, neu beginnen, anders suchen, neu zweifeln – solange bis jemandem oder etwas eine zwingende Bedeutung beigemessen wird.
Wäre dieser Prozess nicht ein menschliches Existenzial, dann wäre der bereits satte Mensch ein eingeschläfertes Wesen.

Ralph Schlieper-Damrich

Der Patient in der Logotherapie hat ein Bild von seiner Welt.
Der Therapeut verschafft sich ein Bild. Und macht sich also ein Bild von einem Bild.
Dies ist niemals wahr, vielmehr eher verzerrt.
Die Zerrung reizt den Therapeuten, 
 er sucht nach Wegen der Ent-Zerrung.
Dabei borgt er dem Patienten neue Bilder.

Der Patient in der Logotherapie findet in seiner Welt ein neues Bild.
Es ist nie das geborgte, sondern ein in ihm geborgenes.

Ralph Schlieper-Damrich

Gehirn und Sinn

Jill Bolte Taylors Buch Gehirn hoch 4 ist die Verbindung einer außergewöhnlichen neurologischen Erfahrung mit moderner Hirnforschung. Ausgangspunkt ist ihr eigener Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte, durch den sie zeitweise Sprache, autobiografisches Gedächtnis, Zeitgefühl und das Gefühl eines abgegrenzten Ichs verlor. Gleichzeitig erlebte sie einen Zustand tiefer Gegenwärtigkeit, Verbundenheit und inneren Friedens. Diese paradoxe Erfahrung des Verlustes der Ich-Funktion bei gleichzeitiger Erweiterung des Bewusstseins wird für Taylor zum Schlüssel, um das menschliche Gehirn neu zu verstehen.

Sie entwickelt daraus die These, dass unser Gehirn nicht eine einheitliche Persönlichkeit erzeugt, sondern aus vier funktionalen „Charakteren“ besteht, die sich aus der Kombination von linker und rechter Hemisphäre sowie Denken und Fühlen ergeben. In der linken Hemisphäre liegen zwei dieser Anteile: das denkende Ich (Charakter 1), das logisch analysiert, plant, Sprache benutzt und Zeit in Vergangenheit und Zukunft gliedert, und das emotionale Ich (Charakter 2), das unsere Ich-Identität, Ängste, Selbstschutzmechanismen und Verletzlichkeit trägt. Diese beiden linken Anteile sind stark auf Kontrolle, Bewertung und Abgrenzung ausgerichtet. Sie erzeugen das, was wir gewöhnlich als unser „Ego“ erleben – ein Ich, das sich getrennt von der Welt fühlt und ständig versucht, Sicherheit herzustellen.

In der rechten Hemisphäre verortet Taylor zwei weitere Anteile. Das rechte emotionale Ich (Charakter 3) erlebt die Welt in Beziehung und Resonanz. Es fühlt Mitgefühl, Verbundenheit, Dankbarkeit und Nähe zu anderen Menschen. Noch grundlegender ist das rechte Seins-Ich (Charakter 4), das jenseits von Gedanken, Zeit und persönlicher Geschichte existiert. In diesem Zustand erleben Menschen sich als Teil eines größeren Ganzen, in tiefer Präsenz, Stille und Sinnhaftigkeit. Genau diesen Zustand erlebte Taylor während ihres Schlaganfalls besonders intensiv, weil die linke, identitätsbildende Gehirnhälfte vorübergehend ausfiel.

Der Kern des Buches ist die Einsicht, dass diese vier Anteile nicht bloß theoretische Konstrukte sind, sondern reale, neuronale Funktionsweisen unseres Gehirns. Wir leben normalerweise überwiegend in den linken Anteilen, vor allem im denkenden und im ängstlich-identifizierten Ich. Dadurch entstehen Stress, innere Anspannung, Selbstkritik und das Gefühl, ständig etwas beweisen oder kontrollieren zu müssen. Das rechte Seins-Ich ist jedoch immer vorhanden, nur wird es im Alltag meist vom Lärm des Denkens und der Sorgen überdeckt.

Taylor zeigt, dass Gedanken und Emotionen neurobiologisch gesehen nur kurzlebige Aktivierungsmuster sind. Wenn wir sie nicht ständig weiterfüttern, beruhigt sich das Nervensystem von selbst, und der Zugang zur rechten Gehirnhälfte mit ihrer Präsenz, Weite und inneren Freiheit  öffnet sich wieder. In diesem Sinne versteht sie Freiheit nicht als äußere Unabhängigkeit, sondern als die Fähigkeit, bewusst zu wählen, welchem inneren Zustand wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

Ein zentraler Gedanke des Buches ist, dass Sinn nicht durch Denken erzeugt wird. Das linke Gehirn versucht Sinn über Ziele, Leistung und Identität herzustellen, doch das bleibt fragil. Der tiefere Sinn entsteht im rechten Seinszustand, in dem wir Verbundenheit mit dem Leben selbst erfahren.

So ist Gehirn hoch 4 letztlich ein Plädoyer für eine radikale Verschiebung unseres Selbstverständnisses: Wir sind nicht unsere Gedanken, nicht unsere Ängste und nicht unsere Geschichten, sondern das Bewusstsein, das all das wahrnehmen und zwischen verschiedenen inneren Welten wählen kann. Taylors Buch lädt dazu ein, diese Wahlfähigkeit wiederzuentdecken und aus einem Zustand der Präsenz, Verbundenheit und inneren Freiheit zu leben.

Aus der Perspektive der Sinntheorie Viktor Frankls können wir dessen Hinweis, dass sich objektiver Sinn für einen Menschen stets in dessen Welt finden lässt, mit dem Charakter 4 in Verbindung bringen, während der Sinnsubjektivismus, der gemachte Sinn, mit den Denkprozessen des Charakters 1 korrespondiert.