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Corona-Blog: Koller und Kommunikation

Heute ein kleiner Bericht aus dem therapeutischen Alltag. Es geht um vier Menschen, nennen wir sie Familie Engegluck. Vier Personen in einer 115qm-Wohnung, unterm Dach. Vater 43, Mutter 39, Tochter 19, Sohn 15. Und nun Corona. Niemand ist infiziert, soweit man es wissen kann. Auch alle Großeltern sind wohlauf, die Enkel freuen sich darüber und haben regelmäßig Skype-Kontakt zu ihnen. Ein persönlicher Kontakt ist aufgrund der räumlichen Entfernung nicht möglich. Das zentrale Problem der Familienmitglieder, man könnte es das Glucken-Syndrom nennen, besteht nun darin, dass die zwischenmenschliche Distanz, die im öffentlichen Raum zur Pandemiebekämpfung angezeigt ist, im privaten unmöglich wird. Familie Engegluck kommt sich auf eine Weise nah wie sie es in eigener Erinnerung noch nie hatte, nicht einmal zu Weihnachten.

Jetzt, nach fast zwei Wochen zeigen sich erhebliche Schwierigkeiten im Umgang miteinander in dieser Ausnahmesituation. Die Melange aus Langeweile, der Angst, dass sich ein Familienmitglied infiziert und dies dann die ganze Familie treffen kann, die Frustration, Zukunftspläne [Studium der Tochter, geplante Urlaubszeit, berufliche Projekte] auf Eis legen zu müssen, drohende finanzielle Einbußen, die Pubertät des Sohnes, der sich Anfang des Jahres ‚frisch‘ verliebte und nun eine Trennung von seiner in einer anderen Stadt lebenden Freundin zu ‚überstehen‘ hat – diese Stress-Dosis wird nun noch dadurch erhöht, weil niemand einen Rückzugsort mehr hat und jedes Thema immer wieder durchkaut und als derzeit nicht lösbar angesehen wird. Selbst die vorhandene Erkenntnis, dass es viele Menschen härter getroffen hat und womöglich noch treffen wird, mindert nicht heftiger werdende psychische Reaktionen, die letztlich die Eltern veranlasst, sich therapeutische Hilfe zu holen. Sie selbst haben immer wieder ihren Kindern gegenüber die Wichtigkeit angesprochen, dass nun alle ihre sozialen Kontakte „nullen“, auch um anderen Menschen nicht zu Gefahr zu werden. Auch haben sie, „weil das vorher ja auch schon so war“, die Tagesstruktur beibehalten. Dank funktionierender Technik können die Kinder ihre schulischen Themen weiter im Blick halten und auch die Eltern stehen nicht ganz im Abseits, Vater kann im Homeoffice an verschiedenen Themen weiterarbeiten, die Mutter ist in Kurzarbeit. Man hat Zeiten zum Telefonieren jeweils am frühen Abend verabredet und ebenso wurde beschlossen, das Fernsehen erst nach 18 Uhr einzuschalten, um nicht „komplett durchzudrehen, weil es kein anderes Thema mehr gibt, abgesehen von den zahlreichen Fakenews und den sich widersprechenden Informationen über Zahlen, Daten und Fakten.“

Vieles, was die Familie tut, erfüllt einen guten Zweck. Sie distanzieren sich zum eigenen wie zum Schutz anderer in der Öffentlichkeit so gut es eben geht, sie distanzieren sich von einem information overload durch Medienverzicht, sie distanzieren sich inhaltlich durch Beibehalten wesentlicher Routinen in ihren Lern- und Arbeitsprozessen. Aber eine Distanz bröckelt – die private. Individuelle Verhaltensweisen, die sonst während des Alltags ‚untergingen‘ und kaum von den anderen Familienmitgliedern beachtet wurden, gewinnen nun an Aufmerksamkeit [z.B. Schwester zu Bruder: „Was treibst Du denn solange auf dem Klo?“, „Sohn zu Vater: Brauchen die das in der Firma wirklich, was Du da machst?]. Werden sie thematisiert, erzeugen sie Gefühle des Kontrollverlustes, der Peinlichkeit, der Hilflosigkeit oder das seltsame Empfinden, unter permanenter Beobachtung zu stehen. „Wir gehen uns mittlerweile derart auf die Nerven, dass wir uns darüber sorgen, selbst Schaden zu nehmen, der auch dann bestehen bleibt, wenn sich in Sachen Corona wieder Entspannung ergeben haben wird.“ Die Eltern berichten, dass es bereits sogar zu verletzenden Äußerungen gekommen ist, wenn jemand über etwas bloß berichtete, was ihn erfreute oder was als humorvoll angesehen wurde. Auf die Reaktionen folgten dann zwar regelmäßig auch Entschuldigungen, „aber die Frequenz der Konflikte nimmt doch zu“. Überraschend für alle ist es, dass die ‚Aufreger‘ sehr unterschiedlich sind und es auch nicht ‚das‘ Familienmitglied gibt, das permanent aus der Rolle fällt oder Anlass gibt, sich auf Dauer über es zu ärgern. „Wir sind es einfach alle nicht gewohnt, so eng aufeinanderzuhocken. Ohne den übergeordneten Grund würden wir wohl diesen Zustand auf Dauer nicht aushalten wollen“, beschreibt der Vater die Lage.

Nun sind die Bedingungen wie sie sind, die Wohnung um weitere Räume anzubauen gelingt nur in der Phantasie und der Idee, die akzeptierten Ausgangsregeln zu brechen, steht die Vernunft gegenüber, die alle vier Familienmitglieder deutlich bekräftigen. „Neulich hab ich mich so geärgert, da bin ich dann rausgelaufen und wollte zu meiner Freundin, aber dann hab ich mir gesagt, dass das nicht okay ist und dann hab ich zwar mit ihr telefoniert, aber als ich dann wieder zu Hause war, war der Ärger nicht weg. Ich meine, das liegt daran, dass einfach in jedem zweiten Satz über das Virus gesprochen wird und auch meine Freundin ihre Probleme damit hat“, meint die 19jährige. Und die Mutter ergänzt: „Die ganze Aufregung um mich herum, ist für mich viel zu viel. So viel Familie kann doch niemand auf Dauer ertragen.“

In einem online geführten Gespräch kann die Familie diesen Aspekten zustimmen:

  • Gäbe es nicht die gemeinsame Antwort auf die Frage  ‚Worum ist es für jeden Einzelnen gut, ‚trotz allem‘ die aktuelle Situation zu ertragen?“, dann wäre der psychische Druck für jeden und das gesundheitliche Risikopotenzial deutlich größer. Es gibt offenbar einen Sinnbeitrag, den jeder der Familie erfüllen will und der über dem psychischen Verlangen steht, zum Beispiel sich mit anderen Menschen zu treffen. Dem Freiheitsrecht hat die Familie eine Verantwortungspflicht zur Seite stellen können, ohne dass das eine für das andere geopfert wird.
  • Die empfundene Enge bringt individuelle Besonderheiten einer jeden Person hervor, die zu entdecken zuvor kaum gelungen wäre. Da diese Besonderheiten gerade jetzt unter verstärktem Stresseinfluss zutage treten, lernt die Familie, dass sie bislang ein Zusammenleben führen konnte, das recht entspannt und ausgeglichen erlebt wurde.
  • Auf die Frage, wie man wohl die Familie als Außenstehender bis zum Eintritt der Corona-Sondersituation erlebt habe, werden diese Zuschreibungen genannt: entspannt, ruhig, freundlich-unaufdringlich, diszipliniert, selbständig, intellektuell.
    Und wie wäre das nun?: nervös, fixiert, wartend, besorgt, verlässlich, umsichtig.
  • Auf die Frage, was wohl die größten Unterschiede zu anderen, bekannten Familien sind im Umgang mit der Situation, wird gesagt: weniger grübelnd, auf blöde Weise sind wir uns unsere Eigenheiten wichtiger als das Virus, wir nörgeln weniger über die quasigesetzlichen Auflagen, vielleicht wirken wir auf andere zu obrigkeitshörig oder spießig.
  • Das zentrale Problem ist der mangelnde Rückzugsraum. Spaziergänge oder sportliche Aktivitäten sind schön, „aber an sich bräuchte eigentlich jeder von uns jetzt eine Art Baumhaus“. „Im normalen Leben war da ja in den letzten Jahren immer anders, die Zeiten, in denen wir alle beisammen waren, machten vielleicht so 10-15% aus, und jetzt sind es mindestens 80.“

Dem Vorschlag, eine Kommunikationsbedürfnisanalyse vorzunehmen, mit der ein Blick auf die individuellen Stressmuster geworfen werden kann und die die erlebten Phänomene womöglich leichter zu erklären vermag, wird zugestimmt. Das Ergebnis:


  

Auswertungsergebnisse von o.l. nach u.r.: Tochter, Sohn, Mutter, Vater

An dieser Stelle können die ganzen Details, die der Familie halfen, ihre spezifische Bedürfnis-Konstellation im Kontext der Sondersituation zu beleuchten, nicht aufgeführt werden. Wenn Sie als Leser*in einige Tage im Blog zurückgehen und die Bedürfnisse insb. der Träumer, Empathiker und Macher anschauen, können Sie vermutlich hineinspüren in diese vier Personen im Einfluss des von ihnen erlebten ‚Dichtestress‘.

Mit der Familie wurde besprochen:

  • Normalität des Empfindens: Dass die vier aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisse einen Distanzverlust besonders beklagen, ist wie es ist und okay. Zuweilen wird das Phänomen auch Lagerkoller genannt, was einen psychischen Erregungszustand bei zwangsweiser Unterbringung meint, wie er sich zum Beispiel in Gefängnissen, Deportierungs- [von Viktor Frankl auch beschrieben] oder Flüchtlingslagern oder bei langem Aufenthalt in Bunkern oft entwickelt. Der  „Koller“ [ahdt. kolero = „Wut“, lat.: cholera = „Zorn“ – Choleriker!] ist eine Erregung, die sich aus einer unveränderbaren ‚Zwangs-‚Situation ergibt. Reaktion auf einen Koller können sein: Angst, Wut, Hyperaktivität, Depressivität.
  • Unterschiede zu einer ‚echten‘ Zwangssituation werden von der Familie erkannt – es könnte also durchaus extremer zugehen. Die Familie erkennt, dass es ausreichend Positives gibt, dass das Zusammenleben weiterhin ermöglicht.
  • Wenn Menschen ungewohnt lange zusammen sind, dann braucht es ‚Entspannungsregeln‘, zum Beispiel: Der Schaukelstuhl ‚gehört‘ an einem Tag der Woche von 14-17 Uhr der Person X, oder Y kann an einem Tag der Woche ungestört zwei Stunden in der Badewanne liegen, das Telefon wird abwechselnd jeden Tag für 15 Minuten genutzt, um absolut ungestört mit einer Person zu sprechen. Oder: Wenn Drei für zwei Stunden spazieren gehen, dann freut sich der Vierte, weil er in dieser Zeit alleine sein kann, zum Beispiel, um mit jemanden zu telefonieren.
  • Die Familie führt abendlich eine kurze Familienkonferenz durch: Was war das Erfreuende des Tages, was das Ärgerliche, was wird morgen erledigt, wer hat für morgen einen erfüllbaren Wunsch, was kann jeder tun, um anderen anzuzeigen ‚ich bin gerade im Dauerstress‘.
  • Die Familie anerkennt, dass es Konflikte immer wieder geben kann – aber gelöst gehören. Der Kuss am Abend vor dem Schlafengehen als Zeichen für den Neuanfang ist ein vielbewährtes Ritual.

Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“