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Es kann keineswegs alles anders werden

„Es muss sich alles ändern.“ „Das kann keinesfalls so weitergehen.“ „Das muss jetzt endlich aufhören.“ So oder ähnlich formulieren Klienten zuweilen ihren Selbstanspruch an Veränderung, oft aus einem Affekt der Wut, der Angst oder einer Abscheu heraus. Die Motivation für ein Reset ist groß und doch wird allzu oft versäumt zu berücksichtigen, wie stabil eigene Routinen, Überzeugungen, Chiffren und Praktiken sind, die den Menschen eben auch zu einem Gewohnheitstier machen.

Eskalieren wir weiter und belassen es nicht nur bei einem Stress-Affekt, der entsteht, wenn einmal so richtig der Kaffee überläuft. Kommen wir an bei einem ‚krassen‘ Trigger. Einem Auslöser für einen Impuls, dem man nicht mehr ausweichen kann. Der einen vor die Wahl stellt – entweder wachsen oder untergehen. Mit großem Unbehagen fühlt der Mensch, dass es jetzt um etwas geht, das mehr ist als es seine Resilienz erlaubt. Er weiß, dass Nichtstun keine Alternative ist, dass die Suche nach Verantwortlichen (um nicht gleich von Schuldigen zu sprechen) auch nichts bringt und andere einem die Last des Triggers nicht abnehmen. Weil es bei diesem Trigger um die Verletzung eines eigenen Wertes geht, eines Selbstwertes, eines Lebenswertes. Wenn ein solcher wesentlicher Wert verletzt wird, wird der Mensch aufgerufen, zu dieser Verletzung Stellung zu beziehen. In diesem Moment muss jegliche Selbstlimitierung verworfen werden – Limitierungen, die einem die eigene Psyche immerfort anbietet. Geht ein Mensch in einem solchen Moment nicht über seine psychischen Limitierungen heraus, dann – so meine These – verfehlt er sich. Dann hat der Trigger das Ruder übernommen und damit teilweise die Kontrolle über das Leben der Person.

Die Wirkung des Triggers verspürt ein Mensch in seiner Psyche. ‚Psyche‘ ist die Adresse für alle Formen eines Abwehrmechanismus, mit dem sie einen Menschen zu schützen versucht. Als Schutzmacht kontrolliert sie das weitere Vorgehen: fliehen, kämpfen oder erdulden. Indem der Mensch sich in einer dieser Weisen verhält, unterwirft er sich gleichsam seiner Psyche und wird von ihrer individuell spezifischen Verfasstheit abhängig. Mit dieser Abhängigkeit kontrolliert nun der Mensch quasi seine eigene Psyche, indem er sie beauftragt, ihn immer wieder – vielleicht sogar auch immer stärker – in der ‚bewährten‘ Weise zu schützen.

Diese seltsame, musterhafte Dialektik (die Psyche kontrolliert die Person, die Person kontrolliert die Psyche usw.) aufzubrechen, ist die Aufgabe des Geistes als dritte Dimension neben der menschlichen Physis und Psyche. Mit dem Geistigen steht der psychischen Dimension quasi ihr Musterbrecher gegenüber. Das Geistige ist nicht Schutzmacht der Person, vielmehr ihre Trotzmacht. Trotz begrenzter Ressourcen und trotz psychischer Limitierungen, die dazu führen, dass die Psyche der Person ‚einredet‘, auf einen Trigger mit einer genannten Reaktionsweisen zu ‚antworten‘, steht stets die geistige Dimension der Person dafür zur Verfügung, ‚andere Sätze‘ dafür zu finden, wie sie mit dem Einfluss des Triggers umgehen kann.

Die Besonderheit ‚geistiger‘ Sätze besteht in ihrem Fokus auf Transzendenz des Selbst. Im Unterschied dazu kann man die Besonderheit ‚psychischer‘ Sätze darin sehen, dass sie zu einer Art Transformation des Selbst aufrufen. Mit jeder Flucht, jeder Vermeidung, jedem Angriff, jeder Leugnung, jeder Erduldung mehr, transformiert sich das Selbst-Verständnis eines Menschen immer stärker in Richtung eines dysfunktionalen Verhaltens im Kontext eines wahrgenommenen Triggers. Am Ende steht da ein Mensch, der sagt „ich kann nicht anders“. Das Leben nach einem Trigger wird so für einen Menschen zur Dauerflucht, zu einem Dauerkampf oder einer Dauererduldung. Und damit zu einem Dauerstress.

Dass derart gestressten Menschen viele Hilfsmittel zur Verfügung stehen, diesem Stress mindernd entgegenzuwirken, ist – so meine Vermutung – jedem Leser bereits bewusst. Es ist ein riesiger Markt, und vieles in diesem Markt leistet wirkungsvoll Ent-Lastung. Dennoch bleibt die Psyche eines Menschen ein Wahrscheinlichkeitsraum, in dem Ordnungsmuster oft sehr viel träger vorfindlich sind, als es der Mensch selbst wahrhaben mag. Eine Trägheit, die sich für die Bewältigung alltäglicher Aufgaben durchaus als Stabilisierungsfaktor anbietet, im Kontext eines Triggers aber zu einer Verengung des Möglichkeitsraums führt, der zu Ende gedacht, einen alternativen Umgang mit Triggern verunmöglicht. Das ist tragisch, führt es den Menschen doch zu einer Dauernutzung stressmindernder Hilfsmittel.

Wer sich auf diese Hilfsmittel einlässt, der tut dies aufgrund des eigenen, oftmals aber auch eines fremden Erwartungsmanagements. Man erwartet von der Person, dass sie sich im Griff hat, ihren Aufgaben gerecht wird, sich nicht gehen lässt, sich doch nicht so anstellt und so weiter. Und damit das Level an Erwartung hoch bleibt, wird der Person vermittelt, dass doch jeder Stress habe und jeder mit seinem fertig werden müsse. In dieser Dynamik findet sich sodann der Keim für weitere dauerhafte Gewohnheiten – jetzt aber nicht von der eigenen Psyche ausgehend, sondern als Antwort auf Erwartungen, wie denn mit der eigenen Psyche umzugehen sei. Erfüllt nun der Mensch diese Erwartungen, indem er in die riesige Schublade der Hilfsmittel greift, spart er – vermeintlich – Energie, die er aufwenden müsste, um anstelle permanenter Transformation in die Transzendenz seines Selbst zu gelangen.

Um an den Titel dieses Beitrags zu erinnern: Es kann keineswegs alles anders werden. Will meinen, die Psyche wird durch das Geistige nicht obsolet. Aber der Umgang mit Triggern kann ein anderer sein als ein rein psychischer. Um ins automatische alltägliche Gewohnheitshandeln zu kommen, braucht es kaum Selbsttranszendenz. Dafür reichen Empfindungsfähigkeit, Lebenserfahrung, gesunder Menschenverstand und viele andere kognitive und emotionale Ingredienzien völlig aus. Bei Triggern jedoch, mit ihrem Grad an unvorhersehbarer Unzumutbarkeit, reichen sie nicht aus.

Ein Trigger macht deutlich, was die Bedrohungslage ist. Sie zeigt sich in einer psychischen Überforderung individueller Gewohnheiten. Trigger (Sie können schon einmal überlegen, welche Ihre schon waren oder sein könnten) setzen das, was ein Mensch unter Normalität versteht, außer Kraft. Sie führen zu Kontrollverlust und zu einer Veränderungen in der Selbstkommunikation. Trigger greifen bewährte Werte an und je wesentlicher die angegriffenen Werte sind, umso entwertender wirken Trigger auf den Menschen ein – sofern der oder das, was da triggert, auch trifft.

„Das Einzige, was du mir nicht nehmen kannst, ist die Art und Weise, wie ich auf das, was du mir antust, reagieren will. Die letzte der Freiheiten, die man hat, ist die Wahl der eigenen Haltung unter den gegebenen Umständen.“
Viktor Frankl

Nutzt man einen Vergleich, so findet sich im persönlichen Parlament eine Koalition aus Körper und Psyche und in der Opposition alles, was diese beiden Koalitionäre angreift. Die Koalition sollte ihren Beitrag dafür leisten, die Konflikte, die durch die Opposition eingebracht werden, zweckdienlich und damit gesund aufzugreifen, ihre konstruktiven Anteile zu integrieren und Dysfunktionales herauszufiltern.

Die Präsidentin ist die geistige Dimension. Als per se gesunde, freie und verantwortliche Instanz hält sie die kommunikativen Kanäle in die Lebenswelt der Person offen, erhält ihr damit eine angemessene Spannung und einen Möglichkeitsraum zur Verwirklichung von Werten. Je aufgewühlter die Verfassung des Parlamentes ist, um so schwieriger ist es zuweilen für die Präsidentin, das von ihr wahrgenommene Sinnhafte den Koalitionären zu vermitteln. Dringt sie gar nicht mehr durch, zeigt sich damit die Unerschütterlichkeit der Gewohnheiten im Parlament. Erst, wenn diese Gewohnheiten auch nicht mehr durch Hilfsmittel beibehalten werden können, dann – so scheint es – wird der Weg freier für grundlegende, damit wesentlich wertebewusstere Ausrichtungen der Person. In solcher Situation fragt der Mensch nach dem Existenziellen und sucht nach einer Antwort, die er seinem Leben geben kann und die gleichwohl die Eigendynamiken seiner beiden Koalitionäre einhegt, die womöglich immer noch versuchen, sich mittels Selbstreflexion anzustrengen, doch noch Herr im Haus zu bleiben.

Als Therapeut kenne ich das Phänomen, dass Menschen sich eingedenk ihrer entstandenen Lebenssituation bereits das Hirn zermartert haben, was denn nun die Ursache für die Situation gewesen sei, wer die Schuld dafür habe, warum gerade sie nun betroffen seien, warum Sicherheiten nicht mehr gegriffen haben usw.. Aber – leider –  vieles an mühevoller (Selbst-)Reflexion verpufft wirkungslos, die Lage bleibt wie sie ist, der Stress wird giftig und die Sinnsuche beginnt. Und mit dieser Suche beginnt eine Art Zeitenwende. War die Reflexion noch der nicht mehr veränderbaren Vergangenheit gewidmet, steht die Gegenwart bereit für die Suche nach Sinn. Und war die Vergangenheit eine Zeit, in der auch Dinge geschahen, die nicht hätten geschehen sollen-müssen-dürfen …, beginnt mit der Gegenwart eine neue Freiheit, die natürlich die Vergangenheit nicht tilgt, aber zu einer neuen Bewusstheit im Umgang mit dem, was jetzt die Lage ist, beitragen kann.

Und diese Bewusstheit, dass jeder Mensch jederzeit Sinn in seinem Leben finden kann, entsteht durch die Erkenntnis, dass Finden von Sinn eine Bereitschaft bedingt, anders als bisher auf das eigene Leben zu schauen. Dieses Andersschauen können wir auch Selbstdistanzierung nennen. Eine Wendung von der Nabelschau der eigenen Person hin zur Öffnung zu dem, was die Person ihre Welt nennt. Diese offene Weltwahrnehmung funktioniert daher nur durch Wegsehen von der eigenen Person. Ungewöhnlich mag dieser Gedanke sein: je mehr ich von mir wegsehe, um so mehr nehme ich Gestalt in meiner Welt an und je mehr ich zu mir hinsehe, um so mehr sehe ich, welche Gestalt ich bislang noch nicht aus mir geformt habe. Und wieder steht der Markt bereit…

Denn, wer ich noch nicht war, der könnte ich ja noch werden – mit Hilfsmitteln, Optimierungsanstrengungen, Eigenaufträgen und vielem mehr. Und so passt sich Mensch seinem eigenen und-oder fremdem Erwartungsmanagement an und versucht, sich so selbst Sinn zu machen. Leider mit einem fatalen Denkfehler, denn der, der ich noch nicht war, kann ich niemals mehr werden. Der, der ich gerade jetzt noch nicht bin, der kann ich werden. Denn nur jetzt gibt es die Bedingungen für mich, jetzt der zu werden, der ich jetzt noch nicht bin. Die Bedingungen, in denen ich noch nicht der wurde, der ich heute anstrebe zu werden, sind nicht mehr die Bedingungen von jetzt. Ergo, Reflexion führt nicht zur Entwicklung, sondern bestenfalls zur Erkenntnis, jetzt das zu tun, was ich jetzt werden kann. Und zur Erkenntnis, dass, wenn ich das jetzt nicht tue, morgen womöglich gerne der sein würde, der ich gestern hätte werden können – nur, dass sich zwischenzeitlich schon wieder die Bedingungen geändert haben.

Bedingungen, seien es familiäre, gesundheitliche, berufliche, finanzielle oder soziale, führen alltäglich zu einem meist ausreichendem Maß an Routineproblemen. Diese gilt es zu lösen, das ist zweckdienlich und für die menschliche Psyche in aller Regel auch leistbar. Aber darüber sprechen wir ja nicht, sondern über Trigger. Mischen sie sich als unerwünschte Bedingungen zu denen des Alltags hinzu, dann ist die Summe vergleichbar mit einer Schallplatte, die gleichzeitig auf beiden Seiten abgespielt wird. Die eine Seite bringt Musik zu Gehör, die man kennt und gewöhnlich – dank einer positiven Trägheit – auch gerne hört – die Alltagsthemen werden bewältigt. Die Klänge der anderen jedoch belästigen – der Trigger schmerzt. Die Not zu wenden scheint einfach – man wende doch bloß die Platte. Jedoch, auf diese Weise von der Notwendigkeit bereits auf die Möglichkeit zu schließen, muss ein Trugschluss sein. Wäre es so einfach, dann wären die Praxen der Psychotherapie leer. Was also hindert den Menschen auf seinem Weg in die Möglichkeit? (Wieder bietet es sich an, kurz zu verweilen, um Ihnen die Gelegenheit zu geben, sich diese Frage – so sie spannend für Sie ist – einmal vorzulegen und auf die Antwort zu warten, die Ihnen Ihr Innerstes gibt).

Wird eine Person getriggert, dann ergibt sich eine Differenz zwischen ihrer angemessenen und ihrer als bedrohlich empfundenen Lebensweise. Übersteigt die Bedrohung die Angemessenheit, und kann die Bedrohung nicht wirkungsvoll gemindert werden, verliert die Person einerseits zunehmend an Unabhängigkeit und andererseits geraten ihre psychischen Möglichkeiten sukzessive ins Hintertreffen. Wir sprechen dann davon, dass die sogenannte Dekompensationsgrenze der Person nicht mehr unter ein für sie erträgliches Maß fällt. In einem solchen Zustand wünschen sich viele Betroffene, dass etwas derart geschieht, dass alles anders wird. Hauptsache, der Trigger wird abgestellt.

Operativ gesprochen wird Klienten, die über einen Trigger berichten, irgendwann zwar klar, dass sie nur über eine Änderung ihres eigenen Verhaltens sich dem Einfluss des Triggers entledigen können. Meist zeitgleich wird ihnen aber auch klar, dass diese Änderung sich in ihren gegenwärtigen sozialen Bezügen bewähren muss. Hierzu ein Beispiel: Eine 24jährige Frau wird schwanger. Sie berichtet ihrer Mutter davon, diese erzählt es ihrem Mann und der wiederum eröffnet ihr in einem Telefonat, dass er nicht daran glaube, dass sie es schaffe, ihrer Rolle als Mutter gerecht zu werden. Schließlich wäre sie ja noch nie auf eigenen Beinen gestanden. Nach einigen unerfreulichen Gesprächen mit ihrem Vater wird für sie irgendwann klar, dass dieser sich immer schon lieber einen Sohn wünschte und die entstandenen Lebensbedingungen seiner Tochter ihn in seinem Urteil nun bestätigten. Die Beziehung zum Kindsvater sind fragil, die finanziellen Bedingungen erschwert, die junge Frau arbeitet für ihren Lebensunterhalt, doch ihre Schwangerschaft bereitet ihr Zukunftssorgen. Das alles sind für sich bereits anspruchsvolle Problemstellungen, der Trigger aber, sich zum ersten Mal ‚unerwünscht‘ zu fühlen, überfordert die Frau komplett. Ihre bis dahin konstruierte Lebenswelt war bei allen Schwierigkeiten immer noch irgendwie kontinuierlich – nun aber ’schießt‘ sie der Trigger völlig aus der Bahn. Nicht nur wird mit einem mal sichtbar, was die junge Frau mit ihren Anstrengungen alltäglich in der Lage war, wegzumoderieren. Auch wird für sie sichtbar, dass ihre Anstrengungen aus der Sicht ihres Vaters von ihr vollzogen wurden, ohne dabei auf eigenen Beinen zu stehen. „Wäre es doch bloß alles anders und ich wäre ein Mann“, murmelt die werdende Mutter und merkt dabei nicht, wie sie sich in der Vergangenheit ihres Vaters verstrickt.

Trigger versuchen es immer wieder, eine gesunde psychische Trägheit, die erforderlich ist, um eine funktionierende Lebenspraxis sicherzustellen, auf die Probe zu stellen. Trifft ein Trigger auf lebensrelevante Bedingungen, wird er zu einer veritablen Zumutung. Als bloße Meinung geäußert, kann ein Trigger – auch, wenn er verletzend einwirkt – wegmoderiert werden. Dann ist man zwar enttäuscht, traurig oder entsetzt. Ist er aber mehr als Meinung, ist er etwa ein Urteil, dann steht eine existenzielle Frage im Raum: Woran will ich mein Leben messen lassen?

Wenn ein Mensch seinen Werten entsprechend so handelt, dass er sich (einem) Menschen oder Aufgaben hingibt und es dabei schafft, seine alltäglichen Herausforderungen auch in eigener Sache mit hinreichend funktionierenden Arrangements zu bewältigen, dann können wir von einer lebenskompetenten Person sprechen, die sinnorientiert agiert und praktische Problemstellungen im Rahmen der täglichen Routine meistert. Wer so aufgestellt ist, der mag besser gerüstet sein für triggerhafte Einflüsse, so dass aus präventiver Sicht es ein Gebot der Unterstützung ist, Menschen im Auf- und Ausbau ihrer Sinnwahrnehmung und Lebenspraxis zu helfen. Eine solche Unterstützung vermag es, einen personenzentrierten Übergangsprozess im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern, die dazu beiträgt, dass die Person ihre Steuerungsfähigkeit soweit ausbaut, dass auch erfreuliche wie unerfreuliche unerwartete Überraschungen, Zufälle und Unvorhersehbarkeiten von ihr mit ins Kalkül gezogen werden. Einen Übergangsprozess einer zwar fordernden, dennoch aber handhabbaren Transition, die nicht – wie bei einer Transformation – einen Wandel bedeutet, dem sich die menschliche Psyche mit ihrer Widerständigkeit in der Regel ohnehin verschließt. Einen Prozess, an dessen Beginn eine Einstellungsmodulation steht, durch die die Person ihre Bereitschaft aufbaut, sich perspektivenwechselnd einen Lebensentwurf zu erarbeiten, der den Ansprüchen gelingender künftiger Lebensphasen besser gerecht wird. Einen Prozess, dem kleine umsetzende Schritte folgen, die in die konkreten gegenwärtigen Situationen der Person passen. Derart präventive Entwicklungsarbeit lässt Menschen sich an mögliche neue Zukünfte gewöhnen, ohne dass sie derart in Bedrohlichkeit ausarten wie es Trigger in der Lage sind, die auf einen auf sie unvorbereiteten Menschen treffen. Hat man einmal verstanden, dass man von einem Menschen nur verlangen kann, wozu sie durch persönliche, materielle, soziale, strukturelle und finanzielle Bedingungen befähigt sind, dann ist der anfängliche Rahmen für die Entwicklungsarbeit abgesteckt. Denn: Es kann keineswegs alles anders werden.

Sie fragen sich, wie denn nun das Gespräch mit der 24jährigen Frau geführt wurde? In etwa so:

Therapeut: Sie sagen: „Es muss alles anders werden.“ Darf ich Sie fragen, was genau im Moment unerträglich geworden ist?

Frau: Dieses Gefühl, unerwünscht zu sein. Als hätte mein Vater mit einem Satz entschieden, dass ich scheitern werde.

Therapeut: Das klingt nach einem Trigger, der nicht nur schmerzt, sondern einen Ihrer wesentlichen Werte trifft. Ihre Psyche will Sie nun schützen: kämpfen, fliehen oder erdulden. Spüren Sie das?

Frau: Ja. Ich will entweder beweisen, dass er Unrecht hat – oder am liebsten verschwinden. Allemal ist es würdelos, was mir mein Vater gesagt hat.

Therapeut: Beides sind verständliche Antworten Ihrer Psyche, die versucht, Sie vor weiterer Entwertung zu schützen. Doch solange Sie nur reagieren, bleibt das Urteil Ihres Vaters der Maßstab, an dem Sie sich ausrichten.

Frau: Und wie sollte es sonst gehen?

Therapeut: Nicht indem Sie stärker werden, nicht indem Sie sich rechtfertigen und auch nicht, indem Sie verschwinden. Sondern indem Sie innerlich einen Schritt Abstand nehmen zu seinem Urteil und auch zu Ihrem ersten Impuls darauf. In diesem Abstand entsteht etwas Drittes: die Möglichkeit, selbst Stellung zu beziehen.

Frau: Sie meinen, ich müsste entscheiden, ob ich dieses Urteil gelten lasse?

Therapeut: Genau. Nicht widerlegen. Nicht bekämpfen. Sondern entscheiden, ob es definieren darf, wer Sie sind und wofür Sie leben. Mit Ihrer Stellungnahme beginnt Ihre Freiheit. Nicht die Freiheit, dass alles anders wird, sondern die Freiheit, nicht von diesem Urteil bestimmt zu werden. Ihr Vater spricht ein Urteil. Sie müssen es nicht zu Ihrem Maßstab machen.

Frau: Und was bleibt mir dann?

Therapeut: Die Verantwortung für das, was jetzt für Sie Sinn hat. Nicht, wer Sie hätten sein sollen. Sondern, wofür Sie sich heute hingeben wollen – vielleicht Ihrem Kind, vielleicht einer Aufgabe, die größer ist als der Schmerz des väterlichen Triggers.

Frau: Also nicht gegen den Trigger kämpfen oder ihm ausweichen?

Therapeut: Nein. Ihn ernst nehmen, aber ihm nicht das Ruder überlassen. Der Trigger zeigt, wo es um etwas Wesentliches geht. Ihre Antwort darauf entscheidet, wer Sie jetzt werden.

Frau: Dann kann nicht alles anders werden?

Therapeut: Nein. Aber Ihr Umgang damit kann ein anderer sein. Und das genügt, um Sinn zu verwirklichen.