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Sprechen mit Sterbenden

Da steht man am Bett des bald Sterbenden und findet nicht ins Gespräch. Plattitüden, Allgemeinplätze, Törichtes oder beklommenes Schweigen – oh, wie langweilig kann das Umfeld einem Menschen, dessen Verstand und Gefühlswelt noch erreichbar sind, sein absehbares Lebensende machen. Auch die Aufforderung, doch bloß zu kämpfen, ist aus der Sicht des Sterbenden oft ein Affront gegen den ohnehin laufenden Kampf, den er auf die je ihm eigene Weise führt. Oder – auch beliebt im Sterbezimmer – „ich seh morgen wieder nach dir“. Sicher gut gemeint, will man doch mitteilen, dass der Mensch einem wichtig ist und nicht das Gefühl haben soll, alleine zu sein. Aber wie wäre es, den Sterbenden zu fragen, ob er diese Präsenz wünscht?
„Lass uns nicht allein“, „du darfst nicht sterben“, „versuche doch auch noch diese Therapie oder Medikation“ und andere Appelle sind – bei genauer Betrachtung – eher Zeit verschwendende Beruhigungspillen für den Besucher als förderlich für das Recht auf ein gelingendes Sterben des Sterbenden.

Sterbekommunikation gehört sicher nicht zu den Pflichtfächern moderner Erwachsenenbildung. Da hilft nur eins: sich dessen selbst bewusst werden, wie und worüber man im Sterben sprechen möchte. Der eine mag sich seiner Lebensleistung gerne erinnern, der andere über das gemeinsam Erlebte, der nächste will wissen, wie die nächsten medizinischen Schritte aussehen, wieder andere wollen in die Überlegungen eingebunden werden, was Menschen unternehmen werden, wenn man selbst gestorben ist. Auch das, was noch unerfüllt ist und vielleicht noch abgeschlossen, ausgeräumt oder entschieden werden könnte, können bessere Themen sein. Sie fragen sich, wozu es gut sein könnte, sich diese Gedanken – jetzt – zu machen? Sterblichkeit ist stets auch verbunden mit einer individuellen Wahrscheinlichkeitsrechnung. Im Moment mag diese Rechnung für Sie und mich zu einer ‚0‘ führen. Aber klar muss bleiben: das Wahre scheint lediglich, es ist nicht wahr. Im nächsten Moment kann sich dies ändern. Im nächsten Moment kann ein Prozess in Gang kommen, der den Anfang der Lebensendlichkeit markiert. Wie wollten Sie, wie wollte ich mich wohl in dieser Zeit begleitet wissen? Welche Ihrer Werte wollten Sie in dieser Phase des sterbenden Lebens verwirklicht wissen?

Warum wir wieder lernen müssen, über das Sterben zu sprechen

Wir werden älter, investieren in Gesundheit und träumen von einem möglichst langen Leben. Doch während der Wunsch nach Langlebigkeit immer größer wird, verdrängen wir eine Tatsache, die sich nicht wegoptimieren lässt: Unser Leben ist endlich. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio plädiert deshalb für einen anderen Blick auf das Lebensende – und für eine Medizin, die vor allem eines kann: zuhören.

Der Tod ist eines der sichersten Ereignisse unseres Lebens – und gleichzeitig eines der am stärksten verdrängten. Während die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten eröffnet, Krankheiten zu behandeln, Körper zu optimieren und Lebenszeit zu verlängern, fällt es vielen Menschen schwer, über das Sterben zu sprechen. Besonders deutlich zeigt sich das im aktuellen Longevity-Trend. Gesundheit, Fitness, Ernährung und medizinische Innovationen sollen dazu beitragen, möglichst lange jung und leistungsfähig zu bleiben. Das ist Zeitgeist pur, mit einer problematischen Seite, der  Todesverdrängung.

Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren habe die Medizin zeitweise dem Glauben angehangen, den Tod durch technischen Fortschritt besiegen zu können, erklärt Borasio. Intensivmedizin und moderne Behandlungsmöglichkeiten hätten damals ein Gefühl medizinischer Allmacht entstehen lassen. Der Tod ließ sich damit jedoch nicht abschaffen. Stattdessen gerieten schwerstkranke und sterbende Menschen teilweise aus dem Blick.

Heute zeigt sich die gleiche Sehnsucht in anderer Form: Menschen investieren enorme Summen in Maßnahmen, die ihnen ein längeres Leben versprechen. Doch egal, wie weit die Medizin voranschreitet – Unsterblichkeit bleibt eine Illusion. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht Wie lange können wir leben?, sondern Wofür wollen wir leben und wie wollen wir sterben?

Dass Menschen heute durchschnittlich länger leben als frühere Generationen, ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Längeres Leben kann bedeuten, mehr Zeit mit Familie und Freunden zu haben, Erfahrungen zu sammeln und Dinge zu tun, für die früher keine Zeit war. Entscheidend ist jedoch die Qualität dieser zusätzlichen Jahre, denn ein längeres Leben bedeutet nicht automatisch ein besseres Leben. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Demenz. Gleichzeitig steht unsere Gesellschaft vor der Frage, wer die notwendige Betreuung leisten und finanzieren soll.

Pflegekräfte fehlen schon heute. Familien sind häufig räumlich voneinander getrennt. Und die Vorstellung, dass professionelle Strukturen irgendwann alle Bedürfnisse auffangen werden, wird sich wohl als zweite Illusion erweisen. Borasio plädiert deshalb für „Caring Communities“ – sorgende Gemeinschaften. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der Verantwortung füreinander nicht ausschließlich an professionelle Einrichtungen delegiert wird. Es geht darum, dass Menschen einander unterstützen: ältere Menschen, Sterbende, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Familien. Ob auch dieser Gedanke den Zeitgeist trifft? Oder trifft er schlicht die Geldbörse?

Einen weiteren Blick richtet Borasio in die Palliativmedizin. Auch dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. So gibt es In Deutschland inzwischen zahlreiche ambulante Palliativteams, die schwerkranke Menschen zu Hause begleiten. Zudem leisten die Hospizvereine mit ihren vielen qualifizierten Ehrenamtlichen eine weitere hervorragende Unterstützung. Andererseits gerät das Gesundheitssystem zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Medizinische Entscheidungen stehen dadurch nicht immer ausschließlich im Zeichen dessen, was für einen Menschen sinnvoll ist. Borasio warnt vor einer Entwicklung in zwei Richtungen: Manche Menschen könnten notwendige Behandlungen nicht ausreichend erhalten, während andere mit Therapien versorgt werden, die medizinisch kaum noch einen Nutzen bringen. Gerade am Lebensende kann das gravierende Folgen haben, denn manchmal verlängert eine Therapie nicht das Leben in einer für den Patienten guten Weise, sondern lediglich den Sterbeprozess. Dann wird aus dem Wunsch, alles Menschenmögliche zu tun, schnell eine Belastung für denjenigen, um dessen Leben es eigentlich geht.

Eine der wichtigsten Botschaften Borasios lautet deshalb: Wir müssen die Menschen fragen. Was möchten Sie? Was ist Ihnen wichtig? Wovor haben Sie Angst? Was möchten Sie noch erleben? Und was möchten Sie auf keinen Fall? Die Antworten können überraschend sein. Denn die Wünsche schwerkranker Menschen entsprechen nicht zwangsläufig dem, was Ärztinnen und Ärzte für sie als besonders wichtig erachten.

Am Lebensende verschieben sich bei vielen Menschen zudem die persönlichen Werte. Beziehungen und das soziale Umfeld gewinnen an Bedeutung. Nicht selten geht es weniger um die eigene Person als um die Menschen, die zurückbleiben. Vielleicht ist genau das eine der großen Erkenntnisse, die das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit mit sich bringen kann: Zu erkennen, was wirklich zählt.

Für Borasio liegt darin die entscheidende Aufgabe einer zukünftigen Medizin. Der Patient dürfe nicht als Kostenfaktor betrachtet werden. Im Mittelpunkt müsse wieder der Mensch stehen – mit seinen Wünschen, Ängsten, Beziehungen und individuellen Vorstellungen von Lebensqualität. Sein vielleicht prägnantester Gedanke lautet: „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein oder sie wird gar nicht mehr sein.“

Zuhören klingt zunächst nach etwas Selbstverständlichem. In einem hoch technisierten und wirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem ist es jedoch keineswegs selbstverständlich. Zuhören bedeutet hier, nicht sofort eine Behandlung anzubieten, sondern zunächst zu verstehen, was ein Mensch überhaupt erreichen möchte. Und Zuhören bedeutet auch, anzuerkennen, dass ein medizinischer Erfolg nicht immer darin besteht, einen biologischen Prozess möglichst lange aufrechtzuerhalten. Manchmal kann der Erfolg einer Behandlung darin bestehen, Leiden zu lindern, Selbstbestimmung zu bewahren und einem Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Besonders deutlich wird das in Pflegeheimen. Wenn Menschen am Ende ihres Lebens stehen, werden sie nicht selten noch einmal ins Krankenhaus gebracht. Solche Einweisungen können medizinisch notwendig sein. Häufig können sie aber auch vermeidbares Leid bedeuten – gerade dann, wenn ein Mensch eigentlich zu Hause oder im Pflegeheim bleiben möchte. Eine bessere palliative Versorgung könnte hier viel bewirken. Dazu braucht es nicht immer spektakuläre neue Technologien. Häufig geht es um etwas Grundlegenderes: medizinisches Wissen, gute Kommunikation und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Patienten und seinem Umfeld Entscheidungen zu treffen, damit getan wird, was sinnvoll ist und nicht nur zweckdienlich.

Gutes Sterben setzt nicht erst dann ein, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. Vielmehr beginnt es bereits dort, wo ein Mensch bereit ist, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen und über Tod und Sterben zu sprechen. Eine solche Auseinandersetzung fällt schwer. In seinem Vortrag zu diesem Thema in der Heinrich-Böll-Stiftung macht Professor Honnefelder dazu wie folgt inhaltlich aufmerksam: Der Mensch erlebt sich zunächst als jemand, der über seinen Körper verfügen und ihn kontrollieren kann. Gleichzeitig ist er aber an diesen Körper gebunden und von dessen Möglichkeiten und Zuständen abhängig. Ähnlich verhält es sich mit seiner Psyche: Einerseits gestaltet sie seine Wahrnehmung und sein Erleben aktiv mit, andererseits wird sie selbst durch Erfahrungen und Erlebnisse geprägt. Auch die eigene Identität besitzt diesen widersprüchlichen Charakter. Der Mensch empfindet sich als unverwechselbar und einzigartig, muss aber zugleich erkennen, dass andere Menschen seine Funktionen übernehmen können und seine eigene Existenz deshalb nicht in jeder Hinsicht unersetzbar ist. Auch Sinn und Ordnung, die durch gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge vermittelt werden, sind niemals selbstverständlich. Wo eine bestimmte Ordnung als sinnvoll erfahren wird, bleibt gleichzeitig die Möglichkeit bestehen, dass sie anders sein könnte. Der Mensch weiß daher um die Verletzlichkeit der von ihm geschaffenen kulturellen Strukturen und empfindet den Verlust von Sinn und Orientierung als besondere Bedrohung.

Besonders intensiv zeigt sich diese Spannung im menschlichen Verhältnis zur Zeit. Der Mensch lebt nicht lediglich in der Zeit, sondern besitzt darüber hinaus ein Bewusstsein von ihrer Vergänglichkeit. Er nimmt den gegenwärtigen Augenblick als etwas wahr, das unmittelbar wieder vergeht, und erkennt sich selbst als ein Wesen, dessen Existenz sich innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung vollzieht. Martin Heidegger bezeichnet deshalb Sorge und Angst als grundlegende Befindlichkeiten des Menschen. Mit Angst ist dabei nicht einfach die Furcht vor einer bestimmten Gefahr gemeint. Gemeint ist vielmehr jene grundlegende Unsicherheit, die daraus entsteht, dass der Mensch seiner Existenz nicht vollständig sicher sein kann und sich gewissermaßen ins Nichts hinausgehalten erfährt.

Vor diesem Hintergrund erhält das Wissen um die eigene Sterblichkeit eine besondere Bedeutung. Ein Wesen, das sich seiner selbst und seiner zeitlichen Begrenzung bewusst ist, kann den Tod nicht einfach als irgendein zukünftiges Ereignis betrachten. Nach Heidegger muss der Tod für den Menschen zur „eigensten, unbezüglichen, unüberholbaren Möglichkeit“ werden. Gerade dadurch wird der Mensch mit der Frage konfrontiert, wie sein gesamtes Dasein zu verstehen und zu bewerten ist.

Wenn unter Leben nicht bloß die biologische Existenz verstanden wird, sondern das konkrete Leben, das ein Mensch führt, dann besitzt auch der Tod eine umfassendere Bedeutung als das bloße Ende körperlicher Funktionen. Entscheidend ist für den Menschen weniger der Zustand des Totseins, den er selbst nicht erfahren kann, als vielmehr der Weg, der vom Leben zum Tod führt. Aus diesem Grund richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Sterben. Welche Bedeutung der Tod besitzt, wird deutlicher, wenn man zunächst fragt, was menschliches Leben ausmacht. Dem gelebten Leben erscheint der Tod zunächst als dessen grundlegendes Gegenstück. Menschliches Leben verwirklicht sich in einer Vielzahl von Formen: im eigenen Körper, in Beziehungen und Kommunikation, in kulturellen Vorstellungen und Lebensentwürfen, in der Entwicklung einer persönlichen Identität sowie in gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen. Der Tod beendet beziehungsweise löst diese Formen der Verkörperung auf. Für ein Wesen, dessen Existenz darin besteht, sein Leben aktiv zu führen und zu gestalten, bedeutet der Tod daher den Übergang zum Ende dieser Aktivität, zur zunehmenden Ohnmacht und schließlich zu einer letzten Form der Trennung und Einsamkeit. Je stärker der Mensch sein eigenes Leben bewusst wahrnimmt, desto stärker muss er deshalb auch den Tod als dessen Gegenbild wahrnehmen.

Zur menschlichen Existenz gehört somit nicht lediglich die Möglichkeit, über den Tod nachzudenken. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist vielmehr bereits Bestandteil der Struktur menschlichen Lebens. Wer im Voraus weiß, dass der eigene Tod bevorsteht, nimmt zwangsläufig – bewusst oder unbewusst – eine bestimmte Haltung zu ihm ein. Diese Haltung zeigt sich darin, wie der Mensch sein Leben gestaltet. Das Sterben ist deshalb nicht ausschließlich etwas, das einem Menschen von außen widerfährt. Es kann zugleich als ein letzter Bereich verstanden werden, in dem der Mensch in Bezug auf sein eigenes Dasein Stellung nimmt. Heidegger bezeichnet den Tod als die „eigenste Möglichkeit des Daseins“. Er ist damit nicht lediglich ein unvermeidliches Faktum am Ende des Lebens, sondern kann auch als Möglichkeit verstanden werden, das eigene Leben als Ganzes zu begreifen und zu vollenden. Georg Simmels Gedanke, dass das menschliche Leben nicht allein im „Mehr-Leben“, sondern im „Mehr-als-Leben“ aufgeht, führt zu der weiterführenden Frage, worin dieses Mehr bestehen kann. Wenn der Mensch sich selbst tatsächlich nur über die Beziehung zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt erschließen kann, benötigt er Orientierung und Sinn, um auch das eigene Leben verstehen zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich daher nicht unabhängig von den Sinnangeboten beantworten, die einem Menschen begegnen. Noch schwieriger wird die Frage nach dem Tod, wenn dieser als etwas Sinnloses oder Zufälliges erscheint. Um dem Tod einen verstehbaren Platz im eigenen Dasein geben zu können, bedarf es eines umfassenderen Zusammenhangs, der selbst nicht sofort wieder als zufällig oder sinnlos erscheint. Daher wird die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit bis heute häufig im Rahmen religiöser Vorstellungen gestellt. Religion kann dem Menschen ermöglichen, seine eigene Endlichkeit anzuerkennen und sie zugleich in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu setzen, die über den Tod hinausweist. Der Mensch kann sich dadurch als sterbliches und begrenztes Wesen verstehen, ohne seine Existenz ausschließlich auf diese Begrenztheit reduzieren zu müssen.

Aus der grundlegenden menschlichen Abhängigkeit von anderen ergibt sich außerdem eine besondere Bedeutung zwischenmenschlicher Nähe während des Sterbens. Kaum in einer anderen Lebenssituation ist der Mensch in vergleichbarer Weise auf die Anwesenheit, Unterstützung und Zuwendung anderer angewiesen. Dabei genügt es nicht, ausschließlich für körperliches Wohlbefinden zu sorgen, Schmerzen zu behandeln oder pflegerische Aufgaben zu übernehmen. Ebenso wichtig ist die Erfahrung, dass jemand da ist, zuhört, Nähe zulässt und dem Sterbenden vermittelt, dass er nicht allein gelassen wird.

Wenn das Sterben zunehmend mit Verlust von Handlungsmöglichkeiten, körperlicher Selbstbestimmung und schließlich mit dem Ende jeder Kommunikation verbunden ist, kann die Gegenwart vertrauter Menschen eine wichtige Verbindung schaffen. Wer sich begleitet, akzeptiert und angenommen fühlt, kann möglicherweise leichter Vertrauen entwickeln und sich mit der eigenen Situation auseinandersetzen. Eine solche Begleitung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Besonders wichtig können Angehörige, Freunde, Ehrenamtliche ambulanter Hospizvereine oder Menschen aus einer seelsorgerlichen Beziehung sein, weil zwischen ihnen und dem Sterbenden bereits ein besonderes Maß an Vertrauen besteht. Daneben können auch Ärzte, Pflegekräfte und andere professionell Tätige eine solche Aufgabe übernehmen oder die persönliche Begleitung unterstützen. Gerade dort, wo Menschen in Krankenhäusern, Hospizen oder Alten- und Pflegeeinrichtungen sterben, sollte deshalb neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch die persönliche Begleitung berücksichtigt werden. Palliation und menschliche Zuwendung dürfen nicht als voneinander getrennte Aufgaben verstanden werden. Ein Sterbender braucht häufig beides: die Linderung körperlicher Beschwerden und die Erfahrung, als Mensch wahrgenommen und nicht allein gelassen zu werden.

Eine solche Begleitung kann allerdings nur dann wirklich tragen, wenn auch der Begleitende bereit ist, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Wer die eigene Endlichkeit vollständig verdrängt und den Tod aus dem eigenen Denken ausschließt, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, einem anderen Menschen in dessen Sterbeprozess Sicherheit und Nähe zu vermitteln. Deshalb beginnt eine verantwortungsvolle Sterbebegleitung bereits lange vor der konkreten Situation des Sterbens: Sie setzt voraus, dass Menschen selbst ein Verhältnis zu ihrem Leben, zu dessen Begrenztheit und schließlich auch zum eigenen Tod entwickelt haben.

Alle großen Weisheitstraditionen der Welt sagen, dass der Augenblick des Sterbens außerordentlich wichtig und eine kostbare Chance ist: Wenn der Tod eintritt, legt der Mensch den grobstofflichen Körper ab, und dadurch blitzen augenblicklich die höheren Dimensionen  – die subtile und die kausale – in seinem Bewusstsein auf. Erkennt er sie, so erkennt er auch augenblicklich seine Erleuchtung, und zwar viel leichter, weil er nicht mehr von der Dichte des stofflichen Körpers behindert wird.

Ken Wilber – Mut und Gnade. S. 423

Tod – die je persönliche Idee

Gibt es ein Recht auf einen gelingenden Tod? Bei einer solchen Frage verlassen wir die Wissenschaft und kommen an in der urpersönlichen Idee dessen, was ein Mensch ‚Tod‘ nennt.

Dem will ich nicht ausweichen: Für mich ist Tod ein spiritueller Zustand einer aus dem Leben gestorbenen Person, deren Körperlichkeit noch erahnbar, deren Fühlen und Denken noch erinnerbar, aber deren Geistiges stets weltoffen erlebbar bleibt. Das Geistige bleibt unauslöschlich erhalten in der Welt, mit all dem, was ein Mensch zu Lebzeiten erzeugt und erschaffen hat. Und von dem er womöglich nie erfahren hat, was es in seiner vielleicht noch so kleinen Welt bereits bewirkte. Und von dem er nie erfahren wird, was es noch bewirken wird. Dass das individuell Geistige stets bewahrt bleibt, ist die Grundlage für das stets geltende Recht auf gelingenden Tod.

Die Aufgabe des Lebens, die der lebende Mensch zu erfüllen hat, könnte somit lauten: Tue in deinem Leben alles gewissenhaft dafür, den Raum zu vergrößern, in anderen Menschen etwas zu bewirken.

Ralph Schlieper-Damrich, aus:

Die Forschungsgrenzen eines Momentes

Seit 25 Jahren arbeite ich als Coach, seit 19 Jahren leite ich zudem eine psychotherapeutische Praxis. In diesen Jahren kam es immer wieder zu Situationen, in denen mir Klienten über ihre Gedanken zum Tod berichteten. Eine Geschäftsführer berichtete über den Suizid des Sohnes eines seiner leitenden Mitarbeiter, über dessen Kummer und die Auswirkungen auf die Familie, das private und berufliche Umfeld. Ein anderer berichtete über seine eigene unheilbare Krebserkrankung und das Kartenhaus, das wie vom Blitz getroffen dabei sei einzustürzen. Eine andere Person beschäftigte die Frage, wie denn die Diagnose einer recht seltenen Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung von ihm seiner siebenjährigen Tochter vermittelt werden könne. Der Tod von Freunden, Angehörigen, Eltern, der eigene Tod oder der des Lebenspartners – die bisherige Bandbreite war groß und es wunderte mich aufgrund meines thematischen Schwerpunktes ‚Krise‘ nicht, dass oftmals die Frage in den Raum gestellt wurde, welchen Sinn das eigene Leben wohl hatte oder welchen es noch haben könne, wenn doch ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sei. Gerade dann, wenn die letzten Seiten des Lebensbuches aufgeschlagen werden, wollen viele Menschen darüber sprechen, was es für sie heißt, da gewesen zu sein und was es heißt, wenn sie aus der Sichtbarkeit heraustreten und für die Menschen, die ihnen nah waren, in den Raum der Erinnerung wechseln.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, in denen Psychologie auf meinem Lehr- und Lernplan stand, fand sich dort ein Thema nicht: der Tod. Vielmehr wurde gefragt, wie Menschen wahrnehmen, wie sie empfinden, wie sie fühlen, sich verhalten, sich motivieren oder handeln. Blickt man in die junge Geschichte der Psychologie und Psychotherapie zurück, dann waren das die Kernthemen, später dann natürlich flankiert durch Statistik, Diagnostik und dann bis heute durch die Erkenntnisse der Neurowissenschaften. Die Thanatopsychologie, die sich mit Erleben und Verhalten des Menschen vor dem Hintergrund seines Wissens um die Sterblichkeit befasst, gehört zu den sehr jungen Ablegern der psychologischen Wissenschaft.

Wie tickt der Mensch im Kontext von Sterben, Tod und existenziellen Fragen wie der nach dem Sinn des gelebten Lebens? Dass mit Viktor Frankl eine Schule der Psychotherapie eröffnet wurde, in der Fragen integral verhandelt werden, die früher entweder in der Psychologie, der Theologie oder der Philosophie ihren Platz fanden, macht die Komplexität deutlich, der sich Menschen gegenüber gestellt sehen, wenn sie sich berührt fühlen von offenen Fragen, deren Bearbeitung kaum mehr von einer Einzelwissenschaft geleistet werden kann. Aber ist eine ‚Universalwissenschaft Psychologie‘ die passende Antwort darauf?

Wenn irgendetwas in der Welt geschehen ist, wo es so richtig menschelte, dann fragt man die Psychologie. Was geht nur in Menschen vor, die …? Wie können diese Leute bloß …? Was kann man gegen Typen wie diese nur unternehmen, dass …? Und wenn etwas ‚in mir‘ geschehen ist, dann liegt die Analogie auf der Hand. Da, wo Mensch drin ist, da ist auch Psyche drin. Und wenn das so ist, dann sollte die Psychologie für jedes dieser psychischen Prozesse und Phänomene auch Antworten parat haben. Wie motivieren sich Menschen, und wie ich mich? Wie finden Menschen Sinn, und wie ich? Wie empfinden Menschen Glück, und warum ich nicht? Wie sterben Menschen, und wie wohl ich?

Wird Wissenschaft so gefragt, dann geht sie auf die Suche, sie forscht. Je nach wissenschaftlichem Hintergrund haben Psychiater, Psychologen und Psychotherapeuten von Wissenschaftlern gelernt, was von diesen zuvor erforscht wurde. Und da ‚Mensch‘ in der Psychologie in den unterschiedlichsten Facetten seines Seins erforscht wurde, hat jede Schule ihre Schüler hervorgebracht, die am verlängerten Arm der Forschung Menschen einen Ausschnitt von Allem zur Erklärung ihrer subjektiven Anliegen anbieten. So kann man sich leicht vorstellen, dass man bei einer spezifischen Frage, zum Beispiel der nach der Sinnfindung, aus den verschiedenen Forschungsrichtungen auch verschiedene Antworten erhält. Das macht es nicht gerade leichter.

Und schon hat man ein Problem. Gehen Sie in eine Buchhandlung und schauen Sie nach seriösen, also wissenschaftlich fundierten Büchern zu einer für Sie existenziellen Fragestellung. Sie werden fündig werden, das ist klar. Aber werden Sie Antworten erhalten auf Fragen wie: Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Sinnimpulses? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung eines Zufalls? Was genau geschieht im Moment des Fühlens von Glück? Was genau geschieht im Moment der Wahrnehmung einer Fügung? Was genau im Moment der Wahrnehmung des Todes? …

Noch müssen wir attestieren: Nie hatten Menschen so viel Wissen wie heute. Nie standen ihnen so viele Tools und Methoden zur Selbsterkenntnis und -reflexion zur Verfügung. Wir greifen zurück auf Sinnforschung, Glücksforschung, Sterbeforschung … und doch haben weder KI noch wir auf die Frage, was genau in einem existenziellen Moment geschieht, die Antworten. Mehr noch, trotz aller dieser Forschungen ist kaum eine Generation so sinnsuchend, unglücklich, sterbeängstlich wie die unsere – so man der Forschung dazu glaubt (sic!)

Vor diesem Hintergrund ist Vorsicht geboten, will man der Psychologie alleine Antworten auf existenzielle Fragen abringen. Und es ist nachvollziehbar, dass Menschen – eingedenk der Leerstellen der Forschung – dann andere Dinge tun in der Hoffung, dadurch auf Antworten für sich zu treffen. Die Gründe sind vielfältig, warum immer mehr Menschen – zumindest in unserem Kulturkreis – die Antwortsuche nicht mehr mit dem Begriff des liturgischen Gebetes in Verbindung bringen.

Eine integralere Anmerkung dazu: kann ein Gebet in vMeme Beige noch als Stoßgebet im Kontext einer Überlebenskrise verstanden werden, erfahren Dialoge mit dem, was ‚Mensch‘ als seine tiefste innere Instanz versteht, auf anderen Ebenen der Bewusstheit eine völlig andere Qualität. Ich nenne – als Angebot – die ‚Gebete‘ im vMeme purpur Beschwörungsgebet, in rot Anspruchsgebet, in blau  Pflichtgebet, in orange Zweckgebet, in grün Sozialgebet.
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Beige: Hilf mir, damit ich überlebe.
Purpur: Halte das Böse fern, und sei uns gnädig.
Rot: Hilf mir, damit ich stark bin.
Blau: Dein Wille geschehe und bitte, vergebe uns.
Orange: Hilf mir, mein Ziel zu erreichen.
Grün: Lass uns verstehen und heile, was verletzt ist.

Anstelle von Gebets-Dialogen begann mit den 1970er-Jahren zunehmend die Meditation für viele Menschen attraktiv zu werden. Einen innerpsychischen Zustand tiefer Entspannung zu bewirken, war im Getöse der Zeit von damals eine Art Heilsversprechen, das man meinte, sich selbst geben zu können. Dieses Versprechen reicht bis heute, auch, wenn mit der Angebotswelt der Achtsamkeitslehren immer weitere Aspekte und Methoden hinzukamen. All diesen Angeboten gemein ist, dass es dabei für den Menschen stets um seinen psychophysischen Zustand und dessen Verbesserung geht. Was dabei jedoch schlicht fehlt, ist ein Gegenstand außerhalb seiner selbst, auf den er sich transzendierend beziehen könnte.

Viktor Frankl sinngemäß dazu: Die eigentliche Frage sollte nicht lauten „Was ist gut für mich?“, denn diese Frage stellen Menschen umso stärker, je unglücklicher sie sind. Die reifere Frage hingegen lautet: „Wofür bin ich gut?“

Weitergedacht ist dieser Perspektivenwechsel eine klare Absage gegen die ich-bezogenen Empfehlungen Positiver Psychologie oder auch gegen Konzepte wie das der Selbstverwirklichung, heute der Selbstoptimierung. Werde ich als Therapeut gefragt, ‚wie kann ich mich am besten selbst verwirklichen‘, und ist meine Antwort nicht als Methodiker gewünscht, sondern als ‚Hoffender auf das Beste‘, dann antworte ich: ‚Verwirklichen Sie bloß nicht all das, was Ihnen selbst möglich ist. Das Ergebnis könnte Sie sonst in Schrecken versetzen. Verwirklichen Sie nur das, was wert ist, von Ihnen verwirklicht zu werden.“ Und ergänzend: ‚Sobald sich die Möglichkeit bietet, dann verwirklichen Sie nur das, was zu einem gegenständlichen Gefühl in Ihnen führt, und nicht nur zu einem Zustandsgefühl. Fühlen Sie ein Gegenstandsgefühl, dann liegt nahe anzunehmen, dass Sie nicht sich selbst verwirklicht, sondern Sinn erfüllt haben.“

Anders gesagt: Menschen verarmen nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie nicht geben. Wer also möchte, dass sein Bestes existiert, muss es in die Welt bringen (wenn er dies in einem bestimmten Moment tut, so ist auch dieser Moment keiner, der erforscht werden könnte). Und das Beste ist niemals nur ein psychischer Zustand, den ein Mensch fühlt, sondern immer ein Beitrag, mit dem er sich trotz des (positiven oder negativen) Zustands für jemanden oder etwas hingibt.

Coaching des Todes (Psychologie des Todes)

Auch in der Psychologie nutzen neue Teildisziplinen eklektizistisch den Wissensstand der bereits etablierten Fächer, um neue anwendungsorientierte Fragen mit unbestreitbarer gesellschaftlicher Relevanz zu beantworten. So entstanden neben der Allgemeinen und Klinischen Psychologie, der Entwicklungs-, Sozial-, Persönlichkeits- und Organisationspsychologie auch neue Richtungen wie zum Beispiel die Behinderten-, Medien- oder Sportpsychologie.

Im Zuge der Diskussion um die älter werdende Gesellschaft, das Thema des Pflegenotstandes im Alter, und der Anstieg von Demenz- und Krebserkrankungen wurde in der Psychologie der Tod stärker ins wissenschaftliche Interesse gerückt.

Nachdem die Psychiatrie-Professorin der Universitätsklinik Chicago, Elisabeth Kübler-Ross, Ende der 1960er Jahre erste umfängliche Gesprächsrunden mit Menschen initiierte, die vom Thema Tod persönlich konfrontiert waren und einen Grundstein in der internationalen Sterbeforschung markierte, wurde in der deutschsprachigen Wissenschaftswelt Ende der 1970er Jahre durch Wittkowski ein erstes Grundlagenwerk zur Todespsychologie verfasst. Viele Detailarbeiten und Studien folgten, zum Beispiel über die qualitativen und quantitativen Forschungsergebnisse der University of California aus 2016, welche die Kriterien eines guten Todes zum Inhalt hatten.

Die Thanatopsychologie [Psychologie des Todes] hat das Erleben und Verhalten des Menschen zum Gegenstand, das durch das Wissen um die grundsätzliche Sterblichkeit allen, auch des eigenen, Lebens und durch die aktuelle Begegnung mit dem Tod anderer Menschen ausgelöst wird. Im weiteren Sinn befasst sie sich mit den Prozessen des Sterbens, der Trauer und der Begleitung mittelbar Betroffener. Sie greift dazu insbesondere Erkenntnisse aus der Analyse der Lebensspannen, der Sozial- und Gesundheitspsychologie sowie der klinischen Psychologie auf.

Zur Erinnerung: Wie schon erwähnt erweitere ich den Begriff Tod um die Momente im menschlichen Leben, die die Person zu einem ‚existenziellen Abschied‘ aufrufen. Diese Momente – verstanden als Tode im Leben – umfassen weit mehr Situationen als die des eigenen Todes oder des Todes einer anderen Person. Zudem wird aus dieser Betrachtung der einem Tod vorgängige Prozess [zum Beispiel Sterbeprozess, Trennungsprozess, Prozesse des Verlassenwerdens oder der Entfremdung usw.] ausgeblendet.

Abgesehen von der psychoanalytischen Lehre vom Todestrieb gibt es keine originäre thanatopsychologische Theorie. Das Regal bleibt also leer, wenn es um das menschliche Erleben und Verhalten gegenüber Tod geht. Es füllt sich, wenn es um das Thema ‚Angst vor Tod‘ geht. Um sich diesem Thema zu nähern, lassen sich Hypothesen bilden und empirisch messbare Kriterien destillieren. So weiß man, dass Menschen mit ausgeprägter Angst-Disposition im Kontext Tod stärkere Angstzustände entwickeln als Personen mit geringerer Angstbereitschaft. Und nach der von Spielberger formulierten Zustands-Dispositions-Theorie lässt sich unter anderem antizipieren,

  • dass Menschen die Intensität einer situativen Bedrohung mit einem zu ihr proportionalen Angstzustand beantworten;
  • dass die Angst zeitlich der Dauer der Bedrohungswahrnehmung entspricht;
  • dass eine Eskalation des Angstzustandes zu defensiven, angstreduzierenden Reaktionen führt [Apathie, Selbstaufgabe, Desinteresse …] und
  • dass die Konfrontation mit bedrohlichen Situationen die Entwicklung von Copingstrategien begünstigt, die die Wirkung von Angstzuständen präventiv mindern.

Krohne hat ferner gezeigt, dass bestimmte Persönlichkeitseigenschaften eher dazu führen, ängstlich die Umwelt hin auf potenzielle Gefahren zu screenen, präventive Schutzmechanismen zu aktivieren oder eine verspürte Angst zum Beispiel durch Leugnung oder Verdrängung kognitiv zu vermeiden. Im Kontext Tod sind solche Abwehrmechanismen vielfach – und nahezu vollständig aus psychodynamischer Perspektive – untersucht worden. An dieser Stelle soll diesen tiefen Blicken in die menschliche Psyché als Alternative ein Blick ins Geistige der Person entgegengestellt werden. Als gedanklicher Impuls und fraglos weit entfernt von einer Verwissenschaftlichung im heutigen empirisch geprägten Verständnis. Als Idee für eine kleine Weiterentwicklung der Sinntheorie Viktor Frankls, entstanden aus dem individuellen Mikrokosmos eines Coachs und Therapeuten und dessen Anschauung diverser Anliegen von Klienten im Kontext Tod.

In mancherlei Hinsicht macht der Tod
das Leben überhaupt erst sinnvoll.
Viktor E. Frankl

Tradition und Realität

Crisis meint „entscheidende Wendung“. Als eine Wendung, für deren Richtung sich der Mensch zu entscheiden hat. Dies fällt umso schwerer, wenn die Richtung, die ein Mensch vor einer Krise einschlug, von ihm als sinnerfüllend gefühlt wurde. Wird dieses Gefühl von einer Krise überschattet (zerstört kann ein Gefühl nie werden), so stellt sich die Frage, welche Schlüsse der Mensch nun daraus zieht? Als Beispiel sei hier der von einem Klienten traurig beklagte Tod seiner Ehefrau genannt. Seine viele Jahre währende Partnerschaft stand stets unter einem guten Stern, das Paar stand innig und vertraut zueinander und in ihren verschiedenen Bekannten- und Freundeskreisen wurde dieses Glück wahrgenommen und zuweilen auch bewundert. Dieser Mann kam nun in die Situation, sich nach wenigen Monaten nach dem Tod seiner Ehefrau in eine neue Frau zu verlieben und litt unter den Vorhaltungen von Familienmitgliedern, die ihn mit tradierten Glaubenssätzen (Stichwort: Trauerjahr) konfrontierten als die neue Frau gemeinsam mit ihm wahrgenommen wurde. Durch die subtilen Rückmeldungen empfand er Schuldgefühle seiner Familie gegenüber als auch gegenüber der neuen Frau, verbunden mit einer Angst, diese würde sich vielleicht früher oder später von ihm abwenden, würde er dieses Dilemma nicht auflösen.

„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost. Denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“
Dietrich Bonhoeffer

Im Beratungsgespräch mit dem Klienten ergab sich dieser Dialog: „Wenn Sie nun über die sich entwickelnde Konstellation zwischen Ihnen, Ihrer Familie und der neuen Frau nachdenken, was bewegt Sie da am meisten?“ Klient: „Ich fürchte, dass meine Familie denkt, ich wolle meine verstorbene Frau ersetzen, dass ich versuchen würde, sie einfach zu ‚vergessen‘. Dabei ist klar, meine verstorbene Frau war einmalig. Niemand kann sie ersetzen.“ „Und doch fürchten Sie, dass Ihre Familie es so sehen könnte.“ Klient: „Ja, aber die neue Frau nimmt nicht den Platz meiner verstorbenen Frau ein, sie erhält ihren eigenen Platz in meinem Leben. Aber wie erkläre ich das meiner Familie?“ „Stellen Sie sich einmal vor, Sie nähmen Ihrer Familie gegenüber die Rolle eines Lehrers ein, der nicht sofort alles erklären muss, sondern zuerst Verständnis dafür zeigt, dass der  Lernprozess der Schüler anders ausschaut als der eigene. Was wäre dann Ihr erster kleiner Schritt?“ Klient: „Dass ich sage, dass man diese Sichtweise einnehmen kann. Aber dass es auch anders sein kann, nämlich dass ich wieder Liebe empfinde, ohne dass dies die Erinnerung an meine verstorbene Frau schmälert. Dass beides möglich ist.“ „Und wie könnten Sie dies so formulieren, dass es Ihre eigene Verantwortung und Ihre Freiheit betont, ohne als Rechtfertigung zu klingen?“ „Vielleicht so:  Ich liebe meine verstorbene Frau immer noch. Diese Liebe bleibt und ist unverrückbar. Gleichzeitig habe ich einen neuen Menschen in mein Leben gelassen, weil es für mich einen Sinn ergibt, mich auf einen Menschen zu beziehen, den ich liebe.“ „Und wenn Ihre Familie Sie fragt, warum Sie nicht länger warten, was könnten Sie dazu sagen?“„Dass die Liebe nicht begrenzt ist, und dass es mir mein Leben ermöglicht, dass ich mich jetzt und nicht irgendwann auf dieses Leben einlasse.“ „Haben Sie das Gefühl, dass diese Worte Ihrer Familie den nötigen Raum geben werden, ihre eigenen Emotionen zu ordnen, ohne dass Sie dadurch Ihre Integrität verlieren?“ „Ja, das kann helfen, denn für die Gefühle meiner Familie trage ich keine Verantwortung, sondern für meine Gefühle, wenn ich entscheide, wie ich meinen neuen Lebensabschnitt gestalte.“ „Dann verstehen Sie die aktuelle Situation als ‚entscheidende Wendung‘. Und eine Möglichkeit bleibt Ihnen immer, wenn es Familienmitgliedern schwerfallen sollte, die Verantwortung für ihren Teil zu übernehmen. In diesem Fall können Sie sich fragen: „Wem gehört das Problem?““

„Habe Mut, dich deiner eigenen Vernunft zu bedienen.“
Immanuel Kant