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Wenn einen eine dunkle Energie trifft

Man bewirbt sich in einem Unternehmen und kündigt später einem Vorgesetzten. Diese Mitarbeiterweisheit hat bei genauer Betrachtung meist etwas für sich. Wobei: eine Einbahnstraße liegt dem Weg zur Kündigung auch eher selten zugrunde. Wenn die individuellen Werte nicht denen des Vorgesetzten entsprechen, dann sind Wertekonflikte früher oder später zu erwarten. Eine Bedingung, die Wahrscheinlichkeit solcher Konflikte zu verringern, besteht zuerst einmal darin, dass sich alle Gesprächspartner ihrer eigenen Werte, den Werten mit dem größten Verletzungspotenzial und den erfreuenden Erlebnissen, die mit der früheren Verwirklichung eigener Werte verbunden waren, wirklich bewusst werden.

Der Goldstandard der Führung wäre wohl, sich im Rahmen von Mitarbeitergesprächen die Zeit für einen solchen persönlichen Werteabgleich zu nehmen. Dieser Schritt wiederum bedingt, sich auf eine Methode einer Werteanalyse gemeinsam zu verständigen. Viele Unternehmen setzen dafür onlinebasierte Wertetools ein – ich früher auch, als ich in meiner Verantwortung für die Führungskräfteentwicklung eines Unternehmens der Pharmaindustrie auf sie mangels Alternative zurückgreifen musste. Was mich damals immer störte, war der mit diesen Tools zwangsläufig verbundene Reduktionismus. Später, und als eine der ersten ‚Amtshandlungen‘ in meiner Selbständigkeit, entwickelte ich als Gegenpol dann mit den LebensWerte-Karten ein Angebot, das die Vielfalt menschlicher Werte umfassender adressiert und damit auch feinere Nuancen für die Erklärung individuellen Verhaltens ermöglicht.

So umfassend die Bandbreite der Werkzeuge auch ist: Bei einer Gruppe von Führungskräften jedoch ist auch heute kaum zu erwarten, dass sie zu einem Gespräch über ihre, ihrem Verhalten zugrundeliegenden Grundwerte einladen werden. Diese Gruppe ist gekennzeichnet von Merkmalen, die wir die ‚dunkle Triade‘ nennen. Sie besteht aus den drei ‚Zutaten‘

  • Psychopathie mit ihrer Empathie- und Rücksichtslosigkeit sowie eines Mangel an Schuldbewusstsein
  • Narzissmus mit seinem Streben nach Bewunderung und arroganter, fehlender Kritikfähigkeit
  • Machiavellismus mit seiner Menschenmanipulation und reinem Zweckdenken.

Jede dieser Verhaltensweisen kann für sich allein bereits das konstruktive Miteinander in einem Unternehmen deutlich belasten. Wenn aber alle drei zusammenkommen, braucht es im Umfeld solcher Personen ein wahrlich dickes Fell. Wird dann nachgefragt, warum an diesen Führungskräften festgehalten wird, erhält man in aller Regel die Antwort, dass sie sehr intelligent, strategisch denkend, sachorientiert und kenntnisreich seien und das Unternehmen auf sie deshalb nicht verzichten könne.

Nach Viktor Frankl ist der Mensch im Kern durch drei Prinzipien charakterisiert: Freiheit des Willens, Wille zum Sinn und Suche nach Sinn im Leben. Der „Wille zum Sinn“ bedeutet, dass jeder Mensch selbst Verantwortung für sein Leben trägt und aus dieser Freiheit heraus eine sinnvolle Lebensgestaltung wählen kann. Was also Führungskräfte mit einer ‚dunklen Triade‘ immer beachten sollten: Dass es keinen objektiven Sinn gibt, der ein solches subjektives Verhalten bedingt oder rechtfertigt. Daraus folgt, es muss für die Person subjektiv sinnvoll sein, sich so zu verhalten. Wenn jedoch im Dysfunktionalen subjektiv Sinn gesehen wird, muss darauf geschlossen werden, dass die Person einen objektiven Sinn in ihrem Leben noch nicht entdeckt hat. Diese existentielle Leere und innere Spannung auszuhalten kostet viel Kraft, manchmal so viel, dass ihre Folge Verzweiflung, Selbstzerstörung oder eben auch destruktives Verhalten ist.

Umgekehrt: Würden die derart destruktiv erscheinenden Menschen ihre Chance ergreifen, auf die Suche nach einem Sinnimpuls ihrer Welt zu gehen, der größer ist als ihr eigenes egoistisches Streben, dann könnten sie eine Menge an Lebensenergie besser nutzen als sie dies im Rahmen ihres ‚dunklen Verhaltens‘ leisten können.

Auch wer narzisstisch, manipulativ oder empathielos wirkt, bleibt ein freies, verantwortliches und sinnorientiertes Wesen. Er kann sich entscheiden, sein Leben anders zu gestalten, und andere Menschen können ihn dabei gegebenfalls unterstützen. Anstatt die Person zu verurteilen oder zu ‚therapeutischen‘ Reformversuchen zu greifen, kann man versuchen, sie auf ungelöste Probleme hinzuweisen, die ihrer Kompetenzfelder, ihrer Zielorientierung und ihrer Entschlusskraft bedürfen.
Gelingt das nicht und die Person handelt weiterhin manipulativ, schädigend oder empathielos, dann gilt es, sie mit klaren Grenzen zu konfrontieren – dies kann auch ein Mitarbeiter tun, der sich vermeintlich in einer schwächeren Position wähnt. Aus einem schlichten Grund: Wenn die Leitung des Unternehmens das Verhalten der Führungskräft als wertiger ansieht als den Sinn, den Mitarbeiter durch ihre Arbeit in dem Unternehmen verwirklichen, dann kann das Unternehmen nicht das richtige für den Mitarbeiter sein.

Menschen mit dunklen Tendenzen provozieren oft starke Gefühle bei anderen. Der betroffene Mitarbeiter sollte daher Sorge dafür tragen, zuerst die eigene Haltung der Situation gegenüber zu klären. Welche eigenen Werte werden verletzt, ich welchen Kontexten genau geschieht das, wie wurde die Führungskraft auf ihr Verhalten aufmerksam gemacht?

Natürlich gibt es keine Garantie, dass sich jemand mit starker Ausprägung der Dunklen Triade durch Einsicht und Ausrichtung auf objektive Sinnimpulse spürbar ändert. Manche Persönlichkeitszüge sind biografisch tief verwurzelt und kein Mitarbeiter hat den Auftrag, diese Wurzeln aufzudecken noch ihre Folgen zu ertragen.

Aber: Indem Sinn und Verantwortung ins Gespräch gebracht werden — statt nur Compliance, Druck oder Kontrolle — eröffnet man der Führungskraft die Chance, dass destruktives Verhalten reflektiert wird und sinnvoll umgelenkt werden kann.

Wenn Sie in der Situation sind, mit einem betroffenen Mitarbeiter oder Kollegen ins Gespräch gehen zu wollen, dann kann dieser Ablauf dazu einen Strukturbeitrag leisten:

  • Klären
    Ziel: Verstehen, was tatsächlich geschieht, ohne zu pathologisieren.

Fragen  
„Was genau tut die Person, was Sie verletzt oder verunsichert?“
„Welche konkreten Verhaltensweisen empfinden Sie als manipulativ, dominant oder rücksichtslos?“
„In welchen Situationen treten diese Muster besonders auf?“

  • Distanzieren
    Ziel: Die Freiheit der eigenen Reaktion wiedergewinnen.

Fragen  
„Was liegt innerhalb Ihrer Einflusszone — und was eindeutig nicht?“
„Welche Ihrer Reaktionen, die Sie bisher gezeigt haben, sind Ausdruck Ihrer eigenen Werte — und welche waren eher ausgelöst durch die Führungskraft?“

  • Orientieren
    Ziel: Herausfinden, worin der persönliche Sinn im Umgang mit dieser Person liegen kann.

Fragen  
„Welche Bedeutung könnte diese schwierige Situation für Ihr persönliches Wachstum haben?“
„Worauf möchten Sie am Ende zurückblicken können: Dass Sie gekämpft haben? Dass Sie klar geblieben sind? Dass Sie Grenzen gesetzt haben?
„Welche unterstützenden Bedingungen müssen dafür für Sie geschaffen werden?“

  • Grenzen setzen
    Ziel: Die moralische Qualität des eigenen Handelns sichern.

Fragen:
„Welche Grenzen wollen Sie setzen, die sowohl Ihnen selbst entsprechen als auch die Würde der Führungskraft nicht verletzen?“
„Wie können Sie klare Grenzen kommunizieren, ohne in die destruktiven Muster der Führungskraft hineingezogen zu werden oder sie gar zu kopieren?“
„Was wäre die verantwortungsvollste Entscheidung im Sinne Ihres Wertesystems?“

  • Entscheiden
        Ziel: Klären, ob Verbleib oder Rückzug sinnvoll ist.

Fragen
„Gibt es eine realistische Hoffnung, dass die Führungskraft ihr Verhalten ändert — oder dient die geplante Intervention eher Ihrem Selbstschutz?“
„Wenn Sie sich von dieser Führungskraft distanzieren, worum würde es dann für Sie gehen?
„Und wenn Sie bleiben, worum ginge es Ihnen dann?“
„In welcher dieser Möglichkeiten fühlen Sie sich freier?

Stressverhalten und Krisenprävention

Heute arbeitete ich mit einem Mann, der sich in einer für ihn schweren Berufskrise befindet. Seinem Vater zuliebe hatte er Jura studiert, um in die elterliche Kanzlei einzusteigen. Als zum Ende seines Studiums sein Vater sich anders entscheidet und die Kanzlei veräußert, sieht sich der mittlerweile 30 Jahre alte Mann vor eine existenzielle Frage gestellt: Soll ich in der Juristerei bleiben oder einem früheren Lebenstraum nachgehen, nämlich in die Architektur wechseln?

Seinem Vater, dem er irgendwie nicht böse sein kann, hat er nach dessen ‚Verkündigung‘ gesagt, dass er es traurig finde, dass dieser offenbar keinen anderen Weg hat finden können als sein Lebenswerk zu verkaufen. Erst im Coaching tritt der Groll zutage, den er gegen seinen Vater hegt. An sich, so seine Reflexion, hat der Vater „meine Bedürfnisse mit Füßen getreten“ – „aber, wahrscheinlich ist ihm selbst schwer ums Herz geworden, als er erkannte, dass es doch nicht anders geht“.

Wie auch immer, er müsse ja nun eine Entscheidung treffen. Sein Dilemma: Er hat kein festes Einkommen oder größere Rücklagen, die es ihm ermöglichen würden, einen zweiten Studiengang zu beginnen. Zwar könnte er sich auf eine Festanstellung als Jurist bewerben, aber diese Idee behagt ihm nicht, da er sich nicht als ‚Angestellter‘ versteht. „Ein solches Arbeitsleben geht gar nicht“, ist er überzeugt. Seine größte Sorge ist die, nicht auf eigenen Beinen zu stehen. Seinen Vater in seine Überlegungen einzuweihen, will er nicht, „denn dieser hat die Situation ja schließlich mit verbockt“. Außerdem sei es nun für ihn wichtig, alleine klar zu kommen und sich so zu entscheiden, wie es nur für ihn passt – „aber wenn das auch nicht gelingt, dann weiß ich auch nicht, was dann geschieht.“
Der Klient zeigt deutliche Anzeichen eines ihn belastenden Stressmusters …

Was geschieht nun, wenn ein Mensch in Stress gerät und zu wenig von der positiven Zuwendung erhält, die er braucht? Anfänglicher Stress, quasi Alltagsstress wird dadurch zu verringern versucht, indem eine Person ihre Verhaltensweisen in einer ersten psychischen Reaktion weiter verstärkt. Beispielsweise wird jemand, der einer Problemstellung vorrangig damit Herr zu werden versucht, zu recherchieren, zu analysieren, zu kalkulieren und sich vielfach zu informieren, dies noch intensiver tun („womöglich habe ich noch eine wichtige Datenquelle vergessen…“). Wird dieser Person nun aber keine ‚Anerkennung‘ für seine Denk-Leistungen zuteil, und sie erhält keine hinreichende Bestätigung für ihre Bemühungen, dann findet auf dem quasi nächsten Stresslevel eine Abwertung dessen statt, der oder das diese Anerkennung hätte geben können. Angenommen, dies wäre eine andere Person, dann würde der Stressgeplagte die Fähigkeit dieser Person in Frage stellen, ob sein sein Gegenüber überhaupt in der Lage ist nachzuvollziehen, wieviel Leistung in seiner Arbeit steckt.

Je mehr Stress im Spiel ist, umso negativer wird die Abwertung – einzig, weil es der Person nicht gelingt, ihren Stress herab zu regulieren und in ein gesundes Maß der Selbstberuhigung zu kommen. Es muss demnach etwas Schwerwiegendes sein, was diesen Prozess behindert, und das, was hier schwer wiegt, ist ein sogenanntes ‚Lebensthema‘.

Was nun könnten Lebensthemen für einen solchen Menschen sein, der alles dafür tut, um die relevanten Daten, Informationen und Erfahrungswerte beisammen zu haben, um richtig, pünktlich, genau, korrekt … entscheiden und handeln zu können? Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ihn Situationen schmerzen, in denen er einen Verlust oder einen Abschied erlebt. Für Menschen, ‚die an alles denken‘, und dann doch etwas verlieren [sei es materieller oder immaterieller Art] oder die eine Trennung erleben, die eine Person einleitet [z. B. Scheidung], ist ein solches Ereignis meist völlig unverständlich.

Anstatt nun den erlittenen Verlust oder Weggang mit dem passenden Gefühl des Traurigseins zu kommunizieren, äußern sich diese Menschen, die dies zu tun nicht gelernt haben, eher frustriert und verärgert.

Woran kann es liegen, dass ein passendes Gefühl nicht gelernt wurde? Dies können frühe kindliche Erfahrungen sein, bei denen das Kind beobachtete, wie erwachsene Personen mit ihrem Stress umgingen. Es können Glaubenssätze sein, die irgendwann dem jungen Menschen ‚glauben‘ machten, nur ein bestimmtes Verhalten sei für den Umgang mit einer Stresssituation richtig. Schaut man hinter die von Mensch zu Mensch immer individuellen Kulissen, dann zeigt sich aber stets, dass ein authentisches Gefühl zu zeigen immer auch ein Stück weit zum Ausdruck bringt, fehlbar zu sein.

Niemand liegt immer zu 100% richtig, niemand bringt immer 100%ige Qualität, niemand hat immer zu 100% das Heft des Handelns in seiner Hand, niemand reflektiert eine Situation immer 100%ig vollständig, niemand fühlt immer 100% das was hilfreich wäre, niemand reagiert zu 100% passend gemäß dessen, was die Situation erfordert. Und doch glauben viele Menschen, dass sie nahe an diesen 100% dran sind. Erfahren sie dann kein positives Feedback, das stimmig ist mit dem, wie sie mit der Situation umgegangen sind (im Beispiel also kein Feedback für die Leistung der Datenanalyse …), dann kommt die Person in Stress aufgrund mangelner Anerkennung und es beginnt die Eskalationsspirale.

Wenn Sie sich selbst oder andere Menschen Sie gut kennen, dann können Sie sich auf den Weg zu Ihrem zentralen Lebensthema machen. Ist dieses Thema noch unbewusst oder werden – obwohl bewusst – seine Auswirkungen unterdrückt oder verdrängt, dann besteht das Risiko, dass künftige belastende Ereignisse, die mit diesem Thema verbunden sind, als Krise interpretiert werden.

Von dem, was dann geschieht, haben wir im Kontext der Krisenintervention und Krisenprävention heute bereits eine recht genaue Vorstellung. In den folgenden Tagen stelle ich dazu ‚Porträts‘ vor, die – bewusst leicht überzeichnet – eine Art Summe der Merkmale darstellen, die ich bei Menschen mit vergleichbaren Verhaltensweisen unter Krisenstress über viele Jahre hinweg habe beobachten konnen. Nach der Vorstellung dieser Porträts können Sie dann selbst zu dem eingangs beschriebenen Mann mit seiner Problemstellung zurückkehren und überlegen, welches Porträt seinem Verhalten am ehesten entspricht …  Und wollen Sie dann selbst mehr über Ihre eigenen Verhaltensmuster unter Stress erfahren, mehr über Ihre möglichen Wege einer individuellen Krisenprävention, mehr über Ihr eigenes Lebensthema …, dann schreiben Sie mir gerne eine Mail.