Grundidee der Individuellen Krisenprävention

„Wie geht’s?“ „Danke, alles gut, wie immer.“ Bei vielen Menschen läuft der Alltag in festen Bahnen, routiniert, zuweilen eintönig, irgendwie eben ‚wie immer‘. Wird das beschauliche Dasein aber durch die vier großen K, Konflikt, Krankheit, Krise, Katastrophe durcheinandergebracht, dann fühlt sich die erforderliche Anpassung an wie eine Lebensprüfung, von der man weiß, nicht genug für sie zuvor gelernt zu haben. Die Folge: Stress bis zum Abwinken. Und ist die ‚Dekompensationsgrenze‘ überschritten, auf Deutsch: ist das Maß des Erträglichen voll, dann wird einem Menschen meist erst dann bewusst, dass der schwelende Konflikt, der Schmerz, der Selbstzweifel, die Not nicht mehr alleine bewältigt werden kann.

Vielleicht sind es auch äußere Bedingungen, die das Leben belasten, sei es die Unsicherheit bei der Rente, rechte Gewalt, der Krieg in Europa oder andere gesellschaftliche Ereignisse. Manches davon kann so sehr unsicher machen, dass Menschen psychische Auffälligkeiten entwickeln. Oft können schon kleine Maßnahmen wie das berühmte tiefe Durchatmen, die kleine Entspannungsübung, der Sport, Yoga oder Meditation beitragen, einen Situationsstress besser zu handhaben. Manchmal aber reicht das nicht, manchmal ist da mehr als ’nur‘ Stress. Dann braucht es eine andere ‚Coping‘-Strategie, eine andere Art, mit existenziellen Belastungen umzugehen.

Die Kunst, mit Stressoren fertig zu werden, die über das normale Maß hinausgehen und sie so einzusetzen, dass ein erfüllendes, gelingendes Leben wieder möglich wird, braucht einen heilsamen, begleitenden Prozess. Ihn unterstützt in der Regel eine individuell stimmige Psychotherapie, die die Sprachlosigkeit durchbricht und die Dinge in einem geschützten und diskreten Rahmen beim Namen nennt. Ein Ort, in dem sich das Aufgewühlte wieder beruhigen kann und in dem Emotionen, die sonst vielleicht belächelt würden, möglich sind.

Die Erzählungen aus dem unmittelbaren Kontext werden dabei eingebettet in die übergeordnete Lebensgeschichte – schließlich hat und ist jeder Mensch mehr als seine aktuelle Situation und sein aktuelles Verhalten. Interessant sich dann beim Übergang vom ‚Kleinen‘ zum ‚Großen‘ das Gegensätzliche, Gemeinsame, die Unterschiede und Muster. An diesen ‚Kipp-Punkten‘ entstehen oft die möglichen Ansätze hilfreicher Veränderung. Um zu ihnen zu kommen, braucht die Erzählung verschiedene Ebenen. Auf der Oberflächenebene berichtet der Klient das Ereignis, die Details und ermöglicht dem Therapeuten [oder Coach …], sich von der Abfolge, den beteiligten Personen, dem Ort u.a. ein Bild zu machen. Auf der Innenebene beschreibt er, wie er emotional und mental auf das Ereignis reagiert hat, was in ihm vorging, was er dachte, wie er handelte. Und auf der Reflexionsebene schaut er, wie er das Erlebnis einordnet in seine Lebensgeschichte, welche Lösungswege ihm offen stehen, welche Hindernisse sich auftun, was bereits gelang, welcher Lernprozess sich anbietet, wie sich Geschehenes für Zukünftiges nutzen lässt.

Ein oft anzutreffendes Phänomen in Gesprächen mit Klienten ist der ‚Abwärtsvergleich‘. Treten völlig neue Situationen mit persönlich negativem Einfluss ein und weiß die Person dann nicht, ob ihr Empfinden angemessen ist oder nicht, dann sucht sie nach Erzählungen über andere Menschen, die vergleichbare Situationen erlebt haben. Das Ergebnis eines solchen Vergleichs ist oftmals stabilisierend und positiv konnotiert [‚wenn ich mir vorstelle, was diese Person durchgemacht habe, dann hätte es mich selbst ja noch schlimmer treffen können…].

Abwärtsvergleiche sind Bewertungen, die mit der Wirklichkeit, also dem Empfinden der verglichenen Person, nichts zu tun haben müssen. Das Interessante an Abwärtsvergleichen ist daher, dass sie auch dann funktionieren, wenn man sich einen Menschen bloß vorstellt, dem es schlechter geht als einem selbst. Allemal trösten sie also die Person über die eigene Situation hinweg, und oft motivieren sie parallel dazu, ‚sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen‘ [Viktor Frankl].

Was geschieht aber, wenn man in belastender Situation einen Menschen in realer Anwesenheit erlebt, dem es schlechter geht als einem selbst. Von diesen Momenten wird häufig so berichtet, als würde in solchen Situationen das Gewissen der Person eingreifen und nicht zulassen wollen, dass man sich quasi auf ‚Vergleichskosten‘ anderer Menschen besser fühlt.

Wie kann vor diesem Hintergrund nun eine Empfehlung für eine passendere Copingstrategie lauten? Auch hier helfen die Einsichten betroffener Menschen weiter: „Wende dich im konkreten Erleben einer persönlichen Belastung den Menschen zu, die dir in ihrem Verhalten bereits einmal zeigten, dass es trotz einer Leiderfahrung für sie (weiterhin) darum ging, einen Beitrag zu leisten für jemanden, der nicht sie selbst war oder für etwas, das nicht die Person als egoistisches Ziel für sich selbst formuliert haben.“

Warum Krisenprävention so hilfreich ist

Die oben genannten ‚vier großen K‘ sind mehr oder minder lange Zeiträume mit starker emotionaler Aufladung. Angst, Wut, Trauer oder Scham – dazu in den folgenden Tagen mehr – führen in eine psychische Verfassung, die nach Abwehr ruft. Versuche, solchen Situationen mit Weglächeln oder Ignoranz zu begegnen, schlagen meist fehl. Dahinter steht oft der Irrtum, dass man Emotionen unterdrücken sollte, um dem Umfeld eine vermeintliche Schwäche nicht anzuzeigen. Viele Menschen kennen zum Beispiel bei Todesfällen den Umstand, dass man einfach nur noch funktioniert, um allen Anforderungen zum Beispiel von Ämtern zu genügen. Hierfür braucht es zwar wirklich einen kühlen Kopf, dennoch merken viele Menschen schnell, dass sie sich die Zeit für die emotionale Verarbeitung der Situation ebenso nehmen müssen. Das ist auch gut so, denn Emotionen sind weder bloße Begleiterscheinun­gen noch in ihrem Erscheinen verallgemeinerbar. Im Gegenteil, sie sind höchst individuelle Hinweise auf den Belastungsgrad, die Bedeutung des Ereignisses, die Bewertung der Situation und die Nähe der eigenen Person zum Tod [sei es einer Person oder auch einer Aufgabe, von der man Abschied nehmen muss].

Wenn man nun im Rahmen einer (in einer unbelasteten Zeit vorgenommenen) Krisenprävention die eigenen Emotionen erkundet, die bei nicht völlig auszuschließenden zuküntigen Lebenssituationen zu erwarten sind, dann hat man eine Grundlage dafür geschaffen, wie man sich steuern und regulieren kann, sollte eine solche extreme Belastung wirklich eintreten [und jeder Mensch kann sich sicher sein: irgendwann kommt eine solche Situation]. Kommt die Krise unvorbereitet, dann liegt es für die Psyche nahe, einen Abwehrmechanismus zu starten [zum Beispiel Leugnung, Aggressivität, Rationalisierung u.v.a.m.]. Diese Abwehr jedoch lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten – versucht man es dennoch, sind psychische oder psychosomatische Wirkungen zeitnah beobachtbar.

Wer sich jedoch präventiv seiner Emotio­nen klar wird, kann sie im Fall des Falles annehmen, justieren, regulieren und damit leichter aus dem Stimmungstief herauskommen. In einer Krise diese Emotionsarbeit zu leisten ist natürlich ebenso möglich – nur ungleich schwerer, da nun die Verarbeitung des Anlasses und die Klärungsarbeit für den Umgang mit der Situation zusammenkommen. Was Menschen in einer Krise und der mit ihr verbundenen Doppelbelastung oft versuchen ist, dem Ereignis einen Sinn ab­zuringen – ‚für irgendetwas wird es gut sein‘. Dieses sehr menschliche Vorgehen entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Illusion, dass man wohl erst durch die Krise einen Reifungsschritt hat gehen können.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Krisenprävention verhindert keine Krisen. Ihr Beitrag besteht vielmehr darin, den Umgang mit potenziellen Krisen zu verbessern. Durch sie wird es möglich, sich über das Wesentliche bewusst zu werden, über das, was jede Krise überdauern wird – die eigenen Werte [Betonung auf eigene]. Wer sie kennt, setzt klare Prioritäten, entscheidet wertebewusst, bleibt sensibel für die trotz allem auf den Menschen wartenden Sinnangebote.

Krisenprävention kann man nicht delegieren. Wer sie selbstbewusst vollzieht, kann Krisen besser trotzen. Und: Krisenprävention kostet nicht viel an Zeit oder Geld. Sie kostet vorrangig die Überwindung des Glaubens an eine lllusion. Der Illusion, dass Krisen sein müssten, um sich als Person weiterentwickeln zu können.

Wenn einen eine dunkle Energie trifft

Man bewirbt sich in einem Unternehmen und kündigt später einem Vorgesetzten. Diese Mitarbeiterweisheit hat bei genauer Betrachtung meist etwas für sich. Wobei: eine Einbahnstraße liegt dem Weg zur Kündigung auch eher selten zugrunde. Wenn die individuellen Werte nicht denen des Vorgesetzten entsprechen, dann sind Wertekonflikte früher oder später zu erwarten. Eine Bedingung, die Wahrscheinlichkeit solcher Konflikte zu verringern, besteht zuerst einmal darin, dass sich alle Gesprächspartner ihrer eigenen Werte, den Werten mit dem größten Verletzungspotenzial und den erfreuenden Erlebnissen, die mit der früheren Verwirklichung eigener Werte verbunden waren, wirklich bewusst werden.

Der Goldstandard der Führung wäre wohl, sich im Rahmen von Mitarbeitergesprächen die Zeit für einen solchen persönlichen Werteabgleich zu nehmen. Dieser Schritt wiederum bedingt, sich auf eine Methode einer Werteanalyse gemeinsam zu verständigen. Viele Unternehmen setzen dafür onlinebasierte Wertetools ein – ich früher auch, als ich in meiner Verantwortung für die Führungskräfteentwicklung eines Unternehmens der Pharmaindustrie auf sie mangels Alternative zurückgreifen musste. Was mich damals immer störte, war der mit diesen Tools zwangsläufig verbundene Reduktionismus. Später, und als eine der ersten ‚Amtshandlungen‘ in meiner Selbständigkeit, entwickelte ich als Gegenpol dann mit den LebensWerte-Karten ein Angebot, das die Vielfalt menschlicher Werte umfassender adressiert und damit auch feinere Nuancen für die Erklärung individuellen Verhaltens ermöglicht.

So umfassend die Bandbreite der Werkzeuge auch ist: Bei einer Gruppe von Führungskräften jedoch ist auch heute kaum zu erwarten, dass sie zu einem Gespräch über ihre, ihrem Verhalten zugrundeliegenden Grundwerte einladen werden. Diese Gruppe ist gekennzeichnet von Merkmalen, die wir die ‚dunkle Triade‘ nennen. Sie besteht aus den drei ‚Zutaten‘

  • Psychopathie mit ihrer Empathie- und Rücksichtslosigkeit sowie eines Mangel an Schuldbewusstsein
  • Narzissmus mit seinem Streben nach Bewunderung und arroganter, fehlender Kritikfähigkeit
  • Machiavellismus mit seiner Menschenmanipulation und reinem Zweckdenken.

Jede dieser Verhaltensweisen kann für sich allein bereits das konstruktive Miteinander in einem Unternehmen deutlich belasten. Wenn aber alle drei zusammenkommen, braucht es im Umfeld solcher Personen ein wahrlich dickes Fell. Wird dann nachgefragt, warum an diesen Führungskräften festgehalten wird, erhält man in aller Regel die Antwort, dass sie sehr intelligent, strategisch denkend, sachorientiert und kenntnisreich seien und das Unternehmen auf sie deshalb nicht verzichten könne.

Nach Viktor Frankl ist der Mensch im Kern durch drei Prinzipien charakterisiert: Freiheit des Willens, Wille zum Sinn und Suche nach Sinn im Leben. Der „Wille zum Sinn“ bedeutet, dass jeder Mensch selbst Verantwortung für sein Leben trägt und aus dieser Freiheit heraus eine sinnvolle Lebensgestaltung wählen kann. Was also Führungskräfte mit einer ‚dunklen Triade‘ immer beachten sollten: Dass es keinen objektiven Sinn gibt, der ein solches subjektives Verhalten bedingt oder rechtfertigt. Daraus folgt, es muss für die Person subjektiv sinnvoll sein, sich so zu verhalten. Wenn jedoch im Dysfunktionalen subjektiv Sinn gesehen wird, muss darauf geschlossen werden, dass die Person einen objektiven Sinn in ihrem Leben noch nicht entdeckt hat. Diese existentielle Leere und innere Spannung auszuhalten kostet viel Kraft, manchmal so viel, dass ihre Folge Verzweiflung, Selbstzerstörung oder eben auch destruktives Verhalten ist.

Umgekehrt: Würden die derart destruktiv erscheinenden Menschen ihre Chance ergreifen, auf die Suche nach einem Sinnimpuls ihrer Welt zu gehen, der größer ist als ihr eigenes egoistisches Streben, dann könnten sie eine Menge an Lebensenergie besser nutzen als sie dies im Rahmen ihres ‚dunklen Verhaltens‘ leisten können.

Auch wer narzisstisch, manipulativ oder empathielos wirkt, bleibt ein freies, verantwortliches und sinnorientiertes Wesen. Er kann sich entscheiden, sein Leben anders zu gestalten, und andere Menschen können ihn dabei gegebenfalls unterstützen. Anstatt die Person zu verurteilen oder zu ‚therapeutischen‘ Reformversuchen zu greifen, kann man versuchen, sie auf ungelöste Probleme hinzuweisen, die ihrer Kompetenzfelder, ihrer Zielorientierung und ihrer Entschlusskraft bedürfen.
Gelingt das nicht und die Person handelt weiterhin manipulativ, schädigend oder empathielos, dann gilt es, sie mit klaren Grenzen zu konfrontieren – dies kann auch ein Mitarbeiter tun, der sich vermeintlich in einer schwächeren Position wähnt. Aus einem schlichten Grund: Wenn die Leitung des Unternehmens das Verhalten der Führungskräft als wertiger ansieht als den Sinn, den Mitarbeiter durch ihre Arbeit in dem Unternehmen verwirklichen, dann kann das Unternehmen nicht das richtige für den Mitarbeiter sein.

Menschen mit dunklen Tendenzen provozieren oft starke Gefühle bei anderen. Der betroffene Mitarbeiter sollte daher Sorge dafür tragen, zuerst die eigene Haltung der Situation gegenüber zu klären. Welche eigenen Werte werden verletzt, ich welchen Kontexten genau geschieht das, wie wurde die Führungskraft auf ihr Verhalten aufmerksam gemacht?

Natürlich gibt es keine Garantie, dass sich jemand mit starker Ausprägung der Dunklen Triade durch Einsicht und Ausrichtung auf objektive Sinnimpulse spürbar ändert. Manche Persönlichkeitszüge sind biografisch tief verwurzelt und kein Mitarbeiter hat den Auftrag, diese Wurzeln aufzudecken noch ihre Folgen zu ertragen.

Aber: Indem Sinn und Verantwortung ins Gespräch gebracht werden — statt nur Compliance, Druck oder Kontrolle — eröffnet man der Führungskraft die Chance, dass destruktives Verhalten reflektiert wird und sinnvoll umgelenkt werden kann.

Wenn Sie in der Situation sind, mit einem betroffenen Mitarbeiter oder Kollegen ins Gespräch gehen zu wollen, dann kann dieser Ablauf dazu einen Strukturbeitrag leisten:

  • Klären
    Ziel: Verstehen, was tatsächlich geschieht, ohne zu pathologisieren.

Fragen  
„Was genau tut die Person, was Sie verletzt oder verunsichert?“
„Welche konkreten Verhaltensweisen empfinden Sie als manipulativ, dominant oder rücksichtslos?“
„In welchen Situationen treten diese Muster besonders auf?“

  • Distanzieren
    Ziel: Die Freiheit der eigenen Reaktion wiedergewinnen.

Fragen  
„Was liegt innerhalb Ihrer Einflusszone — und was eindeutig nicht?“
„Welche Ihrer Reaktionen, die Sie bisher gezeigt haben, sind Ausdruck Ihrer eigenen Werte — und welche waren eher ausgelöst durch die Führungskraft?“

  • Orientieren
    Ziel: Herausfinden, worin der persönliche Sinn im Umgang mit dieser Person liegen kann.

Fragen  
„Welche Bedeutung könnte diese schwierige Situation für Ihr persönliches Wachstum haben?“
„Worauf möchten Sie am Ende zurückblicken können: Dass Sie gekämpft haben? Dass Sie klar geblieben sind? Dass Sie Grenzen gesetzt haben?
„Welche unterstützenden Bedingungen müssen dafür für Sie geschaffen werden?“

  • Grenzen setzen
    Ziel: Die moralische Qualität des eigenen Handelns sichern.

Fragen:
„Welche Grenzen wollen Sie setzen, die sowohl Ihnen selbst entsprechen als auch die Würde der Führungskraft nicht verletzen?“
„Wie können Sie klare Grenzen kommunizieren, ohne in die destruktiven Muster der Führungskraft hineingezogen zu werden oder sie gar zu kopieren?“
„Was wäre die verantwortungsvollste Entscheidung im Sinne Ihres Wertesystems?“

  • Entscheiden
        Ziel: Klären, ob Verbleib oder Rückzug sinnvoll ist.

Fragen
„Gibt es eine realistische Hoffnung, dass die Führungskraft ihr Verhalten ändert — oder dient die geplante Intervention eher Ihrem Selbstschutz?“
„Wenn Sie sich von dieser Führungskraft distanzieren, worum würde es dann für Sie gehen?
„Und wenn Sie bleiben, worum ginge es Ihnen dann?“
„In welcher dieser Möglichkeiten fühlen Sie sich freier?

Eine Entwicklungsanregung für 2026

Wie wäre es, wenn Sie in der ersten Woche dieses Jahres einmal in sich gehen und sich die Frage beantworten, welches das Gefühl ist, dem Sie bereits lebensewig versuchten, aus dem Wege zu gehen und sich deshalb ihm nicht stellten? Und dann: Wie wäre es, wenn Sie dieses Jahr dafür nutzen würden, die Macht dieses einen Gefühls so einzuhegen, dass es sich damit für Sie einreiht in die Gefühle, von denen Sie sagen, dass sie für Sie völlig stimmig sind, sie zu fühlen (auch wenn das Menschen an Ihrer Seite womöglich ganz anders sehen)?

„Denke und handle so, dass
Dir niemals die Achtung
vor Dir selbst vergehe.“

Wilhelm Wundt, in: Ethik 3, 1912

ich möchte ergänzen:

„Verhalte Dich jedem Menschen,
der Dein Gegenüber ist so, als
wäre dieser Mensch die ganze
Menschheit.“  

Gruß vom Simurgh

Vor circa 800 Jahren schrieb der islamische Mystiker Fariduddin Attar aus dem Norden Persiens seine metaphorische Geschichte vom Vogel aller Vögel, dem Simurgh. Dabei geht es um die Geschichte einer internationalen Vogel-Konferenz, die erforderlich wurde, weil es im Reich der Vögel viele Schwierigkeiten und Umbrüche gab. Nachdem die Versammlung feststellte, dass sie die verschiedenen Probleme und Krisen nicht meistern konnte, beschloss man, sich an den Simurgh, den Meistervogel, zu wenden. Für dieses nicht leichte Unternehmen stellte man eine Delegation von dreißig Vögeln zusammen, die sich sodann auf den Weg zum Simurgh machten.

Die Vögel mussten auf ihrer Reise über sieben Berge und durch sieben Täler allerlei Abenteuer bestehen. Auf einer Metaebene lässt sich bei dieser Erzählung eine Brücke schlagen zu den von Graves beschriebenen sieben Entwicklungsphasen der Menschheit vom vMeme Beige (dem Überlebens-Meme) bis zum systemischen vMeme Gelb (dem Meme, das alle vorangegangenen vereint als Ausgangspunkt für die weitere, höhere Entwicklung der Menschheit, weg von einer egozentrierten hin zum transpersonal-kosmoszentrierenden Menschheit).

Auf ihrer Reise erhalten die Vögel immer mehr Hinweise über das Wesen des Simurgh und erkennen, dass sie selbst, die dreißig Vögel, alle zusammen der Meistervogel sind. So entsteht eine Reise von dreißig Vögeln auf der Suche nach dem dreißigsten Vogel, der ihre innere Einheit repräsentiert. Sie erkennen, dass nur sie zusammen fähig sind, die Probleme, die Anlass ihrer Reise waren, zu lösen. Nur sie gemeinsam können die Antwort des Simurgh hören.

Für sich genommen, ist das Buch des alten Mystikers bereits ein wahrer Lese-Genuss. Doch habe ich mich gefragt, wer heute vielleicht die ‚Vögel‘ sein könnten, die sich gemeinsam auf ihre Reise zum Vogel aller Vögel machen (sollten), um eine integrierte, bewusste Weltgemeinschaft zu ermöglichen? Dazu sind mir diese dreißig Rollen eingefallen:

Weltahnenforscher – Integralphilosoph – Neuropsychologe – Friedensmediator – Völkerrechtler – Panikforscher – Lebensraumsystemarchitekt – Kosmos-Ethiker – Restorative-Justice-Systemiker- Klimatransformationsforscher – Hyperkomplexitätsforscher – Weltgesundheitsingenieur – KI-Ethiker – Digitalitätssoziologe – Schwarmintelligenzforscher – Ozeanographiker – Biodiversitätsforscher – Erdsystemwissenschaftler – Gemeinwohl-Eco-Ökonom – Weltgartenschauarchitekt – Postsozialmarktwissenschaftler – Weltgesellschaftsforscher – Bürgerbeteiligungs-Designer – Glokaler Governance-Architekt – Macht- und Ungleichheitsanalyst – Globaltransformatiker – Friedenspädagoge – Psychotraumatologe – Integraltherapeut – Megagruppenprozessmoderator

Welche Probleme könnten für diesen Simurgh zu Auftragsarbeiten werden?

Vielleicht ein solches?

Die meisten Menschen denken den ganzen Tag, ohne zu merken, dass sie denken. Vertieft in Episoden der Vergangenheit oder in der Planung von morgen, bleibt allzu oft die tiefe, gedankliche Auseinandersetzung mit dem auf der Strecke, was schwerfällt angenommen zu werden. Ein solches Thema ist die Erkenntnis, dass es der Mensch offenbar trotz aller detailliert erforschten Daten vielfach nicht schafft, aus ihnen die erforderlichen Lehren zu ziehen. Im Kleinen ist es vielleicht der persönliche Datensatz eines Blutbildes, aus dem heraus der Arzt einem klipp und klar sagt, was passieren wird, wenn sich die Einstellung der Person den Bedingungen nicht anpasst. Oder der Umstand, dass viele Menschen oft zu wenig für ihr Alter sparen, sich über Gebühr verschulden und  finanzielle Risiken ignorieren, obwohl Modelle und Daten klare Warnungen liefern. Oder trotz klarer Daten über zunehmende Resistenzen und zukünftige Gefahren greifen Menschen weiterhin zu Antibiotika „just in case“. Und auch, wenn es manchem Leser hier nicht gefällt: trotz statistischer Evidenz für deutlich reduzierte Unfallrisiken werden Regeln oft ignoriert, im Sport, im Straßenverkehr, im Haushalt. Dann darf nicht vergessen werden, dass trotz zahlreicher Berichte über Datenlecks und Missbrauch viele Menschen mit ihrer IT sehr leichtfertig verfahren. Die Gründe dafür sind psychologisch gut erforscht:

  • Menschen priorisieren oft unmittelbare Belohnungen.
  • Probleme, die sich kollektiv oder in der Zukunft zeigen, wirken weniger real.
  • Kognitive Verzerrungen wie zum Beispiel der Optimismus-Bias („Mir passiert das nicht“) oder der Status-quo-Bias („Das war schon immer so“) erschweren Verhaltensänderungen.
  • Verhalten wird stark durch Normen, Traditionen und Gruppenzugehörigkeit bestimmt.
  • Je komplexer die Problemlage, desto eher blockiert die Handlungslust.

Das alles wirkt auch, womöglich sogar noch stärker im Großen zum Beispiel beim Thema Klimawandel.

An sich müsste es ja jeder Mensch hierzulande vorbeten können: wir haben zuviele Menschen auf diesem Planeten, damit einen zu hohen Wasserverbrauch, wir blasen zu viel CO2 und Methan in die Luft, wir haben einen Verlust an Biodiversität und eine zu hohe Belastung durch Erosion und Entwaldung. Und selbst, wenn wir heute alle schädigenden Faktoren auf 0 setzen könnten, dann hätten wir und die nächsten bis zu zehn Generationen weiter unter den Folgen dessen zu knabbern, was wir in unserer Zeit nicht verhindert haben.

Das Fatale: Insgeheim ist dieses grandiose Scheitern jedem bewusst, die Verbitterung ist groß und der Zynismus auch. Wie fühlt man sich in einer Mannschaft, die ihr Spiel völlig verbockt hat, obwohl sie die Daten hatte, um wenigstens unentschieden zu spielen? Wie geht es einem selbst, wenn man weiß, dass man am Scheitern seinen Anteil gehabt haben wird? Wie geht es einem, wenn man womöglich zudem nicht an Gott und seine immerwährende Liebe und Entschuldigungsbereitschaft glaubt? Wie hält man das bloß aus?

Manche Menschen versuchen über einen esoterischen Zugang zur Meditation ihre dabei entstehenden veränderten Bewusstseinszustände so zu interpretieren, wie es ihnen gerade in ihr Glaubenssystem passt. Selbst in einem der Länder mit der längsten Tradition der Meditation, in Japan, wurden die durch diese Methode bewirkten nicht-dualen Bewusstseinszustände in Konzepte des Faschismus eingebaut. So entstand das Kamikaze durch Einsatz von Zen-Praktiken, mit denen das Überwinden des Egos und der Angst vor dem Tod trainiert wurden, was letztlich als Erfüllung eines höheren Ziels und als ständiger Kreislauf von Tod und Wiedergeburt und nicht als endgültiges Ende interpretiert wurde.

Es kommt immer darauf an, was man aus einer Methode macht. Und so kann auch die beste Meditationserfahrung nicht garantieren, dass von einem Menschen ethische Handlungen ausgehen. Das ist bitter, denn wenn es schon nicht der Verstand ist, der ausreicht, um doch noch zu verhindern, dass alle bekannten Kipppunkte wirklich kippen und andere Bewusstseinszustände oder Angebote zur Selbsttäuschung es auch nicht vermögen, das die Menschheit umschwenkt, dann bleibt wohl wirklich nicht mehr allzu viel.

Außer vielleicht dem klaren unverfälschten Bewusstsein dafür, dass wir alle wirklich nicht imstande sind, das, was klar ist zu tun, wirklich zu tun. Für diesen Sinn unseres Lebens haben wir Menschen offenbar die Antenne eingefahren und geben uns dafür lieber der Leugnung unserer kollektiven Sterblichkeit hin.

Im Kern ist es wohl unsere Trägheit für das Wesentliche. Wir sind turboschnell in wichtigen technologischen Themen, aber grottenlahm in dem, wofür die Zeit abläuft. Überall dort, wo ein Gehirn drin ist, kommt viel zu langsam etwas heraus, was einen globalen return of mental invest versprechen könnte – eben dafür braucht es wohl einen Simurgh.

Dafür lassen wir uns kollektiv langweilen von ‚Kriegsmächtigen‘, die zwar alle auch von den selben Informationen über den Zustand der Welt an sich konfrontiert werden und trotzdem meinen, mit ihren ‚Spielchen der Erwachsenen‘ irgendetwas von Belang beizutragen. Teilweise ewig anmutende Konflikte werden fortgesetzt, die Erschöpfung steht allen ins Gesicht geschrieben und wenn auch sie dann eines Tages ihre Rolle als Leugner des Wesentlichen bemerken werden, haben sie es zumindest geschafft, zur Beschleunigung allen Endes beigetragen zu haben.

Wobei es aber vielleicht eine Tür zu einem besseren Ausgang gibt! Wenn es schon so ist, dass wir Menschen so tun als ob wir die Lage im Griff haben, wenn es so ist, dass wir uns ablenken lassen, von dem, was uns alltäglich versucht zu erregen oder aufzuregen; wenn es schon so ist, dass wir die einzigen Wesen auf Erden sind, die sich selbst simulieren, jemand oder etwas (vielleicht eine KI) würde schon kommen, der oder das das Ruder herumreißt, um im gleichen Atemzug auszusprechen, was von dieser Idee zu halten ist. Wenn es schon so ist, dann können wir wenigstens jeder für sich eines tun: Das unangenehme Gefühl wirklich heranzulassen und auszuhalten und dann konkret zu benennen. Das Gefühl, das man nicht spüren will, dem aber jede Simulation gilt, die eben simuliert, es ginge um alles nur nicht um das Umschiffen dieses einen Gefühls.

Und wenn das Gefühl dann einmal klar benannt ist, dann könnte jeder Mensch eine sanfte Einladung ans eigene Gehirn aussprechen: „Du musst dir von dir und deinem Umgang mit diesem Gefühl nicht alles gefallen lassen“.

Damit würde ein Kollektivauftrag ermöglicht: „Lieber Simurgh, unterstütze jeden, der wissen will, worum es ihm selbst zu gehen hat, nachdem sein Gehirn bislang einen bemerkenswerten Job tat, indem es ihm eine Welt simulierte, die permanent kaschierte, welches zutiefst unangenehme Gefühl von ihm zu bewältigen ist, um die Autorschaft seines Lebens zum Wohl aller zurückzugewinnen.“

Haben Sie eigentlich Ihren Sinn im Leben gefunden? – Teil 1

… wurde ich in den vergangenen Jahren immer wieder gefragt. Ich erzählte dann immer wieder kurz von einem Ereignis, das mich 2004 zu Frankl führte, verbunden mit einer völlig neuen beruflichen Ausrichtung. In meiner eigenen biografischen Arbeit entdeckte ich dann weitere Momente, ungeplant, unerhofft, unerwartet, die zu Veränderungen in meinem Leben führten, die ich seit meiner Ausbildung in der originären Logotherapie und Existenzanalyse in den Kontext ‚objektiver Sinn‘ rücke. Andererseits gab es eine Fülle hausgemachter, selbst- und fremdbestimmter Ziele, von denen gar nicht einmal wenige durchaus erfolgreiche Ergebnisse zeitigten. Sie zu erreichen machte für mich Sinn, sie waren ’subjektiver Sinn‘.

Zum philosophiegeschichtlichen Gelehrtenstreit, ob Sinn nun objektiv oder subjektiv sei, habe ich mich so positioniert: Der objektive Sinn ist wesentlich, der subjektive Sinn ist wichtig. Damit will ich sagen, beide Perspektiven sind für mich gültig, aber es gibt gravierende Unterschiede. Objektiver Sinn braucht die Fähigkeit des Menschen, ihn in seiner Lebenswelt wahrzunehmen, wenn er sich zeigt (siehe hierzu auch den Teil 2 zu diesem Beitrag, der Anfang 2026 erscheint). Rückblickend habe ich diese Fähigkeit einige Male einsetzen können, und ich weiß nicht, wie oft ich Sinnanrufe dieser Qualität aus welchen Gründen auch immer nicht wahrgenommen habe und womöglich Sinnloseres tat als mir der verstrichene Moment angeboten hätte.

Subjektiver Sinn dagegen braucht die Fähigkeit des Menschen, sich mit seiner Lebenswelt auseinanderzusetzen und absichtsvoll Prozesse in Gang zu setzen, die etwas aus seiner Sicht Erstrebenswertes zuwege bringen sollen. Sich für Ziele dieser Art einzusetzen, gelang mir in meinen vierzig Berufsjahren durchaus eher mehr als weniger, aber es gab durchaus Empfindungen des Ziel-Zweifels bis hin zur Tilgung von Zielen, deren Erreichen mir irgendwann keinen Sinn mehr machten.

Während die Wahrnehmung eines objektiven Sinns unmittelbar nicht messbar ist, lässt sich zum Beispiel die individuelle Motivationsstärke, die eine subjektiv sinnvolle Zielerreichung bedingt, durchaus messen. Ebenso mit psychometrischen Verfahren messbar ist das Empfinden einer Demotivation, in der eine Person das von ihr angestrebte subjektive Ziel als unsinnig erlebt.

Ganz praktisch gesprochen biete ich meinen Gesprächspartnern folgende Hypothesen zur Reflexion an:

Im Leben kommt es auf die stimmige Relation von objektivem und subjektivem Sinn an.
Dazu vier, quasi in vivo unvorstellbare Perspektiven:

– Angenommen, eine Person nimmt nie einen objektiven Sinn wahr und zugleich setzt sie sich überhaupt keine eigenen Ziele, dann wird sie sich zum Ende ihres Lebens die Frage stellen: War es richtig, gut oder schön, dieses Leben gelebt zu haben, überhaupt gelebt zu haben?

– Angenommen, sie nimmt objektiven Sinn wahr, setzt sich jedoch überhaupt keine eigenen Ziele, dann wird sie fragen: Fühlt es sich für mich richtig, gut oder schön an, gelebt zu haben, ohne dass es ein spezifisch individuelles Leben wahr, das ich lebte?

– Angenommen, eine Person nimmt nie einen objektiven Sinn wahr, setzt sich hingegen aber eine Anzahl ihr wichtiger Ziele. Dann wird sie sich zum Ende ihres Lebens die Frage stellen: War es richtig, gut oder schön, diese Ziele für mich lohnend verfolgt zu haben?

– Und angenommen, eine Person nimmt objektiven Sinn wahr und setzt sich zudem darüber hinaus subjektiv sinnvolle Ziele. Dann wird sie fragen: Hat das Verhältnis gestimmt, habe ich alles aus meinem Leben gemacht, was ich aus ihm hätte machen können?

Objektiver Sinn trägt das Leben nachhaltiger als subjektiver. Das, was einem Menschen subjektiv Sinn macht, kann situativ schnell von einem anderen wichtigeren, subjektiv gemachten Sinn abgelöst werden. Ein als wesentlich gefühlter objektiver Sinn kann zu einer Lebensaufgabe transformiert werden, subjektiver Sinn stellt dagegen eher eine Lebenserwartung dar. Beim ersten stellt das Leben die Person vor eine Aufgabe, beim zweiten hat die Person an ihr Leben Erwartungen, dass sich Bedingungen ergeben werden, damit sich gemachter subjektiver Sinn in Form einer Zielerreichung verwirklichen lässt.

Kann subjektiv gemachter Sinn nicht verwirklicht werden, die Person hat jedoch einen objektiven Sinn im Leben, den sie verwirklichen kann
=> Glück und keine Krise

Kann subjektiv gemachter Sinn verwirklicht werden, die Person hat jedoch keinen objektiven Sinn im Leben, den sie verwirklichen kann
=> Zufriedenheit und Krisenlatenz

Weder objektiver noch subjektiv gemachter Sinn
=> Empfinden von Unglück durch existenzielle Sinnkrise

Objektiver und subjektiver Sinn
=> Riesenglück

Wird objektiver Sinn geistig wahrgenommen (das Leben erwartet von der Person eine Stellungnahme auf Basis der ihm per se verfügbaren Freiheit und Verantwortung), dann wird dieser Sinn in einem Folgeschritt mental – ich nenne dies auch gehirngeistig – transformiert (die Person fragt sich dann zum Beispiel, ob (Kompetenz) und wie (Methodik) sie nun umsetzen kann, wozu sie Stellung bezogen hat …). Subjektiver Sinn hingegen kann nicht in objektiven Sinn transformiert werden.

Zum Jahresende eine Anregung zur Reflexion:
Stellen Sie sich Ihre persönliche Lebenswaage vor. Legen Sie in die linke Schale eine oder mehrere Kugeln für den objektiven Sinn in Ihrem aktuellen Leben und in die rechte analog die Kugeln für jeden von Ihnen subjektiv gemachten Sinn. Spüren Sie eine Offenheit, an dieser Relation im neuen Jahr möglicherweise etwas zu verändern? Bei Fragen dazu können Sie mir gerne eine Mail schreiben.

Originäre Logotherapie und Existenzanalyse

Die Logotherapie wurde von Viktor Frankl entwickelt und ist eng mit seiner Biografie verbunden, insbesondere mit seinen Erfahrungen in mehreren Konzentrationslagern. Obwohl er dort Ehefrau und Eltern verlor, konnte er mithilfe seiner bereits zuvor konzipierten Lehre die extremen Belastungen bewältigen. Im Zentrum seines Ansatzes steht der Wille zum Sinn als grundlegende menschliche Ausrichtung.

In den frühen 1990er Jahren stellte Frankls ehemaliger Schüler Alfried Längle ein Konzept vor, das namentlich fast identisch ist, sich inhaltlich jedoch deutlich unterscheidet. Diese Nähe in der Bezeichnung führt bis heute zu Missverständnissen bei Ratsuchenden und Interessenten an einer Fachausbildung zum Logotherapeuten. Das besprochene Buch will diese Unklarheiten beseitigen und eine fundierte Entscheidungsgrundlage schaffen.

Verfasst wurde das Werk von zwei Vertretern der originären Logotherapie nach Frankl. Anna Kalender arbeitet wissenschaftlich am Viktor Frankl Institut in Wien, Alexander Batthyány ist Professor in Budapest und im Vorstand des Instituts tätig. Ausgangspunkt des Buches ist die häufige Verwechslung zwischen Frankls Logotherapie und Existenzanalyse und der von Längle begründeten Psychotherapie, der er die umgedrehte Bezeichnung Existenzanalyse und Logotherapie gab und damit ursächlich die Probleme verantwortet, wenn Menschen unbeabsichtigt einen Ansatz wählen, der nicht ihren Erwartungen entspricht und sie in eine teilweise zum Gedankengut Frankls diametral entgegengesetzte psychotherapeutische Richtung führt.

Der erste Teil des Buches zeichnet die Entwicklung von Frankls Logotherapie nach. Batthyány schildert Frankls Lebensweg, seine Lagerhaft und die Entstehung zentraler Werke, darunter das weltweit millionenfach verbreitete Buch ‚trotzdem Ja zum Leben sagen‘, indem Frankl über seine Lagererfahrungen berichtet. Zudem wird auf die breite wissenschaftliche Rezeption hingewiesen, die sich unter anderem in zahlreichen empirischen Studien und vielen Ehrendoktorwürden zeigt. Inhaltlich hebt Batthyány zentrale Merkmale der Logotherapie hervor, etwa den Vorrang des Sinnwillens, die Annahme menschlicher Freiheit und die Existenz einer geistigen Dimension, die über psychische und körperliche Aspekte hinausreicht. Diese Annahmen stehen im Gegensatz zu deterministischen Sichtweisen anderer Therapierichtungen.

Ausführlich wird der Bruch zwischen Frankl und Längle dargestellt. Längle hatte wesentliche Grundannahmen von Frankls Lehre verändert, was schließlich dazu führte, dass Frankl sich 1991 von der von Längle gegründeten internationalen Fachgesellschaft distanzierte und deren inhaltliche Ausrichtung scharf und zum Teil sogar als anti-logotherapeutisch kritisierte. Während Frankl und seine Schüler diesen Bruch klar benannten, wurde und wird er in Publikationen der von Längle gegründeten Gesellschaft eher relativiert. Batthyány kritisiert, dass trotz tiefgreifender inhaltlicher Abweichungen weiterhin der Eindruck einer engen Nähe zu Frankl erweckt werde. Zudem setzt er sich kritisch mit Längles stark intuitiver Vorgehensweise auseinander, etwa in der Psychosomatik und in der Gesprächsführung, die sich deutlich von Frankls dialogischer Haltung unterscheide.

Im zweiten Teil des Buches arbeitet Anna Kalender die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen systematisch heraus. Sie zeigt, dass Frankls Logotherapie auf Sinn, Freiheit und Verantwortung gründet, während Längle zentrale Konzepte verändert hat. Besonders deutlich wird dies im Menschenbild, da in Längles Ansatz die Eigenständigkeit der geistigen Dimension abgeschwächt wird. Auch das Motivationsverständnis unterscheidet sich stark, da der Sinnwille bei Frankl eine herausgehobene Stellung hat, bei Längle jedoch nur eines von mehreren gleichrangigen Motiven darstellt. Kalender macht deutlich, dass gerade Frankls Verständnis erklärt, warum Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn finden können.

Weitere Differenzen bestehen im Sinnbegriff selbst. Frankl ging von einem objektiven Sinn aus, der in einer Situation entdeckt werden kann, während Längle Sinn subjektiv versteht. Dies führt laut Kalender zu problematischen Konsequenzen, da dadurch auch moralisch fragwürdige Handlungen als sinnvoll gelten könnten. Auch im Umgang mit Leid zeigen sich grundlegende Unvereinbarkeiten zwischen beiden Konzepten.

Insgesamt macht das Buch transparent, wie unterschiedlich der Konflikt öffentlich dargestellt wird und warum eine klare Abgrenzung notwendig ist. Es ermöglicht Interessierten an Therapie oder Ausbildung einen sachlichen Vergleich und unterstützt sie dabei, eine informierte Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus führt es prägnant in Frankls Denken ein und greift grundlegende ethische Fragen auf, etwa ob Sinn und Werte objektiv bestehen oder beliebig festgelegt werden können. Damit bietet das Werk nicht nur Orientierung innerhalb der Logotherapie, sondern auch eine fundierte Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen.

 

Tradition und Realität

Crisis meint „entscheidende Wendung“. Als eine Wendung, für deren Richtung sich der Mensch zu entscheiden hat. Dies fällt umso schwerer, wenn die Richtung, die ein Mensch vor einer Krise einschlug, von ihm als sinnerfüllend gefühlt wurde. Wird dieses Gefühl von einer Krise überschattet (zerstört kann ein Gefühl nie werden), so stellt sich die Frage, welche Schlüsse der Mensch nun daraus zieht? Als Beispiel sei hier der von einem Klienten traurig beklagte Tod seiner Ehefrau genannt. Seine viele Jahre währende Partnerschaft stand stets unter einem guten Stern, das Paar stand innig und vertraut zueinander und in ihren verschiedenen Bekannten- und Freundeskreisen wurde dieses Glück wahrgenommen und zuweilen auch bewundert. Dieser Mann kam nun in die Situation, sich nach wenigen Monaten nach dem Tod seiner Ehefrau in eine neue Frau zu verlieben und litt unter den Vorhaltungen von Familienmitgliedern, die ihn mit tradierten Glaubenssätzen (Stichwort: Trauerjahr) konfrontierten als die neue Frau gemeinsam mit ihm wahrgenommen wurde. Durch die subtilen Rückmeldungen empfand er Schuldgefühle seiner Familie gegenüber als auch gegenüber der neuen Frau, verbunden mit einer Angst, diese würde sich vielleicht früher oder später von ihm abwenden, würde er dieses Dilemma nicht auflösen.

„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost. Denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“
Dietrich Bonhoeffer

Im Beratungsgespräch mit dem Klienten ergab sich dieser Dialog: „Wenn Sie nun über die sich entwickelnde Konstellation zwischen Ihnen, Ihrer Familie und der neuen Frau nachdenken, was bewegt Sie da am meisten?“ Klient: „Ich fürchte, dass meine Familie denkt, ich wolle meine verstorbene Frau ersetzen, dass ich versuchen würde, sie einfach zu ‚vergessen‘. Dabei ist klar, meine verstorbene Frau war einmalig. Niemand kann sie ersetzen.“ „Und doch fürchten Sie, dass Ihre Familie es so sehen könnte.“ Klient: „Ja, aber die neue Frau nimmt nicht den Platz meiner verstorbenen Frau ein, sie erhält ihren eigenen Platz in meinem Leben. Aber wie erkläre ich das meiner Familie?“ „Stellen Sie sich einmal vor, Sie nähmen Ihrer Familie gegenüber die Rolle eines Lehrers ein, der nicht sofort alles erklären muss, sondern zuerst Verständnis dafür zeigt, dass der  Lernprozess der Schüler anders ausschaut als der eigene. Was wäre dann Ihr erster kleiner Schritt?“ Klient: „Dass ich sage, dass man diese Sichtweise einnehmen kann. Aber dass es auch anders sein kann, nämlich dass ich wieder Liebe empfinde, ohne dass dies die Erinnerung an meine verstorbene Frau schmälert. Dass beides möglich ist.“ „Und wie könnten Sie dies so formulieren, dass es Ihre eigene Verantwortung und Ihre Freiheit betont, ohne als Rechtfertigung zu klingen?“ „Vielleicht so:  Ich liebe meine verstorbene Frau immer noch. Diese Liebe bleibt und ist unverrückbar. Gleichzeitig habe ich einen neuen Menschen in mein Leben gelassen, weil es für mich einen Sinn ergibt, mich auf einen Menschen zu beziehen, den ich liebe.“ „Und wenn Ihre Familie Sie fragt, warum Sie nicht länger warten, was könnten Sie dazu sagen?“„Dass die Liebe nicht begrenzt ist, und dass es mir mein Leben ermöglicht, dass ich mich jetzt und nicht irgendwann auf dieses Leben einlasse.“ „Haben Sie das Gefühl, dass diese Worte Ihrer Familie den nötigen Raum geben werden, ihre eigenen Emotionen zu ordnen, ohne dass Sie dadurch Ihre Integrität verlieren?“ „Ja, das kann helfen, denn für die Gefühle meiner Familie trage ich keine Verantwortung, sondern für meine Gefühle, wenn ich entscheide, wie ich meinen neuen Lebensabschnitt gestalte.“ „Dann verstehen Sie die aktuelle Situation als ‚entscheidende Wendung‘. Und eine Möglichkeit bleibt Ihnen immer, wenn es Familienmitgliedern schwerfallen sollte, die Verantwortung für ihren Teil zu übernehmen. In diesem Fall können Sie sich fragen: „Wem gehört das Problem?““

„Habe Mut, dich deiner eigenen Vernunft zu bedienen.“
Immanuel Kant

Lebensthemen und Krisenprävention

Wie stellt sich der Mensch seinen Lebensthemen und kritischen Situationen? Biegt er ‚nur‘ oder bricht er unter seiner Situation? Seit einigen Jahren wird mit dem Begriff der Resilienz die Fähigkeit beschrieben, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen.

Wurde in den 50er-Jahren noch von einem Persönlichkeitsmerkmal ausgegangen, das durch ein Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Einflüssen entsteht, wurde später die Resilienz als Kompetenz verstanden, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen. Bildhaft wird in diesem Zusammenhang seither die Resilienz als Brücke angesehen, die Stress hat, wenn sie unter einem gewissen Druck steht. Sie gerät in Spannung, schwankt, aber hält. Eine Krise würde bedeuten, dass sie einstürzt. Ist sie jedoch resilient, dann biegt sie sich zwar unter dem auf sie ausgeübten Druck, kann diesen jedoch schadenfrei ausgleichen.

Alle diese Definitionen nehmen eine rückwärtsgerichtete Perspektive ein. Gerät ein Mensch in eine ihn überlastende Krise, so mag zwar trefflich analysiert werden, dass die Resilienz den Erfordernissen der Situation wohl nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie der Person unzureichend oder ihre Ressourcen genügten nicht den Anforderungen. Oder es waren die Bedingungen bei gleichzeitig fehlenden Schutzfaktoren, die sich in ihrer Kombination ungünstig zur Krise auswuchsen.

Einen wissenschaftlich fundierten und überprüften Test zur Resilienzmessung gibt es bis heute nicht. Wie auch, ändern sich doch letztlich bei jedem Menschen zuweilen sehr kurzfristig relevante Schutzfaktoren wie zum Beispiel:

▪ Vorbilder und vorgelebte positive Lebensmodelle im persönlichen Umfeld
▪ Gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen und Freunden
▪ Ausgeprägte Selbst- und Fremdwahrnehmung
▪ Eigenverantwortlichkeit in Entscheidungen und Handlungen
▪ Fähigkeit zur Akzeptanz dessen, was ist
▪ Wohlbalancierte Beziehungen
▪ Optimistischer Glaube an die eigene Kraft
▪ Realistische Ziele mit Langzeitperspektive
▪ Plan B mit zweitbesten Zielen
▪ Kenntnis der eigenen Stresskommunikation
▪ Problemlösefähigkeit
▪ Impulskontrolle
▪ Verlassen der Opferrolle
▪ Verantwortungsübernahme
▪ Hoffnung und Zuversicht
▪ Selbstliebe
▪ Körperliche und geistige Vitalität…

Betrachten wir diese Faktoren, die Resilienz entwickeln helfen sollen, so könnten wir schnell annehmen, dass sich ein Mensch in einer Krise wähnt, wenn er ohne diese Faktoren in eine ihn erschütternde Lebenssituation geraten ist. Nur: Wenn diese Faktoren zu Beginn einer Krise nicht zur Verfügung stehen, dann waren sie bereits auch zuvor nicht gegeben. Von einem positiven Lebensmodell ist dann auch ohne Krise wenig zu spüren gewesen oder gute Beziehungen zu vertrauten Menschen waren ohnehin rar oder der Glaube an die eigene Kraft war bereits zuvor einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.

Natürlich ist es einem Menschen zu wünschen, sich gut beschützt zu fühlen. Ist er es nicht und kommt eine Krise hinzu, dann wird aus einer kritischen Lebenslage schnell eine absolute Not. Ist er es, dann ist dies jedoch noch lange kein Garant dafür, eine Situation nicht als Krise zu empfinden.

Aus unserer Sicht bleibt das Resilienzkonzept in seinen bisherigen Entwürfen deshalb noch unzureichend, weil es davon ausgeht, dass etwas einen Menschen resilient macht. Aus dieser Perspektive passt das Bild der Brücke gut, denn je nachdem, mit welcher Qualität, Aufmerksamkeit, Kompetenz, Materialgüte usw. die Brücke gebaut wurde, wird man auf ihre Standhaftigkeit und Lebensdauer schließen können. Ohne, dass also etwas gemacht wird, kann ein Mensch nicht robust genug sein, um sich schweren Lebenssituationen stellen zu können. Ein solches Menschenbild sieht den Menschen im Grundsatz als ‚defizitär‘ an.

Das unser Konzept tragende Verständnis, das den Menschen als frei, verantwortlich und nach Sinn im Leben strebend ansieht, passt so gar nicht zu einem solchen Bild. Und so fragen wir, was sich wohl ändert, wenn wir die individuelle Resilienz nicht an der Summe solcher Einzelfaktoren festmachen, sondern sie im Gegenteil als jedem Menschen per se gegebene Eigenschaft ansehen? Der Mensch ist in diesem Verständnis grundsätzlich ausgestattet, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung einzunehmen, führt zu einer interessanten Herausforderung. Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung wie zum Beispiel eine posttraumatischen Belastungsstörung doch ‚normal‘ sei.

Hierauf erwidern wir, dass es in unserem Verständnis vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes sein individuelles Verhalten eben nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die er antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft. Trotz widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns dabei auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt nicht das verletz- und erkrankbare Psychische die Hauptrolle, sondern das Geistige, das es dem Menschen stets ermöglicht, sich auf den Sinn im Hier und Jetzt auszurichten. Dies gelingt ihm, indem er sich seiner eigenen Werte bewusst wird und mit ihnen im Einklang stehende Entscheidungen und Handlungen trifft. Nicht das eine Person in einer Krise aktuell Verstörende,Traumatisierende, stark Belastende steht im Mittelpunkt, sondern die Klärung des Wertesystems mit ihrem Bezug zu dem, was die Situation sinnvollerweise zu tun anzeigt.

Mit anderen Worten: Der Mensch ist resilient, wenn er seine Werte kennt. Sind sie ihm nicht präsent, dann können sie in einer Krise nicht zur Bewältigung aktiv eingesetzt werden. Die Psyche übernimmt damit das Ruder und versucht mit der Belastung quasi alleine fertig zu werden. Dies führt in brisanten und erschütternden Lebenssituationen zu massiver Überforderung und den bekannten Symptomen wie Angst, Depression, Aggression usw.

Dazu das folgende Schaubild. Es zeigt den Zusammenhang zwischen Belastung und Bewältigungsfähigkeit. Ist die Belastung hoch und hat die Person eine gering entwickelte Fähigkeit, die Situation angemessen zu bewältigen, dann entsteht zum Beispiel Angst. Krisen, die einen Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen, führen zur maximaler Anspannung und negativen psychischen Symptomen. Ist sich die Person dann zudem ihrer Werte nicht bewusst,
entsteht ein Empfinden der völligen Sinnleere, der Resignation und tiefen Hoffnungslosigkeit.

Stellt sich der Krise jedoch eine Werteklarheit in Form deutlicher Selbstbewusstheit gegenüber, dann vermag die Person einen Willen zum Sinn zu formulieren, der sich letztlich in dem zeigt, was Viktor Frankl die ‚Trotzmacht des Geistes‘ nennt. Diese Macht, sich trotz allem von den eigenen Werten gestützt zu fühlen, ist stets stärker als der ‚normale‘ Versuch der Psyche, sich in einer nicht normalen Lebenslage auf- oder abzugeben. Das ist auch gut so, denn …

… jeder Mensch muss sich selbst ‚be-sinn-en‘. Andere Menschen können diesen Prozess zwar positiv beeinflussen, die Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch selbst finden und geben. Wäre das anders, dann könnten moralische Appelle ‚wie jemand zu sein habe‘ als Sinnangebote verpackt werden und letztlich einen Menschen komplett fremdbestimmen.

Dass wir solche Angebote kennen, sei es durch Botschaften aus der Werbung, der Mode, von Sekten oder sektiererischen Gruppierungen, aber auch in Unternehmen, in denen mit materiellen Verlockungen Pseudo-Sinn ‚gestiftet‘ wird, ändert nichts am Faktum: So wie Durst der ‚Beweis‘ für die Existenz von so etwas wie Wasser ist, so ist das Sinnlosigkeitsgefühl ein Beweis für den stets gegebenen Sinn.

Die Ortung des Sinns übernimmt der menschliche Sinnkompass, das Gewissen. Es ist nicht gleichzusetzen mit einem anerzogenen oder kulturell beeinflussten ethischen Bewusstsein. Vielmehr steht das Gewissen noch vor reflektierter Moral. Als Geistiges ist das Gewissen bereits da, bevor der Mensch seinen Verstand einschaltet. Jedoch – und dies erleben wir in unserer Arbeit immer wieder – versperrt der Verstand zuweilen vehement den Zugang zum geistig Sinnvollen. Dann blockieren bestimmte eingebrannte Denksätze, vermeintliches Erfahrungswissen oder eben die schon genannten Pseudo-Sinnangebote die Tür zum Sinn.

Krisen – so zeigt die Erfahrung – sind oftmals durch diese Blockaden gekennzeichnet. Der Denksatz: ‚Es wird schon irgendwie gut gehen‘, kann ein solcher Satz sein, der Sicherheit vorgaukelt und dem Menschen ein nicht zu haltendes Versprechen gibt. Verliert ein Mensch in einer Krise dann ‚Sinn‘, dann bedeutet dies nicht, dass es keinen mehr gibt, sondern lediglich, dass die Möglichkeiten der Sinnverwirklichung unter dem Einfluss der Krise nicht mehr erkannt werden. Beginnt nun die Sinnsuche, dann startet das ‚Entdecken einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit‘ [Frankl]. Dass Menschen sich in Krisen aufmachen, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu verleihen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es ihn gibt, jederzeit und eben auch in Krisen. Neben dem Bewusstsein, das erkennt, was ist, erkundet das Gewissen das, was sein soll. Das, was jetzt trotz allem zu verwirklichen ist.

Das Gewissen zeigt also die wertvollen Möglichkeiten auf, die trotz einer Krise auf Verwirklichung warten. Es ist die ‚Resilienzstruktur‘, auf die nur ein Mensch ‚wieder hin zu springen‘ [resalio] befähigt ist. Doch für diesen Sprung bedarf es eines gewissen Trainings. Bleibt das Gewissen untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich ‚verirren‘. Er hat dann keine Gewissheit, wie es weitergehen kann.

Wie wichtig es ist, sich den Blick auf den Sinn im eigenen Leben auch in Krisen nicht zu verstellen oder verstellen zu lassen, zeigen auch die Forschungsergebnisse zur sogenannten Kontrollüberzeugung. So ist heute bekannt, dass Menschen, die der Ansicht sind, äußere Faktoren würden den Verlauf der Lebensgeschichte stärker beeinflussen als die eigenen Einstellungen und Haltungen, in Krisen deutlich öfter Symptome wie Angst und Depression zeigen. Ist der
Mensch jedoch davon überzeugt, dass er – auch wenn er Hilfe anderer bedarf – grundsätzlich selbst das Heft des Handelns in seiner Hand hat, dann wirkt dies deutlich stressmindernd. Die Krise wird ernstgenommen, in ihrer Bedrohlichkeit jedoch herabgestuft – die Person empfindet die Brisanz und doch übernimmt sie Verantwortung.

So empfiehlt sich eine Individuelle Krisenprävention, um gerüstet zu sein für Bedingungen, die einem suggerieren, es gäbe keinen Sinn mehr – für einen solchen Prozess schauen wir in der Logotherapie oder im Sinncoachig auf zwei Faktoren: Die Klärung der individuellen Werte und die Stärkung der individuellen Weltoffenheit. Sind Klärung und Stärkung vollzogen, ist der Prozess der Individuellen Krisenprävention beendet.