Archiv für den Monat: Dezember 2025

Stressverhalten „Streiten und anklagen“

Bei diesem ‚Krisenprofil’ neigt die Person dazu, die eingetretene massive Belastung noch weiter zu eskalieren. Rachevolle Rosenkriege werden geführt, eine Phalanx von Beratern oder Anwälten wird aufgebaut, die Fähigkeit zur Selbstberuhigung und -distanzierung ist nicht erlebbar. Wollen vertraute Personen den ‚eigenen Anteil am Krisengeschehen’ ansprechen, erfahren sie hierfür Ablehnung und Abweisung bis hin zur Trennung. Führt dies nicht zum Erfolg, kann der ‚Kriseneskalierer’ radikal umschwenken in eine fulminante Selbstanklage und Selbstlieblosigkeit.

In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Vertrauensresistenz, Handlungsschnelligkeit und Offensivkraft durch eine erfahrungsbasierte Unterstützung mit deutlicher Grenzziehung und klaren Vereinbarungen zu steuern, ohne sie dabei zu demütigen oder sie mit Moralvorstellungen zu lenken.

Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung des ‚nur dem Mutigen gehört die Welt‘ [deutsches Sprichwort]. Sie ermöglicht ihr die tatkräftige und zügige Umsetzung umfassend reflektierter Entscheidungen.

Wie spricht diese Person:
„Okay, Ärmel hoch und durch!; Einen solchen Mist hat die Welt noch nicht gesehen!; Gut, nun ist genug geschwätzt!; hau rein, damit wir weiterkommen!; jetzt geht’s ans Eingemachte!; Kommen Sie bitte zum Punkt!; Weiter!; Mach zackig!; Das ödet mich hier an, kann es wohl jetzt bald mal losgehen?; Volltreffer!; Sie sehen heute einzigartig aus, absolut chic!; Das steht Ihnen aber gut, alle Achtung!; …

Was diese Person braucht: Aufregung, Aktion
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Bindung
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Nähe
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Rachegelüste

Stressverhalten „Nichts tun und endlos hoffen“

Diese ‚Krisenpersönlichkeit’ zeigt eine phlegmatische Abwartehaltung. In der Hoffnung, die Belastungssituation würde sich womöglich von ‚Geisterhand’ auflösen, verpasst der ‚Krisenaussitzer’ wichtige Zeitpunkte, um aktiv und selbstverantwortlich zu handeln.

Ihr vertraute Personen haben vergeblich versucht, sie zu deutlichen Entscheidungen und Aktionen zu bewegen – das Ergebnis sind tendenziell halbherzige Schritte, ein ‚Sich-Verzetteln’ in wenig wirkungsvollen Maßnahmen und eine Reduzierung der Kommunikation auch mit wohlgesinnten, konstruktiven Gesprächspartnern.

In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Beratungsresistenz, Inaktion und Vorsicht durch eineprofunde und direktive Unterstützung mit konkreten Arbeits- und Zeitplänen zu steuern, ohne ihn dabei zu überfordern oder ihm seine Eigenverantwortung zu beschneiden.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung eines ‚in der Ruhe liegt die Kraft’ [Konfuzius]. Sie bewahrt diese Person vor vorschnellen Handlungen und ermöglicht ihr, wichtige existenzielle Entscheidungen nach ausreichender Überlegung auch zu treffen.

Wie spricht diese Person:
„Wenn ich so in mich hineinhöre, …; bin mir nicht sicher, was jetzt zu tun ist …; ich frage mich gerade, ob …; was wäre eigentlich, wenn …; das muss ich noch in Ruhe nachklingen lassen …; ich warte auf genauere Anweisungen dazu …; halte Dich bitte zurück …; ich brauche meinen eigenen Raum …; so schnell geht das für mich nicht …; dazu kann ich jetzt noch gar nichts sagen …; dafür muss ich mir erst noch mehr Zeit nehmen …; da werde ich mir jetzt keinen Kopf machen …; …“

Was diese Person braucht: Ruhe, Einsamkeit
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Autonomie
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Selbstbewusstsein
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet sich selbst als bedeutungslos

Stressverhalten und Krisenprävention

Heute arbeitete ich mit einem Mann, der sich in einer für ihn schweren Berufskrise befindet. Seinem Vater zuliebe hatte er Jura studiert, um in die elterliche Kanzlei einzusteigen. Als zum Ende seines Studiums sein Vater sich anders entscheidet und die Kanzlei veräußert, sieht sich der mittlerweile 30 Jahre alte Mann vor eine existenzielle Frage gestellt: Soll ich in der Juristerei bleiben oder einem früheren Lebenstraum nachgehen, nämlich in die Architektur wechseln?

Seinem Vater, dem er irgendwie nicht böse sein kann, hat er nach dessen ‚Verkündigung‘ gesagt, dass er es traurig finde, dass dieser offenbar keinen anderen Weg hat finden können als sein Lebenswerk zu verkaufen. Erst im Coaching tritt der Groll zutage, den er gegen seinen Vater hegt. An sich, so seine Reflexion, hat der Vater „meine Bedürfnisse mit Füßen getreten“ – „aber, wahrscheinlich ist ihm selbst schwer ums Herz geworden, als er erkannte, dass es doch nicht anders geht“.

Wie auch immer, er müsse ja nun eine Entscheidung treffen. Sein Dilemma: Er hat kein festes Einkommen oder größere Rücklagen, die es ihm ermöglichen würden, einen zweiten Studiengang zu beginnen. Zwar könnte er sich auf eine Festanstellung als Jurist bewerben, aber diese Idee behagt ihm nicht, da er sich nicht als ‚Angestellter‘ versteht. „Ein solches Arbeitsleben geht gar nicht“, ist er überzeugt. Seine größte Sorge ist die, nicht auf eigenen Beinen zu stehen. Seinen Vater in seine Überlegungen einzuweihen, will er nicht, „denn dieser hat die Situation ja schließlich mit verbockt“. Außerdem sei es nun für ihn wichtig, alleine klar zu kommen und sich so zu entscheiden, wie es nur für ihn passt – „aber wenn das auch nicht gelingt, dann weiß ich auch nicht, was dann geschieht.“
Der Klient zeigt deutliche Anzeichen eines ihn belastenden Stressmusters …

Was geschieht nun, wenn ein Mensch in Stress gerät und zu wenig von der positiven Zuwendung erhält, die er braucht? Anfänglicher Stress, quasi Alltagsstress wird dadurch zu verringern versucht, indem eine Person ihre Verhaltensweisen in einer ersten psychischen Reaktion weiter verstärkt. Beispielsweise wird jemand, der einer Problemstellung vorrangig damit Herr zu werden versucht, zu recherchieren, zu analysieren, zu kalkulieren und sich vielfach zu informieren, dies noch intensiver tun („womöglich habe ich noch eine wichtige Datenquelle vergessen…“). Wird dieser Person nun aber keine ‚Anerkennung‘ für seine Denk-Leistungen zuteil, und sie erhält keine hinreichende Bestätigung für ihre Bemühungen, dann findet auf dem quasi nächsten Stresslevel eine Abwertung dessen statt, der oder das diese Anerkennung hätte geben können. Angenommen, dies wäre eine andere Person, dann würde der Stressgeplagte die Fähigkeit dieser Person in Frage stellen, ob sein sein Gegenüber überhaupt in der Lage ist nachzuvollziehen, wieviel Leistung in seiner Arbeit steckt.

Je mehr Stress im Spiel ist, umso negativer wird die Abwertung – einzig, weil es der Person nicht gelingt, ihren Stress herab zu regulieren und in ein gesundes Maß der Selbstberuhigung zu kommen. Es muss demnach etwas Schwerwiegendes sein, was diesen Prozess behindert, und das, was hier schwer wiegt, ist ein sogenanntes ‚Lebensthema‘.

Was nun könnten Lebensthemen für einen solchen Menschen sein, der alles dafür tut, um die relevanten Daten, Informationen und Erfahrungswerte beisammen zu haben, um richtig, pünktlich, genau, korrekt … entscheiden und handeln zu können? Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ihn Situationen schmerzen, in denen er einen Verlust oder einen Abschied erlebt. Für Menschen, ‚die an alles denken‘, und dann doch etwas verlieren [sei es materieller oder immaterieller Art] oder die eine Trennung erleben, die eine Person einleitet [z. B. Scheidung], ist ein solches Ereignis meist völlig unverständlich.

Anstatt nun den erlittenen Verlust oder Weggang mit dem passenden Gefühl des Traurigseins zu kommunizieren, äußern sich diese Menschen, die dies zu tun nicht gelernt haben, eher frustriert und verärgert.

Woran kann es liegen, dass ein passendes Gefühl nicht gelernt wurde? Dies können frühe kindliche Erfahrungen sein, bei denen das Kind beobachtete, wie erwachsene Personen mit ihrem Stress umgingen. Es können Glaubenssätze sein, die irgendwann dem jungen Menschen ‚glauben‘ machten, nur ein bestimmtes Verhalten sei für den Umgang mit einer Stresssituation richtig. Schaut man hinter die von Mensch zu Mensch immer individuellen Kulissen, dann zeigt sich aber stets, dass ein authentisches Gefühl zu zeigen immer auch ein Stück weit zum Ausdruck bringt, fehlbar zu sein.

Niemand liegt immer zu 100% richtig, niemand bringt immer 100%ige Qualität, niemand hat immer zu 100% das Heft des Handelns in seiner Hand, niemand reflektiert eine Situation immer 100%ig vollständig, niemand fühlt immer 100% das was hilfreich wäre, niemand reagiert zu 100% passend gemäß dessen, was die Situation erfordert. Und doch glauben viele Menschen, dass sie nahe an diesen 100% dran sind. Erfahren sie dann kein positives Feedback, das stimmig ist mit dem, wie sie mit der Situation umgegangen sind (im Beispiel also kein Feedback für die Leistung der Datenanalyse …), dann kommt die Person in Stress aufgrund mangelner Anerkennung und es beginnt die Eskalationsspirale.

Wenn Sie sich selbst oder andere Menschen Sie gut kennen, dann können Sie sich auf den Weg zu Ihrem zentralen Lebensthema machen. Ist dieses Thema noch unbewusst oder werden – obwohl bewusst – seine Auswirkungen unterdrückt oder verdrängt, dann besteht das Risiko, dass künftige belastende Ereignisse, die mit diesem Thema verbunden sind, als Krise interpretiert werden.

Von dem, was dann geschieht, haben wir im Kontext der Krisenintervention und Krisenprävention heute bereits eine recht genaue Vorstellung. In den folgenden Tagen stelle ich dazu ‚Porträts‘ vor, die – bewusst leicht überzeichnet – eine Art Summe der Merkmale darstellen, die ich bei Menschen mit vergleichbaren Verhaltensweisen unter Krisenstress über viele Jahre hinweg habe beobachten konnen. Nach der Vorstellung dieser Porträts können Sie dann selbst zu dem eingangs beschriebenen Mann mit seiner Problemstellung zurückkehren und überlegen, welches Porträt seinem Verhalten am ehesten entspricht …  Und wollen Sie dann selbst mehr über Ihre eigenen Verhaltensmuster unter Stress erfahren, mehr über Ihre möglichen Wege einer individuellen Krisenprävention, mehr über Ihr eigenes Lebensthema …, dann schreiben Sie mir gerne eine Mail.

 

Vom Staunen

Heute schon gestaunt? Über ein Verhalten, eine Leistung, eine Stellungnahme, eine Haltung? Im Kern staunt man über verwirklichte Werte einer Person oder einem Team, manchmal sogar einer ganzen Gesellschaft (so staunten nicht wenige Menschen auf der Welt über das Verhalten und die Handlungen vieler Deutscher beim Flüchtlingszustrom 2015, oder auch beim WM Sommermärchen). Ich persönlich staunte jüngst über den Stabhochspringer Armand Duplantis als dieser sich 6,30 Meter in die Höhe katapultierte. Oder über unsere Handballer und Handballerinnen und deren Teamgeist. Ich staunte über den virtuosen Einsatz einer der Lektoren meines jüngsten Buches. Und über die klugen Strategien der deutschen Zollbeamten beim Ausheben krimineller Clans im Kampf zum Beispiel gegen Menschen-, Drogen- und Waffenhandel. Ich bestaunte die Kunst von Marina Abramovic … Und wenn ich so darüber nachdenke, dann staune ich am ehesten, wenn ich wahrnehme, wie Menschen über sich hinausreichen.

Staunen lässt sich nicht erzwingen, es geschieht plötzlich und unerwartet, wie ein kleiner Moment des Todes von dem, was kurz zuvor noch als ganze Realität schien. Staunen drückt einen Reset-Knopf, weil man begreift, dass etwas Unbegreifliches geschieht, ohne dass die Erfahrung den Menschen bedroht oder ihn lähmt (wie beim Entsetzen). Wer staunt, ist weltoffen und wird von seiner Welt angesprochen. Wen nichts erstaunt, der mag abgestumpft, gleichgültig oder zynisch seiner Welt entgegenblicken – vielleicht bewegt er sich aber auch nur in einer ‚Blase‘, in der die Türen geschlossen sind?

Staunen gehört zur emotionalen Grundausstattung jedes Menschen. Am ehesten staunen wohl noch Kinder, und manche Eltern staunen darüber, worüber ihre Kinder so alles staunen. Versucht man das Phänomen rein neurowissenschaftlich zu erklären, dann findet sich in einer Situation ein Auslöser für einen Sinnesreiz, der innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde im limbischen System des menschlichen Gehirns zu einer Bewertung führt: in Form einer Neubewertung (‚das ist ja eine komplett neue Erfahrung für mich‘) oder als bewusster Gedanke (‚da hätte ich ja nie für möglich gehalten‘) oder als automatischer, unwillkürlicher Impuls (‚wow!‘ – mit dem so oft erwähnten ‚offenen Mund‘). Die Bewertung führt ihrerseits zu einer Konsequenz: emotional in Form positiver Überraschung, körperlich in Form eines positiv aufrüttelnden Empfindens, im Verhalten in Form einer verbalen und non-verbalen Kommunikation mit anderen und-oder mit sich selbst.

Aber ist das alles? Ich will meinen, nein. Denn, wer staunt, bestaunt meist ’nur‘ ein Ergebnis, ein außergewöhnliches Ergebnis. Wer ’nur‘ so staunt, verpasst etwas. Tiefgründiger kann man jedoch bestaunen, worum es der Person oder der Personen ging, als sie verwirklichte, was man selbst nun bestaunt. Tiefgründiger bestaunt man die Werte dieses Gegenüber. So wird aus Staunen eine spezifische Form der Wertschätzung. Damit wird es zu mehr als zu einem psychischen Prozess von Reizwahrnehmung – Reizverarbeitung – Reaktion, sie wird zu einem Ausdruck einer aktivierten geistigen Dimension (analog dazu könnte man meines Erachtens argumentieren, dass Bestürzung auch ein Ausdruck des Geistigen ist, hier jedoch aufgrund des Erlebens der Verwirklichung dysfunktional Abwertigen im Verhalten einer Person).

So betrachtet, stellt Staunen mehr dar, als ein bis dato unbekanntes Muster, was das limbische System nur noch nicht einordnen konnte. Es ist mehr als nur ein kognitiver Affekt, sondern vielmehr Ausdruck von etwas spezifisch Humanem: der Fähigkeit der Bewertung bislang noch nicht erlebter Selbsttranszendenz dessen, der den Staunenden mit ihr beschenkt hat.

Wer vom Moment des Staunens zum Denken über das ihn Bewegende angeregt wird, der kann sich damit philosophisch Fragen nähern, die das Prinzipielle des Seins berühren. Ein Sein, in dem Sichtbares und Unsichtbares, Wissen und Nichtwissen, zusammenwirken und wo der seiende Mensch immer wieder einmal erstaunt erfährt, dass das Finale des Lebens längst noch nicht erreicht ist – selbst und gerade dann, wenn er vielleicht der Ansicht ist, alle Anstrengungen bereits unternommen zu haben, mit dem eigenen Verstand den Sinn des Lebens geklärt zu haben.

„Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen; und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze.“

Johann Wolfgang von Goethe

Das Sinngebirge – eine erfreuende Intervention

In der sinnzentrierten Psychotherapie und im Sinncoaching biete ich zuweilen meinen Klienten eine Intervention an, wenn es um die existenzielle Frage geht, ob und in welchem Maße das bisherige Leben sinnvoll war. Hinter dieser Frage stehen zuweilen Selbstzweifel, ob man den Erwartungen des Umfeld entsprochen hat, ob man mehr aus seinem Leben hätte machen können, was man wohl verfehlt hat. Dass man Höhen und Tiefen im Leben erlebt, dass mancher Aufstieg mühselig und mancher Abstieg schmerzhaft ist, das weiß jeder Mensch. Wenn man so auf sein bisheriges Leben schaut, dann fokussiert man meist die besonderen Momente des Glücks oder Unglücks, die erreichten oder verpassten Ziele, die Themen, die man bewegt hat oder hätte bewegen wollen oder sollen, ohne es je getan zu haben. Doch das ist lange nicht alles. Und dieses ‚Alles‘ soll mit einer Übung angeschaut werden. So geht sie:

Mein(e) Gesprächspartner(in) wird eingeladen, zu Hause, mit Zeit und gerne mit Unterbrechungen, aber stets störungsfrei für jedes(!) Lebensjahr mindestens ein selbst so empfundenes und persönlich erlebtes förderliches und mindestens ein ebenso persönlich erlebtes hinderliches Ereignis zu notieren. Gab es mehrere Ereignisse in einem Lebensjahr, so werden sie ebenfalls notiert. Kann sich die Person an den Monat oder das Quartal erinnern, in dem das Ereignis eintrat, dann wird auch das notiert (manchmal erleichtert dabei, sich an die Jahreszeit, einen Ort oder eine andere Begebenheit zu erinnern, die zeitlich um das Ereignis herum stattfand). Förderlich und hinderlich verstehen wir hier so, dass das jeweilige Ereignis den weiteren Lebensweg partiell, temporär oder auch allumfassend positiv oder negativ beeinflusste.

Als nächstes folgt eine Skalierung jedes Ereignisses von -10 (extrem hinderlich) bis +10 (extrem förderlich). Hilfreich ist es, die entstehende Liste mit den Skalenwerten in einer Excel-Datei zu notieren, für jedes Ereignis steht dann eine Zeile zur Verfügung.

Ist die Erinnerung abgeschlossen und alle Skalenwerte gesetzt, so kann man entweder in Excel die Skalenwerte in eine grafische Darstellung übertragen oder dies von einer KI wie ChatGPT erledigen lassen. Bei diesem Arbeitsschritt wird der Befehl gegeben, alle Werte so zu stauchen, dass der oder die negativsten Werte auf 0 gesetzt und alle anderen so berechnet werden, dass sie den maximalen Wert 10 erhalten. So landen alle zuvor negativen Werte (-10 bis 0) in der neuen Grafik auf den Werten von 0 bis 5, alle zuvor positiven Werte (0 bis +10) auf den Werten 5 bis 10 (der alte Wert 0 und der neue Wert 5 stellen damit tendenziell indifferente Werte dar, bei denen der Klient zwar die Bedeutung des Ereignisses für sein Leben durchaus fühlte, jedoch offenließ, ob er dessen Auswirkungen auf das folgende Leben als förderlich oder hinderlich erachtete.

Bei einem Klienten sah dies so aus:

 

 

 

 

 

 

Bei dieser Übung erinnerte der Klient aus seinem Empfinden lebenswegfördernde und -hindernde Personen, Qualifizierungen, Reisen, Kunst- und Kulturerlebnisse, politische Rahmenbedingungen … und auch Situationen, in denen er sich zu einer Stellungnahme aufgerufen fühlte, um etwas zum Besseren zu wenden.

Im nächsten Schritt wurde ChatGPT gebeten, die Zahlenwerte in eine optisch geglättete Lebenslinie zu übertragen. Hier das Ergebnis:

 

 

 

 

 

Und in einem weiteren Schritt erhielt die Maschine den Auftrag, aus dieser Kurve ein Bild zu gestalten, das optisch einer Berg-Topografie ähnelt.

Dieses Bild wiederum wurde in einem neuen Chat hochgeladen mit dem Auftrag, auf die Suche zu gehen, nach einem real existierenden Gebirge. Hier erhielt der Klient dieses Ergebnis:

ChatGPT: „Basierend auf der visuellen Komplexität und fraktalen Natur, die wir in deiner Berg-Topografie erkennen, ist eine interessante Analogie der Abschnitt der norwegischen Küste, der rund um die Lofoten verläuft. Diese Region wird oft für ihre zerklüftete, fast fraktale Küstenlinie beschrieben – ein Vergleich, der durchaus als passend erscheinen könnte, um das Auf und Ab deiner Lebenslinie zu spiegeln. Diese Küstenlinie weist zwar natürlich keine exakte Übereinstimmung mit deiner Topografie auf, bietet aber eine ähnlich strukturierte, dynamische Form, die als visuelle Analogie gut dienen kann.“

Der Klient ging nun auf die Suche nach einer Abbildung im Internet und fand nach einiger Zeit dieses Bild, das in seiner Wahrnehmung zahlreiche Ähnlichkeiten mit seiner Lebenslinie aufwies.

Als er das Symbolbild seines Lebens betrachtete und ich ihm die Frage stellte, worin sich die Erlebnisse ähneln, die im Bild als Gipfel zu sehen sind, schaute er in seiner Liste nach und fand neben den Ereignissen, die ihn zu einer persönlichen Stellungnahme aufriefen, Personen, die in sein Leben traten und die für seinen weiteren Lebensweg förderlich waren. Und er resümierte: „Die Werte, die ich im Zusammenhang mit den Ereignissen verwirklichen konnte, waren Gerechtigkeit, Zutrauen und Freiheit, und die Personen schenkten mir ihr Vertrauen, ihre Weitsicht und ihre Geduld.“

„Würden Sie Ihre Frage, ob und in welchem Maße Ihr bisheriges Leben sinnvoll war, nun noch so beantworten, wie Sie es vor einigen Wochen taten, als unsere Zusammenarbeit begann?“

Kinder und Sinn(krise)

Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.

Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.

Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.

Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden. 

Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.

„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“

Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.

Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.

„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)

Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.

Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens. 

Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.

Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.

Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.

Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.

Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.

Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.

Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.

Wo kommt er her, der Sinn?

Mit meinen Ausführungen unter dem Titel ‚Eigentlich ist Leben einfach‘ habe ich den Gedanken ausgerollt, dass sich Sinn nur in den beiden unteren Quadranten des Wilberschen AQAL-Modells finden lässt. In meinem Buch ‚Sinncoaching‚ findet sich dazu die ‚Formel‘: Sinnfindung = Werteklarheit x Weltoffenheit². Den Raum zu vergrößern, den sich eine Person dank ihrer grundsätzlichen Fähigkeit der Weltoffenheit erschließen kann, wird zu einer günstigen Wirkung einer Logotherapie oder eines Sinncoachings dann, wenn eine Person Bedingungen beklagt, die ihr einen freien und selbstverantwortlichen Zugang in diesen Raum erschweren. Erschwernisse dieser Art wurden von Frankl mit seinem Terminus ‚Tragische Trias‘ (Leid, Tod, Schuld) beschrieben und von mir mit der Tragischen Berufstrias (Verfehlung, Verlust, Trennung) erweitert.

Arbeite ich mit Klienten hin zu einer Stärkung ihrer Weltoffenheit, wird immer wieder gefragt (zuweilen auch in Frage gestellt), ob und wie denn überhaupt davon ausgegangen werden könne, dass die Welt Sinn für einen Menschen bereit hält? Das Gespräch führe ich dann meist so weiter: „Einmal angenommen, eine positive Antwort auf Ihre Frage liegt auf dem Tisch. Würden Sie dann anders handeln als Sie es gerade jetzt tun, wo Sie mir von Ihren Erschwernissen berichten?“ Die Antworten der Klienten auf diese Frage gehen meist in eine Richtung wie: „Sicher, ja, das wäre ja eine Verbesserung, eine Motivation, ein neuer Lebensgrund … für mich“. Manche Klienten sagen auch zum Beispiel: „das wäre erstaunlich, aber ich würde darüber dann zumindest nachdenken.“

Nach dieser Antwort lade ich den Klienten ein, sich für einen Gedanken aus der aristotelischen Philosophie und Physik zu öffnen. Der Gedanke geht in diese Richtung:

„Ihre Antwort gibt wieder, dass Sie sich bewegen, dass Sie handeln werden, wenn Sie Ihre Eingangsfrage positiv beantwortet sehen. Nehmen Sie dazu an, dass es etwas Erstes gibt, dass diese Bewegung in Ihnen anregt. Wir nennen dies nun ‚das unbewegt Bewegende‘. Der Begriff der Bewegung beweist die Notwendigkeit der Annahme eines ersten unbewegt Bewegenden. Die These, dass alle Dinge, die in Bewegung sind, von etwas anderem bewegt werden, bedeutet, dass Bewegung überhaupt nur dann zu Stande kommen kann, wenn es etwas von dem Bewegten Verschiedenes gibt, das die Bewegung verursacht. Wir können Bewegung von etwas nur dann verstehen, wenn wir verstanden haben, von was das, was bewegt wird, bewegt wird.

Wenn Sie also sagen, Sie würden nach Erhalt der Antwort auf Ihre Frage anders handeln als bislang im Kontext Ihres Anliegens, dann steht damit fest, dass Sie selbst es nicht sein können, der sich da zuerst bewegt. Würden Menschen glauben, sie allein wären es, die sich bewegen – sie wären also Selbstbeweger -, dann gingen sie davon aus, dass sie beides sind: jemand, der bewegt wird, und der, der bewegt. Fallen beide aber in Eins zusammen, dann ließe sich Bewegung, die erklärt werden soll, nicht erklären, wir kämen in einen unendlichen Regress. Die Ursache der Bewegung kann also kein Selbstbeweger sein. Vielmehr muss diese Ursache ein unbewegt Bewegendes sein. Da Sie sagen, dass die Antwort auf Ihre Frage Sie in Bewegung brächte, muss es etwas geben, dass unbewegt ist. Nennen wir es das Prinzip, von dem alle Bewegung abhängt.

Welchen Begriffsnamen ein Mensch diesem Prinzip gibt, entscheidet letztlich der einzelne Mensch. Ich habe entschieden, diesem Prinzip den Begriff Sinn zu geben. Sinn ist unbewegt und weil er es ist und in Ihrer Lebenswelt nicht weicht, kann er von Ihnen gefunden werden. Finden Sie ihn, bewegt er Sie und Sie handeln. Wenn Sie diesem Prinzip auch den Begriff Sinn geben wollen, dann hält Ihre Lebenswelt ihn für Sie bereit. Wenn Sie diesem Prinzip einen anderen Begriff zuordnen wollen, dann prüfen wir ihn darauf, ob er unbewegt bewegt und wenn ja, dann nehmen wir diesen.“

„Menschsein heißt, immer schon über sich selbst hinaus und auf etwas gerichtet sein, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder jemanden, auf einen Sinn, den es erfüllt, oder auf anderes menschliches Sein, dem es liebend begegnet. Und es gilt, daß der Mensch in dem Maße er selbst ist, in dem er sich selbst übersieht und vergißt.“
(aus Viktor Frankl, Der Mensch auf der Suche nach Sinn)

Manchmal kommt es beim Gespräch über die Sinnfindung auch zu den Klienten überraschenden Erkenntnissen. Zum Beispiel, dass er bislang daran glaubte, dass er nur wissen müsse, warum er etwas tut, um sich darüber zu motivieren, es auch umzusetzen. Und wer will bestreiten, dass positive und selbstgesteuerte Ziele nicht eine gute Grundlage dafür sind, dranzubleiben, auch wenn das Ziel  schwierig und anstrengend zu erreichen ist? In der Psychologie gibt es zahlreiche Verfahren, die messen, wie es um die psychische Fähigkeit zur Zielerreichung bestellt ist. Und es gibt auch Verfahren, die messen, womit Menschen sich Sinn machen, um diesen subjektiven Sinn dann in Ziele zu transformieren. Dieser Aspekt von Sinn ist ein individueller. Ein universeller hingegen fragt jeden Menschen irgendwann danach, worum es ihm nun zu gehen hat? Die Worum-Frage ist existenziell, sie zu beantworten braucht weit mehr als die Antwort auf die Frage nach einem subjektiven Warum.

Warum soll ich etwas tun? Wer sich so fragt, antwortet selbstbezüglich. Und wer auf diese Frage keine Antwort weiß oder davon ausgeht, diese Frage mangels Kompetenzen oder anderer fehlender Ressourcen ohnehin nicht beantworten zu können, der ist an sich schlau, wenn er sich aus diesem Umstand auch kein Problem macht. Dann lebt man eben in den Tag hinein und vermisst womöglich dabei auch nichts. Werden Menschen mit dieser Haltung dann nach dem Sinn in ihrem Leben befragt, wird man wohl eher ein Achselzucken ernten oder einen gelangweilten Blick – und nicht unbedingt eine Aussage, die darauf schließen ließe, dass es dem befragten Menschen irgendwie schlecht geht. Aber: Die individuell mögliche Bedeutungslosigkeit von Sinn lässt sich mit psychometrischen Verfahren messen, doch sagen die Ergebnisse überhaupt nichts darüber aus, ob dieser Zustand im nächsten Moment für die Person noch gültig ist. Und eben diesen nicht völlig auszuschließenden, nächsten Moment im Leben einer Person, in dem die Antwort auf ein ‚Worum hat es mir jetzt in meinem Leben zu gehen?‘ zu geben ist – dieser Moment ist nicht messbar. Und die Menschen, die diesen Moment gerade jetzt in Form einer Frage fühlen, die ihr Leben ihnen gerade jetzt stellt, kommen in der empirischen Sinnforschung nicht vor. Das alles macht diese Forschung zwar nicht zwecklos, aber eins leistet sie keineswegs: Eine Antwort darauf zu geben, worum es einem Menschen im nächsten Moment seines Lebens wohl zu gehen hat.

„Im Gegensatz zum faktischen Ich ist das Selbst ein fakultatives.
Es repräsentiert den Inbegriff der Möglichkeiten des Ich.“
Viktor E. Frankl (in: „Der leidende Mensch“, 3. Auflage, Huber Verlag, 2005, S. 169)

Dazu ein kleines Reflexionsangebot:
Selbstwirksamkeit: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, etwas in der Welt zu bewegen, einen Unterschied zu machen und die eigene Lebensenergie auf etwas zu richten, was als wertvoll bewertet wird.
Sinnwirksamkeit: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, etwas auf Basis ihrer Werte in die Welt zu schaffen, was durch Hingabe für eine Sache oder in Liebe für einen anderen Menschen einen Sinn verwirklicht.