Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 4

Eine der grundlegenden Herausforderungen menschlicher Existenz besteht darin, dass sich Leben niemals vollständig von außen beschreiben lässt. Naturwissenschaftliche Methoden vermögen biologische Abläufe und neuronale Prozesse mit immer größerer Präzision zu analysieren. Was sie jedoch nicht erfassen können, ist die Erfahrung des Erlebens selbst. Zwischen der objektiven Beschreibung eines Menschen und dem subjektiven Vollzug seines Daseins bleibt eine Differenz bestehen, die sich nicht auflösen lässt. Martin Heidegger hatte dies mit dem Unterschied von psychophysischem Dasein und dem existenziellen Da-sein zum Ausdruck gebracht. Viktor Frankl hat dieses geistige Da-sein als Wille zum Sinn konkretisiert. Ein Wille, der jedes menschliche Leben jederzeit begleitet.

Aus der Perspektive Viktor Frankls verwirklicht sich Sinn niemals in einer abstrakten Zukunft, sondern stets in der konkreten Situation eines gegenwärtigen Augenblicks. Einmal verwirklichter Sinn jedoch vergeht niemals und bleibt unauslöschlich in der Vergangenheit geborgen. Jede Lebenslage stellt daher eine immer wieder einmalige Frage an den Menschen, die nur in diesem einen Moment beantwortet werden kann. Gerade weil kein Augenblick wiederkehrt, besitzt jeder eine unverwechselbare Chance zur Werteverwirklichung. Die Endlichkeit menschlicher Lebenszeit wird so betrachtet zu einer dauerhaften Voraussetzung von Verantwortung.

Jeder Mensch trägt diese Verantwortung in sich. Aber Menschen müssen einander nicht vollständig verstehen, um einander als Verantwortliche begegnen zu können.  Dies reicht soweit, dass ein Mensch in einer Situation einen unbedingten Sinn entdeckt, ein anderer von derselben Situation nicht ergriffen wird. Unterschiedliche Wertesysteme können hierfür als Erklärung herangezogen werden. Hinreichend gemeinsam getragene Werte jedoch können bei mehreren Menschen ein Sinnsystem begründen, verbunden mit einem Gefühl des ‚Wir‘. Ein ‚Wir‘ entsteht dabei nicht dadurch, dass individuelle Unterschiede verschwinden, sondern dadurch, dass Menschen sich trotz womöglich sonst sehr unterschiedlicher Lebensentwürfe  auf eine gemeinsame Verantwortung und Stellungnahme für die Übernahme eines Auftrags ihres Lebens entscheiden.

Diese Überlegung gewinnt besonderes Gewicht angesichts der bis heute ungelösten Frage nach dem Bewusstsein. Die Neurowissenschaft beschreibt mit wachsender Genauigkeit die Aktivitäten des Gehirns. Dennoch bleibt offen, weshalb bestimmte neuronale Prozesse überhaupt von einem subjektiven Erleben begleitet werden. Warum Sinnvolles als genau jetzt unabdingbar zu tun erfühlt wird, lässt sich nicht allein durch die Beschreibung elektrischer Impulse erklären.

Es mutet weise an, auf diese offene Frage weder mit vorschnellen metaphysischen Behauptungen noch mit einem reduktionistischen Materialismus zu antworten. Eine weisere Perspektive akzeptiert vielmehr, dass der Mensch sich selbst niemals vollständig zum Objekt seiner Erkenntnis machen kann. Wer lebt, ist immer zugleich Beobachter und Beteiligter seines eigenen Daseins. Diese doppelte Perspektive verlangt intellektuelle Bescheidenheit und schützt vor der Illusion, das Geheimnis menschlicher Existenz endgültig entschlüsseln zu können.

Auch die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat auf diese Spannung aufmerksam gemacht. Martin Heidegger unterschied zwischen der bloßen Beschreibung des Menschen als daseiendem Gegenstand und dem gelebten Dasein, das sich stets auf seine eigene Existenz bezieht. Hinter seinem Konzept einer ‚Seinsvergessenheit‘ steht die Einsicht, dass häufig über alles Mögliche gesprochen wird, ohne die grundlegende Frage nach dem Sinn des eigenen Seins ernsthaft zu stellen.  Der Mensch kann unzählige Informationen über sich im Speziellen und das Leben im Allgemeinen sammeln und doch den Zugang zu seinem eigenen Dasein verlieren.

Aus existenzanalytischer Sicht erhält diese Frage eine konkrete Wendung. Der Sinn des Seins erschließt sich nicht durch abstrakte Spekulationen, sondern im verantwortlichen Vollzug des eigenen Lebens. Jeder Mensch steht vor Aufgaben, die niemand an seiner Stelle übernehmen kann. Gerade darin liegt seine Individualität. Was für den einen sinnvoll ist, muss es für den anderen nicht sein. Sinn ist weder beliebig noch allgemein verfügbar; er ist stets situationsbezogen und verlangt eine persönliche Antwort.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit verleiht dieser Antwort ihre Ernsthaftigkeit. Das Bewusstsein, sterblich zu sein, führt den Menschen unausweichlich auf die Frage zurück, wofür er seine begrenzte Lebenszeit einsetzen will. Erst wenn der Mensch die Unverfügbarkeit seines Lebens akzeptiert, kann er beginnen, es bewusst zu gestalten. Nicht das Verdrängen des Todes macht frei, sondern die Bereitschaft, ihn als Grenze anzuerkennen, innerhalb derer Sinn überhaupt verwirklicht werden kann.

Dass moderne Kulturen den subjektiven Innenraum des Menschen häufig zugunsten objektiver Messbarkeit vernachlässigen, ist daher mehr als ein erkenntnistheoretisches Problem. Es verändert das Menschenbild selbst. Wo nur noch das Messbare zählt, gerät leicht aus dem Blick, was den Menschen als Person ausmacht: seine Fähigkeit, Stellung zu beziehen, Verantwortung zu übernehmen, Liebe zu schenken, Schuld einzugestehen und Sinn zu entdecken. Weisheit erinnert daran, dass sich diese Dimensionen weder berechnen noch technisch erzeugen lassen. Sie entstehen ausschließlich im gelebten Leben – im einzigartigen, unwiederholbaren Augenblick menschlicher Existenz.