Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 9

Wie es viele Weisheitslehren anstreben, gibt das sinntheoretische Gedankengut von Viktor Frankl, der Urvater der wissenschaftlich begründeten, sinnorientierten Methode der Psychotherapie,  konkrete Antworten darauf, wie ein Mensch durch Schöpferkraft, Erleben und durch eine richtige Haltung zum Leid Sinn finden kann. Die complexitas (lat.) meint etwas Zusammengeflechtetes, das aus vielen verschiedenen, miteinander verknüpften Teilen ein Ganzes bildet. Die Crux dabei ist, dass sich ein derart lebendiges System nicht wie Maschinen verstehen lässt, deren Verhalten allein aus den Eigenschaften ihrer Einzelteile berechnet werden könnte. Es entwickelt vielmehr Eigenschaften, die erst aus dem Zusammenspiel vieler Elemente hervorgehen und deshalb weder auf das Einzelne reduziert noch vollständig vorhergesagt werden können.

Komplexität bedeutet daher nicht einfach Unübersichtlichkeit. Vielmehr beschreibt sie jene Form von Ordnung, die gerade aus einer Vielzahl miteinander wechselwirkender Beziehungen entsteht. Je lebendiger ein System ist, desto stärker ist es auf solche Beziehungen angewiesen. Diese Erkenntnis reicht weit über die Naturwissenschaft hinaus. Das menschliche Gehirn, ökologische Systeme, soziale Netzwerke, wirtschaftliche Prozesse oder kulturelle Entwicklungen folgen jeweils eigenen Dynamiken, weisen jedoch ein gemeinsames Merkmal auf: Sie verändern sich fortwährend und bewahren dennoch über längere Zeit eine erkennbare Identität. Gerade diese Verbindung von Wandel und Beständigkeit bildet eines der großen Rätsel komplexer Systeme.

Niklas Luhmann hat diesen Sachverhalt mit einer Formulierung beschrieben, die zunächst paradox erscheint: Komplexität ist die Einheit einer Vielheit. Einheit bedeutet hier nicht Gleichförmigkeit. Vielmehr entsteht sie dadurch, dass unterschiedliche Elemente in einer Weise miteinander verbunden sind, die ein Ganzes hervorbringen, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben. Dieses Paradox begegnet uns auf nahezu allen Ebenen menschlichen Lebens. Eine Familie bleibt dieselbe Familie, obwohl sich ihre Mitglieder verändern. Eine Kultur bewahrt ihre Identität, obwohl sich ihre Werte und Ausdrucksformen ständig wandeln. Selbst die Persönlichkeit eines Menschen bleibt über Jahrzehnte hinweg wiedererkennbar, obwohl Erfahrungen, Erinnerungen, Überzeugungen und sogar der biologische Organismus einem kontinuierlichen Wandel unterliegen. Ja, und auch die Sonne, die doch täglich wieder aufgeht, geht stets anders auf.

Auf Frankls Existenzanalyse bezogen, können wir den Menschen als niemals statisches Wesen, sondern stets als Person im Vollzug verstehen. Seine Identität entsteht nicht durch Unveränderlichkeit, sondern durch seinen Bezug zu einer verantworteten Ausrichtung auf Sinn hin. Wenn auch im menschlichen Organismus unablässig Zellen absterben und durch neue ersetzt werden, erlebt sich ein Mensch doch stets als dieselbe Person. Das biologische ‚Material‘ wechselt, die personale Identität jedoch bleibt – in aller Regel – erhalten. Offenbar liegt das Wesen eines Menschen nicht in der Unveränderlichkeit seiner Bestandteile, sondern in der Ordnung, die diese Veränderungen zusammenhält. So beobachtet ist Identität kein starres Objekt, sondern ein dynamischer Zusammenhang. Es scheint weise zu sein, sich nicht gegen dynamische Veränderung zu stemmen, sondern jene innere Ordnung zu entwickeln, die sie gestalten kann. Die Fähigkeit dafür könnte als Komplexitätskompetenz beschrieben werden. Sie zu entwickeln, wird unter dem Aspekt der Lebensendlichkeit zu einem Prozess, der nicht nur dazu aufruft, sich immer wieder neu organisieren und sich Ziele und Prioritäten zu setzen. Komplexitätskompetenz dient dazu, weiser zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem unterscheiden zu können – sogar über den Tod hinaus.