Wenn ein Mensch da ist – und gleichzeitig fehlt

Menschen wissen in der Regel, wie sie mit einem eindeutigen Verlust umgehen. Jemand stirbt. Es gibt einen Abschied, eine Beerdigung, einen Moment, an dem alle wissen: Dieser Mensch ist nicht mehr da. Doch was passiert, wenn es diesen eindeutigen Moment nicht gibt? Wenn ein Mensch körperlich noch lebt, aber durch eine Demenzerkrankung kaum noch der Mensch ist, den man kannte? Wenn eine Beziehung beendet ist, aber der ehemalige Partner weiterhin Teil des Lebens bleibt? Wenn ein geliebter Mensch vermisst wird und die Verbindung langsam verblasst? Oder wenn wir um eine Zukunft trauern, die wir uns immer vorgestellt haben, die aber niemals stattfinden wird? Genau hier beginnt das Konzept des Ambiguous Loss.

Der Begriff ‚Ambiguous Loss‘ wurde maßgeblich von der Psychologin Pauline Boss geprägt. Gemeint sind Verlusterfahrungen, bei denen unklar bleibt, ob etwas oder jemand tatsächlich verloren ist – oder in welcher Form der Verlust überhaupt stattgefunden hat.

Bei einem eindeutigen Verlust können wir irgendwann sagen: Es ist vorbei. Bei einem uneindeutigen Verlust ist dieses „Vorbei“ viel schwieriger. Es gibt keine klare Grenze zwischen Anwesenheit und Abwesenheit. Und genau diese Ungewissheit kann zermürben.

Besonders deutlich wird Ambiguous Loss bei Demenz. Der Mensch, den wir lieben, sitzt vielleicht noch neben uns. Wir können seine Hand halten, mit ihm sprechen und ihn besuchen. Und trotzdem verändert sich die Beziehung. Er erkennt uns vielleicht nicht mehr. Vertraute Eigenschaften verändern sich. Die gemeinsame Kommunikation wird schwieriger. Für Angehörige entsteht dadurch eine zutiefst widersprüchliche Erfahrung: Der Mensch ist da – und gleichzeitig fehlt er.

Diese Ambivalenz kann Schuldgefühle auslösen. Darf ich um jemanden trauern, der noch lebt?Darf ich traurig sein, obwohl ich dankbar sein sollte, dass dieser Mensch noch bei mir ist? Darf ich mir manchmal wünschen, dass dieser Zustand endlich endet?

Solche Gedanken machen Angehörige nicht lieblos. Sie zeigen, wie kompliziert uneindeutige Verluste sein können.

Auch Trennungen können einen uneindeutigen Verlust darstellen. Ein gemeinsames Leben endet – aber der andere Mensch existiert weiterhin. Vielleicht begegnen sich beide regelmäßig, weil sie gemeinsame Kinder haben. Vielleicht arbeiten sie weiterhin zusammen. Vielleicht bleiben Gefühle bestehen. Die Beziehung ist vorbei, die Verbindung aber nicht unbedingt.

Auch Migration kann Ambiguous Loss erzeugen. Menschen verlassen ihre Heimat und beginnen ein neues Leben. Sie sind nicht wirklich ‚weg‘ – und gleichzeitig nicht mehr vollständig dort, wo sie einmal waren. Beziehungen werden digital aufrechterhalten. Heimat wird zu einer Mischung aus Erinnerung, Sehnsucht und Gegenwart. Man ist irgendwo angekommen und vermisst gleichzeitig den Ort, den man verlassen hat.

Eine weitere Form des Ambiguous Loss betrifft etwas, das an sich niemals vollständig existieren  kann: eine klare Zukunftsvorstellung. Menschen machen Pläne und stellen sich vor, wie ihr Leben in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird. Sie denken darüber nach, wo sie leben, welchen Beruf sie ergreifen, welche Menschen sie begleiten sollen. Wenn diese Zukunft plötzlich nicht mehr möglich ist, kann der damit verbundene ‚uneindeutige Verlust‘ zu einer immensen psychischen Belastung werden. Vielleicht zerbricht ein Kinderwunsch oder eine Partnerschaft endet kurz vor der geplanten Hochzeit. Vielleicht verhindert eine Erkrankung einen Lebensentwurf oder es gilt, nach einem Unfall zu akzeptieren, dass bestimmte Dinge nie wieder möglich sind. Dann wird verloren, was noch nicht existierte.

Ein klassischer Abschied hat Rituale. Bei Ambiguous Loss fehlen solche eindeutigen Übergänge häufig und die Kommentare aus dem Umfeld sind zusätzlich schwierig. „Aber er lebt doch noch“ oder „Ihr könnt doch weiterhin Kontakt haben“ oder „Du hast doch einen neuen Job“ sind Sätze, die unpassend dafür sind, dass ein Mensch diese Verlustform bei all ihrer Ambivalenz ebenso empfindet wie einen existenziellen Abschied.

Ambiguous Loss erinnert daran, dass manche Situationen nicht vollständig aufgelöst werden können. Sie fordern, dass ein Mensch lernt, mit Ungewissheit und dem Fehlen von etwas, das entweder sicher noch da ist (zum Beispiel der demente Partner) oder von dem nicht völlig ausgeschlossen werden kann, dass es noch da ist (zum Beispiel eine vermisste Person) womöglich lebenslang zu leben.