Technophobie oder: nimmt uns die KI wirklich die Arbeit weg?

KI ändert disruptiv unsere Vorstellungen von Arbeit und Arbeitsplatz – diese ‚Weisheit‘, besser ‚Binsenweisheit‘ ist heute ein großes Gesprächsthema, unter anderem auch in der Kirche.

Beispielsweise schreibt Papst Leo XIV in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas – Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der künstlichen Intelligenz:  „Wir können KI nicht als moralisch neutral betrachten. In Wirklichkeit bringt jedes technische Artefakt Entscheidungen und Prioritäten mit sich: was es misst, was es ignoriert, was es optimiert und wie es Menschen und Situationen einstuft. Wenn ein System so konzipiert oder eingesetzt wird, dass es bestimmte Formen von Leben als weniger wertvoll behandelt oder sie ohne Einspruchsmöglichkeit ausschließt, dann ist es nicht ein einfaches Werkzeug, das „gut genutzt“ werden kann: Es führt bereits ein Kriterium ein, das der unveräußerlichen Würde des Menschen entgegensteht. Aus diesem Grund darf sich ethische Urteilskraft nicht darauf beschränken, zu fragen, ob wir ein bestimmtes System für einen guten oder schlechten Zweck nutzen, sondern muss sich auch fragen, wie es konzipiert ist und welches Bild von Mensch und Gesellschaft in die Daten und Modelle eingeschrieben ist [kursiv durch den Autor], die es leiten.“

Viele Menschen sind besorgt, dass eben nicht transparent genug ist, welche Konzeptionen und Menschenbilder die bestehenden Künstlichen Intelligenzen grundieren, wie die Lernprozesse der KI aussehen, letztlich auch, welche monetären Interessen der KI-Anbieter diesen Lernprozessen zugrundeliegen. Alle diese Sorgen stellen übergeordnet ab auf die Frage einer KI-Ethik und das Potenzial, dass die KI-Anbieter hier Ethik eher als Manipulethik verstehen könnten. Das Interesse, hier quasi einen Blick in den Katalog der Programmcodes zu werfen, ist daher nachvollziehbar. Womöglich wird es aber ‚die‘ KI auch selbst sein, die entlang der Schwächen, Lücken oder Anknüpfungsprobleme an die heutigen Lebenswelten von menschengemachten Ethiken ihre eigene entwirft? Ich schätze, dieses ‚Spiel‘ ist noch längst nicht entschieden, so wenig, wie heute bereits das Spiel der ‚ethischen Regulierung‘ begonnen ist.

Daniel Kokotajlo ist einer der renommiertesten Forscher für die Zukunft der KI. Und für diese Zukunft sieht er schwarz. Mit der von der Techindustrie geplanten Automatisierung der KI-Forschung „überschreitet die Menschheit einen Horizont“, warnt er. „Wir müssen die KI-Entwicklung im Wesentlichen abschalten.“ Quelle: n-tv, 18.9.2026

Viele Akteure – so scheint es – stehen noch am Spielfeldrand und überlegen, wo ihr Platz im Spiel ist und ob sie schon spielen sollten oder dürfen, obwohl ihnen das ‚Regelwerk‘ weitgehend nicht bekannt ist. Anstatt sich mit den technologischen Möglichkeiten zu befassen, die eine funktionale ‚Partnerschaft‘ mit KI bereithält und die auch im privaten Leben weit über das Optimieren von Bildern oder Texten hinausreichen kann, findet in Gesprächen, die ich im Kontext von Psychotherapie oder Coaching führe, weit überdurchschnittlich das Thema Angst statt. Ein Spielball von Maschinen zu werden oder gar – wie die jüngsten apokalyptischen Prophezeiungen von KI-Anbietern vor ihren geplanten und zum Teil abgeblasenen Börsengängen klangen – wohl in den kommenden Monaten von künstlichen Intelligenzen möglicherweise getötet zu werden, stellt dabei die Spitze der Angstpyramide dar. Viel handfester noch zeigt sich Angst, wenn es um die Aussichten auf hinreichende ‚Arbeitsplatzsicherheit‘ geht, einem Begriff, der in der Nachkriegszeit in Westdeutschland bis zur ersten Ölkrise 1973 seine Gültigkeit besaß und sich danach an sich nur auf bestimmte Branchen beziehen ließ. In der ehemaligen DDR gab es bis zur Wiedervereinigung 1990 per Verfassung zwar eine staatliche Garantie auf einen Arbeitsplatz und somit formell absolute Arbeitsplatzsicherheit. Dies war jedoch an eine sozialistische Planwirtschaft gekoppelt, die wirtschaftlich ineffizient war und letztlich zum Zusammenbruch des Systems beitrug.

Sucht man heute mit einer KI-Brille auf der Nase nach einem höheren Maß an Sicherheit, auch morgen noch mit der aufgebauten Qualifikation seinen beruflichen Weg gegen zu können, dann können wir vermutlich davon ausgehen, dass – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – :

  • Alles, was Handwerk ist, weiterhin sicheren Boden hat. Im Handwerksbetrieb wird manche Arbeit von KI unterstützt werden und vielleicht wird auch einmal ein Schreiner-Roboter die Säge bedienen. Die Vielzahl der analogen Arbeitsschritte von der Fertigung bis zur Montage werden jedoch dem Menschen, seinen Augen und Händen, vorbehalten bleiben. Ähnliches gilt für das Baugewerbe, das Gastgewerbe und der Primärsektor der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft.
  • Alles, was individuellen komplexen Erklärungsbedarf besitzt und einen unmittelbaren Kundenkontakt bedingt, wird eine KI nicht abdecken können. Das Phänomen kennen wir ja heute schon. Mancher Avatar auf Webseiten, manche Call-KI am Telefon stößt an ihre Grenzen, sobald der Kunde ein Problem hat, dass sich den Algorithmen entzieht.
  • Eher seltene Berufe stellen für eine KI schon deshalb eine Hürde da, weil ihr zu wenige Lerndaten vorliegen, um an das menschliche Kompetenzniveau heranzureichen. Sollten SIe also zum Beispiel mit Golfballtauchen oder mit dem Entschärfen von Weltkriegsbomben ihr Geld verdienen, dann gehen Sie mal davon aus, dass Ihr Job sicher ist.
  • Alles, was bereits für einen Menschen nicht klassischerweise erlernbar ist, weil es auf Intuition, Forschergeist oder den Umgang mit Unberechenbarkeiten wie zum Beispiel im Notfallkontext ankommt, ist für eine KI zu hoch.
  • Würden Sie einen Vertrag unterschreiben, den eine KI entworfen hat, die zwar alle Paragrafen und früheren Urteile kennt, nicht aber über Rechtsverbindlichkeit und das systemische Wissen der Vertragsbeteiligten verfügt? Sollten Sie mit Nein geantwortet haben, dann ahnen Sie vielleicht schon, welche Berufe oder berufliche Rollen vor KI nicht zittern müssen.
  • Alles, was physische Präsenz, emotionale Co-Regulation und echte menschliche Resonanz erfordert, bleibt unersetzbar. Eine KI kann zwar Therapiesitzungen simulieren oder Pflegeprotokolle optimieren, aber sie kann keine Hand halten, keine echte Trauer mitleiden und keinen Trost spenden. Berufe im Sozialwesen, in der Alten- und Krankenpflege, in der Seelsorge oder im Krisenmanagement leben von der bio-chemischen und emotionalen Verbindung zwischen zwei Menschen. Wo Heilung und Vertrauen durch pure Präsenz entstehen, versagt der Algorithmus.
  • Alles, was auf strategischer Verantwortung und dem Tragen von Konsequenzen beruht, braucht einen Kopf, der dafür geradesteht. Eine KI kann hervorragende Marktanalysen erstellen oder medizinische Diagnosen vorschlagen. Doch am Ende muss ein Mensch die finale Entscheidung treffen – und die moralische, rechtliche sowie finanzielle Verantwortung dafür übernehmen. Ob Manager, Arzt oder Politiker: Wer in der Haftung steht, wenn Dinge schiefgehen, kann nicht durch eine Maschine ersetzt werden. Denn eine KI wird niemals vor Gericht stehen oder ein schlechtes Gewissen haben.

    Das große Zittern ist für viele Menschen wohl eher unbegründet – zumindest für all jene, die sich auf das besinnen, was sie als Menschen ausmacht. Die KI wird nicht den Denker, den Handwerker oder den Heiler ersetzen, sondern den Roboter im Menschen. Sie nimmt uns die stupide, repetitive Datenarbeit ab. Was bleibt, ist ein riesiger Raum für das Analoge, das Empathische, das Intuitive und das Verantwortungsbewusste. Die Frage der Zukunft lautet daher vermutlich nicht: „Ersetzt mich die KI?“, sondern: „Wofür und wie nutze ich die KI, um das, was unter dem Einfluss der neuen Bedingungen steht, sinnvoll zu tun?“ Oder anders: Die Sorge um einen flächendeckenden Jobabbau ist wissenschaftlich nicht belegt. Klar ist aber, KI verändert Jobprofile und geforderte Qualifikationen. Das aber haben berufstätige Menschen immer schon erlebt.

    Nimmt man nun anstatt einer individuellen Perspektive eher eine organisationale ein, dann wird wohl in jedem Unternehmen diskutiert werden, dass KI kein Selbstzweck ist und stets entscheidend ist, wofür sie eingesetzt werden soll, und das sind in aller Regel zuerst die Produktivitätssteigerung und der ERhalt der Wettbewerbsfähigkeit. Daraus folgt, dass nicht die möglichst leistungsfähigste KI das Ziel ist, sondern der betriebswirtschaftlich höchste Nutzen für die Organisation durch Einsatz von KI.Damit sich dieser einstellt, müssen Unternehmen heute mehr denn je den Einsatz dieser Technologie schnell entscheiden. Wer wartet, hat schon Verluste eingefahren, wer open minded an die Sache herangeht und die Prozesse orchestriert, der bewahrt sich seine Marktchancen.

    Kein Unternehmen wird es in ihrer KI-Anwendung darauf anlegen, sich durch KI-Mißmanagement den Ast abzusägen, auf dem es sitzt. Das heißt, dass das Management Vorkehrungen dafür zu treffen hat, dass der menschliche Umgang mit den Maschinen ein verantwortungsvoller bleibt. Missbrauch, Manipulation und fehlende Kontrolle sind wie bei jeder eingesetzten Technik möglich, Prävention und Gegenmaßnahmen aber auch. Dies gilt auch für den Umgang mit den Ergebnissen, die KI liefert. Deepfakes, individuelle Beeinflussungen und die Gefahr, dass Inhalten geglaubt wird, deren Entstehung oder Manipulation nicht nachvollziehbar sind, bedingen eine Kompetenzentwicklung aller Mitarbeiter in Richtung kritisches Hinterfragen und Ergebniskontrolle.

    Und orchestrieren meint, dass zuerst einmal in einem Unternehmen alle Prozesse standardisiert und Daten profund strukturiert werden müssen. Wer der KI Datenmist anbietet, erhält auch Mist zurück. KI ist keine Glaskugel, und wenn ihr Einsatz scheitert, dann heißt das, dass im Unternehmen großes Nachsitzen erforderlich ist, solange kein exzellentes lernfähiges Material für die KI zur Verfügung steht. Wer diesen Punkt versäumt, erntet von einer KI jede Menge Halluzinationen. Der Treiber für ein solches Vorgehen kann damit nur der CEO des Unternehmens sein. Nur in dieser Rolle gibt es den Blick über alle Einzelbereiche, nur dort kann die Frage beantwortet werden, wie das Unternehmen für die Zukunft aufgestellt sein soll. Wer als CEO über keine systemische KI-Kompetenz verfügt, wird wohl bereits auf kurze Sicht seinen Marktwert einbüßen. Wer auf den weiteren Managementebenen nicht in der Lage ist, seine Prozesse KI-fähig aufzubauen, ebenso. KI ist nicht IT, KI ist der zentrale Teil strategischer Unternehmensprogrammatik und permanenter Entwicklung im Kontext einer lernenden Organisation.

    Wer sein Unternehmen in diese Richtung lenkt, darf nicht euphorisieren. KI darf nicht alles, vielleicht auch nicht alles wissen, denkt man an Innovationen mit ihren Geheimnissen. Und KI braucht Regulierung, also nicht nur Regeln, sondern auch deren Durchsetzung. Die wichtigste Regulierung stellt das Alignment dar, die Frage also, ob die KI-Systeme in Übereinstimmung mit dem sind, was die Menschen in der Organisation eigentlich wollen. Ist das nicht klar, dann können Schäden entstehen, und das an jeder Stelle im Unternehmen und an deren Schnittpunkten zu ihren Peers. Wer solche Schäden mindern will, der wird an ein straffes Monitoring denken. Ein Monitoring, das jedoch nicht zur Knebelung mutiert, denn – siehe oben – wer intern ewig KI-Konzepte diskutiert, verliert Zeit. Also heißt es, Dinge schnell auszuprobieren, bei Misserfolg zu stoppen und bei Erfolg zu skalieren. Damit das gelingt, so meine Vermutung, wird in Deutschland die Idee forciert werden, qualifizierte Open-Source-KI-Modelle dafür einzusetzen, die sehr spezifischen Maschinendaten des breiten Mittelstands in Deutschland für die Entwicklung neuer Geschäftsfelder zu nutzen. Eine solche Offensive des Aufbaus Angewandter KI als Dienstleistungsangebot kann eine Art Industrialisierung 5.0 in Deutschland bewirken. Ein aus meiner Sicht spannender Gedanke, der auch aus der Perspektive kollektiver Krisenprävention fruchtbringend werden kann. Denn, wer in einer Volkswirtschaft weiß, dass es in ihr etwas gibt, was hinreichend unkopierbar ist, der kann die Angst auch um die eigene Zukunft herabregeln. Und dieses Unkopierbare liegt im Wissenschatz der zahllosen mittelständischen Organisationen, der – intelligent gematched und gebündelt – Teil der Vision einer Sozialen und Technologischen Marktwirtschaft werden könnte.

    Wenn eine Brücke einstürzt, dann geht man wohl kaum davon aus, die Brücke habe Schuld. Aus dieser Sicht scheint das Risiko heute größer, dass der Mensch die KI nutzt, um bewusst Schaden anzurichten als dass dies die KI ihrerseits tut. Es gehört zur Krisenprävention, darauf zu achten, wer in concreto ein solcher Mensch sein könnte. Ob zu dieser Identifizierung eine KI wohl hilfreich beitragen könnte?