Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 10

Wenn komplexe Systeme sich selbst organisieren, stellt sich die Frage, worauf ihre Entwicklung eigentlich hinausläuft. In der modernen Komplexitätsforschung spricht man in diesem Zusammenhang von Attraktoren. Gemeint sind nicht starre Endpunkte, sondern bevorzugte Zustände oder Muster, zu denen ein dynamisches System immer wieder tendiert. Ein Fluss mag durch unterschiedliche Landschaften verlaufen, Hindernisse umströmen und zeitweise sein Bett verändern – dennoch bewegt sich das Wasser letztlich entlang bestimmter Gefälle. Ähnlich entwickeln auch viele biologische, psychische und soziale Systeme charakteristische Stabilitätsmuster. Sprechen wir mit Menschen in unserer logotherapeutischen Praxis, dann hören wir sehr oft Werte heraus, die durch Krisensituationen ihre einst stabilisierende Wirkung eingebüßt haben. Das Leben erscheint dann zuweilen sogar in seiner Gänze nicht mehr ‚attraktiv‘. Herauszuarbeiten, welche LebensWerte es sind, die als verhaltens- und handlungssteuernde ‚Attraktoren‘ wiederbelebt oder auch zu neuer Entwicklung hingeführt werden können, stellt eine unserer Hauptaufgaben in der Logotherapie dar. Zuweilen kommen Menschen zur Erkenntnis, dass sie über mehrere Sets an Werte-Attraktoren verfügen, dabei jedoch nur wenigen von ihnen hinreichend Gelegenheit zur Verwirklichung gegeben haben oder geben.

Besonders aufschlussreich wird dieser Zusammenhang, wenn zu den Werte-Attraktoren die möglichen Unterschiede in den Ausgangsbedingungen zur (Nicht-)Verwirklichung der Werte hinzutreten. Selbst kleine Unterschiede der Bedingungen (Frankl: Der Mensch ist nie frei von Bedingungen, aber stets frei sich so oder so zu ihnen zu stellen) können dann zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen führen. Die Komplexitätsforschung spricht hier von Nichtlinearität. Ursache und Wirkung stehen nicht mehr in einem einfachen Verhältnis. Geringfügige Veränderungen können bereits große Folgen haben, ebenso wie massive Eingriffe manchmal erstaunlich wenig bewirken. Wir wissen, dass ein scheinbar unbedeutendes Gespräch, eine Krankheit, ein Verlust, ein Buch, eine Begegnung oder ein Moment der Einsicht die Richtung eines Lebens nachhaltig verändern kann. Umgekehrt können zum Beispiel jahrelange Bemühungen, erfolgreicher im Beruf zu werden ohne tiefere Wirkung bleiben. Menschliche Entwicklung verläuft selten geradlinig. Sie ähnelt eher einem komplexen Feld von Möglichkeiten, in dem Entscheidungen, Zufälle, Beziehungen und Sinnbezüge miteinander wechselwirken.

Frankl betont, dass der Mensch zwar Bedingungen unterworfen ist, aber niemals vollständig durch sie determiniert wird. Zwischen Reiz und Reaktion liegt (s)ein Raum der freien Stellungnahme. Die Komplexitätsforschung beschreibt diesen Raum nicht moralisch, sondern dynamisch: Systeme besitzen mehrere mögliche Entwicklungspfade. Die Existenzanalyse ergänzt, dass der Mensch innerhalb dieser Offenheit verantwortlich wählen kann. Freiheit erscheint damit nicht als absolute Unabhängigkeit, sondern als Möglichkeit, den weiteren Verlauf der eigenen Entwicklung mitzugestalten.

Zuweilen entstehen neue Ordnungen in Phasen der Instabilität besonders spürbar. Wenn ein System seine bisherige Stabilität verliert, kann es in einen anderen Zustand übergehen. In der Natur geschieht dies bei physikalischen, chemischen oder biologischen Prozessen; im menschlichen Leben begegnet es uns als Krise. Krisen sind deshalb nicht nur Zusammenbrüche bestehender Ordnungen, sondern auch Übergangszonen, in denen neue Formen von Sinn, Identität und Beziehung entstehen können. In unserer Praxis zeigt sich auch, dass solche Übergangszonen nicht zwingend Krisen bedürfen – im Gegenteil: ein Prozess der Individuellen Krisenprävention kann vergleichbare Effekte bewirken. Die Auseinandersetzung mit Leid, Unsicherheit oder Endlichkeit führt meist bereits zu einer Neuorganisation des Lebens. Die Konfrontation mit der Begrenztheit des Daseins zwingt dazu, Prioritäten neu zu ordnen und bisherige Selbstverständlichkeiten zu überprüfen. In der Sprache der Komplexitätsforschung könnte man sagen: Das System gerät in die Nähe eines Übergangs und sucht nach einer neuen, tragfähigeren Ordnung.

Dabei ist Vorsicht vor einem Missverständnis geboten. Selbstorganisation bedeutet nicht, dass sich alles automatisch zum Guten entwickelt. Komplexe Systeme können auch in destruktive Muster geraten. Gesellschaften können sich polarisieren, Beziehungen verhärten, ein einzelner Mensch in Angst, Zynismus oder Resignation gefangen bleiben. Nicht jede neue Stabilität ist also lebensförderlich. Ein weiserer Umgang mit diesem Thema besteht daher darin, stets zu unterscheiden, welche Formen neuer Ordnung sinnerfüllend sind und welche Sinn blockieren. Und Weisheit bedeutet hier nicht, möglichst viele Optionen offen zu halten, sondern die wert-attraktiven Verbindungen zu wählen, also sinnvolle Selektionen vorzunehmen, im Sinne eines: Welche Entscheidungen fördern die weitere Entfaltung des Lebens?

Niklas Luhmann hat darauf hingewiesen, dass die eigentliche Struktur komplexer Systeme weniger in ihren einzelnen Elementen liegt als in den Beziehungen zwischen ihnen. Dieselben Elemente können je nach ihrer Verknüpfung völlig unterschiedliche Ordnungen hervorbringen. Ein Gehirn ist nicht nur eine Ansammlung von Nervenzellen, eine Gesellschaft nicht nur eine Menge von Menschen, ein Leben nicht nur eine Reihe von Ereignissen. Entscheidend ist das Muster der Beziehungen. Aus Frankls Existenzanalyse lässt sich daraus folgern, dass Sinn nicht isoliert im Inneren des Menschen, sondern in seiner Beziehung zur Welt, zu anderen Menschen, zu Aufgaben, zu seinen Verantwortungsfeldern besteht.