Wir werden älter, investieren in Gesundheit und träumen von einem möglichst langen Leben. Doch während der Wunsch nach Langlebigkeit immer größer wird, verdrängen wir eine Tatsache, die sich nicht wegoptimieren lässt: Unser Leben ist endlich. Der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio plädiert deshalb für einen anderen Blick auf das Lebensende – und für eine Medizin, die vor allem eines kann: zuhören.
Der Tod ist eines der sichersten Ereignisse unseres Lebens – und gleichzeitig eines der am stärksten verdrängten. Während die moderne Medizin immer mehr Möglichkeiten eröffnet, Krankheiten zu behandeln, Körper zu optimieren und Lebenszeit zu verlängern, fällt es vielen Menschen schwer, über das Sterben zu sprechen. Besonders deutlich zeigt sich das im aktuellen Longevity-Trend. Gesundheit, Fitness, Ernährung und medizinische Innovationen sollen dazu beitragen, möglichst lange jung und leistungsfähig zu bleiben. Das ist Zeitgeist pur, mit einer problematischen Seite, der Todesverdrängung.
Schon in den 1960er- und 1970er-Jahren habe die Medizin zeitweise dem Glauben angehangen, den Tod durch technischen Fortschritt besiegen zu können, erklärt Borasio. Intensivmedizin und moderne Behandlungsmöglichkeiten hätten damals ein Gefühl medizinischer Allmacht entstehen lassen. Der Tod ließ sich damit jedoch nicht abschaffen. Stattdessen gerieten schwerstkranke und sterbende Menschen teilweise aus dem Blick.
Heute zeigt sich die gleiche Sehnsucht in anderer Form: Menschen investieren enorme Summen in Maßnahmen, die ihnen ein längeres Leben versprechen. Doch egal, wie weit die Medizin voranschreitet – Unsterblichkeit bleibt eine Illusion. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht Wie lange können wir leben?, sondern Wofür wollen wir leben und wie wollen wir sterben?
Dass Menschen heute durchschnittlich länger leben als frühere Generationen, ist grundsätzlich eine gute Entwicklung. Längeres Leben kann bedeuten, mehr Zeit mit Familie und Freunden zu haben, Erfahrungen zu sammeln und Dinge zu tun, für die früher keine Zeit war. Entscheidend ist jedoch die Qualität dieser zusätzlichen Jahre, denn ein längeres Leben bedeutet nicht automatisch ein besseres Leben. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Demenz. Gleichzeitig steht unsere Gesellschaft vor der Frage, wer die notwendige Betreuung leisten und finanzieren soll.
Pflegekräfte fehlen schon heute. Familien sind häufig räumlich voneinander getrennt. Und die Vorstellung, dass professionelle Strukturen irgendwann alle Bedürfnisse auffangen werden, wird sich wohl als zweite Illusion erweisen. Borasio plädiert deshalb für „Caring Communities“ – sorgende Gemeinschaften. Gemeint ist eine Gesellschaft, in der Verantwortung füreinander nicht ausschließlich an professionelle Einrichtungen delegiert wird. Es geht darum, dass Menschen einander unterstützen: ältere Menschen, Sterbende, Menschen mit Behinderungen, Alleinerziehende und Familien. Ob auch dieser Gedanke den Zeitgeist trifft? Oder trifft er schlicht die Geldbörse?
Einen weiteren Blick richtet Borasio in die Palliativmedizin. Auch dort hat sich in den vergangenen Jahrzehnten viel verändert. So gibt es In Deutschland inzwischen zahlreiche ambulante Palliativteams, die schwerkranke Menschen zu Hause begleiten. Zudem leisten die Hospizvereine mit ihren vielen qualifizierten Ehrenamtlichen eine weitere hervorragende Unterstützung. Andererseits gerät das Gesundheitssystem zunehmend unter wirtschaftlichen Druck. Medizinische Entscheidungen stehen dadurch nicht immer ausschließlich im Zeichen dessen, was für einen Menschen sinnvoll ist. Borasio warnt vor einer Entwicklung in zwei Richtungen: Manche Menschen könnten notwendige Behandlungen nicht ausreichend erhalten, während andere mit Therapien versorgt werden, die medizinisch kaum noch einen Nutzen bringen. Gerade am Lebensende kann das gravierende Folgen haben, denn manchmal verlängert eine Therapie nicht das Leben in einer für den Patienten guten Weise, sondern lediglich den Sterbeprozess. Dann wird aus dem Wunsch, alles Menschenmögliche zu tun, schnell eine Belastung für denjenigen, um dessen Leben es eigentlich geht.
Eine der wichtigsten Botschaften Borasios lautet deshalb: Wir müssen die Menschen fragen. Was möchten Sie? Was ist Ihnen wichtig? Wovor haben Sie Angst? Was möchten Sie noch erleben? Und was möchten Sie auf keinen Fall? Die Antworten können überraschend sein. Denn die Wünsche schwerkranker Menschen entsprechen nicht zwangsläufig dem, was Ärztinnen und Ärzte für sie als besonders wichtig erachten.
Am Lebensende verschieben sich bei vielen Menschen zudem die persönlichen Werte. Beziehungen und das soziale Umfeld gewinnen an Bedeutung. Nicht selten geht es weniger um die eigene Person als um die Menschen, die zurückbleiben. Vielleicht ist genau das eine der großen Erkenntnisse, die das Bewusstsein für die eigene Endlichkeit mit sich bringen kann: Zu erkennen, was wirklich zählt.
Für Borasio liegt darin die entscheidende Aufgabe einer zukünftigen Medizin. Der Patient dürfe nicht als Kostenfaktor betrachtet werden. Im Mittelpunkt müsse wieder der Mensch stehen – mit seinen Wünschen, Ängsten, Beziehungen und individuellen Vorstellungen von Lebensqualität. Sein vielleicht prägnantester Gedanke lautet: „Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein oder sie wird gar nicht mehr sein.“
Zuhören klingt zunächst nach etwas Selbstverständlichem. In einem hoch technisierten und wirtschaftlich organisierten Gesundheitssystem ist es jedoch keineswegs selbstverständlich. Zuhören bedeutet hier, nicht sofort eine Behandlung anzubieten, sondern zunächst zu verstehen, was ein Mensch überhaupt erreichen möchte. Und Zuhören bedeutet auch, anzuerkennen, dass ein medizinischer Erfolg nicht immer darin besteht, einen biologischen Prozess möglichst lange aufrechtzuerhalten. Manchmal kann der Erfolg einer Behandlung darin bestehen, Leiden zu lindern, Selbstbestimmung zu bewahren und einem Menschen ein würdevolles Leben bis zuletzt zu ermöglichen.
Besonders deutlich wird das in Pflegeheimen. Wenn Menschen am Ende ihres Lebens stehen, werden sie nicht selten noch einmal ins Krankenhaus gebracht. Solche Einweisungen können medizinisch notwendig sein. Häufig können sie aber auch vermeidbares Leid bedeuten – gerade dann, wenn ein Mensch eigentlich zu Hause oder im Pflegeheim bleiben möchte. Eine bessere palliative Versorgung könnte hier viel bewirken. Dazu braucht es nicht immer spektakuläre neue Technologien. Häufig geht es um etwas Grundlegenderes: medizinisches Wissen, gute Kommunikation und die Fähigkeit, gemeinsam mit dem Patienten und seinem Umfeld Entscheidungen zu treffen, damit getan wird, was sinnvoll ist und nicht nur zweckdienlich.
Gutes Sterben setzt nicht erst dann ein, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. Vielmehr beginnt es bereits dort, wo ein Mensch bereit ist, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen und über Tod und Sterben zu sprechen. Eine solche Auseinandersetzung fällt schwer. In seinem Vortrag zu diesem Thema in der Heinrich-Böll-Stiftung macht Professor Honnefelder dazu wie folgt inhaltlich aufmerksam: Der Mensch erlebt sich zunächst als jemand, der über seinen Körper verfügen und ihn kontrollieren kann. Gleichzeitig ist er aber an diesen Körper gebunden und von dessen Möglichkeiten und Zuständen abhängig. Ähnlich verhält es sich mit seiner Psyche: Einerseits gestaltet sie seine Wahrnehmung und sein Erleben aktiv mit, andererseits wird sie selbst durch Erfahrungen und Erlebnisse geprägt. Auch die eigene Identität besitzt diesen widersprüchlichen Charakter. Der Mensch empfindet sich als unverwechselbar und einzigartig, muss aber zugleich erkennen, dass andere Menschen seine Funktionen übernehmen können und seine eigene Existenz deshalb nicht in jeder Hinsicht unersetzbar ist. Auch Sinn und Ordnung, die durch gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge vermittelt werden, sind niemals selbstverständlich. Wo eine bestimmte Ordnung als sinnvoll erfahren wird, bleibt gleichzeitig die Möglichkeit bestehen, dass sie anders sein könnte. Der Mensch weiß daher um die Verletzlichkeit der von ihm geschaffenen kulturellen Strukturen und empfindet den Verlust von Sinn und Orientierung als besondere Bedrohung.
Besonders intensiv zeigt sich diese Spannung im menschlichen Verhältnis zur Zeit. Der Mensch lebt nicht lediglich in der Zeit, sondern besitzt darüber hinaus ein Bewusstsein von ihrer Vergänglichkeit. Er nimmt den gegenwärtigen Augenblick als etwas wahr, das unmittelbar wieder vergeht, und erkennt sich selbst als ein Wesen, dessen Existenz sich innerhalb dieser zeitlichen Begrenzung vollzieht. Martin Heidegger bezeichnet deshalb Sorge und Angst als grundlegende Befindlichkeiten des Menschen. Mit Angst ist dabei nicht einfach die Furcht vor einer bestimmten Gefahr gemeint. Gemeint ist vielmehr jene grundlegende Unsicherheit, die daraus entsteht, dass der Mensch seiner Existenz nicht vollständig sicher sein kann und sich gewissermaßen ins Nichts hinausgehalten erfährt.
Vor diesem Hintergrund erhält das Wissen um die eigene Sterblichkeit eine besondere Bedeutung. Ein Wesen, das sich seiner selbst und seiner zeitlichen Begrenzung bewusst ist, kann den Tod nicht einfach als irgendein zukünftiges Ereignis betrachten. Nach Heidegger muss der Tod für den Menschen zur „eigensten, unbezüglichen, unüberholbaren Möglichkeit“ werden. Gerade dadurch wird der Mensch mit der Frage konfrontiert, wie sein gesamtes Dasein zu verstehen und zu bewerten ist.
Wenn unter Leben nicht bloß die biologische Existenz verstanden wird, sondern das konkrete Leben, das ein Mensch führt, dann besitzt auch der Tod eine umfassendere Bedeutung als das bloße Ende körperlicher Funktionen. Entscheidend ist für den Menschen weniger der Zustand des Totseins, den er selbst nicht erfahren kann, als vielmehr der Weg, der vom Leben zum Tod führt. Aus diesem Grund richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Sterben. Welche Bedeutung der Tod besitzt, wird deutlicher, wenn man zunächst fragt, was menschliches Leben ausmacht. Dem gelebten Leben erscheint der Tod zunächst als dessen grundlegendes Gegenstück. Menschliches Leben verwirklicht sich in einer Vielzahl von Formen: im eigenen Körper, in Beziehungen und Kommunikation, in kulturellen Vorstellungen und Lebensentwürfen, in der Entwicklung einer persönlichen Identität sowie in gesellschaftlichen Aufgaben und Rollen. Der Tod beendet beziehungsweise löst diese Formen der Verkörperung auf. Für ein Wesen, dessen Existenz darin besteht, sein Leben aktiv zu führen und zu gestalten, bedeutet der Tod daher den Übergang zum Ende dieser Aktivität, zur zunehmenden Ohnmacht und schließlich zu einer letzten Form der Trennung und Einsamkeit. Je stärker der Mensch sein eigenes Leben bewusst wahrnimmt, desto stärker muss er deshalb auch den Tod als dessen Gegenbild wahrnehmen.
Zur menschlichen Existenz gehört somit nicht lediglich die Möglichkeit, über den Tod nachzudenken. Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist vielmehr bereits Bestandteil der Struktur menschlichen Lebens. Wer im Voraus weiß, dass der eigene Tod bevorsteht, nimmt zwangsläufig – bewusst oder unbewusst – eine bestimmte Haltung zu ihm ein. Diese Haltung zeigt sich darin, wie der Mensch sein Leben gestaltet. Das Sterben ist deshalb nicht ausschließlich etwas, das einem Menschen von außen widerfährt. Es kann zugleich als ein letzter Bereich verstanden werden, in dem der Mensch in Bezug auf sein eigenes Dasein Stellung nimmt. Heidegger bezeichnet den Tod als die „eigenste Möglichkeit des Daseins“. Er ist damit nicht lediglich ein unvermeidliches Faktum am Ende des Lebens, sondern kann auch als Möglichkeit verstanden werden, das eigene Leben als Ganzes zu begreifen und zu vollenden. Georg Simmels Gedanke, dass das menschliche Leben nicht allein im „Mehr-Leben“, sondern im „Mehr-als-Leben“ aufgeht, führt zu der weiterführenden Frage, worin dieses Mehr bestehen kann. Wenn der Mensch sich selbst tatsächlich nur über die Beziehung zu anderen Menschen und zu seiner Umwelt erschließen kann, benötigt er Orientierung und Sinn, um auch das eigene Leben verstehen zu können. Die Frage nach dem Sinn des Lebens lässt sich daher nicht unabhängig von den Sinnangeboten beantworten, die einem Menschen begegnen. Noch schwieriger wird die Frage nach dem Tod, wenn dieser als etwas Sinnloses oder Zufälliges erscheint. Um dem Tod einen verstehbaren Platz im eigenen Dasein geben zu können, bedarf es eines umfassenderen Zusammenhangs, der selbst nicht sofort wieder als zufällig oder sinnlos erscheint. Daher wird die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Sterblichkeit bis heute häufig im Rahmen religiöser Vorstellungen gestellt. Religion kann dem Menschen ermöglichen, seine eigene Endlichkeit anzuerkennen und sie zugleich in Beziehung zu einer Wirklichkeit zu setzen, die über den Tod hinausweist. Der Mensch kann sich dadurch als sterbliches und begrenztes Wesen verstehen, ohne seine Existenz ausschließlich auf diese Begrenztheit reduzieren zu müssen.
Aus der grundlegenden menschlichen Abhängigkeit von anderen ergibt sich außerdem eine besondere Bedeutung zwischenmenschlicher Nähe während des Sterbens. Kaum in einer anderen Lebenssituation ist der Mensch in vergleichbarer Weise auf die Anwesenheit, Unterstützung und Zuwendung anderer angewiesen. Dabei genügt es nicht, ausschließlich für körperliches Wohlbefinden zu sorgen, Schmerzen zu behandeln oder pflegerische Aufgaben zu übernehmen. Ebenso wichtig ist die Erfahrung, dass jemand da ist, zuhört, Nähe zulässt und dem Sterbenden vermittelt, dass er nicht allein gelassen wird. Wenn das Sterben zunehmend mit Verlust von Handlungsmöglichkeiten, körperlicher Selbstbestimmung und schließlich mit dem Ende jeder Kommunikation verbunden ist, kann die Gegenwart vertrauter Menschen eine wichtige Verbindung schaffen. Wer sich begleitet, akzeptiert und angenommen fühlt, kann möglicherweise leichter Vertrauen entwickeln und sich mit der eigenen Situation auseinandersetzen. Eine solche Begleitung kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Besonders wichtig können Angehörige, Freunde oder Menschen aus einer seelsorgerlichen Beziehung sein, weil zwischen ihnen und dem Sterbenden bereits ein besonderes Maß an Vertrauen besteht. Daneben können auch Ärzte, Pflegekräfte und andere professionell Tätige eine solche Aufgabe übernehmen oder die persönliche Begleitung unterstützen. Gerade dort, wo Menschen in Krankenhäusern, Hospizen oder Alten- und Pflegeeinrichtungen sterben, sollte deshalb neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch die persönliche Begleitung berücksichtigt werden. Palliation und menschliche Zuwendung dürfen nicht als voneinander getrennte Aufgaben verstanden werden. Ein Sterbender braucht häufig beides: die Linderung körperlicher Beschwerden und die Erfahrung, als Mensch wahrgenommen und nicht allein gelassen zu werden.
Eine solche Begleitung kann allerdings nur dann wirklich tragen, wenn auch der Begleitende bereit ist, sich mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Wer die eigene Endlichkeit vollständig verdrängt und den Tod aus dem eigenen Denken ausschließt, wird möglicherweise Schwierigkeiten haben, einem anderen Menschen in dessen Sterbeprozess Sicherheit und Nähe zu vermitteln. Deshalb beginnt eine verantwortungsvolle Sterbebegleitung bereits lange vor der konkreten Situation des Sterbens: Sie setzt voraus, dass Menschen selbst ein Verhältnis zu ihrem Leben, zu dessen Begrenztheit und schließlich auch zum eigenen Tod entwickelt haben.





