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Haben Sie eigentlich Ihren Sinn im Leben gefunden? – Teil 3

Spoiler: Jetzt wirds philosophisch, und ein wohltuendes Begleitgetränk könnte die Lesung erleichtern.

Die originäre Logotherapie und Existenzanalyse von Viktor Frankl versteht sich als sinnzentrierte Psychologie mit weitreichenden Implikationen für das menschliche Zusammenleben. Dennoch bleibt sie aus meiner Sicht in einer zentralen gesellschaftstheoretischen Frage erstaunlich unbestimmt. Woher genau kommt der Sinn, den ein Mensch findet?

Ich habe in der KrisenPraxis das der Sinntheorie zugrundeliegende Gedankengut von Viktor Frankl vielfach vorgestellt:

• Sinn ist für jeden Menschen jederzeit gegeben.
• Er muss gefunden werden und kann nicht vom Menschen selbst gemacht werden.
• Sinn kann selbst unter widrigsten Lebenssituationen entdeckt werden.
• Jeder Mensch ist durchdrungen von einem Willen zum Sinn.
• Sinn ist der Grund zum Glücklichsein.
• Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.
• Sinn ist der Wächter der Qualität unseres Handelns.

Aus all dem können wir ableiten,

• dass jeder Mensch ein Sinnbedürfnis hat,
• dass es jederzeit einen Sinn für einen Menschen gibt, der dieses Bedürfnis befriedigen kann,
• dass Sinn zu finden etwas mit einer bestimmten Form des Handelns zu tun hat,
• dass die Befriedigung des Sinnbedürfnisses durch Verwirklichung des Sinnvollen zum Glück führt

Aber: Das alles mit einer wesentlichen Einschränkung: Der Mensch kann sich Sinn nicht machen. Und Frankl macht das auch hier klar: „Der Mensch ist nicht da, um sich selbst zu beobachten und sich selbst zu bespiegeln; sondern er ist da, um sich auszuliefern, sich preiszugeben, erkennend und liebend sich hinzugeben.“ Viktor E. Frankl in: „Logotherapie und Existenzanalyse“

Wenn Sinn sich also nicht irgendwo im Menschen befindet, nicht in seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Empfindungen – dann muss sich Sinn außerhalb von ihm, seinem Körper und seiner Psyche finden lassen. Also in der Welt.

Was aber ist die Welt des Menschen? Fragen Sie sich, fragen Sie Ihren Partner, alle anderen, die Sie kennen, so werden Sie erkennen – die eine Welt gibt es nicht. So wenig wie die eine Gesellschaft. So wenig wie das eine Team oder Kollegium, die eine Familie … Ich will meinen: All das ist immer ‚nur‘ die meinige Welt. Und in ihr finde ich den ‚nur‘ meinigen Sinn. Der Möglichkeitsraum der Sinnfindung wechselt darum von Mensch zu Mensch, von Situation zu Situation, von Zeitpunkt zu Zeitpunkt.

Aus einer wissenschaftlichen Perspektive ist eine solche Aussage bitter. Sie führt zu Ende gedacht zu einer Art akademischer Stagnation, will Wissenschaft doch empirisch nachweisen helfen, wie Menschen Sinn finden, wenn – wie Frankls Zitat es zum Ausdruck bringt – sie sich individuell ausliefern (an wen oder was), sich preisgeben (wofür), erkennend und liebend sich hingeben (wem oder was).

Wie sich Menschen Sinn machen, ja, darüber gibt es ‚tons of studies‘. Viele dieser Sinnmachenforschungsergebnisse muten langweilig und trivial an. Aber warum sollte ein Mensch eigentlich Sinn finden wollen? Aus einem rein psychischen Bedürfnis heraus? Wenn wir Wollen verstehen als Basis jedes menschlichen Daseins und Miteinanderseins, dann sehen wir, dass dem Wollen ein Angesprochenwerden vorausgeht. Etwas spricht mich an, und es spricht mich an. Oder eben nicht. Zu dieser Wahl bezieht die Person Stellung. Wollen wird so zu einer Form der Stellungnahme zu etwas die Person Ansprechendem, sei es ein Mensch, eine Aufgabe, ein Ding, eine Stadt, eine Kultur … – das Wollen wird dabei konkretisiert. Das Wollen des Ich ist Begehren, Besitzen, ein Befassen mit, … und Wollen bedeutet somit, dass nicht ein Ich anfing zu wollen, sondern dass mit dem Ich etwas angefangen wurde. Ich wird zu einem Ich, das angesprochen ist, das in Anspruch genommen wird zur Stellungnahme.

Führen wir diese Argumentation weiter, dann wird auch Sinn zu einer Form des Ansprechenden, das der Person wiederum ein Wollen in Form einer Stellungnahme ermöglicht. So wie das Ich aber die Sinnesorgane verschließen kann vor dem, was es anspricht, so kann das Ich auch sein Sinnorgan [in Frankls Sinnlehre ist dies das Gewissen] verschließen. Mit beiden verschließt das Ich den Zugang für das es Ansprechende. Das Ich will somit nicht das Wollen und verlässt damit die Basis des menschlichen Daseins. Die Phänomene, die ein Ich zeigt, das nicht mehr das Wollen will, sind der Psychologie bekannt. Was aber kann ein solches Ich wieder derart ansprechen, dass es das Nicht-Wollen nicht mehr will?

Dieses ‚was‘ ist Sinn. Vermag Sinn zur Öffnung des Ich hin zur Welt beizutragen, damit das Ich wieder ansprechbar für das Wollen einer Stellungnahme wird, so bewertet das bislang nicht wollende Ich die Welt neu. Damit das Ich diese Bewertung vornehmen kann, muss es um seine Werte wissen, die es zur Bewertung heranzieht. Das Ich mit dem Wertgefühl, das von der Welt Angesprochene zu sein und mit diesem Gefühl eine Stellung einnehmen zu wollen, will sich mit bewussten Werten der Welt öffnen. Wertebewusstheit und Weltoffenheit geben damit das Maß vor, mit dem ein Ich für Sinn ansprechbar wird, in welchem Maße das Ich um einen Willen zum Sinn verfügt.

Sinn kann ein wollendes Ich nur ansprechen, weil es im Dasein dieses Ichs nur um dieses Dasein selbst geht. Verstehen wir Dasein als Seinkönnen auf jemand oder etwas hin (und dieses jemand oder etwas ist nicht das Ich oder ein Teil des Ich), dann können wir Dasein als Stellungnahme ansehen, als ein Verwiesensein auf Andere und Anderes, in dem sich das Dasein verwirklicht. Dieses Dasein ist kein Zwang, der Mensch hat nicht ein Dasein, er ist Dasein und in seinem Dasein ist er frei und verantwortlich für seine Existenz. Dieses Existere zu wollen, öffnet die Türe, durch die Sinn das Ich ansprechen kann. Sein Dasein kann ein Ich nicht nicht vollziehen. Für das Wie seines Daseins jedoch, seine Existenz, ist das Ich frei und verantwortlich. Das Ich kann somit wählen, so oder so, und mit jeder Wahl nimmt das Ich weitere Gestalt an. Aber: Das Ich kann nicht alles wählen, was es will. Es kann über sich hinauswachsen, ja, aber Gewolltes muss bei seiner Wahl auch erreichbar sein. Ein Sinnimpuls als objektive Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit trifft auf das subjektive bereits gegenwärtig gegebene oder das subjektiv durch persönliche Entwicklung erwartete zukünftige Können. So gedacht, ermöglicht erst objektiver Sinn (geistig) eine Transformation in einen subjektiven Sinn (mental). Ohne ihn macht sich das Ich einen Sinn selbst, wobei sich das Dasein jedoch verfehlt, da es nicht mehr ein Seinkönnen auf jemand oder etwas hin, sondern ‚lediglich‘ ein egobezügliches Sein wird.

Soll objektiver Sinn in einen Teil des Lebensentwurfs integriert werden, darf der Bezug zur Welt nicht verengt sein. Weltoffenheit ist der Begriff, der zum Ausdruck bringt, dass eine Person sich nicht alles von ihrem Selbst gefallen lässt, mithin sich nicht von ihrem Selbst dominieren lässt, insbesondere von dem, was wie ‚selbst-verständlich‘ dem Ich vorgaukelt, dass es gut sei, sich nur mit dem zu befassen, was auf die Person selbst gerichtet ist. Das Fatale der Selbstbezüglichkeit besteht darin, dass das Selbst zu Verhalten und Handlungen verleiten kann, die letztlich sogar das Selbst schädigen können. Die Folgen können sein ein verletztes Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl usw. – die Person kennt sich in ihrem Selbst nicht mehr aus und zeigt sich in einer Weise, die soweit reichen kann, dass sie nicht nur nicht das Gute tut, sondern sogar das Schlechte, von dem sie weiß, dass sie es nicht will. Wider besseren Wissens und Gewissens nicht zu dem zu werden, der man werden könnte – auch das ist Teil beobachtbaren menschlichen Lebens.

Die Logotherapie setze ich dafür ein, für Menschen einen Beitrag zu leisten, damit sie sich nicht verfehlen, indem sie sich öffnen für ihre Welt, in der sie frei und verantwortlich ihr ‚Seinkönnen‘ zeigen. Diese Welt ist gesellschaftlich konstituiert, diese Welt hält die Impulse für eine Person bereit, die ihr als Möglichkeiten zur Sinnverwirklichung erscheinen. Von nichts kommt nichts – so auch nicht Sinnimpulse. Gefundener Sinn einer Person verweist auf die Sinngebung durch die Lebenswelt. Diese Sinngebung der Welt ist endlos, so endlos wie die grundsätzliche Fähigkeit der Person, sich auf Sinn zu transzendieren. Dass dieser Fähigkeit zuwellen die menschliche Psyche im Wege steht, wurde in der KrisenPraxis bereits an vielen Stellen thematisiert. Dass es wichtig ist, dass eine Person lernt, sich den Spielen ihrer Psyche zu entziehen, wenn diese versucht, die Oberhand über die Lebensführung zu gewinnen, wurde unter dem Stichwort Selbstdistanzierung ebenfalls mehrfach beleuchtet.

Exkurs aus Integraler Perspektive [ich habe dazu unter den Stichworten Graves, vMeme … bereits einiges geschrieben]: Im wissenschaftlich-empirischen Verständnis eines vMeme orange legt die psychologische Forschung seit Jahren in zunehmenden Maße Studien vor, die die Wirksamkeit logotherapeutischer Interventionen beschreiben. Fraglos können diese Bemühungen rund um die empirische Evidenz weiter gesteigert werden, jedoch bleiben einige, vielleicht sogar die interessantesten Themen aus meiner Sicht unerforschbar. Dazu gehört die Messung des konkreten Momentes der Sinnfindung einer Person. Was wann wie genau geschieht, wenn Sinn wahrgenommen wird und sich eine Person auf diesen Sinn hin transzendiert – es bleibt wohl ein Phänomen, das sich einer strengen empirischen Analyse entzieht.

Nicht so aus einer transpersonalen Perspektive eines vMeme Gelb, in dem eher die systemischen Wirkungen sinnzentrierten Verhaltens und Handelns im Fokus stehen. Oder in dem der Unterschied zwischen selbstgemachtem Sinn versus wahrgenommener Sinnimpulse in Augenschein genommen wird – ein Aspekt, der sich über die Differenzierung von Werten in wesentliche Werte einerseits und wichtige Werte andererseits operationalisieren lässt (auch über diesen Unterschied finden sich in der KrisenPraxis bereits einige Beiträge).

Wenn ich davon schreibe, dass die sinngebenden Impulse für einen Menschen immer Impulse aus der Welt der Person sind, so ist diese Welt nicht als abstraktes Universelles zu verstehen, sondern in meiner Anschauung vielmehr diejenige Lebenswelt der Person, die ihr hic et nunc die Gelegenheit einer potenzia in actu ermöglicht – die höchste Möglichkeit, wenn nicht jetzt, wann dann, wenn nicht von der Person, von dem sonst, das Potenzial der Person für ihre Welt auszuschöpfen, sei es dank gegebener Liebes-, Arbeits- oder Leidensfähigkeit der Person.

Die Lebenswelt der Person mit ihren historischen, sozialen, wissenschaftlichen, politischen, kulturellen, räumlichen, zeitlichen, spirituellen u.a. Kontexten stellen bildlich gesprochen das Meer der Möglichkeiten dar, in dem die Person – so sie sich diesem Meer öffnet – den Sinn-Fisch angelt, den sie dank ihrer Potenziale transformiert – beispielsweise in Richtiges, Gutes oder Schönes.

Diese Transformation findet dabei nicht in einem luftleeren Raum statt. Vielmehr ist sie stets eingebunden in die Gegebenheiten der Lebenswelt, die ihrerseits den von einer Person verwirklichten Sinn integriert. Findet diese Integration nicht statt, dann kann die Person dies empfinden als Desinteresse seiner Welt an seiner Sinnverwirklichung. Platt und im vMeme Orange ausgedrückt: Dann kauft die Welt der Person nicht ab, was aus Sicht der Person für ebendiese Welt sinnvoll wäre (vielleicht greifen Sie das Gedankenspiel auf, und nehmen dazu alternativ die Bewusstheit der anderen vMeme ein) – Ende des Diskurses.

Die Lebenswelt der Person tritt ihr stets als objektiv gegeben entgegen. In ihrer Objektivität liegt die Grundlage der Objektivität dessen, was sie an Sinn für jeden Menschen bereit hält. Ob und was eine Person aus diesem Angebot wahrnimmt und zu ihrem eigenen subjektiven Sinn macht, steht in ihrer Freiheit und Verantwortung – für sich und für alle, die die Folgen der (Nicht-)Verwirklichung objektiven Sinns erleben.

Die Transformation zu subjektivem Sinn ist nicht per se lebensdienlich, schließlich steht zwischen objektivem Sinn und subjektiv sinnvollem Handeln das individuell konstruierende Gehirn mit seinen Funktionen des Empfindens, Fühlens, Denkens und Handelns. Jede dieser Funktionen ist in der Lage, objektiven Sinn derart zu blockieren oder zu dysfunktionalisieren, dass ersichtlich wird, welche negative Energie die menschliche Psyche in die Welt setzen kann, will sie ihrer destruktiven Seite Raum schenken. Dass jedoch das gesunde Geistige des in Allem eingebundenen kollektiven Individuums das potenziell zerstörerische Psychische einzelner Individuen übersteigt, wird durch etwas sehr Alltägliches angezeigt, was die italienische Künstlerin Milva in einem Lied zum Ausdruck brachte: Hurra, wir leben noch.

Kinder und Sinn(krise)

Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.

Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.

Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.

Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden. 

Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.

„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“

Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.

Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.

„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)

Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.

Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens. 

Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.

Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.

Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.

Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.

Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.

Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.

Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.

Eigentlich ist Leben einfach – 10

Zum Abschluss meiner Reflexionen zum Thema ‚Eigentlich ist Leben einfach‚ hier ein Coachingbeispiel:

Florian, 44, ist Vertrauenslehrer und Schulpsychologe an einer bayrischen Gesamtschule. Nach Corona hat er bei sich selbst und im Rahmen vieler Gespräche auch bei einer Reihe von Kollegen und zahlreichen Schülern bemerkt, dass Gefühle der Überforderung, Gehetztheit und innerer Orientierungslosigkeit zugenommen haben. Florian: „Diese Zeit war für mich nicht nur geprägt von einem hohen Anspruch, für unsere Schüler funktionieren zu müssen, sondern ich hatte auch sehr viel Zeit, mir über mein eigenes Leben Gedanken zu machen. Dann kam der Ukrainekrieg dazu und die erste KI-Welle, die bei einer Person in meiner Familie bereits zu einem Stellenverlust geführt hat. Wir leben in einer Umbruchszeit, in der vertraute Systeme immer weniger greifen. Frühere Erfahrungen von Sicherheit und Struktur weichen einem inneren Durcheinander und der Vergleich mit ihnen zu einem negativen Klima. Viele jammern, klammern, beschweren sich, betäuben sich und haben doch eigentlich nur Angst.“

Coach: „Wobei die Formen der Angst individuell sehr unterschiedlich sein können. Wenn Sie vom Wegfall von Sicherheiten sprechen, dann neigen manche Menschen dazu, aus lauter Angst vor der Vergänglichkeit etwas erzwingen zu wollen, das aus ihrer Sicht unumstößlich sein soll. Die damit einhergehende Starrheit wird zu einem Dauerstress, weil die Zeit, in der wir leben, dazu beiträgt, dass diese Menschen das Gefühl haben, selbst dauernd von irgendetwas umgestoßen zu werden. Wenn sich diese Angst Bahn bricht, dann erlebt man zuweilen Menschen, die Beziehungen in Machtkämpfe führen, um so eine Sicherheit zu gewinnen, die sie schnell verlieren, wenn sie auf jemanden treffen, der seine Selbstsicherheit nicht verloren hat oder der seine Angst auf andere Weise zeigt.

Ein solcher Gegenspieler ist zum Beispiel ein Mensch, der vor Ansprüchen anderer Menschen Angst hat, der sich in Einsamkeit oder Isolation begibt, weil er nicht gelernt hat, sich menschlicher Nähe zu öffnen und sich ihr positiv hinzugeben. Für solche Person werden Menschen eher zu Werkzeugen, an denen sie ihre Wut und ihren Frust ablassen können.

Eine dritte Variante zeigen Menschen, die Angst davor haben, allein gelassen zu werden. Sie haben eben beschrieben, dass in Ihrem Umfeld Personen ein klammerndes Verhalten gezeigt haben. Als Vertrauenslehrer werden Sie womöglich gerade von diesen Menschen oft beansprucht worden zu sein als Corona so viele Beziehungen brüchig werden ließ. Sich ungeborgen zu fühlen kann bis zu einer Art Abhängigkeit von anderen führen, manchmal einhergehend mit Idealisierungen dieser Menschen. Gehen diese dann auf die Klammerung nicht ein, sind Verzweiflung und Depression nicht fern.

DIe Menschen, die gerade das Anklammern fürchten, haben eine weitere, vierte Angst. Die Angst vor dem Endgültigen. Alles soll im Fluss bleiben, man lebt sein Leben und andere sollen einen darin auch bestätigen. Dass sich die Welt womöglich gerade anders dreht, wollen diese Menschen nicht wahrhaben, und so würden sie am liebsten weiterziehen und sich ihrer Wunschwelt nähern – aber bei Corona, da war allzu oft Schluss mit lustig.

Egal wie unsicher und ängstlich Menschen sind – tritt ihnen jemand gegenüber auf, der ihnen die Lösung verspricht, dann folgen viele lieber dieser äußeren Führung, als in die Eigenverantwortung zu kommen. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?“

Florian: „Auf jeden Fall, und viele Menschen verlieren diese Eigenverantwortung, weil ihnen früh beigebracht wurde, sich Vorschriften zu unterwerfen. Wenn einem ständig gesagt wird, was man tun soll, verliert man das Gefühl, selbst gestalten zu dürfen. Ich hatte Glück, dass in meiner Kindheit dies nicht der Fall war, trotzdem zähle ich mich eher zu der von Ihnen genannten letzten Angsthasengruppe, weil ich in der Coronazeit dieses Empfinden hatte. Und ich weiß, dass im Gehirn hemmende Muster aufgebaut werden, die Bedürfnisse wie Bewegung, Neugier oder eigenes Gestalten unterdrücken, nur um Erwartungen anderer zu entsprechen. So entstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die zwar funktionieren, sich aber innerlich nicht mehr lebendig fühlen. Als ich damals auf mein Leben schaute, erschrak ich schon, weil mir bewusst wurde, auch zu einem solchen Kreis der Funktionäre zu gehören.“

„Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?“

Florian: „Dass ich zu keinem dauerhaften Objekt der Erwartungen von Dritten werden will. Klar, ich  werde vor Rahmenbedingungen gestellt, Stichwort Kulturministerkonferenz. Ich stehe täglich wie jeder andere Lehrer, wie jeder Mensch, auch vor einer imaginären Liste von Bedingungen, die mir andere Menschen oder Systeme vorgeschrieben haben. Das finde ich auch okay. Was nicht okay war, dass ich darüber vergessen hatte, dass ich mich immer selbst zu diesen Bedingungen einstellen kann. Mir wurde bewusst: Wenn ich mich so fühle, dass mich andere zu ihrem Objekt machen, dann mache ich mich selbst klein. Dann kränke ich mich selbst. Dann rede ich mir eine Minderwertigkeit selbst ein.“

„Ja, und wenn ein Mensch dieses Empfinden wieder loswerden will, dann hat die Psyche dafür drei Möglichkeiten parat. Entweder man erduldet den Zustand, oder man überkompensiert ihn und macht Dinge, wo andere Menschen sich wundern und sich fragen, was das soll oder ob man das wirklich nötig hat. Oder man flieht aus den Bedingungen, meist in andere. All das ist menschlich, und doch irgendwie unbefriedigend. Erdulden ist wie Selbstaufgabe, beim Überkompensieren distanzieren sich viele Menschen und übrig bleiben einem die, die auch diese psychische Strategie eingeschlagen haben – dann fährt man zum Beispiel mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen eben mit anderen, die solche auch haben, Autorennen auf der Bundesstraße. Flucht ist auch eine Variante, und manchmal ist sie schlau, wenn es um echten Selbstschutz geht. Wenn ich aber ’nur‘ glaube, dass ich Besseres verdient habe als mich mit den gegebenen Bedingungen wirklich einmal auseinanderzusetzen, dann lehrt die Erfahrung, dass Menschen dann nur eine Art Aktiv-Passiv-Tausch machen und sich in neuen, nur anderen Bedingungen wiederfinden.

Florian: „Ja, und solche Überlegungen haben mich ja auch zu Viktor Frankl geführt. Wenn ich mich gegen meine innere Stimme wende, verliere ich den Zugang zu mir selbst, das war mir schnell klar. Und wenn ich an die Situationen zurückdenke, in denen ich dieses Gefühl hatte, dann merke ich jetzt noch, wie unglücklich ich war. Und dass ich dann auch für andere nicht das übrig hatte, was für sie wichtig gewesen wäre. Das tut mir bis heute leid. Was mir seither aber immer wieder durch den Kopf geht ist die Frage, ob die innere Stimme nicht ihrerseits wieder eine Erwartung anderer ist. Eine Stimme aus einem erlernten Hintergrund, quasi. Mein Anliegen ist also, woher weiß ich, dass diese Stimme die eigene innere ist?“

Coach: „Das ist eine wichtige Frage. Gehen wir dazu zuerst davon aus, dass Sie mit einem authentischen Selbst in die Welt kamen, niemals – sagen wir es technisch – mit einer leeren Festplatte geboren wurden. Dieses Selbst wird in den ersten zwei, drei Jahren – sagen wir es wieder technisch – neu formatiert. Meist sind es die Eltern, die ihre Kinder ‚zu sich ziehen‘ und ihnen vermitteln, wie sie zu ihnen stehen, was ihnen für ihre Kinder wichtig ist, wie wichtig die Kinder für sie sind und so weiter. Auf ihr früheres Selbst legt sich nun eine Konstruktion, nennen wir es ‚Ich‘. Im Ich finden sich nun die Muster, Rollen und Erwartungen, die die Bezugspersonen ihren Kindern einschreiben, bewusst und unbewusst. Diese Einschreibungen sind für ein Kind identitätsstiftend, schließlich kommen sie ja nicht von irgendwem, sondern von den wichtigsten Personen um das Kind herum. Zwischen Selbst und Ich entsteht nun ein mehr oder minder starker Konflikt. Und dieser Konflikt wandert weiter und wird verschärft oder entschärft, je nach dem, welche weiteren Bezugspersonen das Kind für sich erkennt, also Lehrer zum Beispiel oder Sportidole, Kirchenleute, Influencer, Freunde usw.. Von allen geht latent eine Menge an Erwartungen aus – ‚wenn Du, dann …‘, ‚damit Du, musst Du…‘ oder auch eine Menge an Erlaubnissen aus – “Du bist gut wie Du bist …‘, ‚Mach ruhig Dein Ding …‘ Werden die Erwartungen erfüllt, dann lockt eine Belohnung. Wenn nicht, dann droht Sanktion. Werden die Erlaubnisse nicht eingelöst, entsteht auch ein Dilemma, wenn der junge Mensch irgendwann zur Erkenntnis kommt, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen, um zu schaffen, was er wollte. In einem solchen Moment ist sicher jemand nicht weit, der dann wieder Erwartungen formuliert … –  so bleibt es ein einfaches Spiel für die Bezugspersonen, ein schwieriges für ein Kind oder einen Jugendlichen, denn er steht immer wieder vor der Aufgabe: Anpassung oder eigene Stellungnahme.

Wenn ich Sie als Lehrer anspreche, dann als eine Person, die einen Beitrag dafür leisten kann, Kindern und Jugendlichen den Raum zur eigenen Stellungnahme zu vergrößern. Damit besteht die Chance, dass die jungen Menschen aus ihren Verwicklungen herauskommen und erfahren, dass es auf ihr eigenes Denken ankommt. Ein Denken, dass der eigenen inneren Stimme folgt, um über sie zu einer eigenen Stellungnahme zu kommen. Ein Lehrer wird damit für mich zu einem Denkhelfer, der junge Menschen darin unterstützt, sich damit auseinanderzusetzen, wer man eigentlich, also ursprünglich ist.

Nun zu Ihrer Frage, wie unterscheide ich Introjekte von eigenen Stimmen? In meiner Anschauung können diese Aspekte dabei helfen:

Wenn Sie ein Introjekt in sich hören, dann sagt es Ihnen zumeist, wie Sie sein sollten und nicht, wie Sie sind. Dann findet sich oft auch eine Strenge oder ein moralischer Ton wie ‚du musst…“, „du solltest…“, „Das macht man nicht…“. Die Stimme spricht dabei eher so unpersönlich oder verallgemeinernd, dass der Eindruck entsteht, sie käme eher von draußen und in einer Weise, dass dieses Draußen eine Angst mitschwingen lässt. Womöglich meint es die Stimme sogar gut mit Ihnen, aber sie verknüpft es mit einer Art Forderung: Wenn du mich nicht erhörst, dann kannst du nicht den Erwartungen genügen, also bist oder wirst du dumm, unbeliebt, unbrauchbar usw. Eine solche Stimme immer wieder innerlich zu hören, kann einen fertig machen – warum, weil es das Authentische, das Geistige der Person ja immer noch gibt. Der Versuch der Introjekte, sich Gehör zu verschaffen, läuft lebenslang, das ist auch ihr Job, denn schließlich stehen dahinter ja Menschen, die es womöglich nur gut meinten.

Ihre eigene innere Stimme ist dagegen meist kontextsensibel und flexibel. Sie ist keine Stimme, die Sie ein für allemal besitzen, sondern eine, die sich mit Ihnen in einem Prozess der Entwicklung befindet. Sie meldet sich situativ, sie ist pragmatisch, neugierig, selbstbewusst, sie ist zu Ihnen auch freundlich. Wenn Sie mit ihr „ins Gespräch gehen“, dann wird sie Ihnen nicht drohen, sondern sich eher plastisch einbringen und ihre Botschaft auch verändern, wenn sie die guten Gründe erfährt, die Ihnen am Herzen liegen. Ein guter Sensor ist dabei Ihr Körper, denn diese Stimme fühlt sich im Körper eher ruhig, weit und entlastend an. Wenn die innere Stimme wieder gelernt hat, dass sie gehört wird und sie sich mitteilen darf, dann wird sie keine Erwartungen formulieren, sondern Ihnen Hinweise geben, welche Ihrer eigenen Werte es sind, die Sie in dem, worum es Ihnen in der aktuellen Situation geht, verwirklichen können. In diesem Moment geben Sie sich selbst das Maß vor, Sie werden sich selbst maßgeblich.

Jetzt habe ich eine Frage an Sie in Ihrer Rolle als Lehrer. Wie kann Ihre innere Stimme wieder lernen, dass sie von Ihnen gehört wird? Wenn Sie also der Lehrer Ihrer eigenen inneren Stimme sein wollen, wie werden Sie dann vorgehen?

Florian: „Da würde ich das so machen wie bei einem Waldspaziergang mit einem Freund. Da ist Geduld für mich wichtig, keine unnötige Ablenkung, schon aber eine Richtung, weniger ein Ziel. Nach dem, was wir besprochen haben, ist die innere Stimme nicht zu messen. Wenn sie sich meldet als Introjekt, dann spricht sie immer nur mich an und in einer Weise, von der ich weiß, dass sie mir nicht entspricht. Bei einem Spaziergang geht es mir im Gespräch aber um meinen Freund. Ich würde meiner inneren Stimme also sagen, dass es nicht um mich geht, wenn sie sich einbringen will.“


Florians Resümee zeigt, dass er seine innere Stimme in die beiden unteren AQAL-Quadranten im Wilber-Modell lenkt. Und dies mit Werten wie Geduld, Konzentration, Zuneigung.


Coach: „Wenn Sie dieses Bild nun auf das Gespräch zwischen Ihnen und Ihrer inneren Stimme übertragen, wie wollen Sie dann vorgehen, wenn die Stimme etwas sagt, bei der es um ihre Erwartungen an Sie geht?“

Florian: „Spontan würde ich da sagen: Danke für die Information, aber um mich geht es hier und jetzt nicht. Wenn ich das höre, gehts mir gleich besser, erstaunlich.“


In meiner, aus der Praxis entstandenen phänomenologischen Sinnfindungsforschung zeigt sich, dass geistig-spirituelle Praktiken, die Zugänge zur Transzendenz eröffnen, häufig mit höherem Wohlbefinden und geringeren Stresswerten einhergehen. Das Beispiel aus der Arbeit mit Florian reiht sich hier aus meiner Sicht gut ein. Frankls Logotherapie liefert hierfür die anthropologische Basis: Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich über das eigene Ego hinaus in Liebe oder Hingabe auf Aufgaben und andere Menschen zu beziehen, ist nicht nur ein existenzielles Postulat, sondern eine empirisch nachweisbare Ressource für eine psychische Gesundheit.

Wilbers Modell bietet zudem die theoretische Möglichkeit, diese transzendente Dimension in ein systematisches Entwicklungsmodell einzubetten. Dabei wird deutlich, dass psychisches Wohlbefinden kein eindimensionaler Zustand ist, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren zusammengesetzt wird, die sowohl intrapsychisch als auch interpersonell, kulturell und systemisch verankert sind. Genau an diesem Punkt setzt die Idee einer Integralen Logotherapie an: Sie verbindet Frankls anthropologische Grundthese vom Willen zum Sinn mit Wilbers integraler Landkarte, um die unterschiedlichen Zugänge der Selbstfindung (obere Quadranten) und Sinnfindung (untere Quadranten) nicht nur zu erkennen, sondern praktisch nutzbar zu machen.

Beide Theorien mit einem Brückenschlag zu verbinden, soll dem Prinzip des Ockhamschen Messers folgen. „Seiendes soll nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“, so der englische Philosoph Wilhelm von Ockham. Sofern die hier skizzierte Idee einer Integralen Logotherapie an anderer Stelle weitergeführt werden sollte, dann wäre darauf zu achten, keine Überfrachtung des vernetzten Theoriegebäudes zuzulassen, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken, das Frankls Gedankengut nützlich erweitert. Wilbers AQAL-Modell kann meines Erachtens diesen Nutzen stiften, es war meine Absicht, einige Ideen dazu in den vergangenen Beiträgen einzubringen.

Eine Therapie oder ein Coaching, das logotherapeutische und integrale Perspektiven verbindet, fördert das psychische Wohlergehen, indem sie nicht nur bei individueller Zielerreichung unterstützen, sondern zuvorderst ihren zentralen Ausgangspunkt im Kontext der Sinnorientierung der Person setzt. Für diese Perspektive ist die Sinnlehre Frankls das Fundament, und Wilbers integrale Ausrichtung bietet eine spannende Möglichkeit für jeden Menschen, kontextuell sich seiner leitenden Werte im Spiegel seiner biografischen Entwicklung, seines Typus und seiner Bedürfnisse für ein gelingendes Leben bewusst zu werden.

Eigentlich ist Leben einfach – 9

Wenn wir nun aus integral-logotherapeutischer Sicht auf eine Person schauen, die in einem spezifischen Kontext mit einem verhaltens- und handlungsleitenden vMeme versucht, eben mit diesem Kontext umzugehen, dann will ich dazu diese Thesen formulieren:

  1. In allen Situationen findet die Person ausschließlich Sinnimpulse aus den beiden unteren Quadranten des AQAL-Modells:

2. Verhaltens- und Handlungsweisen, die die beiden oberen Quadranten adressieren, dienen der zweckdienlichen Verbesserung des eigenen, individuellen Zustandes (hier macht sich der Mensch Sinn). Kann eine Person ein persönliches Leid mindern, indem sie innere oder äußere Ressourcen nutzt, um ihren Zustand zu verbessern, so soll sie dies natürlich tun (ein klassisches Beispiel: Wenn in einem Flugzeug die Sauerstoffmasken von der Decke fallen, dann ist die Person angehalten, zuerst die eigene anzulegen, um sich anschließend um Mitreisende zu kümmern, die dies für sich nicht tun können). Jedoch ist darauf zu achten, dass gemachter Sinn nicht gleichzusetzen ist, mit dem auf Transzendenz beruhenden Sinn, den ein Mensch in seiner Lebenswelt findet.

Beige – vMeme Überleben

  • Wilber: Das vMeme Beige ist instinktgetrieben und dient im Krisenkontext dem Überleben.
  • Frankl: Logotherapeutische Interventionen verweisen auf die geistige Freiheit und Verantwortung der Person, trotz einer womöglich extremen Belastung durch zum Beispiel Krankheit oder eine andere existenzielle Notlage, Stellung zu beziehen. „Für wen oder was gilt es auch in dieser Situation, sich in Liebe oder Hingabe auszurichten?“
  • Im vMeme Beige bringt die Logotherapie weniger als Therapie im klassischen Sinn, sondern eher als Grundhaltung im Menschenbild zum Ausdruck, dass selbst im Überlebensmodus das  Geistige der Person in der Lage ist, sich über die belasteten psychophysischen Zustände zu erheben.

Exkurs: Was soll hier unter ‚Liebe‘ verstanden werden?
• Die Person nutzt das ursprüngliche (ihr eigentliches!) Potenzial ihrer Liebesfähigkeit.
• Trotz ihrer Belastungssituation, die in ihr psychisch Trauer, Angst oder Wut bereitet, distanziert die Person sich von diesen Emotionen und zeigt ein Verhalten, das auf das Wohlergehen einer anderen Person gerichtet ist.
• Die Wirkung dieser Selbsttranszendenz ist zumeist ‚trotz allem‘ auch ein gutes eigenes Körpergefühl, da sie (Frankl: Trotzdem Ja zum Leben sagen) mit ihrem Verhalten Ja zum eigenen Dasein sagt.

Purpur – vMeme Gemeinschaft, Rituale …

  • Mit integral-logotherapeutischen Interventionen wird die Person gefragt, ob und welchen Sinnimpuls sie aus einem der beiden unteren AQAL-Quadranten empfängt und welche Werte es sind, die sie im Kontext von Zugehörigkeit, Verbundenheit oder Ritualen verwirklichen kann.

Rot – vMeme Macht, Durchsetzung …
Blau – vMeme Ordnung, Pflicht …
Orange – vMeme Leistung, Rationalität …
Grün – vMeme Gemeinwohl, Pluralität …

  • Analog wird auch hier mit integral-logotherapeutischen Interventionen die Person gefragt, ob und welchen Sinnimpuls sie aus einem der beiden unteren AQAL-Quadranten empfängt und welche Werte es sind, die sie im Kontext des entsprechenden vMeme verwirklichen kann.

Gelb – vMeme Synergie, Integration, systemische Verantwortung …
Türkis – vMeme Ganzheit,Spiritualität, kosmische Verantwortung …

  • Da ab vMeme Gelb die Person die Werte aller auf sie selbst bezogenen Werte (Beige-Grün) integriert hat und eine systemisch-holistische Perspektive einnehmen kann, ist ihr der Sinnbezug im Kontext der beiden unteren AQAL-Quadranten bereits bewusst. Integral-logotherapeutische Interventionen dienen hier daher eher dazu, die Person zu ermutigen, ihre Situation nicht nur im Rahmen einer intellektuell-komplexen Analyse zu beleuchten, sondern ihre Werte des vMeme Gelb oder Türkis mit ihrer Situation in Beziehung zu setzen und zu verwirklichen.

Eigentlich ist Leben einfach – 8

Die existenzielle Person ist wesenhaft Einheit und Ganzheit, sagt Frankl, und das heißt, „daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“

In seinem Werk Integral Psychology verortet Wilber die existenzielle Therapie – zu der die Logotherapie gezählt werden kann – im Übergang von personalen zu transpersonalen Entwicklungsstufen, im Graves-Kontext also im Übergang vom grünen zum gelben Meme.

Warum dort? Frankl versteht seine Logotherapie nicht als „bessere“ Therapie, sondern die Erkenntnisse anderer Schulen zuerst integrierend, die Erkenntnisse dieser Schulen dann differenzierend und letztlich transzendierend hin zu seinem Verständnis eines auf Sinn ausgerichteten Menschenbildes. Diese Schrittfolge von integrieren – differenzieren – transzendieren spiegelt wider, was wir bei Wilber im Kontext der Bewusstseinsentwicklung nachlesen können.

Das grüne Meme legt den Schwerpunkt auf Empathie, Gemeinwohl und Gleichwertigkeit (zur Erinnerung: Grün hat alle Meme ab Beige in sich integriert. Es trat nach der Transzendenz des vMeme Orange hervor, bei dem die dysfunktionalen Aspekte des auf Leistung, Erfolg und Selbstoptimierung ausgerichtete Wertesystems erkannt wurden und es sinnvoll wurde, diese Dysfunktionalität durch eine Entwicklung hin zum vMeme Grün zu mindern). Ab Gelb wird der Sprung in eine integrale Bewusstheit vollzogen, bei der Werte kontextsensibel dem Verhalten zugrunde liegen, es also nicht mehr um Abwertung oder Aufwertung einzelner Wertmaßstäbe geht, sondern alle Werte in einem vernetzten, systemischen und immer mehr holistischem Rahmen gesamt- und ganzheitlich die Grundlage für Verhaltens- und Handlungsweisen bilden.

Ab vMeme Gelb spielt logischerweise ein Begriff keine Bedeutung mehr: Reduktionismus. An seine Stelle tritt der Holismus und mit ihm die Position, dass ein System als Ganzes und nicht nur als die bloße Zusammensetzung seiner Einzelteile betrachtet werden muss. Das Hauptargument des Holismus ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, da die Interaktionen und Beziehungen zwischen den Teilen neue Eigenschaften hervorbringen, die in den isolierten Teilen selbst nicht vorhanden sind. Frankls Existenzanalyse betrachtet gerade diese Emergenzen, wenn sie auf die rein humane Fähigkeit zur Selbsttranszendenz abhebt, mit der jeder Mensch zu jeder Zeit in seiner individuellen Freiheit und Verantwortung und unabhängig seines psychophysischen Zustandes Stellung beziehen kann auf jemanden oder etwas, was er nicht selbst ist.

Aus diesen Überlegungen heraus ergeben sich für mich diese Thesen und eine Vision:

    • Die/derjenige, die/der logotherapeutisch mit Menschen arbeitet, muss im Kontext seiner beruflichen Tätigkeit das vMeme Gelb entwickelt haben.
    • Wer das vMeme Gelb entwickelt hat und sich in einer existenziellen Belastungssituation befindet, wird durch Interventionen psychotherapeutischer Schulen, die ihren Fokus auf die Bewusstheitsebenen bis vMeme Grün legen, kaum mehr erreicht werden können.
    • Wer in vielen seiner Lebensbereiche auf dem vMeme Gelb heraus wahrnimmt und sich verhält, wird öfter das Gefühl einer Art existenziellen Langeweile empfinden, da die Anzahl der Menschen, die das vMeme Gelb entwickelt haben, vielerorts noch begrenzt ist.
    • Wer das vMeme Gelb entwickelt hat, wird das Menschenbild Frankls, das bei seiner  Transformation auf den Kontext der Stärkung seelischer Gesundheit eines Menschen sowohl auf Sinnfindung, als auch auf Humor als auch auf Mitgefühl setzt, als eine Form von Weisheit ansehen.
    • Eine Vision: Wer das vMeme Gelb entwickelt hat, wird die Logotherapie und Existenzanalyse in Ergänzung mit dem Blick von Ken Wilbers Integraler Theorie als mehr als eine ohnehin schon ganzheitlichere Therapieform ansehen.  Aus dieser Bewusstheit heraus wird sie – die Integrale Logotherapie – als eine multifunktionale psychologische Unterstützung gesehen werden, sowohl als integraler Entwicklungshelfer für den einzelnen Menschen insbesondere im Kontext von Krise und Krisenprävention als auch als ein spannender Ausgangspunkt für eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die differenzierend würdigt, was die Menschheit bislang bereits zum Erhalt des Lebens geschaffen und vollzogen hat, um diesen Status Quo als Sprungbrett für eine weitere Transzendierung hin zu einer holistischen Weltgemeinschaft zu nutzen. Einer Weltgemeinschaft, in der das Geistige des Menschen im Kosmos den zentralen Beitrag dafür leistet, all das Unsinnige zu tilgen, das zu beobachten ist, wenn wir auf die Akteure schauen, die die dysfunktionalen Aspekte ihrer vMeme von Beige bis Grün dafür einsetzen, in ihren Handlungen mehrheitlich sich selbst als die Welt in den Blick zu nehmen.

Eigentlich ist Leben einfach – 7

Gegen das Abwertungsspiel der Psyche hilft letztlich nur die Aufwertung durch das Geistige. Der Mensch findet Sinn nur, indem er sich selbst transzendiert – sich auf etwas richtet, das größer ist als er selbst. So endete mein letzter Beitrag. Schauen wir dazu für ein Beispiel ins Leben desjenigen, dessen Menschenbild in der KrisenPraxis im Vordergrund steht: Viktor Frankl.

Gehen wir dazu hundert Jahre zurück und sehen einen jungen Mann, der sich für Psychotherapie begeistert, bereits einige Male mit Sigmund Freud korrespondierte und sich nun entschließt, zu lernen, was eines Psychoanalytikers Handwerkszeug ist. Dass sich daraus einer der zentralen Sinnimpulse für das Leben Viktor Frankls ergeben würde, konnte er nicht ahnen.

Frankl hatte sich also für eine Lehranalyse interessiert, worauf ihn Freud an einen seiner ersten Schüler, den Psychoanalytiker Paul Federn verwies. Zum vereinbarten Termin erschien Frankl, er wurde ins Arbeitszimmer geführt und sah Federn konzentriert an seinem Schreibtisch sitzen und schreiben. Ohne ihm nur einen Blick zu schenken, setzte Federn seine Tätigkeit schweigend fort. Nach gefühlt endloser Zeit deutete er wortlos auf einen Stuhl und stellte Frankl dabei eine diesen völlig überraschende Frage: „Nun, Herr Frankl, was ist Ihre Neurose?“

Frankl fühlte sich von dieser ‚Begrüßung‘ derart überrollt, dass er nur ein paar Sätze über seinen Analcharakter (ein Freudscher Begriff über eine bestimmte Persönlichkeitsakzentuierung) stammelte und dem dann einige Anmerkungen zur Psychopathologie folgen ließ. Nach seinen Ausführungen empfahl Federn ihm, zunächst sein Medizinstudium zu beenden und zu einem späteren Zeitpunkt wiederzukommen.

(Sinnimpuls): Für Frankl war dieses Treffen mit großem Unbehagen vorbeigegangen. Einfach stehengelassen zu werden, wortlose Gesten, die Direktheit der Frage nach einer Neurose, kein persönliches Wort, kein Interesse an seiner Person – dafür die Klarheit, dass sein Verhalten nichts anderes sein könne als Ausdruck einer Neurose und diese daher im Mittelpunkt stehen müsse: das war die Begegnung Frankls mit dem, was er danach immer wieder kritisierte: Der Reduktionismus in der Psychotherapie.

In meinen Worten: Hier traf ein junger Mann auf einen gut dreißig Jahre älteren, von Freud autorisierten Fachmann der Psychoanalyse. Federn wird 1871 in Wien in eine wohlhabende jüdisch-bürgerliche Familie geboren, sein Vater Salomon Federn ist praktischer Arzt. Paul Federn lässt sich nach seinem Medizinstudium zum Internisten ausbilden und eröffnet 1902 eine eigene Praxis in Wien.1903 lernt er Freud kennen und wird eine Zeit später Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Mit der Psychoanalyse und der hinter ihr liegenden Triebtheorie gehen einige methodische Merkmale einher, wie beispielsweise eine Vereinfachung komplexer Phänomene, bei der im Sinne eines ‚der Mensch ist nichts anderes als …‘ alles auf wenige, meist biologische, psychologische oder physikalische Faktoren zurückgeführt wird. Subjektive, existenzielle oder soziale Aspekte werden ausgeblendet oder ignoriert, komplexe Ursachenketten werden auf einen dominanten Faktor reduziert. Die Folge dieser Methodik ist eine Pathologisierungstendenz, durch das Verhalten primär durch Störungen oder Defizite interpretiert wird.

Nun ließe sich fragen, wie die Persönlichkeitsarchitektur einer Person aussehen könnte, die Gefallen daran findet, eine reduktionistische Methode in der Arbeit mit Menschen anzuwenden. Lösen wir uns dabei von der Person Paul Federn und stellen verallgemeinernd Hypothesen auf, dann könnten wir annehmen, dass eine Person, die ihr Denken und Handeln deutlich am Reduktionismus ausrichtet, dies entlang dieser Werte und Prioritäten tut:

  • Sie legt hohen Wert auf logische Nachvollziehbarkeit, Eindeutigkeit und Struktur. Ambivalenz oder mehrdeutige Phänomene empfindet sie eher als störend.
  • Was verstanden, gemessen oder in Einzelteile zerlegt werden kann, wirkt kontrollierbarer. Daher könnte diese Person Kontrolle über ihr Umfeld und sich selbst besonders schätzen.
  • Sie neigt dazu, empirisch Messbares gegenüber subjektiven Erfahrungen zu bevorzugen.
  • Entscheidungen bewertet die Person entlang praktischen Nutzens vorhersehbarer Wirkungen oder maximaler Effizienz – nicht primär nach persönlicher Bedeutung.
  • Ganzheitliche oder existenzielle Perspektiven erscheinen ihr oft zu vage oder nicht verlässlich genug.
  • Beziehungen oder persönliche Begegnungen könnten bei einer solchen Person weniger als Wert an sich gesehen werden, sondern eher als Kontexte, die bestimmten funktionalen Regeln folgen.
  • Das Gefühl moralischer Verantwortung oder ein Gewissensbezug könnten weniger zentral sein, weil die Person menschliches Verhalten eher als determiniert betrachtet.

Verhaltens- und handlungsleitende Werte dieser Person könnten sein:
Vernunft, Kontrolle, Effizienz, Strenge, Rationalität, Genauigkeit …

Angenommen, Viktor Frankl steht nun einer solchen Werte-Person gegenüber und erkennt für sich, dass, wenn Psychotherapie aus methodischen Gründen die Ebene der zwischenmenschlichen Begegnung verlassen müsse und die Pathologie wichtiger werde als die Person und wenn angenommen werde, dass diese Pathologie den Menschen vollständig bestimme, es ihm dann unmöglich würde, eine solche Richtung der Psychotherapie einschlagen zu können. Wie er selbst schreibt, ließ ihm der Moment der persönlichen Konfrontation mit Reduktionismus und Pathologismus es „wie Schuppen von den Augen“, dass die Psychoanalyse nicht sein Weg sein würde.

Ziehen wir dazu nun das vMeme-Modell von Graves heran, so mutet das Vorgehen von Paul Federn – im Kontext der Operationalisierung des von ihm so gelernten und verantworteten Theoriegebäudes – so an, dass hier ein Handeln aus dem vMeme Rot/Blau vollzogen wurde.

Weiter gedacht kann der massive Konflikt, den Frankl in diesem Vorgehen für sich selbst fühlte und zu einer existenziellen Entscheidung führte, so gedeutet werden, dass er sein Handeln als Arzt und Psychotherapeut auf der Grundlage anderer vMeme-Ebene als sinnvoller ansah. Welche Ebenen dies waren? Zu meiner Einschätzung ziehe ich das formulierte Menschenbild der Sinntheorie Frankls heran und seine Conclusio, dass der Mensch als geistiges, freies und verantwortliches Wesen Sinn findet in der Transzendenz (dieser Kontext wurde hier in der KrisenPraxis in zahlreichen Beiträgen thematisiert und aufgefächert). Zusammengeführt formuliert Frankl hieraus sein Credo: „Die geistige Person befindet sich wesentlich jenseits aller psychophysischen Morbidität und Mortalität; wäre dem nicht so, so möchte ich nicht Psychiater sein: es wäre sinnlos. Und die geistige Person ist wesentlich dasjenige, was sich aller psychophysischen Morbidität entgegenzustemmen vermag, und wäre dem nicht so, so könnte ich nicht Psychiater sein: es wäre nutzlos.“ (aus Viktor E. Frankl, Der leidende Mensch)

Mir erscheint hier eine Stellungnahme aus dem Spektrum der vMeme orange/grün/gelb vorzuliegen, eine Bewusstheit, die den Gedanken erst ermöglicht, dass der Mensch sich selbst findet, indem er sich selbst überschreitet, sich zum Wohl einer Aufgabe, der er sich hingibt oder eines Menschen, den er liebt, sich selbst zu vergessen in der Lage ist.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und schlagen wir eine Brücke von Frankls Menschenbild und Sinntheorie zur Integralen Theorie von Ken Wilber. Für Frankl wird die geistige Dimension der Person, die den Willen zum Sinn freisetzt, nicht gezeugt oder erzeugt – sie ist vielmehr unbedingt:„Wohl ist geistiges Sein individuiertes Sein, die Existenz eine personale; doch ist die existenzielle Person wesenhaft Einheit und Ganzheit, und das heißt, daß sie wesentlich weder teilbar ist noch summierbar. Auch dort, wo wir Leibliches – Seelisches – Geistiges unterscheiden, tun wir das niemals so, als ob der Mensch aus ihnen wie aus Teilen ‚zusammengesetzt‘ wäre; denn der Mensch ist kein additives, sondern ein integrales Wesen.“ (Frankl, 1949: Der unbedingte Mensch, S. 66)

Ken Wilber hat ein bemerkenswertes Werk geschaffen. Während andere Denker sich über Jahrzehnte hinweg auf ein einziges Gebiet konzentrieren, hat er das gesamte Spektrum menschlichen Wissens zu erfassen versucht. Er hat eine Philosophie des Bewusstseins entworfen, die Biologie, Psychologie, Religion, Mystik, Philosophie und Sozialwissenschaften integriert. Ein kühnes Unterfangen, das ihn womöglich im Kontext der Psychotherapie auszeichnen könnte, das Werk von Frankl auf eine neue, integrale Ebene zu heben.

In seinem Werk „Integrale Psychologie“ legt Wilber ein Modell vor, das die Erkenntnisse aller psychologischen Schulen – von Ost bis West, von den frühen Traditionen bis zur modernen Forschung – in einer umfassenden Synthese zusammenführt. Dieses Werk bietet nicht nur eine in ihrer Klarheit und Prägnanz einzigartige Bestandsaufnahme der bisherigen Seelenkunde, sondern öffnet zugleich den Blick über den Status quo hinaus. Es skizziert die Umrisse einer Psychologie, die nicht allein auf Heilung und Korrektur zielt, sondern den Menschen befähigt, seine psychische
Gesundheit aktiv zu fördern und verborgene seelische Potenziale zu entfalten.

In dem von ihm als AQAL (All Quadrants/All Levels) vorgestellten Modell beschreibt Wilber die Komplexität menschlicher Entwicklung entlang von vier grundlegenden Perspektiven (siehe Abbildung):

  • Der obere linke Quadrant repräsentiert das subjektive Erleben, die Werte, Einstellungen und Haltungen einer Person – quasi das Innenleben einer Person.
  • Der obere rechte Quadrant repräsentiert messbare, beobachtbare Phänomene wie den physischen Körper des Klienten, sein Verhalten und biologische Prozesse. Betrachtet zum Beispiel ein Coachingklient diese Außenwirkungen quasi durch ein Mikroskop, fragen wir: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verbessert zu werden? Als Antworten des Klienten sind hier beispielsweise zu erwarten: der Wunsch nach einem verbesserten Fitnesszustand, einer Kräftigung innerer Balance oder einem Aufbau neuer Fähigkeiten und Kompetenzen.
  • Der untere linke Quadrant adressiert die mit anderen geteilte Kultur, gemeinsame Werte, Beziehungen und intersubjektive Unterschiede. Betrachtet der Klient diese Außenwirkungen quasi durch ein Beziehungsnetz, fragen wir auch hier: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verwirklicht zu werden? Und wenn ja, wofür und für wen wäre es gut?
  • Schließlich finden sich im Quadranten unten rechts die objektiven, systemischen und strukturellen Aspekte von Gruppen, Organisationen und Gesellschaften – dabei insbesondere die, denen sich der Klient zugehörig fühlt oder fühlen möchte. Betrachtet der Klient diese Außenwirkungen quasi wie ineinandergreifende Zahnräder, wird er erneut gefragt: Gibt es etwas, das Sie in diesem Quadranten dazu aufruft, von Ihnen verwirklicht zu werden? Und wenn ja, wofür und für wen wäre es gut?

Für unseren Kontext hier ist das Modell besonders interessant, weil es zeigt, aus welchen Quadranten Sinnimpulse auf eine Person zukommen können. Frankl betont in seiner Theorie, dass der Mensch Sinn immer nur in konkreten Situationen an konkreten Gegenständen verwirklicht, sei es zum Beispiel in der Hingabe für eine Aufgabe oder in der Liebe für einen anderen Menschen – wobei sich der Mensch bei dieser Sinnverwirklichung selbst vergisst. Aus der Selbstvergessenheit als Basis der Selbsttranszendenz, lässt sich Sinn folglich im AQAL-Modell nur in den beiden Quadranten „Kultur/Kommunikation“ und „Struktur/Prozesse“ finden. Das Erlebnis, das Frankl im Kontext seines Kontaktes zu Paul Federn schilderte und zu seiner Ablehnung allen Reduktionismus in der Psychotherapie führte, lässt sich gut mit dem Quadranten der Strukturen und Prozesse – unten rechts – in Verbindung bringen. Frankl nahm wohl von hier ausgehend seinen Sinnimpuls entgegen als eine Frage, die sein Leben ihm stellte und die von ihm seine persönliche Stellungnahme abforderte – und letztlich über sein Ziel, eine non-reduktionistische Therapieform zu entwickeln bis hin zu jeder einzelnen auf dieses Ziel hin abgestimmten Maßnahme zu dem führte, was viele Menschen zu schätzen wissen, die eine originäre Logotherapie oder ein auf dem Gedankengut Frankls ruhenden Coaching in Anspruch nehmen.

 

2024 – neu: 17. Erste Idee für eine Integral-sinnzentrierte Existenzlehre – nicht nur für Führungskräfte

Die Baby-Boomer gehen in Rente. Und damit auch die Führungs-Boomer. Wer – wie ich – in den 60er Jahren geboren wurde, der hat je nach Qualifikation, beruflicher Ausrichtung und Talenterkennung gegen Mitte der 1980er erste Führungsaufgaben übernommen. Wer dann in der Führungsrolle blieb, der durfte sich mit allerlei Führungskonzepten und Erwartungen an die Aufgabenerfüllung auseinandersetzen. Die heutige Generation dürfte sich für diese damaligen Entwicklungen kaum mehr interessieren, aus systemischer Perspektive jedoch darf man sagen, dass ohne diese Schritte von einst das heutige Rollenbild von Führungskräften kaum gezeichnet werden könnte. Die Entwicklung der Märkte, der Technologien und die verschiedenen Krisen in der Welt und in den Branchen haben immer neue Führungsverständnisse geprägt und sukzessive zu einer atomistischen Collage von Rollenmustern geführt, von denen die letzten Hypes wohl die ‚Führungskraft als Coach‘ [als wäre die Rolle der Führungskraft nicht bereits für sich genommen anspruchsvoll] und die Agile Führungskraft waren/sind. Was aber bis heute stets gleich blieb, ist die Frage, welche Art der Führung hier und heute passend ist, um die Existenz der Unternehmung zu sichern. Mühelos lässt sich diese Frage auch ummünzen in: Welche Art der Führung ist hier und heute passend, um die Existenz der Gesellschaft, der katholischen Kirche, unseres Schützenvereins, unserer Partnerschaft, unserer Familie, des eigenen Lebens zu sichern? Existenzsicherung hat also eine unmittelbare Zukunftsorientierung und die braucht Führung.

Führung beantwortet eine Frage: Wohin?
Wird diese Frage so beantwortet, dass sich Menschen in einer Unternehmung selbst motivieren können, die ‚vorgeführte‘ Richtung mit einzuschlagen, dann hat Führung ihren Zweck erfüllt.

Wer ein Wohin hat, der erträgt fast jedes Was.
Was ist hier und heute zu tun, um das Ziel zu erreichen? Was muss bereitgestellt werden, um Hindernisse zum Ziel aus dem Weg zu schaffen? Was muss ich bereit sein selbst einzubringen, damit die Richtung trotz vielleicht erforderlicher Umwege stimmt? Was kann passieren, um das Ziel zu verfehlen? …

Der Pferdefuß des Wohin zeigt sich dann, wenn ihm etwas Wesentliches nicht vorausgeht – ein Wofür? Wird die Frage nach dem Wofür so beantwortet, dass sich Menschen in einer Unternehmung inspirieren [be-geist-ern] können, einem Impuls zu folgen, der weit mehr ist als bloße Zielgerichtetheit, dann fühlen sie, dass sie ‚über-ihrer-selbst-willen‘ hinaus ihren persönlichen Beitrag einbringen können.

Wofür stehen wir ein und wofür wollen wir uns einsetzen? Wofür ist es gut, dies und nicht jenes zu tun? Wofür braucht die Welt uns? Wofür sollte sich eines Tages jemand an uns erinnern? …

Fehlt dieses Wofür, fehlt Entscheidendes: es fehlt Sinn. Und was machen Menschen, wenn er ihnen fehlt? Sie versuchen, ihn sich selbst zu machen – mit Zielen, mit einem ‚Wohin‘. Und genau das führt in die Irre, denn aus wahrgenommenem Sinn ergeben sich letztlich sinnvolle Ziele. Aber ein Ziel ist längst nicht hinreichend für ein Gefühl, etwas Sinnerfüllendes zu tun.

Um nun ein solches ‚Wofür‘ zu entdecken, braucht es eine etwas geübte Wahrnehmungsweise. Die Übung besteht darin, sich nicht zu fragen: Was nehme ich wahr? [zum Beispiel ein Problem, eine Marktnische, einen Mitarbeiter…]. Vielmehr gilt es, zu fragen: Wie nehme ich wahr, wie nehmen wir wahr, zu was mich/uns die Welt ‚über-meiner/unserer-selbst-willen‘ und zur Sicherung der Existenz der wahrgenommenen Welt aufruft? Mit welcher Bewusstheit schaue ich/schauen wir auf das, worum es geht und ist dies das einzige mögliche Schema, mit dem ich/wir auf das schaue/n, was der Fall ist?

Die Einübung einer solchen Wahrnehmungsweise mag vielleicht einfach erscheinen – sie ist es nicht. Sie bedarf – so gut und gewissenhaft es geht – zuerst der Auflösung blinder Flecke, der Defokussierung und des Abschaltens des Tunnelblicks, im Kern also zuerst dem Unterlassen sofortigen Bewertens bis hin zu einem zynischen Infragestellens im Sinne eines ‚das geht sowieso nicht‘, ‚das kann nur so und nicht anders sein‘, ‚was will die oder der mir schon sagen können‘?. Psychologisch betrachtet verspricht diese Form der Wahrnehmung nach der anfänglichen Anstrengung des Einübens mehr Gelassenheit, mehr Weitblick, mehr Möglichkeit – soviel sei schon verraten, sollte sich der ein oder andere Leser gerade fragen, wozu er sich eine solche Entwicklungsreise antun soll.

Wofür also ist diese andere Wahrnehmungsweise gut? Sie ermöglicht einen größeren Raum der Sicherung der Existenz (des Unternehmens, des Vereins, der Familie, der Gesellschaft, der eigenen Person).

Wer sie als Führungskraft praktiziert, der braucht keine Etiketten für seine Rolle mehr. Dann haben visionäre Führung, spirituelle Führung, systemische Führung, transformationale Führung oder anderes xy-Führungs-Gedöns ausgedient. Die vielen Bücher über Führungslehre: Danke, dass ihr gewesen!

Nicht aber die Bücher über Existenz und geistiger Weltwahrnehmung, wie sie durch Viktor Frankl und Ken Wilber verfasst wurden und als Basisliteratur der Sinn- und Bewusstheitstheorien gelten. Bringt man beide Theorien zusammen, so entsteht ein integral-sinnzentriertes Gedankengut, das auch im Kontext der Führung zu spannenden Erkenntnissen und Handlungsweisen führt.

Ich fasse für neue Leserinnen und Leser einige Aspekte über Existenz und Bewusstheit kurz zusammen [viele weitere Details dazu finden sich bereits reichlich in früheren Beiträgen in diesem Blog]:

  • Frankl argumentiert, dass die Existenz des Einzelnen von entscheidender Bedeutung ist: Der Mensch ist entscheidendes Wesen. Und was er entscheidet ist, wer er im nächsten Moment sein will. Was er aber in jedem Falle ist: Das einzige Wesen ist, das stets nach Sinn in seinem Leben sucht.
  • Sinnsuche ist die grundlegende menschliche Motivation, selbst unter extremsten Bedingungen. Die Fähigkeit des Menschen zur freien Wahl und zur Suche nach Sinn in seiner Existenz können nicht ausgelöscht werden.
  • Sinn ist das ungewollt Gesollte, das nicht würde, ginge vom Einzelnen keine Handlung aus, es zu verwirklichen.
  • Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt die individuelle Macht – das Gewissen – zur Wahl der Reaktion, und jede derart gewählte Reaktion ist Ausdruck der  individuellen Entwicklung und Freiheit des Menschen.
  • Die Existenz eines Menschen ist nicht auf dessen physisches und psychisches Dasein beschränkt, sondern umfasst vielmehr eine dritte, geistige Dimension. Diese erst ermöglicht einen dynamischen Prozess der Sinnfindung und Sinnverwirklichung [was ‚geistig‘ in diesem Kontext meint, wurde in früheren Beiträgen in der KrisenPraxis bereits ausführlich beschrieben].
  • Der Prozess der Sinnfindung ist eine Arbeit an dem in der Gegenwart zu Entdeckende und für die Zukunft zu Erhoffende.
  • Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das Hoffnung in die Welt trägt. Er stellt sich dem Brüchigen mit Mitgefühl und Tatkraft. Das Phänomen Hoffnung scheint ein Existenzial in der Natur des Menschen zu sein.
  • Menschen verarmen seelisch und geistig nicht durch das, was sie nicht bekommen, sondern durch das, was sie auszusenden verabsäumen. Es gibt ein Wechselverhältnis zwischen Wohlwollen und Wohlergehen.
  • Gerade die Unvollkommenheit der Welt ist das stärkste Argument gegen den Nihilismus und gegen die Absage an die Suche nach Sinn. Unvollkommenheit und Heilbedürftigkeit sind zentrale Hinweise auf menschliches Gebrauchtsein.
  • Jede Tatsache ist unvollendet. Sie wartet auf einen menschlichen Beitrag. Es ist Unfug anzunehmen, dass man nur geben kann, was man zuvor empfangen hat. Jeder Mensch kann die Welt jederzeit um Gutes bereichern. Auch dann, wenn er selbst noch nicht hat, was er psychisch oder physisch braucht.

Unter Bewusstheit verstehen wir die psychische Disposition, die das unmittelbare Wahrnehmen dessen beschreibt, was einen Menschen in eigener Achtsamkeit im Hier und Jetzt bewegt und ihm aktuell gewahr wird, seien es Körperempfindungen, Sinneseindrücke, Gefühle, Fantasien, Denkmuster und Impulse. Bewusstheit ist somit Aufmerksamkeit auf Gegenwärtiges.

Jede Bewusstheit und damit auch jede Aufmerksamkeit auf Gegenwärtiges ist eine von vielen möglichen Ausprägungen von Bewusstheit. Sie ist stets ein Teil eines Bewusstheitsraums. Wir nennen diesen Teil eines Bewusstheitsraums auch ‚Schema‘, mit dem ein Mensch auf ein Thema schaut – auf das, was aus seiner Sicht die Lage ist.

  • Ein Teil eines Bewusstheitsraums können wir kurz ‚Holon‘ nennen (von griech. hólos und on „ganzes Seiendes“). Dieser Begriff bedeutet ein Ganzes, das Teil eines anderen Ganzen ist. So ist eine Zelle ein Teil eines Organs, das ein Teil eines Körpers ist. Ein Mensch ist Teil einer Familie, diese ein Teil einer Sippe, diese ein Teil eines Volkes. Ein Gedanke ist Teil einer Sequenz von Gedanken, diese ein Teil eines Gedankenaustauschs, dieser ein Teil eines Kollektivs an Gedanken ….
  • Ein Schema eines Menschen im Sinne einer gegenwärtigen Bewusstheit ist Teil all seiner bisher entwickelten Bewusstheiten. Diese wiederum sind Teil aller bislang möglichen Bewusstheiten und diese wiederum Teil aller Bewusstheiten die in ferner Zukunft als Schemata der Aufmerksamkeit auf Gegenwärtiges zur Verfügung stehen werden.
  • Jede Bewusstheit ist für sich betrachtet als ganzes Teil ganz bewusst und zudem ist es nur teilweise bewusst, weil das nächst höhere Ganze ‚ganzer‘ ist.
  • Ein holares System kann als Modell von Schichten verstanden werden, bei der jede einzelne Schicht nur sich selbst reflektieren kann, zudem es aber vermag, untergeordnete Schichten zu integrieren.
  • Jedes Holon ist stets bestrebt autonom zu bleiben. Das gelingt solange, bis das bestehende Schema unattraktiv wird. Bis dies jedoch geschieht, werden Differenzierungsprozesse vollzogen, die zwar Entwicklung anzeigen, jedoch das Schema im Kern bewahren. Erst wenn die Unterschiede zwischen Bestehendem und Unbekanntem als attraktive alternative Möglichkeit bewusst wird, kann sich das Holon auf die nächsthöhere Ebene transzendieren.
  • Die höhere Ebene ist von größerer Komplexität und integriert ihrerseits nun alle vorangegangenen.
  • Alle Ebenen der Bewusstheit stehen als Potential einem Menschen zur Verfügung. Wenn dieses Potenzial nicht ausgeschöpft wird [im Sinne Frankls: wenn der Raum der Freiheit zwischen Reiz und Reaktion nicht genutzt wird, um eine sinnorientierteres Schema im Umgang mit einem Thema einzusetzen], so mag dies beeinflusst sein durch zum Beispiel:
    => Gewohnheitshandeln
    => Lageorientierung und Phlegma
    => Angst vor den Folgen einer persönlichen Entwicklung
    => Ein Veränderungsresistenz unterstützendes Wertesystem
    => Ein fehlender Kommunikationsraum zu Menschen, die die Entwicklung bereits vollzogen haben
    => Unterentwickeltes Erfühlen von Attraktoren
    => Hoher Anteil an Fremdsteuerung durch Glaubenssätze oder durch das konkrete menschliche Umfeld ….

Bezogen auf die Führung führt uns eine integral-sinnzentrierte Perspektive zu diesem Gedanken: Da Menschen sich nur selbst dazu motivieren können, ihren bewussten Umgang mit Gegenwartsthemen neu zu gestalten, bleibt für Führungskräfte pragmatisch gesehen einzig die Aufgabe, den Möglichkeitsraum für selbstgesteuerte Bewusstheitsentwicklung den Mitarbeitenden offen zu halten. Dazu können erbauende Gespräche einen ersten guten Beitrag leisten. Für noch mehr Tiefgang kann sich aber auch anbieten, dass Führungskräfte aktiv denen, die die Führungskräfte- und Personalentwicklung in ihren Unternehmen steuern, den Auftrag geben, entsprechende Weiterbildungen, Foren, Vortragsimpulse usw. einzuplanen. Das ist inhaltlich kein Hexenwerk, fördert die Diskursfähigkeit in der Belegschaft und macht dem Einzelnen verständlicher, wie man Informationen verschiedenperspektivisch deuten, wie man Trampelpfade der Entscheidungsfindung verlassen, wie man sein bisher gelebtes Leben besser verstehen und das noch vor einem liegende werteorientierter gestalten kann.

Wenn meine Behauptungen zutreffen, dass es heute keinerlei Mangel an analogen und digitalen Angeboten gibt, die den Kontext Sinnfindung und Bewusstheitsentwicklung adressieren und dass es ferner ein Sinnbedürfnis gibt, das das Leben jedes Menschen flankiert [Studienbeiträge dazu u.a. aus 1963 2006 2016], dann stellt sich die Frage, worin die Gründe dafür liegen könnten, dass diesem Themenspektrum ein vergleichsweise geringes Interesse in Unternehmen beigemessen wird.

Meine Reflexionen dazu:

  • Qualifikationen in diesen Themenfeldern können als problematisch angesehen werden, weil sich durch umfassendere individuelle Bewusstwerdungsprozesse existenzielle Fragestellungen ergeben können, auf die Unternehmen ihrerseits dann keine Antworten zu geben in der Lage sind. Mancherorts mag es daher immer noch das Mindset geben, Menschen lieber ‚klein und dumm‘ zu halten, damit sie als Erfüllungsgehilfen für Unternehmenszwecke einfach ihrer Arbeit nachgehen. Hier besteht die Angst der Entscheider, die ‚Geister, die man förderte, nicht mehr los zu werden‘. Ich plädiere hier seit langem für eine ‚Souveränisierung‘ des Themas Bewusstheitsqualifizierung zur Stärkung der Unternehmenszukunftsentwicklung, treffe aber allzu oft noch auf eine einseitige Fokussierung auf Anpassungsqualifizierungsmaßnahmen und auf – fraglos auch wichtige – rein leistungszweckorientierte Formate.
  • Stapelkrisen mit ihren gravierenden Störungen des Motivations-Flows führen immer häufiger zum individuellen Gefühl bei Führungskräften und Mitarbeitenden, den Sinn [meaning] und den Zweck [purpose] der eigenen Arbeit nicht mehr so recht erkennen zu können [Studien dazu: 2010  2016 2020]. Spätestens jetzt wird der Unfug deutlich, der vor Jahren initiiert wurde, als man Führungskräften den Auftrag gab, als Sinnstifter für die Mitarbeiter ihres Bereichs zu fungieren [Beispiel dazu, mit dem Inbegriff des Unfugs: „Der Unternehmer Steve Jobs scheint bei Apple in der Tat ein Gott, ein richtiger Sinnstifter zu sein“]. Auch wenn ich mich wiederhole: Selbst Führungskräfte können Sinn nicht machen, stiften oder produzieren. Was sie können ist, Zwecke zu definieren. Es kann zweckdienlich sein, Kosten zu senken, ein Produkt zu entwickeln, einen Mitarbeiter einzustellen, sich von einem Lieferanten zu trennen, die Organisation zu verschlanken … Mit solchen Zwecken haben Führungskräfte bereits reichlich zu tun, wollen sie entlang der täglichen Unsicherheiten, Unberechenbarkeiten und disruptiven Veränderungen die Leistungsfähigkeit ihrer Teams und Mitarbeiter mit ihrem Führungsverhalten unterstützen. Die Aufgabe eines Menschen, Sinn im eigenen [Berufs-]Leben zu finden, hat jedoch nichts mit der Rolle einer Führungskraft zu tun – im Gegenteil: vor diese Aufgabe sind sie selbst ebenso gestellt wie jeder andere Mensch auch. Und ob ihre Führungsrolle für ihren eigenen Findeprozess dienlich ist, darf zumindest angezweifelt werden, schaut man auf die Zahlen an psychischen Erkrankungen, die diese Personengruppe betreffen – und die ich als Therapeut auch zu meinem Kreis der Klienten zähle.
  • Dem Zeitgeist entsprechend findet sich in der Führungsforschung heute ein starkes Interesse daran zu erfahren, wer sich eigentlich als Person hinter der Rolle befindet, die sich Führungskraft nennt. Statusgemäß finden sich solche Ausführungen in Biografien, die Topmanager und Firmengründer im Rückblick auf ihr Tun und Schaffen verfassen [z.B. Alfred Sloan 1964 – General Motors; Jack Welsh 2001 – General Electric; Götz Werner 2015 – dm …]. Blickt man aber auf das weite Feld der Führungskräfte in Deutschland, so sprechen wir über gut eine Million Frauen und Männer, denen direkt oder indirekt zugeschrieben wird, authentische Vorbilder [2021] für ihre Mitarbeiter sein zu sollen. Mit einer solchen Zuschreibung habe ich, in der Tat, ein Problem – und das nicht ohne Blick auf meine eigene Zeit in Führungsrollen. Schaut man auf Studien zum Thema ‚persönliche Erfahrungen und Eigenschaften von Führungskräften‘, so liest man davon, dass Führungskräfte, die Schlüsselaspekte ihrer inneren Erfahrungen in ihrem Führungsverhalten zum Ausdruck bringen, es schaffen, einen positiven Einfluss zu nehmen auf die Befriedigung des Bedürfnisses ihrer Mitarbeiter nach einem stabilen Selbstkonzept [Studien: 1991 1993 1998]. Ich will nicht verhehlen, dass die sozialkognitive Lerntheorie von Bandura mit ihrem Hinweis darauf, dass Menschen das ‚Lernen am Modell‘ für ihre eigene Entwicklung nutzen, ihren Stellenwert auch heute noch in der Psychologie verdient. Und ich will auch nicht in Frage stellen, dass es gut tun kann, wenn eine Führungskraft in der Lage ist, ein idealisiertes zukunftsorientiertes Bild ihres Verantwortungsbereiches zu zeichnen. Manchen Mitarbeitenden kann so geholfen werden, zu erkennen, dass die eigene Arbeit Teil eines ‚größeren Ganzen‘ ist [vgl. o.g. Hinweise zum ‚Holon‘]. Und schon gar nicht will ich bezweifeln, dass es ein noch besseres Gefühl eines stabilen Selbstkonzepts erzeugen hilft, wenn ein Mitarbeiter dieses positive Modell-Lernen aufgrund einer länger andauernden Zusammenarbeit mit einer Führungskraft immer wieder realisieren kann. Das, was ich zu bedenken geben will ist, dass es zuerst eines externen, objektiven Kontextes bedarf, wir können ihn Sinn-Impuls nennen oder – weniger aufgeladen – schlicht einen ‚Gegenstand‘, auf den sich ein arbeitender Mensch in Liebe und/oder Hingabe ausrichtet. Fehlt ein solcher Gegenstand, findet die Person keinen Sinn. Fehlt zum Beispiel einer im Pharmabereich arbeitenden Person der Impuls, einen Beitrag zur Gesunderhaltung der Gesellschaft [Gegenstand] mithilfe seiner aufgebauten Kompetenzen leisten zu sollen, dann schafft es auch keine Führungskraft mit dem Hinweis darauf, dass das Unternehmen Produkte entwickelt hat, die es wert wären, verkauft zu werden, damit einer bestimmten Krankheit entgegengewirkt werden kann. Was in einem solchen Beispiel von einer Führungskraft geleistet werden kann ist nicht mehr und nicht weniger, den Weg nicht zu versperren, damit Mitarbeitende ihre Möglichkeit selbstmotiviert ausschöpfen können, den in der Welt ohne jedes menschliche Zutun gegebenen Sinn zu entdecken und bei dieser Entdeckung zu erfühlen, wie eigene Werte dazu beitragen, dass das Gesollte zum persönlich Gewollten wird.
  • Immer ist es ein ‚Gegenstand‘, der prägt und legitimiert, was vom Einzelnen selbst als sinnvoll angesehen wird. Alle Sinn-Wahrnehmung geht daher notwendigerweise vom ‚Selbst‘ der Person aus, von seinem Selbstwert, seinem Selbstvertrauen, seiner Selbstsicherheit usw. Was von einer Person als Gegenstand mit Sinngehalt wahrgenommen, dann gedeutet und kognitiv verarbeitet wird, kann eine andere Person mit sich selbst eingedenk eines anderen Wertesystems womöglich als völlig unvereinbar ansehen. Wenn es also so etwas wie einen Sinnstifter geben soll, dann findet er sich nie in der Person einer Führungskraft, sondern stets in der Welt in Form eines objektiven Kontextes, der auch nie verschwinden würde selbst dann nicht, gäbe es keinerlei Menschen in der Rolle einer Führungskraft. Andersherum kann es für einen Mitarbeiter anregend sein zu hören oder es mittels konkreter Handlungen zu erleben, wofür sich eine Führungskraft aufgrund welchen Wertekanons für den von ihr wahrgenommenen Sinn einsetzt. Jedes Gespräch darüber kann ich nur begrüßen, würde es in Unternehmen – und nicht nur dort – geführt, dennoch lohnt es sich zu bescheiden, würde man diese Gespräche mit der Absicht anbieten wollen, den oder die anderen auf irgendeinen Pfad fremdmotivierter Tugend zu führen.

Statt einer zum Scheitern verurteilten Selbstüberforderung, einem sinnstiftenden Rollenverständnis nachzueifern, mag Führungskräften eine integralere Sicht auf die Prozesse der Sinnwahrnehmung helfen. Wenn die Leserinnen und Leser der KrisenPraxis im Archiv zurückschauen auf die Beiträge, in denen ich die Werte-Meme-Ebenen [Stichworte: Ken Wilber, Clare Graves, Spiral Dynamics] vorgestellt habe, dann will ich diesen nun an dieser Stelle einige Thesen folgen lassen:

  • Wenn ein Mensch einer beruflichen Tätigkeit nachgeht, dann wird er bestrebt sein, das/die bei ihm am stärksten entwickelte/n Werte-Meme-Ebene zu aktivieren. Ein Sinn-Impuls, in dessen Kern beispielsweise das Thema ‚tue etwas für die Verbesserung bislang als willkürlich empfundene, intransparente Zahlungsaufforderungen von Energieversorgern‘ steckt, wird eher von einer Person aufgegriffen werden, die sich in ihrem Verhaltens- und Handlungsschema an einem stark entwickelten Rot-Blau-Meme-Wertesystem orientiert. Erfährt eine solche Person aus ihrem Umfeld für ihre Widerstands-Initiative Anerkennung, dann können wir dies ‚Wertschätzung‘ nennen. Das Meme-Set wurde durch das Thema angeregt und mittels Verhaltensschema verwirklicht. Anders ausgedrückt: Der Sinnimpuls erreichte eine Person, die aktiv die Bedeutung ihres Verhaltens komponierte, indem sie hinsichtlich dessen, was sie als Thema bemerkte, konkret handelte und durch die empfangene Wertschätzung eine Stärkung ihrer Selbsterkenntnis und eine Rechtfertigung für künftiges Handeln bei ähnlich gelagerten Themen erfährt.
  • Nehmen wir dieses Beispiel und vergrößern wir den Rahmen auf die Millionen Themen, die täglich verfügbar sind, um sich individuell für die Existenz von Allem in irgendeiner Weise einzubringen, dann wird klar, dass jedes dieser Themen ein spezifisches Werte-Meme adressiert. Für jedes Meme – davon dürfen wir ausgehen – findet sich ein Set an Themen mit Sinngehalt, keine Werte-Meme-Ebene kann daher eine stärkere Sinnorientierung für sich behaupten als eine andere. Vielmehr könnte man sagen: Es braucht stets die Person/en mit passendem Werte-Meme zur passenden Zeit am passenden Ort, damit ein in der Welt vorhandenes Thema zu seiner Verwirklichung geführt wird.

‚Ich fühle mich aufgerufen und angesprochen‘ – ‚ich habe verstanden, worum es geht‘ – ‚ich habe überlegt, ob ich es kann‘ – ‚ich habe gefühlt, ob ich es will‘ – ‚ich kann mitteilen, warum ich es tue‘. In dieser Reihenfolge lässt sich der Prozess beschreiben von der Sinnwahrnehmung, über die kognitive Deutung des Wahrgenommenen, hin zu einer kognitiven Wertung der bewussten Ressourcen, einer emotionalen Einbettung dieser Wertung in die eigene Biografie und letztlich hin zu einer selbstmotivierten Handlung.

Denkt man diesen Prozess weiter, so kann man nachvollziehen, dass es alles andere als voraussetzungslos ist, soll ein objektiver Sinn zu einer subjektiven Handlung werden. Und wird er zu einer Handlung, dann ist diese ihrerseits von der individuell-biografischen Werteentwicklung abhängig. Diese Werteentwicklung wiederum ist der Prozess, der dazu beiträgt, dass eine Person im Hier und Jetzt ein Schema aktiviert, mit dem sie mit einem auf sie zukommenden Thema umgeht. Ergo können wir konstatieren, dass ein objektiver Sinn je nach Werte-Meme einer Person, die diesen Sinn wahrnimmt, in unterschiedlicher Weise in eine subjektiv selbstmotivierte Handlung transformiert wird. Und hieraus folgt wiederum, dass ein Sinn objektiv bleibt, selbst dann, wenn die Transformation in eine subjektive Handlung in eigener oder fremder Anschauung misslingt.

  • Eine Führungskraft, die sich in der Bestimmung sieht, Menschen zu führen und die einen solchen Sinnimpuls in ihrem beruflichen Umfeld empfängt, kann dies also völlig anders in Führungshandeln transformieren als eine andere Person, die sich entlang ihrer Werte ebenfalls aufgerufen fühlt, eine solche Rolle einzunehmen [eine Person mit ausgeprägtem rot-blauen Werte-Meme-System geht mit dem Thema ‚Führung‘ anders um als jemand mit zum Beispiel einem stark grün-gelben System]. Inwieweit das jeweilige Führungshandeln als gedeihend bewertet werden kann, wird abhängen von der Passung der Werte dieser Führungskraft und denen der Mitarbeitenden. Meine Empfehlung an Führungskräfte lautet daher stets, im Kontakt mit Mitarbeitenden immer wieder darüber zu sprechen, wofür man sich aufgerufen fühlt und worum es einem deshalb in der Führungsrolle geht.
  • Hat man Sinnwahrnehmung und Werteverständnis mit Mitarbeitenden zu einem hinreichenden Einklang führen können, so stehen Zielvereinbarungen und Zielerfüllungsgrade auf dieser Basis unter deutlich besseren Vorzeichen als wenn Führungskräfte sich lediglich über ihre Selbstmotivation an ihre Mitarbeitenden wenden. In diesem Fall drücken sie sich in ihrer täglichen Kommunikation durch den Einsatz bewusster Rhetorik aus, in der Hoffnung, dass die Mitarbeitenden dadurch erkennen mögen, was der Führungskraft für eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Bedeutung ist [1993]. In der Selbstkonzeptforschung geistert in diesem Kontext seit langem die Vorstellung herum, dass Führungskräfte mittels Einsatz von Visions-Kommunikation ihr individuelles Selbst mit denen ihrer Mitarbeitenden verbinden und diese Verbindung für die Mitarbeiter quasi zum Inbegriff der Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit wird [zahlreiche Verweise dazu – insbesondere aus dem US-amerikanischen Wissenschaftsbereich – finden sich hier aus dem Jahr 2022]. Es mag wohl Protagonisten in der Gestalt der Chefs von Tesla, Amazon, Apple oder Facebook geben, die derart euphorisierend auf Teile ihrer Belegschaft wirken, so dass ihr bloßes Erscheinen bereits eine Art Trance induziert und Menschen glauben lässt, hier seien die leibgewordenen Sinnstifter unterwegs. Es mag zudem Menschen geben, die sich in ihrem Berufsleben dem dysfunktionalen Anteil des ziel- und leistungsorientierten Orange-Meme [siehe dazu die zahlreichen Erklärungen in früheren Beiträgen hier in der KrisenPraxis] freiwillig verschreiben [diesen Anteil können wir mit den Stichworten Selbstoptimierungswahn, Unterordnung unter die Suggestionen von Influencern oder auch turbokapitalistische Lebensführung umreißen]. Am Ende der psychophysischen Möglichkeiten angekommen, finden sich diese Menschen dann häufig wieder im Erleben einer Erschöpfungsdepression, in Verlust- oder Versagensängsten, in einem mächtigen Gefühl der Sinnleere.
  • Einen in der Welt jederzeit für jeden Menschen gegebenen objektiven Sinn als Ausgangspunkt der Ausformung eines gelingenden individuellen [Berufs-]Lebens heranzuziehen, steht in meiner Anschauung stets über dem, was die Theorie der Selbstkonzepte nahelegt: Dass sich Führungskräfte im Speziellen als auch Menschen im Allgemeinen lediglich im Einklang mit ihren inneren Überzeugungen, Werten und Identitäten verhalten, um ihre intrinsischen Bedürfnisse nach Selbstdarstellung und Selbstkonsistenz zu erfüllen. Dies zu tun, vermag zwar für die meisten Menschen bereits verlockend genug zu sein und es ist leicht nachzuempfinden, dass allzu viele Menschen danach streben, betrachtet man die bloße Menge derer, die unter schwierigsten Bedingungen tagtäglich versuchen müssen, einfach über die Runden zu kommen. Trotzdem folge ich mit meinen Überlegungen Viktor Frankl, wenn er klarlegt, dass jeder Mensch jederzeit unter dem Einfluss von Bedingungen steht, dabei jedoch stets frei ist, sich so oder so zu diesen Bedingungen zu stellen.
    Sich nicht abzugeben in die Selbstkonzepte anderer, damit das eigene [Berufs-]Leben zu leben und nicht das Leben anderer; sich der eigenen Werte-Meme bewusst zu werden; eine Wahrnehmung zu erlernen, mit der Sinnimpulse die Chance erhalten in den Vordergrund zu rücken  – dies sind die wesentlichen Aspekte einer integral-sinnzentrierten Existenzlehre. Ein Führungshandeln, das auf einer solchen Lehre aufbaut, darf sich nicht auffressen lassen von den Bedingungen, unter denen Führungskräfte nun einmal qua Rolle täglich stehen und die anstrengend genug sind, so dass den Menschen Respekt gebührt, die bereit sind, diese Rolle einzunehmen. Im Gegenteil: Ein Führungshandeln, das erkennen lässt, dass die Führungskraft begonnen hat, einen Perspektivenwechsel hin zum Sinn zu vollziehen, zeigt sich in einer Klarheit und Klugheit in der eigenen Lebensführung, die der nicht mehr missen mag, der diese Schritte gegangen ist.

Zum Schluss eine Anmerkung zur einer Studie, in der ein Hohelied auf die ‚Visionäre Führung‘ gesungen wird und in deren Resümee auf ein ‚faszinierendes empirisches Ergebnis‘ hingewiesen wird. Das Ergebnis fokussiert ältere Forschungen, die postulierten, dass die Wirkung visionärer Führung auf das Empfinden von Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit bei Mitarbeitenden mit der Zeit abnehmen. Nun wurde diese Hypothese konkretisiert: „Basierend auf der Vorstellung, dass das arbeitsbezogene Selbstkonzept dynamisch ist und sich zumindest teilweise durch die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter entwickelt, bieten wir einen spezifischen theoretischen Blickwinkel für diese zeitlichen Effekte. Unsere Ergebnisse zeigen, dass ein „Ablaufdatum“ des Führungseinflusses für die visionäre Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeiter nach etwa sechs Jahren dyadischer Zusammenarbeit zwischen Führungskraft und Mitarbeiter zu erwarten ist.“  [Original: Based on the notion that the work-related self-concept is dynamic and, at least in part, evolves through the leader–follower relationship, we provide a specific theoretical angle for these temporal effects. Our results show that an “expiration date” of leadership influence for the visionary leadership–follower meaningfulness relationship may be expected after about 6 years of leader–follower dyadic tenure.]

Okay: Bei – angenommen – 40 Berufsjahren braucht es bei sechs Jahren Wirkkraft visionärer Führung also gut sieben Führungskräfte, die einem Mitarbeiter nach und nach ein beständiges Empfinden von Sinn in der Arbeit vermitteln. Da sag ich doch mal: ‚Heureka‘!

2024 – neu: 16. Erste Idee für eine Integrale Logotherapie

Da wird man nichtsahnend in die Welt geworfen und wird mit dem ersten Luftschnapper auf Konfrontation geeicht. Von einem Jemand oder einem Etwas. Der Raum der Erwartungen, in den man da hineinkonfrontiert wird, ist vollgestopft mit Vorstellungen, Idee, Wünschen, Hoffnungen und Motiven anderer. Man wird erzogen, belehrt, sozialisiert, ausgerichtet, indoktriniert, unterrichtet, instrumentalisiert, geprägt, … – meist mit guten Absichten, in liebevollen Beziehungen, Strukturen und gar nicht mal so selten mit dem Gedanken der Eltern, mit eigenen Kindern der Welt etwas zurückgeben zu können, was man selbst einst empfangen hat: mit Leben. Ausgleich, Bindung, Ordnung: diese drei Prinzipien dürfen in keinem System verletzt werden, ansonsten drohen Stress, Konflikt oder Krieg. Systemiker haben aus diesen Überlegungen heraus zentrale ‚Systemgesetze‚ abgeleitet [einfach mal nach diesem Begriff die Suchmaschine anwerfen]. Wird das Selbstsystem, das Familiensystem, das Arbeitssystem, …, das Gesellschaftssystem, … nicht entlang dieser  Gesetze gestaltet und gesteuert, dann gibt’s über kurz oder lang Probleme, Störungen, Krankes und Verletzendes.

Wer sich durch Geburt in sein Leben hineinwirft, hat es demnach bereits mit bestehenden Prinzipien zu tun, die diesem Leben einen ‚gesetzten‘ Rahmen verleihen. In den ersten Jahren hat das Kind mit den elterlichen Interpretationen dieser Prinzipien zu tun, in der Pubertät wird an diesen dann mehr oder weniger gerüttelt und später dann ‚erwächst‘ die Freiheit und die Verantwortung dafür, erlebte Verletzungen der Prinzipien durch Eltern, Mitschüler, Lehrer, Geistliche … zur Heilung zu bringen. Systemisch arbeitende Therapeuten können dabei helfen, manchmal reicht aber bereits eine angeborene oder entwickelte Resilienz, um hinter sich lassen zu können, was nach hinten gehört.

Eine andere ‚Alternative‘ bieten zuweilen Sekten, gewisse Parteien oder manipulative Menschenfänger an, die suggerieren, sie könnten quasi die Arbeit für die real oder vermeintlich von Systemverletzungen betroffene Person erledigen. Dafür müsse die Person sich einfach bei ihnen abgeben, sie wählen oder sie auf ihrer schiefen Bahn begleiten. Dass sich Menschen davon beeindrucken und beeinflussen lassen, war schon immer so und wird – sollten nicht mehrere Wunder geschehen –  leider wohl auch immer so bleiben. Damit nun diese ‚Alternativen‘ mit ihren toxischen Energien in Grenzen gehalten werden, müssen sich die Systemgesetze als robust erweisen, ohne dabei die Freiheit und Verantwortung des Einzelnen zu erwürgen. Ein solcher Prozess ist immer eine Gratwanderung, ihn aufzugeben oder auf dem Grat falsch abzubiegen jedoch führt geradewegs ins dystopische Verderben.

Auf Wunder warten? Auf dem Grat womöglich falsch abbiegen? Das klingt anstrengend, riskant, allemal untauglich und genau genommen dem Menschen mit seinen heute schier unendlichen Möglichkeiten der individuellen Entwicklung auch gewissermaßen unwürdig. Wenn nun aber – zumindest in unserer Kultur – die Würde des Menschen unantastbar ist, dann mag sich anbieten darüber nachzudenken, dass dieser Grundsatz unseres Zusammenlebens keine Einbahnstraße ist. Auf der Gegenspur darf er so verstanden werden, dass jeder Mensch in der Verantwortung steht, sich seiner Selbstwürde bewusst zu werden. Von innen kommende Selbstwürde und von außen kommende Menschenwürde bilden letztlich gemeinsam das Fundament, damit die ‚Systemgesetze‘ ihre Kraft behalten und entfalten.

Stimmt man nun der Annahme zu, dass jeder Mensch einen individuellen Schatz der Selbstwürde in sich trägt, dann ließe sich daraus eine Fülle von Fragen ableiten, die sich jeder Mensch stellen könnte, um sich über den Status dieses Schatzes bewusst zu werden – zum Beispiel:

  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass durch meine Entscheidungen und Handlungen andere Menschen direkt oder indirekt zu Schaden kommen?
  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass von mir beauftragte, gewählte, empfohlene Personen oder Personengruppen mit ihren Entscheidungen und Handlungen andere Menschen direkt oder indirekt existenziellen Schaden zufügen?
  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass ich im Falle eines durch mich [oder durch meine Beauftragung, Wahl oder Empfehlung von Personen oder Personengruppen] entstandenen direkten oder indirekten existenziellen Schaden an anderen Menschen meine Verantwortung für diesen Schaden nicht übernehme?
  • Würde ich es mit mir selbst vereinbaren können, dass ich im Fall der Bejahung einer dieser Fragen durch die Gemeinschaft der Menschen in meinem Kulturkreis weiterhin als Mensch gewürdigt werde? Und wenn ja, womit würde ich dies begründen?

Fragen wie diese wenden sich letztlich an eine innere Instanz, die Viktor Frankl das ‚Sinn-Organ‘ nannte. Damit meint Frankl das menschliche Gewissen, das – trotz aller Einflüsse von Außen – einem Menschen als Kompass für eigenes Verhalten, eigene Entscheidungen und Handlungen dient. Je nach Ausrichtung der Nadel des individuellen Kompasses orientiert sich der Mensch an einem spezifischen Bündel von Werten. Diese Werte zu kennen, ist wichtig. Sie sich nicht bewusst zu machen, hat zur Folge, dass – wie bei einem Magneten, der in der Lage ist, die Kompassnadel zu beeinflussen – der Mensch Gefahr läuft, sich selbst zu verfehlen, den Selbstwert nicht zu erkennen und letztlich das Leben Anderer zu führen. Ein solcher Mensch ist manipulierbar, kontrollierbar, berechenbar.

Die Folgen eines derartig unausgereiften ‚Kompasses‘ zeigen sich auf brutale Weise insbesondere in der Jugend. Gerade in der Lebensphase der Adoleszenz sind Jugendliche hochsensibilisiert für alle moralischen und wertegeleiteten Fragen, die ihnen ihr Leben stellt. Sie suchen Orientierung, doch nicht jede Familie kann ihnen einen Rahmen ermöglichen für Wertevermittlung und -diskurs, für Halt, Orientierung und Toleranz zur Selbstwertentwicklung. Die Gründe dafür finden sich oft in der Biografie der Ursprungsfamilie, im Zugang zur Bildung oder eben auch in der Nähe von Personen oder Personengruppen, die die Suche und Empfänglichkeit von Jugendlichen ausnutzen. Auch der Schule als Institution fällt es schwer, den Problemen Jugendlicher in schwierigen Lebenslagen gerecht zu werden. Immer häufiger sind die Folgen Alkohol- und Drogenmissbrauch, Schulverweigerung, Gewalt, Fremdenhass, Depressionen oder sogar Suizid an Stelle eines aktiv gestalteten, sinnvollen Lebens mit Kompass.

Was also tun? Die nach den Grundlagen der Logotherapie von Viktor Frankl arbeitenden Therapeuten und Coachs haben bereits überzeugende Formen der Gesprächsführung und unterstützende Methoden hervorgebracht, um Jugendlichen wie natürlich auch Erwachsenen jeden Alters dabei zu helfen, das eigene Wertesystem zu klären. Ihr humanistisches, nicht reduktionistisches Menschenbild beachtet sensibel den fundamentalen Wunsch jedes Menschen, angenommen zu sein [Systemgesetz Bindung/ Beziehung/Anschluss].

Der Fokus auf den jedem Menschen innewohnenden Willen zum Sinn und das Bemühen, im Gespräch existenzielle Fragen auszuhalten und skeptisch gegenüber vorschnellen Antworten zu bleiben [Systemgesetz Struktur/Ordnung/Transparenz] halten zudem den Möglichkeitsraum für den Gesprächspartner offen und damit auch die Freiheit und Verantwortung zu einer gewissenhaften Stellungnahme zu den Lebensthemen, die gerade zur Bewältigung anstehen.

Schließlich wird durch die Arbeit mit Sinn und Werten der Grundstein für eine bewusstere und damit gesündere Lebensführung, eine fruchtbarere Zusammenarbeit und eine Verbesserung der Liebes-, Arbeits- und Leidensfähigkeit geschaffen. Ein Leben auf dieser Basis hält auch schwierige Zeiten aus, die Person bleibt Herr in ihrem Haus und sie kann ihrerseits Menschen besser unterstützen, die ihrer Hilfe oder ihrem Rat bedürfen [Systemgesetz Ausgleich/Balance/Dankbarkeit].

Wird das Konzept der Logotherapie integral erweitert und reichen sich Viktor Frankl und Ken Wilber quasi die Hand, entsteht ein spannendes neues Entwicklungsfeld. Ohne an dieser Stelle bereits alle Facetten dieser Kombinationsberatung oder -therapie aufzeigen zu können, sei ein erster Ausschnitt hervorgehoben. Für Frankl ist es zentral, dass der Mensch nicht derjenige ist, der sein Leben zu befragen hat, was dieses Leben ihm wohl bieten könne. Vielmehr ist es das Leben, das den Menschen danach befragt, ob und wie sinnerfüllt eben dieser Mensch sein Leben gerade jetzt lebt. Mit dieser Perspektive lädt das Leben den Menschen ein, sich mit der aktuell existenziellen Thematik zu befassen. Einer Thematik, die zuweilen wenig erfreulich oder erbauend ist. Wilber nennt hier in seinen Schriften bereits Beispiele, wir könnten aus unserer Arbeit in Therapie und Coaching mühelos weitere anführen und haben dies in unseren Büchern auch vielfach verschriftlicht: existentielle Depression (Gefühl von Lebensstillstand und Sinnlosigkeit), Inauthentizität (Mangel an Akzeptanz der eigenen Sterblichkeit), existentielle Isolierung (ein starkes Selbst, das sich aber in der Welt nicht zu Hause fühlt), unterdrückte Selbstverwirklichung (Unzufriedenheit in Folge des Nichtausschöpfens der eigenen Möglichkeiten), existentielle Angst (vor dem eigenen Tod, vor der Einschränkung oder dem Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten) [Wilber]

Der gedankliche Umgang mit einem solchen Stress- und Belastungsthema können wir unter Nutzung des Konzepts der in früheren Beiträgen beschriebenen Werte-Meme meist schnell einem dieser Meme zuordnen. Da die Person zu diesem Thema offenbar nicht das passende Umgangs-Schema entwickelt hat, sondern vielmehr ein unpassendes einsetzt, um die leidige Situation zu verbessern [was leider aber allzu oft in eine Art Verschlimmbesserung führt], kann sie nun im Rahmen einer Integralen Logotherapie darin begleitet werden, diejenigen Werte zu entwickeln, derer es bedarf, um mit dem Thema funktional stimmig umgehen zu können.

Der Gewinn aus einer derartigen Integralen Logotherapie besteht für den belasteten Menschen darin

  • konkrete Empfehlungen zur Werteentwicklung zu erhalten, die in der Lage sind, eine Verminderung der Belastung durch das akute existenzielle Lebensthema zu erhalten
  • sensibel zu werden für den psychischen Mechanismus der ‚Hyperreflexion’, die die Person immer stärker hineinführt in Selbstzweifel, Grübeleien und Schuldzuschreibungen
  • zu lernen, nicht gegen sich selbst zu arbeiten und den eigenen guten Absichten nicht zuwider zu handeln
  • den gesunden wie den ungesunden Anteilen der Persönlichkeitsakzentuierung gleichermaßen Aufmerksamkeit zu schenken und
  • – regelmäßig von uns beobachtbar – zum Ende des Beratungsprozesses ein meist lange verschollenes Phänomen wiederzuentdecken: Das Staunen über sich selbst und den gefundenen Entwicklungsweg.

2023 – neu: 14. Die vierte Hauptstraße zum Sinn

Wie hatte Frankl noch einmal die Sinnquellen beschrieben, die jedem Menschen zur Verwirklichung von Werten bereit stehen? Eine erste Quelle, in der Menschen Sinn finden können, ist die der Aufgaben, die nicht erledigt und gelöst würden, wäre der Mensch nicht ein homo faber, der arbeitende Mensch, der unternimmt und schöpferisch tätig wird.

Als zweite Quelle steht das Erleben bereit. Der homo amans – der liebende Mensch – empfängt und genießt mit Freude in Welt der Natur, der Kultur, des Miteinanders. ‚Erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘, mit dieser Formel wurden in meiner Kindheit diese beiden für Frankl gleichwertigen Quellen in eine Hierarchie gebracht. Heute macht sich in meiner Anschauung ein sonderbares Streben nach Balance zwischen Aufgabenerfüllung und Selbsterfüllung auf angestrengte Weise breit. Zuweilen scheint es mir, als wäre eine gelungene Umkehrung der alten Formel eine Art Verhandlungserfolg des Einzelnen über seine Welt. Aber das ist meine Wahrnehmung und sie steht hier nicht weiter in Rede. Eher soll auf die dritte Quelle hingewiesen werden, die Frankl für diejenigen Situationen im Leben benennt, in denen der Zugang zu den beiden anderen erschwert oder sogar verunmöglicht wird. In diesen Situationen ist der homo patiens gefragt, der Mensch, der angesichts eines Leids, einer zu verantwortenden Schuld oder im Wissen um den nahenden Tod, zu einer existenziellen Stellungnahme aufgefordert ist.

Auf diesen drei Hauptstraßen zum Sinn kann sich nach Frankl der Mensch bewegen und in dieser Bewegung verwirklicht der Mensch bestehende individuelle Werte, seien es schöpferische Werte [wie zum Beispiel Leistung, Arbeit, Aufbau, Beitrag, Neuerung, Tatkraft …], Erlebniswerte [wie zum Beispiel Anmut, Zünftigkeit, Geschicklichkeit, Schönheit, Flair …] oder Einstellungswerte [wie zum Beispiel Tapferkeit, Faulheit, Versöhnlichkeit, Askese, Resolutheit ..].

Und wie das Leben so spielt, beginnt jeder Tag mit einer neuen Reise über diese Straßen. So kann ein Mensch:

  • beim Zähneputzen [Handlung, aufbauend auf schöpferischen Werten]
  • ein paar Lieder im Radio hören [Handlung, aufbauend auf Erlebniswerten],
  • sich dann wettertaugliche Kleidung anziehen [Handlung, aufbauend auf schöpferische Werte],
  • über den Lieblingsweg mitten im Grünen zur Arbeit radeln [Handlung, aufbauend auf Erlebniswerten und schöpferischen Werten],
  • dann dabei unterbrochen werden, weil man eine Unfallstelle sichert und, weil man das tut, den ersten Termin im Büro verpassen wird [Handlung, aufbauend auf Einstellungswerten und schöpferische Werten],
  • dann verspätet ankommen und die Überraschung annehmen, von Kollegen mit einem Geburtstagskuchen begrüßt werden [Handlung, aufbauend auf Erlebniswerten] usw. usw.

Andererseits kann die Person auch reflektieren, entlang welcher Werte-Meme sie ihren Tag gestaltet hat:

  • Beim Zähneputzen ein paar Lieder im Radio zu hören [kann ein Hinweis auf blaues Meme sein: Strukturierter Tagesbeginn],
  • sich dann wettertaugliche Kleidung anzuziehen [kann ein Hinweis auf orange sein, adäquate Leistungserbringung für die Bewältigung möglicher Wetterprobleme],
  • über den Lieblingsweg mitten im Grünen zur Arbeit zu radeln [kann ein erneuter Hinweis auf blau sein, Nutzung eines Routineprozesses, vielleicht auch mit grünem Anteil aufgrund der Geringhaltung von umweltbeeinträchtigende Handlungen],
  • dann dabei unterbrochen zu werden, weil man eine Unfallstelle sichert und weil man das tut, den ersten Termin im Büro verpassen wird [kann ein Hinweis auf blau sein, eine Entscheidung aufgrund intrinsischer moralischer Verpflichtung, vielleicht auch mit rotem Anteil aufgrund der Selbstbemächtigung, diese Entscheidung willensstark auch gegen mögliche Konflikte zu treffen],
  • dann verspätet anzukommen und von Kollegen mit einem Geburtstagskuchen begrüßt zu werden [vielleicht ein Hinweis auf türkis, wenn der Moment angenommen wird so wie er ist] usw. usw.

Das, was das Leben einem Menschen aufträgt, „wechselt nicht nur von Mensch zu Mensch – entsprechend der Einzigartigkeit jeder Person – sondern auch von Stunde zu Stunde, gemäß der Einmaligkeit jeder Situation“ sagt Viktor Frankl und – wir können ergänzen – hält jederzeit für einen Menschen einen Sinn bereit, den er mit seinem Sinn-Organ [dem Gewissen], und entlang seiner entwickelten Werte-Meme finden und verwirklichen kann.

Diese Ergänzung erscheint mir aus einem persönlichen Ärgernis heraus wichtig zu sein. In zahlreichen Büchern und Online-Vorstellungen der Integralen Theorie von Wilber mit ihren Verweisen auf die Werte-Meme nach Clare W. Graves, wird oftmals das türkise Meme als dasjenige ausgezeichnet,

  • in dem sich ein Mensch mit dem Thema Sinn auseinandersetzt
  • in dem Menschenführung oder Organisationsentwicklung sinnorientiert vollzogen wird
  • in dem der Sinn quasi zu Hause ist

Diese Zuschreibung halte ich für Unfug, suggeriert sie doch eine Art Exklusivrecht auf Sinn oder eine Exklusivhaltung mit Sinn, wenn ein Mensch die Entwicklung auf diese türkise Ebene vollzogen hat. Nein, Sinn kann der Person nicht zugeschrieben werden, denn Sinn ist in der Welt und wird von einer Person mit einer aktuell beigen Bewusstheit aufgrund eines Themas, das dieser Bewusstheit bedarf, anders kontexualisiert als von einer Person mit einer purpurnen, roten oder anderen. Steht zum Beispiel eine Person – wie jüngst bei den extremen Unwettern in Südosteuropa – in der grauenhaften Lage, sich der Wassermassen nicht mehr erwehren zu können und steht sie förmlich vor dem materiellen Aus, so bleibt der Sinn in Form eines fundamentalen Sinns des Lebens erhalten und wird als THEMA mit dem Überlebens-Meme Beige entsprechend adressiert. Hat eine andere Person ihren Wohnsitz an einem Ort, wo sich die Wassermassen nicht derart brachial ihren Weg gebahnt haben, dann mag es sein, dass diese Person vielleicht mit ihrem blauen Ordnungsmeme zuerst die eingetretenen persönlichen Schäden dokumentiert, um die eigene Familie vor finanziell negativen Auswirkungen zu schützen, um sich nach getaner Befassung mit diesem Thema dann einem neuen zu stellen, vielleicht dem Thema ‚Unterstützung des technischen Hilfswerks beim Wegräumen des Schutts in schwererer betroffenen Gebieten“. Hier könnte die Person den Sinn also in einem Impuls entdecken, der sie aufruft, die Werte des grünen Meme mit seinem Aspekt der sozialen Verantwortung zur Verwirklichung zu bringen.

Wenn ich also sehr dazu rate, damit aufzuhören, eine Sinnzuschreibung einzig dem türkis Meme vorzubehalten, so stelle ich dafür einen anderen Begriff in den Raum, der mir für dieses Meme zur besseren Differenzierung aller bisherigen geeigneter zu sein scheint – den Begriff der Wertfreiheit. In Türkis ist Alles mit Allem verbunden, das Universum eine Einheit fein balancierter ineinander greifender Kräfte. Diese Kräfte wirken, ohne dass ihrer Wirkkraft eine Wertung zugrunde liegt noch einer solchen es bedarf.

Wertfreiheit stellt in meiner Anschauung eine Art Implosion der Weltausschnittsgrenzen dar. Ein Mensch hat seine Transzendenzfähigkeit derart ausgebildet, so dass er über die Offenheit zur Klärung und Weiterentwicklung des eigenen Wertesystems – die ich dem gelben Meme zuschreibe – zur Offenheit zur ‚Vernachbarschaftlichung‘ alles Anderen mit dessen Werten gelangt. Mit dieser Offenheit zur Wertfreiheit, eines Zusammenfallens aller eigener Werte mit allen anderen Werten und über dies hinaus mit allen weiteren Werten, geht der Mensch auf der vierten Hauptstraße zum Sinn, der Straße der Vollendung. Wer auf dieser Straße geht, den will ich homo complens, den vollendenden Menschen, nennen.