Vom Staunen

Heute schon gestaunt? Über ein Verhalten, eine Leistung, eine Stellungnahme, eine Haltung? Im Kern staunt man über verwirklichte Werte einer Person oder einem Team, manchmal sogar einer ganzen Gesellschaft (so staunten nicht wenige Menschen auf der Welt über das Verhalten und die Handlungen vieler Deutscher beim Flüchtlingszustrom 2015, oder auch beim WM Sommermärchen). Ich persönlich staunte jüngst über den Stabhochspringer Armand Duplantis als dieser sich 6,30 Meter in die Höhe katapultierte. Oder über unsere Handballer und Handballerinnen und deren Teamgeist. Ich staunte über den virtuosen Einsatz einer der Lektoren meines jüngsten Buches. Und über die klugen Strategien der deutschen Zollbeamten beim Ausheben krimineller Clans im Kampf zum Beispiel gegen Menschen-, Drogen- und Waffenhandel. Ich bestaunte die Kunst von Marina Abramovic … Und wenn ich so darüber nachdenke, dann staune ich am ehesten, wenn ich wahrnehme, wie Menschen über sich hinausreichen.

Staunen lässt sich nicht erzwingen, es geschieht plötzlich und unerwartet, wie ein kleiner Moment des Todes von dem, was kurz zuvor noch als ganze Realität schien. Staunen drückt einen Reset-Knopf, weil man begreift, dass etwas Unbegreifliches geschieht, ohne dass die Erfahrung den Menschen bedroht oder ihn lähmt (wie beim Entsetzen). Wer staunt, ist weltoffen und wird von seiner Welt angesprochen. Wen nichts erstaunt, der mag abgestumpft, gleichgültig oder zynisch seiner Welt entgegenblicken – vielleicht bewegt er sich aber auch nur in einer ‚Blase‘, in der die Türen geschlossen sind?

Staunen gehört zur emotionalen Grundausstattung jedes Menschen. Am ehesten staunen wohl noch Kinder, und manche Eltern staunen darüber, worüber ihre Kinder so alles staunen. Versucht man das Phänomen rein neurowissenschaftlich zu erklären, dann findet sich in einer Situation ein Auslöser für einen Sinnesreiz, der innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde im limbischen System des menschlichen Gehirns zu einer Bewertung führt: in Form einer Neubewertung (‚das ist ja eine komplett neue Erfahrung für mich‘) oder als bewusster Gedanke (‚da hätte ich ja nie für möglich gehalten‘) oder als automatischer, unwillkürlicher Impuls (‚wow!‘ – mit dem so oft erwähnten ‚offenen Mund‘). Die Bewertung führt ihrerseits zu einer Konsequenz: emotional in Form positiver Überraschung, körperlich in Form eines positiv aufrüttelnden Empfindens, im Verhalten in Form einer verbalen und non-verbalen Kommunikation mit anderen und-oder mit sich selbst.

Aber ist das alles? Ich will meinen, nein. Denn, wer staunt, bestaunt meist ’nur‘ ein Ergebnis, ein außergewöhnliches Ergebnis. Wer ’nur‘ so staunt, verpasst etwas. Tiefgründiger kann man jedoch bestaunen, worum es der Person oder der Personen ging, als sie verwirklichte, was man selbst nun bestaunt. Tiefgründiger bestaunt man die Werte dieses Gegenüber. So wird aus Staunen eine spezifische Form der Wertschätzung. Damit wird es zu mehr als zu einem psychischen Prozess von Reizwahrnehmung – Reizverarbeitung – Reaktion, sie wird zu einem Ausdruck einer aktivierten geistigen Dimension (analog dazu könnte man meines Erachtens argumentieren, dass Bestürzung auch ein Ausdruck des Geistigen ist, hier jedoch aufgrund des Erlebens der Verwirklichung dysfunktional Abwertigen im Verhalten einer Person).

So betrachtet, stellt Staunen mehr dar, als ein bis dato unbekanntes Muster, was das limbische System nur noch nicht einordnen konnte. Es ist mehr als nur ein kognitiver Affekt, sondern vielmehr Ausdruck von etwas spezifisch Humanem: der Fähigkeit der Bewertung bislang noch nicht erlebter Selbsttranszendenz dessen, der den Staunenden mit ihr beschenkt hat.

Wer vom Moment des Staunens zum Denken über das ihn Bewegende angeregt wird, der kann sich damit philosophisch Fragen nähern, die das Prinzipielle des Seins berühren. Ein Sein, in dem Sichtbares und Unsichtbares, Wissen und Nichtwissen, zusammenwirken und wo der seiende Mensch immer wieder einmal erstaunt erfährt, dass das Finale des Lebens längst noch nicht erreicht ist – selbst und gerade dann, wenn er vielleicht der Ansicht ist, alle Anstrengungen bereits unternommen zu haben, mit dem eigenen Verstand den Sinn des Lebens geklärt zu haben.

„Das Höchste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Erstaunen; und wenn ihn das Urphänomen in Erstaunen setzt, so sei er zufrieden; ein Höheres kann es ihm nicht gewähren, und ein Weiteres soll er nicht dahinter suchen; hier ist die Grenze.“

Johann Wolfgang von Goethe

Das Sinngebirge – eine erfreuende Intervention

In der sinnzentrierten Psychotherapie und im Sinncoaching biete ich zuweilen meinen Klienten eine Intervention an, wenn es um die existenzielle Frage geht, ob und in welchem Maße das bisherige Leben sinnvoll war. Hinter dieser Frage stehen zuweilen Selbstzweifel, ob man den Erwartungen des Umfeld entsprochen hat, ob man mehr aus seinem Leben hätte machen können, was man wohl verfehlt hat. Dass man Höhen und Tiefen im Leben erlebt, dass mancher Aufstieg mühselig und mancher Abstieg schmerzhaft ist, das weiß jeder Mensch. Wenn man so auf sein bisheriges Leben schaut, dann fokussiert man meist die besonderen Momente des Glücks oder Unglücks, die erreichten oder verpassten Ziele, die Themen, die man bewegt hat oder hätte bewegen wollen oder sollen, ohne es je getan zu haben. Doch das ist lange nicht alles. Und dieses ‚Alles‘ soll mit einer Übung angeschaut werden. So geht sie:

Mein(e) Gesprächspartner(in) wird eingeladen, zu Hause, mit Zeit und gerne mit Unterbrechungen, aber stets störungsfrei für jedes(!) Lebensjahr mindestens ein selbst so empfundenes und persönlich erlebtes förderliches und mindestens ein ebenso persönlich erlebtes hinderliches Ereignis zu notieren. Gab es mehrere Ereignisse in einem Lebensjahr, so werden sie ebenfalls notiert. Kann sich die Person an den Monat oder das Quartal erinnern, in dem das Ereignis eintrat, dann wird auch das notiert (manchmal erleichtert dabei, sich an die Jahreszeit, einen Ort oder eine andere Begebenheit zu erinnern, die zeitlich um das Ereignis herum stattfand). Förderlich und hinderlich verstehen wir hier so, dass das jeweilige Ereignis den weiteren Lebensweg partiell, temporär oder auch allumfassend positiv oder negativ beeinflusste.

Als nächstes folgt eine Skalierung jedes Ereignisses von -10 (extrem hinderlich) bis +10 (extrem förderlich). Hilfreich ist es, die entstehende Liste mit den Skalenwerten in einer Excel-Datei zu notieren, für jedes Ereignis steht dann eine Zeile zur Verfügung.

Ist die Erinnerung abgeschlossen und alle Skalenwerte gesetzt, so kann man entweder in Excel die Skalenwerte in eine grafische Darstellung übertragen oder dies von einer KI wie ChatGPT erledigen lassen. Bei diesem Arbeitsschritt wird der Befehl gegeben, alle Werte so zu stauchen, dass der oder die negativsten Werte auf 0 gesetzt und alle anderen so berechnet werden, dass sie den maximalen Wert 10 erhalten. So landen alle zuvor negativen Werte (-10 bis 0) in der neuen Grafik auf den Werten von 0 bis 5, alle zuvor positiven Werte (0 bis +10) auf den Werten 5 bis 10 (der alte Wert 0 und der neue Wert 5 stellen damit tendenziell indifferente Werte dar, bei denen der Klient zwar die Bedeutung des Ereignisses für sein Leben durchaus fühlte, jedoch offenließ, ob er dessen Auswirkungen auf das folgende Leben als förderlich oder hinderlich erachtete.

Bei einem Klienten sah dies so aus:

 

 

 

 

 

 

Bei dieser Übung erinnerte der Klient aus seinem Empfinden lebenswegfördernde und -hindernde Personen, Qualifizierungen, Reisen, Kunst- und Kulturerlebnisse, politische Rahmenbedingungen … und auch Situationen, in denen er sich zu einer Stellungnahme aufgerufen fühlte, um etwas zum Besseren zu wenden.

Im nächsten Schritt wurde ChatGPT gebeten, die Zahlenwerte in eine optisch geglättete Lebenslinie zu übertragen. Hier das Ergebnis:

 

 

 

 

 

Und in einem weiteren Schritt erhielt die Maschine den Auftrag, aus dieser Kurve ein Bild zu gestalten, das optisch einer Berg-Topografie ähnelt.

Dieses Bild wiederum wurde in einem neuen Chat hochgeladen mit dem Auftrag, auf die Suche zu gehen, nach einem real existierenden Gebirge. Hier erhielt der Klient dieses Ergebnis:

ChatGPT: „Basierend auf der visuellen Komplexität und fraktalen Natur, die wir in deiner Berg-Topografie erkennen, ist eine interessante Analogie der Abschnitt der norwegischen Küste, der rund um die Lofoten verläuft. Diese Region wird oft für ihre zerklüftete, fast fraktale Küstenlinie beschrieben – ein Vergleich, der durchaus als passend erscheinen könnte, um das Auf und Ab deiner Lebenslinie zu spiegeln. Diese Küstenlinie weist zwar natürlich keine exakte Übereinstimmung mit deiner Topografie auf, bietet aber eine ähnlich strukturierte, dynamische Form, die als visuelle Analogie gut dienen kann.“

Der Klient ging nun auf die Suche nach einer Abbildung im Internet und fand nach einiger Zeit dieses Bild, das in seiner Wahrnehmung zahlreiche Ähnlichkeiten mit seiner Lebenslinie aufwies.

Als er das Symbolbild seines Lebens betrachtete und ich ihm die Frage stellte, worin sich die Erlebnisse ähneln, die im Bild als Gipfel zu sehen sind, schaute er in seiner Liste nach und fand neben den Ereignissen, die ihn zu einer persönlichen Stellungnahme aufriefen, Personen, die in sein Leben traten und die für seinen weiteren Lebensweg förderlich waren. Und er resümierte: „Die Werte, die ich im Zusammenhang mit den Ereignissen verwirklichen konnte, waren Gerechtigkeit, Zutrauen und Freiheit, und die Personen schenkten mir ihr Vertrauen, ihre Weitsicht und ihre Geduld.“

„Würden Sie Ihre Frage, ob und in welchem Maße Ihr bisheriges Leben sinnvoll war, nun noch so beantworten, wie Sie es vor einigen Wochen taten, als unsere Zusammenarbeit begann?“

Kinder und Sinn(krise)

Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.

Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.

Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.

Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden. 

Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.

„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“

Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.

Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.

„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)

Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.

Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens. 

Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.

Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.

Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.

Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.

Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.

Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.

Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.

Wo kommt er her, der Sinn?

Mit meinen Ausführungen unter dem Titel ‚Eigentlich ist Leben einfach‘ habe ich den Gedanken ausgerollt, dass sich Sinn nur in den beiden unteren Quadranten des Wilberschen AQAL-Modells finden lässt. In meinem Buch ‚Sinncoaching‚ findet sich dazu die ‚Formel‘: Sinnfindung = Werteklarheit x Weltoffenheit². Den Raum zu vergrößern, den sich eine Person dank ihrer grundsätzlichen Fähigkeit der Weltoffenheit erschließen kann, wird zu einer günstigen Wirkung einer Logotherapie oder eines Sinncoachings dann, wenn eine Person Bedingungen beklagt, die ihr einen freien und selbstverantwortlichen Zugang in diesen Raum erschweren. Erschwernisse dieser Art wurden von Frankl mit seinem Terminus ‚Tragische Trias‘ (Leid, Tod, Schuld) beschrieben und von mir mit der Tragischen Berufstrias (Verfehlung, Verlust, Trennung) erweitert.

Arbeite ich mit Klienten hin zu einer Stärkung ihrer Weltoffenheit, wird immer wieder gefragt (zuweilen auch in Frage gestellt), ob und wie denn überhaupt davon ausgegangen werden könne, dass die Welt Sinn für einen Menschen bereit hält? Das Gespräch führe ich dann meist so weiter: „Einmal angenommen, eine positive Antwort auf Ihre Frage liegt auf dem Tisch. Würden Sie dann anders handeln als Sie es gerade jetzt tun, wo Sie mir von Ihren Erschwernissen berichten?“ Die Antworten der Klienten auf diese Frage gehen meist in eine Richtung wie: „Sicher, ja, das wäre ja eine Verbesserung, eine Motivation, ein neuer Lebensgrund … für mich“. Manche Klienten sagen auch zum Beispiel: „das wäre erstaunlich, aber ich würde darüber dann zumindest nachdenken.“

Nach dieser Antwort lade ich den Klienten ein, sich für einen Gedanken aus der aristotelischen Philosophie und Physik zu öffnen. Der Gedanke geht in diese Richtung:

„Ihre Antwort gibt wieder, dass Sie sich bewegen, dass Sie handeln werden, wenn Sie Ihre Eingangsfrage positiv beantwortet sehen. Nehmen Sie dazu an, dass es etwas Erstes gibt, dass diese Bewegung in Ihnen anregt. Wir nennen dies nun ‚das unbewegt Bewegende‘. Der Begriff der Bewegung beweist die Notwendigkeit der Annahme eines ersten unbewegt Bewegenden. Die These, dass alle Dinge, die in Bewegung sind, von etwas anderem bewegt werden, bedeutet, dass Bewegung überhaupt nur dann zu Stande kommen kann, wenn es etwas von dem Bewegten Verschiedenes gibt, das die Bewegung verursacht. Wir können Bewegung von etwas nur dann verstehen, wenn wir verstanden haben, von was das, was bewegt wird, bewegt wird.

Wenn Sie also sagen, Sie würden nach Erhalt der Antwort auf Ihre Frage anders handeln als bislang im Kontext Ihres Anliegens, dann steht damit fest, dass Sie selbst es nicht sein können, der sich da zuerst bewegt. Würden Menschen glauben, sie allein wären es, die sich bewegen – sie wären also Selbstbeweger -, dann gingen sie davon aus, dass sie beides sind: jemand, der bewegt wird, und der, der bewegt. Fallen beide aber in Eins zusammen, dann ließe sich Bewegung, die erklärt werden soll, nicht erklären, wir kämen in einen unendlichen Regress. Die Ursache der Bewegung kann also kein Selbstbeweger sein. Vielmehr muss diese Ursache ein unbewegt Bewegendes sein. Da Sie sagen, dass die Antwort auf Ihre Frage Sie in Bewegung brächte, muss es etwas geben, dass unbewegt ist. Nennen wir es das Prinzip, von dem alle Bewegung abhängt.

Welchen Begriffsnamen ein Mensch diesem Prinzip gibt, entscheidet letztlich der einzelne Mensch. Ich habe entschieden, diesem Prinzip den Begriff Sinn zu geben. Sinn ist unbewegt und weil er es ist und in Ihrer Lebenswelt nicht weicht, kann er von Ihnen gefunden werden. Finden Sie ihn, bewegt er Sie und Sie handeln. Wenn Sie diesem Prinzip auch den Begriff Sinn geben wollen, dann hält Ihre Lebenswelt ihn für Sie bereit. Wenn Sie diesem Prinzip einen anderen Begriff zuordnen wollen, dann prüfen wir ihn darauf, ob er unbewegt bewegt und wenn ja, dann nehmen wir diesen.“

„Menschsein heißt, immer schon über sich selbst hinaus und auf etwas gerichtet sein, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder jemanden, auf einen Sinn, den es erfüllt, oder auf anderes menschliches Sein, dem es liebend begegnet. Und es gilt, daß der Mensch in dem Maße er selbst ist, in dem er sich selbst übersieht und vergißt.“
(aus Viktor Frankl, Der Mensch auf der Suche nach Sinn)

Manchmal kommt es beim Gespräch über die Sinnfindung auch zu den Klienten überraschenden Erkenntnissen. Zum Beispiel, dass er bislang daran glaubte, dass er nur wissen müsse, warum er etwas tut, um sich darüber zu motivieren, es auch umzusetzen. Und wer will bestreiten, dass positive und selbstgesteuerte Ziele nicht eine gute Grundlage dafür sind, dranzubleiben, auch wenn das Ziel  schwierig und anstrengend zu erreichen ist? In der Psychologie gibt es zahlreiche Verfahren, die messen, wie es um die psychische Fähigkeit zur Zielerreichung bestellt ist. Und es gibt auch Verfahren, die messen, womit Menschen sich Sinn machen, um diesen subjektiven Sinn dann in Ziele zu transformieren. Dieser Aspekt von Sinn ist ein individueller. Ein universeller hingegen fragt jeden Menschen irgendwann danach, worum es ihm nun zu gehen hat? Die Worum-Frage ist existenziell, sie zu beantworten braucht weit mehr als die Antwort auf die Frage nach einem subjektiven Warum.

Warum soll ich etwas tun? Wer sich so fragt, antwortet selbstbezüglich. Und wer auf diese Frage keine Antwort weiß oder davon ausgeht, diese Frage mangels Kompetenzen oder anderer fehlender Ressourcen ohnehin nicht beantworten zu können, der ist an sich schlau, wenn er sich aus diesem Umstand auch kein Problem macht. Dann lebt man eben in den Tag hinein und vermisst womöglich dabei auch nichts. Werden Menschen mit dieser Haltung dann nach dem Sinn in ihrem Leben befragt, wird man wohl eher ein Achselzucken ernten oder einen gelangweilten Blick – und nicht unbedingt eine Aussage, die darauf schließen ließe, dass es dem befragten Menschen irgendwie schlecht geht. Aber: Die individuell mögliche Bedeutungslosigkeit von Sinn lässt sich mit psychometrischen Verfahren messen, doch sagen die Ergebnisse überhaupt nichts darüber aus, ob dieser Zustand im nächsten Moment für die Person noch gültig ist. Und eben diesen nicht völlig auszuschließenden, nächsten Moment im Leben einer Person, in dem die Antwort auf ein ‚Worum hat es mir jetzt in meinem Leben zu gehen?‘ zu geben ist – dieser Moment ist nicht messbar. Und die Menschen, die diesen Moment gerade jetzt in Form einer Frage fühlen, die ihr Leben ihnen gerade jetzt stellt, kommen in der empirischen Sinnforschung nicht vor. Das alles macht diese Forschung zwar nicht zwecklos, aber eins leistet sie keineswegs: Eine Antwort darauf zu geben, worum es einem Menschen im nächsten Moment seines Lebens wohl zu gehen hat.

„Im Gegensatz zum faktischen Ich ist das Selbst ein fakultatives.
Es repräsentiert den Inbegriff der Möglichkeiten des Ich.“
Viktor E. Frankl (in: „Der leidende Mensch“, 3. Auflage, Huber Verlag, 2005, S. 169)

Dazu ein kleines Reflexionsangebot:
Selbstwirksamkeit: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, etwas in der Welt zu bewegen, einen Unterschied zu machen und die eigene Lebensenergie auf etwas zu richten, was als wertvoll bewertet wird.
Sinnwirksamkeit: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, etwas auf Basis ihrer Werte in die Welt zu schaffen, was durch Hingabe für eine Sache oder in Liebe für einen anderen Menschen einen Sinn verwirklicht.

Entscheidungsfindung in Gewissensfragen

Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl … – oder? Hier zuerst einmal viele Sichtweisen auf, ja, auf was eigentlich?

  • Aus Sicht eines Realisten ist ein Stuhl ein physisches Objekt, das unabhängig von menschlicher Wahrnehmung und Gedanken existiert und objektive Eigenschaften wie Größe, Form, Material und Funktion besitzt.
  • Aus Sicht eines Empiristen ist ein Stuhl ein physisches Objekt, dessen Existenz und Eigenschaften durch sinnliche Wahrnehmung und Erfahrung erkannt werden.
  • Aus Sicht eines Idealisten ist ein Stuhl in erster Linie eine Konstruktion des Gehirns, die als Idee existiert und keine unabhängige Existenz außerhalb des Bewusstseins hat.
  • Aus Sicht eines Konstruktivisten ist ein Stuhl ein Konzept, das durch soziale Interaktionen und individuelle Erfahrungen konstruiert wird, wobei die Wahrnehmung und Bedeutung des Stuhls durch kulturelle und soziale Kontexte geformt werden.
  • Aus Sicht eines Utopisten könnte ein Stuhl als Symbol für eine ideale Gesellschaft betrachtet werden, in der seine Gestaltung, Nutzung und Verfügbarkeit die Prinzipien von Schönheit, Funktionalität und Gleichheit widerspiegeln. Der Stuhl repräsentiert dabei nicht nur ein physisches Objekt, sondern auch die Vision einer perfektionierten sozialen Ordnung und harmonischen Lebensweise.
  • Aus Sicht eines Phänomenologen wird ein Stuhl als Phänomen betrachtet, das durch die unmittelbare Erfahrung und das Bewusstsein des Individuums verstanden wird. Die Bedeutung des Stuhls entsteht durch die Art und Weise, wie er im Bewusstsein erscheint.
  • Aus Sicht eines Pragmatikers wird ein Stuhl in Bezug auf seine praktische Nutzung und die Konsequenzen seiner Verwendung betrachtet. Der Wert und die Bedeutung des Stuhls ergeben sich aus den praktischen Auswirkungen, die er auf das Handeln der Menschen hat.
  • Aus Sicht eines Existentialisten ist ein Stuhl ein Objekt, dessen Bedeutung durch die individuelle Erfahrung und die Freiheit des Menschen, ihm Sinn zu verleihen, entsteht. Existentialisten betonen die Rolle der persönlichen Entscheidung und Verantwortung bei der Interpretation der Welt.
  • Aus Sicht eines Strukturalisten wird ein Stuhl als Teil eines größeren Systems von Zeichen und Bedeutungen betrachtet. Die Bedeutung des Stuhls ergibt sich aus seiner Position innerhalb dieses Systems und den Beziehungen zu anderen Zeichen.
  • Aus Sicht eines Poststrukturalisten wird ein Stuhl als instabiler und fluid konstruierter Begriff betrachtet, dessen Bedeutung sich ständig verändert und von Machtverhältnissen und Diskursen beeinflusst wird.
  • Aus Sicht eines Funktionalisten wird ein Stuhl in Bezug auf seine Funktionen und die Rolle, die er in verschiedenen Systemen spielt, betrachtet. Die Bedeutung des Stuhls ergibt sich aus den Funktionen, die er für Menschen und Gesellschaften erfüllt.
  • Aus Sicht eines kritischen Rationalisten, ist ein Stuhl ein physisches Objekt, dessen Existenz und Eigenschaften zwar durch sinnliche Wahrnehmung erkannt werden, aber dessen Verständnis und Beschreibung stets offen für kritische Überprüfung und Falsifizierung bleiben. Aussagen über den Stuhl sind stets vorläufige Hypothesen, die durch empirische Beobachtung bestätigt oder widerlegt werden können.

Und nun das Ganze einmal für den Kontext „Was ist in der Bundeswehr ein Dienst an der Waffe, und anhand welcher Perspektive soll ich mich für oder gegen diesen Dienst entscheiden?‘

Realismus: Die Frage wird als objektives moralisches Problem gesehen – Handlungen an Waffen haben reale Konsequenzen, die unabhängig von subjektiver Wahrnehmung existieren.
Anregung: Prüfen Sie die tatsächlichen Konsequenzen Ihres Handelns: Was bedeutet es, eine Waffe zu tragen und gegebenfalls auch einzusetzen? Welche objektiven Gefahren oder moralischen Konflikte bestehen?

Empirismus: Die Frage wird durch persönliche Erfahrungen, Beobachtungen und Sinneswahrnehmungen bewertet.
Anregung: Informieren Sie sich über die Zahlen, Daten und Fakten der Bundeswehr: Sprechen Sie mit Soldaten, nutzen Sie die Möglichkeiten der unmittelbaren persönlichen Erfahrung. Welche Rückschlüsse lässt das Datenmaterial auf die moralische Dimension Ihrer Überlegungen zu?

Idealismus: Die Frage existiert primär im Bewusstsein; wesentliche Werte und persönliche Ideale bestimmen, welche perfekte Vorstellung Sie von Ihrem Leben haben.
Anregung: Reflektieren Sie, welche Ideale für Sie zentral sind. Welche Entscheidung stimmt am besten mit Ihrem inneren Bild überein?

Konstruktivismus: Die Frage ist Teil einer sozialen Konstruktion. Ihre Bedeutung entsteht durch Kultur, Erziehung und Austausch.
Anregung: Sprechen Sie mit Familienmitgliedern, Freunden, Lehrern oder anderen jungen Menschen. Welche Vorstellungen und Normen der Gesellschaft beeinflussen Ihre Frage? Wie interpretieren Sie diese für sich selbst?

Utopismus: Die Frage wird als Prüfstein für eine weit über die aktuelle Lage hinausreichende Vorstellung einer zukünftigen Gesellschaft angesehen, für die die aktuell zu treffende Entscheidung einen Beitrag leistet.
Anregung: Überlegen Sie, wie eine Welt aussehen würde, die Sie als die beste aller Welten betrachten. Wie würde Ihre Entscheidung dieser Vision entsprechen oder ihr widersprechen?

Phänomenologie: Die Frage wird aus der unmittelbaren persönlichen Erfahrung betrachtet.
Anregung: Achten Sie auf Ihre unmittelbaren Gefühle und Gedanken, wenn Sie sich vorstellen oder – so Ihnen die Möglichkeit dafür angeboten wird – eine Waffe zu tragen. Welchen Einfluss hat das unmittelbare Erleben auf Ihren Entscheidungsprozess?

Pragmatismus: Die Frage zielt auf die praktischen Folgen Ihrer Entscheidung?
Anregung: Überlegen Sie, welche Konsequenzen Ihr Handeln konkret haben wird – für Sie selbst im Kontext Ihrer Persönlichkeitsmerkmale, Kompetenzen, Interessen usw., für andere Menschen, für die Gesellschaft und Ihre Lebenswelt.

Existenzialismus: Die Frage zielt auf den Zusammenhang von individueller Freiheit und Verantwortung.
Anregung: Prüfen Sie, welche Freiheitsgrade Ihnen zur Verfügung stehen, um Ihre Entscheidung selbst zu treffen und reflektieren Sie dann, welche Wahl authentisch für Ihr Leben ist und wofür Sie persönlich Verantwortung übernehmen wollen.

Strukturalismus: Die Frage findet ihren Platz im System von Normen und gesellschaftlichen Regeln und wird aus dieser Perspektive beantwortet.
Anregung: Analysieren Sie, welche Werte, Gesetze und sozialen Erwartungen die Bundeswehr einerseits und Ihr Lebensumfeld andererseits definieren. Welche Handlungsoptionen ergeben sich daraus systematisch?

Poststrukturalismus: Die Frage wird als dauerhaft offene Frage behandelt, da sie von flexiblen Diskursen und Machtverhältnissen beeinflusst wird.
Anregung: Hinterfragen Sie die aktuell dominanten Narrative zur Frage, warum oder warum nicht ein Dienst an der Waffe von wem als ‚richtige‘ Entscheidung angesehen wird? Welche weiteren Perspektiven und Diskurse könnten andere Antworten nahelegen?

Funktionalismus: Die Frage wird nach ihrer Funktion im sozialen System gestellt
Anregung: Überlegen Sie, welchen Auftrag Ihr möglicher Dienst an der Waffe im militärischen, gesellschaftlichen oder familiären System erfüllt. Welche dieser Funktionen sind dabei für Sie relevant?

Kritischer Rationalismus: Die Frage steht im Licht rationaler Überlegung, aber unter dem Vorbehalt, dass alle moralischen Theorien und Prinzipien fehlbar sind und stets einer kritischer Prüfung ihrer Hypothesen bedürfen.
Anregung: Formulieren Sie zuerst unterschiedliche Positionen zum Dienst an der Waffe als „Hypothesen“ (z. B. „Dienst ist vertretbar, weil…“, „Dienst ist problematisch, weil…). Prüfen Sie sie kritisch: Welche Argumente stützen oder widerlegen sie? Unter welchen Bedingungen würden Sie Ihre Entscheidung auf Grundlage neuer Informationen oder Einsichten anpassen?

Allgemein: Mit jeder Entscheidung wählt ein Mensch etwas und er wählt gleichzeitig etwas ab. Existenzielle Entscheidungen tragen im Kern immer einen Wertekonflikt in Form eines Dilemmas mit sich. Jeder Mensch hat im Leben irgendwann eine solche Bedingung, zu der er so oder so Stellung beziehen muss. Als Grundlage der Orientierung dient für eine persönliche, freie und verantwortete Stellungnahme das individuelle Wertesystem.

Gewissensfrage Waffendienst

Soll ich oder soll ich nicht? Als ich damals vor langer Zeit das Schreiben zur Musterung erhielt, stand ich ziemlich alleine da mit meiner Entscheidung. Anfang der Achtziger Jahre dachte niemand an das, was ein Jahrzehnt später Realität werden sollte: die Wiedervereinigung Deutschlands. Oder was vierzig Jahre später real werden würde: ein Krieg in Europa. Der Krieg war ein kalter und sich ein richtiges Feindbild vorzustellen, fiel nicht nur mir schwer. Trotzdem war da der Zettel der Bundeswehr, und es gab kein Social Media, keine Informationen in der Schule, ein paar Gespräche mit den Eltern, die in die Richtung gingen: Geh hin, es dauert nicht lange, dann hast du es hinter dir … Wenig inhaltsreich, aber für mich verständlich, wenn ich den Kontext in der ganzen Familiengeschichte mit in Betracht zog. Alles in allem war mir bewusst, du musst da alleine durch. Und am Ende stand auch bei mir die Frage im Raum: was wärst du bereit zu verteidigen? Die Frage von damals mit heute zu vergleichen, ist zwar schon sportlich, denn zu meiner Zeit war Krieg abstrakt, heute ist er konkret. Damals war er kein sonderlich gesellschaftliches Thema, Landesverteidigung ja, nicht aber Krieg. Heute ist er überall und damit wohl auch in jedem Kopf von Jugendlichen, die vor der Frage stehen, soll ich oder soll ich nicht? Dennoch, an dieser zentralen Frage kam auch in meiner Generation niemand vorbei. Ich entschied mich für die Verteidigung und zwar an sich ganz egoistisch. Ich entschied mich für die Verwirklichung meines zentralen Wertes, der Freiheit. Diesen Wert zu verweigern zu verteidigen, dieser Gedanke war mir gruselig. Mir musste man aus vierlei Gründen nicht sagen, dass es sich lohne, für diesen Wert zu kämpfen. Kein anderer Wert war je stärker in mir handlungsleitend. Für diesen Wert habe ich Verantwortung übernommen, und ich schätze, es hat sich nicht geändert: Für den Wert, der die individuelle Gewissensfrage beantwortet und den jeder Mensch hat, kann auch nur er die Verantwortung übernehmen. Wer diesen Wert für sich noch nicht geklärt hat, sollte in sich gehen und alle Botschaften von außen dazu abschalten, selbst die Botschaften derer, die einen lieben. Hallo Jugendliche, für mich ist es die Freiheit gewesen, und für Sie?

Eigentlich ist Leben einfach – 10

Zum Abschluss meiner Reflexionen zum Thema ‚Eigentlich ist Leben einfach‚ hier ein Coachingbeispiel:

Florian, 44, ist Vertrauenslehrer und Schulpsychologe an einer bayrischen Gesamtschule. Nach Corona hat er bei sich selbst und im Rahmen vieler Gespräche auch bei einer Reihe von Kollegen und zahlreichen Schülern bemerkt, dass Gefühle der Überforderung, Gehetztheit und innerer Orientierungslosigkeit zugenommen haben. Florian: „Diese Zeit war für mich nicht nur geprägt von einem hohen Anspruch, für unsere Schüler funktionieren zu müssen, sondern ich hatte auch sehr viel Zeit, mir über mein eigenes Leben Gedanken zu machen. Dann kam der Ukrainekrieg dazu und die erste KI-Welle, die bei einer Person in meiner Familie bereits zu einem Stellenverlust geführt hat. Wir leben in einer Umbruchszeit, in der vertraute Systeme immer weniger greifen. Frühere Erfahrungen von Sicherheit und Struktur weichen einem inneren Durcheinander und der Vergleich mit ihnen zu einem negativen Klima. Viele jammern, klammern, beschweren sich, betäuben sich und haben doch eigentlich nur Angst.“

Coach: „Wobei die Formen der Angst individuell sehr unterschiedlich sein können. Wenn Sie vom Wegfall von Sicherheiten sprechen, dann neigen manche Menschen dazu, aus lauter Angst vor der Vergänglichkeit etwas erzwingen zu wollen, das aus ihrer Sicht unumstößlich sein soll. Die damit einhergehende Starrheit wird zu einem Dauerstress, weil die Zeit, in der wir leben, dazu beiträgt, dass diese Menschen das Gefühl haben, selbst dauernd von irgendetwas umgestoßen zu werden. Wenn sich diese Angst Bahn bricht, dann erlebt man zuweilen Menschen, die Beziehungen in Machtkämpfe führen, um so eine Sicherheit zu gewinnen, die sie schnell verlieren, wenn sie auf jemanden treffen, der seine Selbstsicherheit nicht verloren hat oder der seine Angst auf andere Weise zeigt.

Ein solcher Gegenspieler ist zum Beispiel ein Mensch, der vor Ansprüchen anderer Menschen Angst hat, der sich in Einsamkeit oder Isolation begibt, weil er nicht gelernt hat, sich menschlicher Nähe zu öffnen und sich ihr positiv hinzugeben. Für solche Person werden Menschen eher zu Werkzeugen, an denen sie ihre Wut und ihren Frust ablassen können.

Eine dritte Variante zeigen Menschen, die Angst davor haben, allein gelassen zu werden. Sie haben eben beschrieben, dass in Ihrem Umfeld Personen ein klammerndes Verhalten gezeigt haben. Als Vertrauenslehrer werden Sie womöglich gerade von diesen Menschen oft beansprucht worden zu sein als Corona so viele Beziehungen brüchig werden ließ. Sich ungeborgen zu fühlen kann bis zu einer Art Abhängigkeit von anderen führen, manchmal einhergehend mit Idealisierungen dieser Menschen. Gehen diese dann auf die Klammerung nicht ein, sind Verzweiflung und Depression nicht fern.

DIe Menschen, die gerade das Anklammern fürchten, haben eine weitere, vierte Angst. Die Angst vor dem Endgültigen. Alles soll im Fluss bleiben, man lebt sein Leben und andere sollen einen darin auch bestätigen. Dass sich die Welt womöglich gerade anders dreht, wollen diese Menschen nicht wahrhaben, und so würden sie am liebsten weiterziehen und sich ihrer Wunschwelt nähern – aber bei Corona, da war allzu oft Schluss mit lustig.

Egal wie unsicher und ängstlich Menschen sind – tritt ihnen jemand gegenüber auf, der ihnen die Lösung verspricht, dann folgen viele lieber dieser äußeren Führung, als in die Eigenverantwortung zu kommen. Haben Sie solche Erfahrungen gemacht?“

Florian: „Auf jeden Fall, und viele Menschen verlieren diese Eigenverantwortung, weil ihnen früh beigebracht wurde, sich Vorschriften zu unterwerfen. Wenn einem ständig gesagt wird, was man tun soll, verliert man das Gefühl, selbst gestalten zu dürfen. Ich hatte Glück, dass in meiner Kindheit dies nicht der Fall war, trotzdem zähle ich mich eher zu der von Ihnen genannten letzten Angsthasengruppe, weil ich in der Coronazeit dieses Empfinden hatte. Und ich weiß, dass im Gehirn hemmende Muster aufgebaut werden, die Bedürfnisse wie Bewegung, Neugier oder eigenes Gestalten unterdrücken, nur um Erwartungen anderer zu entsprechen. So entstehen Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die zwar funktionieren, sich aber innerlich nicht mehr lebendig fühlen. Als ich damals auf mein Leben schaute, erschrak ich schon, weil mir bewusst wurde, auch zu einem solchen Kreis der Funktionäre zu gehören.“

„Welche Schlüsse haben Sie daraus gezogen?“

Florian: „Dass ich zu keinem dauerhaften Objekt der Erwartungen von Dritten werden will. Klar, ich  werde vor Rahmenbedingungen gestellt, Stichwort Kulturministerkonferenz. Ich stehe täglich wie jeder andere Lehrer, wie jeder Mensch, auch vor einer imaginären Liste von Bedingungen, die mir andere Menschen oder Systeme vorgeschrieben haben. Das finde ich auch okay. Was nicht okay war, dass ich darüber vergessen hatte, dass ich mich immer selbst zu diesen Bedingungen einstellen kann. Mir wurde bewusst: Wenn ich mich so fühle, dass mich andere zu ihrem Objekt machen, dann mache ich mich selbst klein. Dann kränke ich mich selbst. Dann rede ich mir eine Minderwertigkeit selbst ein.“

„Ja, und wenn ein Mensch dieses Empfinden wieder loswerden will, dann hat die Psyche dafür drei Möglichkeiten parat. Entweder man erduldet den Zustand, oder man überkompensiert ihn und macht Dinge, wo andere Menschen sich wundern und sich fragen, was das soll oder ob man das wirklich nötig hat. Oder man flieht aus den Bedingungen, meist in andere. All das ist menschlich, und doch irgendwie unbefriedigend. Erdulden ist wie Selbstaufgabe, beim Überkompensieren distanzieren sich viele Menschen und übrig bleiben einem die, die auch diese psychische Strategie eingeschlagen haben – dann fährt man zum Beispiel mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen eben mit anderen, die solche auch haben, Autorennen auf der Bundesstraße. Flucht ist auch eine Variante, und manchmal ist sie schlau, wenn es um echten Selbstschutz geht. Wenn ich aber ’nur‘ glaube, dass ich Besseres verdient habe als mich mit den gegebenen Bedingungen wirklich einmal auseinanderzusetzen, dann lehrt die Erfahrung, dass Menschen dann nur eine Art Aktiv-Passiv-Tausch machen und sich in neuen, nur anderen Bedingungen wiederfinden.

Florian: „Ja, und solche Überlegungen haben mich ja auch zu Viktor Frankl geführt. Wenn ich mich gegen meine innere Stimme wende, verliere ich den Zugang zu mir selbst, das war mir schnell klar. Und wenn ich an die Situationen zurückdenke, in denen ich dieses Gefühl hatte, dann merke ich jetzt noch, wie unglücklich ich war. Und dass ich dann auch für andere nicht das übrig hatte, was für sie wichtig gewesen wäre. Das tut mir bis heute leid. Was mir seither aber immer wieder durch den Kopf geht ist die Frage, ob die innere Stimme nicht ihrerseits wieder eine Erwartung anderer ist. Eine Stimme aus einem erlernten Hintergrund, quasi. Mein Anliegen ist also, woher weiß ich, dass diese Stimme die eigene innere ist?“

Coach: „Das ist eine wichtige Frage. Gehen wir dazu zuerst davon aus, dass Sie mit einem authentischen Selbst in die Welt kamen, niemals – sagen wir es technisch – mit einer leeren Festplatte geboren wurden. Dieses Selbst wird in den ersten zwei, drei Jahren – sagen wir es wieder technisch – neu formatiert. Meist sind es die Eltern, die ihre Kinder ‚zu sich ziehen‘ und ihnen vermitteln, wie sie zu ihnen stehen, was ihnen für ihre Kinder wichtig ist, wie wichtig die Kinder für sie sind und so weiter. Auf ihr früheres Selbst legt sich nun eine Konstruktion, nennen wir es ‚Ich‘. Im Ich finden sich nun die Muster, Rollen und Erwartungen, die die Bezugspersonen ihren Kindern einschreiben, bewusst und unbewusst. Diese Einschreibungen sind für ein Kind identitätsstiftend, schließlich kommen sie ja nicht von irgendwem, sondern von den wichtigsten Personen um das Kind herum. Zwischen Selbst und Ich entsteht nun ein mehr oder minder starker Konflikt. Und dieser Konflikt wandert weiter und wird verschärft oder entschärft, je nach dem, welche weiteren Bezugspersonen das Kind für sich erkennt, also Lehrer zum Beispiel oder Sportidole, Kirchenleute, Influencer, Freunde usw.. Von allen geht latent eine Menge an Erwartungen aus – ‚wenn Du, dann …‘, ‚damit Du, musst Du…‘ oder auch eine Menge an Erlaubnissen aus – “Du bist gut wie Du bist …‘, ‚Mach ruhig Dein Ding …‘ Werden die Erwartungen erfüllt, dann lockt eine Belohnung. Wenn nicht, dann droht Sanktion. Werden die Erlaubnisse nicht eingelöst, entsteht auch ein Dilemma, wenn der junge Mensch irgendwann zur Erkenntnis kommt, dass seine Fähigkeiten nicht ausreichen, um zu schaffen, was er wollte. In einem solchen Moment ist sicher jemand nicht weit, der dann wieder Erwartungen formuliert … –  so bleibt es ein einfaches Spiel für die Bezugspersonen, ein schwieriges für ein Kind oder einen Jugendlichen, denn er steht immer wieder vor der Aufgabe: Anpassung oder eigene Stellungnahme.

Wenn ich Sie als Lehrer anspreche, dann als eine Person, die einen Beitrag dafür leisten kann, Kindern und Jugendlichen den Raum zur eigenen Stellungnahme zu vergrößern. Damit besteht die Chance, dass die jungen Menschen aus ihren Verwicklungen herauskommen und erfahren, dass es auf ihr eigenes Denken ankommt. Ein Denken, dass der eigenen inneren Stimme folgt, um über sie zu einer eigenen Stellungnahme zu kommen. Ein Lehrer wird damit für mich zu einem Denkhelfer, der junge Menschen darin unterstützt, sich damit auseinanderzusetzen, wer man eigentlich, also ursprünglich ist.

Nun zu Ihrer Frage, wie unterscheide ich Introjekte von eigenen Stimmen? In meiner Anschauung können diese Aspekte dabei helfen:

Wenn Sie ein Introjekt in sich hören, dann sagt es Ihnen zumeist, wie Sie sein sollten und nicht, wie Sie sind. Dann findet sich oft auch eine Strenge oder ein moralischer Ton wie ‚du musst…“, „du solltest…“, „Das macht man nicht…“. Die Stimme spricht dabei eher so unpersönlich oder verallgemeinernd, dass der Eindruck entsteht, sie käme eher von draußen und in einer Weise, dass dieses Draußen eine Angst mitschwingen lässt. Womöglich meint es die Stimme sogar gut mit Ihnen, aber sie verknüpft es mit einer Art Forderung: Wenn du mich nicht erhörst, dann kannst du nicht den Erwartungen genügen, also bist oder wirst du dumm, unbeliebt, unbrauchbar usw. Eine solche Stimme immer wieder innerlich zu hören, kann einen fertig machen – warum, weil es das Authentische, das Geistige der Person ja immer noch gibt. Der Versuch der Introjekte, sich Gehör zu verschaffen, läuft lebenslang, das ist auch ihr Job, denn schließlich stehen dahinter ja Menschen, die es womöglich nur gut meinten.

Ihre eigene innere Stimme ist dagegen meist kontextsensibel und flexibel. Sie ist keine Stimme, die Sie ein für allemal besitzen, sondern eine, die sich mit Ihnen in einem Prozess der Entwicklung befindet. Sie meldet sich situativ, sie ist pragmatisch, neugierig, selbstbewusst, sie ist zu Ihnen auch freundlich. Wenn Sie mit ihr „ins Gespräch gehen“, dann wird sie Ihnen nicht drohen, sondern sich eher plastisch einbringen und ihre Botschaft auch verändern, wenn sie die guten Gründe erfährt, die Ihnen am Herzen liegen. Ein guter Sensor ist dabei Ihr Körper, denn diese Stimme fühlt sich im Körper eher ruhig, weit und entlastend an. Wenn die innere Stimme wieder gelernt hat, dass sie gehört wird und sie sich mitteilen darf, dann wird sie keine Erwartungen formulieren, sondern Ihnen Hinweise geben, welche Ihrer eigenen Werte es sind, die Sie in dem, worum es Ihnen in der aktuellen Situation geht, verwirklichen können. In diesem Moment geben Sie sich selbst das Maß vor, Sie werden sich selbst maßgeblich.

Jetzt habe ich eine Frage an Sie in Ihrer Rolle als Lehrer. Wie kann Ihre innere Stimme wieder lernen, dass sie von Ihnen gehört wird? Wenn Sie also der Lehrer Ihrer eigenen inneren Stimme sein wollen, wie werden Sie dann vorgehen?

Florian: „Da würde ich das so machen wie bei einem Waldspaziergang mit einem Freund. Da ist Geduld für mich wichtig, keine unnötige Ablenkung, schon aber eine Richtung, weniger ein Ziel. Nach dem, was wir besprochen haben, ist die innere Stimme nicht zu messen. Wenn sie sich meldet als Introjekt, dann spricht sie immer nur mich an und in einer Weise, von der ich weiß, dass sie mir nicht entspricht. Bei einem Spaziergang geht es mir im Gespräch aber um meinen Freund. Ich würde meiner inneren Stimme also sagen, dass es nicht um mich geht, wenn sie sich einbringen will.“


Florians Resümee zeigt, dass er seine innere Stimme in die beiden unteren AQAL-Quadranten im Wilber-Modell lenkt. Und dies mit Werten wie Geduld, Konzentration, Zuneigung.


Coach: „Wenn Sie dieses Bild nun auf das Gespräch zwischen Ihnen und Ihrer inneren Stimme übertragen, wie wollen Sie dann vorgehen, wenn die Stimme etwas sagt, bei der es um ihre Erwartungen an Sie geht?“

Florian: „Spontan würde ich da sagen: Danke für die Information, aber um mich geht es hier und jetzt nicht. Wenn ich das höre, gehts mir gleich besser, erstaunlich.“


In meiner, aus der Praxis entstandenen phänomenologischen Sinnfindungsforschung zeigt sich, dass geistig-spirituelle Praktiken, die Zugänge zur Transzendenz eröffnen, häufig mit höherem Wohlbefinden und geringeren Stresswerten einhergehen. Das Beispiel aus der Arbeit mit Florian reiht sich hier aus meiner Sicht gut ein. Frankls Logotherapie liefert hierfür die anthropologische Basis: Selbsttranszendenz, also die Fähigkeit, sich über das eigene Ego hinaus in Liebe oder Hingabe auf Aufgaben und andere Menschen zu beziehen, ist nicht nur ein existenzielles Postulat, sondern eine empirisch nachweisbare Ressource für eine psychische Gesundheit.

Wilbers Modell bietet zudem die theoretische Möglichkeit, diese transzendente Dimension in ein systematisches Entwicklungsmodell einzubetten. Dabei wird deutlich, dass psychisches Wohlbefinden kein eindimensionaler Zustand ist, sondern aus einer Vielzahl von Faktoren zusammengesetzt wird, die sowohl intrapsychisch als auch interpersonell, kulturell und systemisch verankert sind. Genau an diesem Punkt setzt die Idee einer Integralen Logotherapie an: Sie verbindet Frankls anthropologische Grundthese vom Willen zum Sinn mit Wilbers integraler Landkarte, um die unterschiedlichen Zugänge der Selbstfindung (obere Quadranten) und Sinnfindung (untere Quadranten) nicht nur zu erkennen, sondern praktisch nutzbar zu machen.

Beide Theorien mit einem Brückenschlag zu verbinden, soll dem Prinzip des Ockhamschen Messers folgen. „Seiendes soll nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“, so der englische Philosoph Wilhelm von Ockham. Sofern die hier skizzierte Idee einer Integralen Logotherapie an anderer Stelle weitergeführt werden sollte, dann wäre darauf zu achten, keine Überfrachtung des vernetzten Theoriegebäudes zuzulassen, sondern sich auf das Wesentliche zu beschränken, das Frankls Gedankengut nützlich erweitert. Wilbers AQAL-Modell kann meines Erachtens diesen Nutzen stiften, es war meine Absicht, einige Ideen dazu in den vergangenen Beiträgen einzubringen.

Eine Therapie oder ein Coaching, das logotherapeutische und integrale Perspektiven verbindet, fördert das psychische Wohlergehen, indem sie nicht nur bei individueller Zielerreichung unterstützen, sondern zuvorderst ihren zentralen Ausgangspunkt im Kontext der Sinnorientierung der Person setzt. Für diese Perspektive ist die Sinnlehre Frankls das Fundament, und Wilbers integrale Ausrichtung bietet eine spannende Möglichkeit für jeden Menschen, kontextuell sich seiner leitenden Werte im Spiegel seiner biografischen Entwicklung, seines Typus und seiner Bedürfnisse für ein gelingendes Leben bewusst zu werden.