Schlagwort-Archiv: Sinn

Wenn man sinnsatt wäre

Als Logotherapeuten brennen wir für den ‚unbedingten Sinn‘.
Wir wissen um den besonderen Prozess der individuellen Sinnsuche.
Suchen, zweifeln, verzweifeln, verwerfen, neu beginnen, anders suchen, neu zweifeln – solange bis jemandem oder etwas eine zwingende Bedeutung beigemessen wird.
Wäre dieser Prozess nicht ein menschliches Existenzial, dann wäre der bereits satte Mensch ein eingeschläfertes Wesen.

Ralph Schlieper-Damrich

Gehirn und Sinn

Jill Bolte Taylors Buch Gehirn hoch 4 ist die Verbindung einer außergewöhnlichen neurologischen Erfahrung mit moderner Hirnforschung. Ausgangspunkt ist ihr eigener Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte, durch den sie zeitweise Sprache, autobiografisches Gedächtnis, Zeitgefühl und das Gefühl eines abgegrenzten Ichs verlor. Gleichzeitig erlebte sie einen Zustand tiefer Gegenwärtigkeit, Verbundenheit und inneren Friedens. Diese paradoxe Erfahrung des Verlustes der Ich-Funktion bei gleichzeitiger Erweiterung des Bewusstseins wird für Taylor zum Schlüssel, um das menschliche Gehirn neu zu verstehen.

Sie entwickelt daraus die These, dass unser Gehirn nicht eine einheitliche Persönlichkeit erzeugt, sondern aus vier funktionalen „Charakteren“ besteht, die sich aus der Kombination von linker und rechter Hemisphäre sowie Denken und Fühlen ergeben. In der linken Hemisphäre liegen zwei dieser Anteile: das denkende Ich (Charakter 1), das logisch analysiert, plant, Sprache benutzt und Zeit in Vergangenheit und Zukunft gliedert, und das emotionale Ich (Charakter 2), das unsere Ich-Identität, Ängste, Selbstschutzmechanismen und Verletzlichkeit trägt. Diese beiden linken Anteile sind stark auf Kontrolle, Bewertung und Abgrenzung ausgerichtet. Sie erzeugen das, was wir gewöhnlich als unser „Ego“ erleben – ein Ich, das sich getrennt von der Welt fühlt und ständig versucht, Sicherheit herzustellen.

In der rechten Hemisphäre verortet Taylor zwei weitere Anteile. Das rechte emotionale Ich (Charakter 3) erlebt die Welt in Beziehung und Resonanz. Es fühlt Mitgefühl, Verbundenheit, Dankbarkeit und Nähe zu anderen Menschen. Noch grundlegender ist das rechte Seins-Ich (Charakter 4), das jenseits von Gedanken, Zeit und persönlicher Geschichte existiert. In diesem Zustand erleben Menschen sich als Teil eines größeren Ganzen, in tiefer Präsenz, Stille und Sinnhaftigkeit. Genau diesen Zustand erlebte Taylor während ihres Schlaganfalls besonders intensiv, weil die linke, identitätsbildende Gehirnhälfte vorübergehend ausfiel.

Der Kern des Buches ist die Einsicht, dass diese vier Anteile nicht bloß theoretische Konstrukte sind, sondern reale, neuronale Funktionsweisen unseres Gehirns. Wir leben normalerweise überwiegend in den linken Anteilen, vor allem im denkenden und im ängstlich-identifizierten Ich. Dadurch entstehen Stress, innere Anspannung, Selbstkritik und das Gefühl, ständig etwas beweisen oder kontrollieren zu müssen. Das rechte Seins-Ich ist jedoch immer vorhanden, nur wird es im Alltag meist vom Lärm des Denkens und der Sorgen überdeckt.

Taylor zeigt, dass Gedanken und Emotionen neurobiologisch gesehen nur kurzlebige Aktivierungsmuster sind. Wenn wir sie nicht ständig weiterfüttern, beruhigt sich das Nervensystem von selbst, und der Zugang zur rechten Gehirnhälfte mit ihrer Präsenz, Weite und inneren Freiheit  öffnet sich wieder. In diesem Sinne versteht sie Freiheit nicht als äußere Unabhängigkeit, sondern als die Fähigkeit, bewusst zu wählen, welchem inneren Zustand wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

Ein zentraler Gedanke des Buches ist, dass Sinn nicht durch Denken erzeugt wird. Das linke Gehirn versucht Sinn über Ziele, Leistung und Identität herzustellen, doch das bleibt fragil. Der tiefere Sinn entsteht im rechten Seinszustand, in dem wir Verbundenheit mit dem Leben selbst erfahren.

So ist Gehirn hoch 4 letztlich ein Plädoyer für eine radikale Verschiebung unseres Selbstverständnisses: Wir sind nicht unsere Gedanken, nicht unsere Ängste und nicht unsere Geschichten, sondern das Bewusstsein, das all das wahrnehmen und zwischen verschiedenen inneren Welten wählen kann. Taylors Buch lädt dazu ein, diese Wahlfähigkeit wiederzuentdecken und aus einem Zustand der Präsenz, Verbundenheit und inneren Freiheit zu leben.

Aus der Perspektive der Sinntheorie Viktor Frankls können wir dessen Hinweis, dass sich objektiver Sinn für einen Menschen stets in dessen Welt finden lässt, mit dem Charakter 4 in Verbindung bringen, während der Sinnsubjektivismus, der gemachte Sinn, mit den Denkprozessen des Charakters 1 korrespondiert.

Das Sinngebirge – eine erfreuende Intervention

In der sinnzentrierten Psychotherapie und im Sinncoaching biete ich zuweilen meinen Klienten eine Intervention an, wenn es um die existenzielle Frage geht, ob und in welchem Maße das bisherige Leben sinnvoll war. Hinter dieser Frage stehen zuweilen Selbstzweifel, ob man den Erwartungen des Umfeld entsprochen hat, ob man mehr aus seinem Leben hätte machen können, was man wohl verfehlt hat. Dass man Höhen und Tiefen im Leben erlebt, dass mancher Aufstieg mühselig und mancher Abstieg schmerzhaft ist, das weiß jeder Mensch. Wenn man so auf sein bisheriges Leben schaut, dann fokussiert man meist die besonderen Momente des Glücks oder Unglücks, die erreichten oder verpassten Ziele, die Themen, die man bewegt hat oder hätte bewegen wollen oder sollen, ohne es je getan zu haben. Doch das ist lange nicht alles. Und dieses ‚Alles‘ soll mit einer Übung angeschaut werden. So geht sie:

Mein(e) Gesprächspartner(in) wird eingeladen, zu Hause, mit Zeit und gerne mit Unterbrechungen, aber stets störungsfrei für jedes(!) Lebensjahr mindestens ein selbst so empfundenes und persönlich erlebtes förderliches und mindestens ein ebenso persönlich erlebtes hinderliches Ereignis zu notieren. Gab es mehrere Ereignisse in einem Lebensjahr, so werden sie ebenfalls notiert. Kann sich die Person an den Monat oder das Quartal erinnern, in dem das Ereignis eintrat, dann wird auch das notiert (manchmal erleichtert dabei, sich an die Jahreszeit, einen Ort oder eine andere Begebenheit zu erinnern, die zeitlich um das Ereignis herum stattfand). Förderlich und hinderlich verstehen wir hier so, dass das jeweilige Ereignis den weiteren Lebensweg partiell, temporär oder auch allumfassend positiv oder negativ beeinflusste.

Als nächstes folgt eine Skalierung jedes Ereignisses von -10 (extrem hinderlich) bis +10 (extrem förderlich). Hilfreich ist es, die entstehende Liste mit den Skalenwerten in einer Excel-Datei zu notieren, für jedes Ereignis steht dann eine Zeile zur Verfügung.

Ist die Erinnerung abgeschlossen und alle Skalenwerte gesetzt, so kann man entweder in Excel die Skalenwerte in eine grafische Darstellung übertragen oder dies von einer KI wie ChatGPT erledigen lassen. Bei diesem Arbeitsschritt wird der Befehl gegeben, alle Werte so zu stauchen, dass der oder die negativsten Werte auf 0 gesetzt und alle anderen so berechnet werden, dass sie den maximalen Wert 10 erhalten. So landen alle zuvor negativen Werte (-10 bis 0) in der neuen Grafik auf den Werten von 0 bis 5, alle zuvor positiven Werte (0 bis +10) auf den Werten 5 bis 10 (der alte Wert 0 und der neue Wert 5 stellen damit tendenziell indifferente Werte dar, bei denen der Klient zwar die Bedeutung des Ereignisses für sein Leben durchaus fühlte, jedoch offenließ, ob er dessen Auswirkungen auf das folgende Leben als förderlich oder hinderlich erachtete.

Bei einem Klienten sah dies so aus:

 

 

 

 

 

 

Bei dieser Übung erinnerte der Klient aus seinem Empfinden lebenswegfördernde und -hindernde Personen, Qualifizierungen, Reisen, Kunst- und Kulturerlebnisse, politische Rahmenbedingungen … und auch Situationen, in denen er sich zu einer Stellungnahme aufgerufen fühlte, um etwas zum Besseren zu wenden.

Im nächsten Schritt wurde ChatGPT gebeten, die Zahlenwerte in eine optisch geglättete Lebenslinie zu übertragen. Hier das Ergebnis:

 

 

 

 

 

Und in einem weiteren Schritt erhielt die Maschine den Auftrag, aus dieser Kurve ein Bild zu gestalten, das optisch einer Berg-Topografie ähnelt.

Dieses Bild wiederum wurde in einem neuen Chat hochgeladen mit dem Auftrag, auf die Suche zu gehen, nach einem real existierenden Gebirge. Hier erhielt der Klient dieses Ergebnis:

ChatGPT: „Basierend auf der visuellen Komplexität und fraktalen Natur, die wir in deiner Berg-Topografie erkennen, ist eine interessante Analogie der Abschnitt der norwegischen Küste, der rund um die Lofoten verläuft. Diese Region wird oft für ihre zerklüftete, fast fraktale Küstenlinie beschrieben – ein Vergleich, der durchaus als passend erscheinen könnte, um das Auf und Ab deiner Lebenslinie zu spiegeln. Diese Küstenlinie weist zwar natürlich keine exakte Übereinstimmung mit deiner Topografie auf, bietet aber eine ähnlich strukturierte, dynamische Form, die als visuelle Analogie gut dienen kann.“

Der Klient ging nun auf die Suche nach einer Abbildung im Internet und fand nach einiger Zeit dieses Bild, das in seiner Wahrnehmung zahlreiche Ähnlichkeiten mit seiner Lebenslinie aufwies.

Als er das Symbolbild seines Lebens betrachtete und ich ihm die Frage stellte, worin sich die Erlebnisse ähneln, die im Bild als Gipfel zu sehen sind, schaute er in seiner Liste nach und fand neben den Ereignissen, die ihn zu einer persönlichen Stellungnahme aufriefen, Personen, die in sein Leben traten und die für seinen weiteren Lebensweg förderlich waren. Und er resümierte: „Die Werte, die ich im Zusammenhang mit den Ereignissen verwirklichen konnte, waren Gerechtigkeit, Zutrauen und Freiheit, und die Personen schenkten mir ihr Vertrauen, ihre Weitsicht und ihre Geduld.“

„Würden Sie Ihre Frage, ob und in welchem Maße Ihr bisheriges Leben sinnvoll war, nun noch so beantworten, wie Sie es vor einigen Wochen taten, als unsere Zusammenarbeit begann?“

Kinder und Sinn(krise)

Im Jahr 2024 haben sich laut Statistischem Bundesamt 216 Kinder und Jugendliche bis einschließlich 19 Jahre suizidiert. Mit ihrer Entscheidung haben sie zum Ausdruck gebracht, dass sie ihren Möglichkeitsraum, Sinn in ihrem Leben zu finden, als geschlossen angesehen haben. Wenn Kinder und Sinn miteinander diskutiert werden, finden sich in der Literatur zumeist Diskussionen darüber, ob und wie das Aufwachsen und Erziehen von Kindern dem Leben ihrer Bezugspersonen Sinn verleiht. Auch wird dabei die ‚Funktion‘ von Kindern, die Ahnenreihe der Familie fortzusetzen oder das materielle und-oder geistige Erbe ihrer Vorfahren zu bewahren, ins Spiel gebracht. Auch galt die Einbettung eines Mitarbeiters in eine eigene Familie mit Kind(ern) lange Zeit als Kriterium, um im gehobenen Management Karriere machen zu können, wurde damit aus Sicht der Entscheider ein Hinweis auf Sozialkompetenz, Verantwortungsübernahme und Zukunftsausrichtung gegeben.

Derlei Sichtweisen auf den Sinn von Kindern reduzieren die Person des Kindes auf eine Instanz, die dem Erwachsenenleben Sinn hinzufügt. Über das Sinngefühl eines Kindes zu sprechen, hat sich weder in der Psychologie noch in der Philosophie als Diskursthema durchgesetzt, und es bleibt erst noch zu erwarten, dass sich die Wissenschaft dazu aufruft, die Gründe dafür zu erforschen. Wie gesagt: 216 Suizide im letzten Jahr, nur in Deutschland.

Bevor man auf die Idee kommt, der Hypothese zu folgen, dass einem Kind die Antwort fehlen könnte auf seine Frage ‚Worum soll es mir gehen, wenn ich lebe?‘, fragt man wohl eher ‚Warum wurden die Bedürfnisse eines Kindes nach Bindung und Zugehörigkeit, Orientierung und Kontrolle, Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sowie nach Lustgewinn und Unlustvermeidung derart nicht erfüllt, dass es im Suizid einen Ausweg sah?“ Während die letzte Frage auf die psychophysischen Bedürfnisse eines jeden Kindes rekurriert, würde die erste Frage bedingen, sich mit jedem einzelnen Kind und dessen Lebensentwurf und seine Sicht auf die Welt auseinanderzusetzen. Mit etwas Glück und Achtsamkeit erfahren es die Bezugspersonen, wenn Kinder ihrerseits mit solchen Fragen um die Ecke kommen. Mit noch mehr Glück spüren Kinder, ob ihre Fragen auch ernstgenommen werden.

Exkurs: Heute wurde ein Ergebnis einer Befragung von weiterführenden kommunalen und staatlichen Schulen in Bayern bekannt. Dabei wurde in über 60% der teilnehmenden Mittelschulen, Realschulen, Fachoberschulen und Gymnasien von Vorfällen wie rassistischen, antisemitischen, sexistischen oder queerfeindlichen Beleidigungen sowie Mobbing und Gewalt berichtet. Jugendliche singen ausländerfeindliche Lieder, beleidigen Mitschüler wegen ihrer Hautfarbe oder sexuellen Orientierung, Hitlergrüße und Hakenkreuze tauchen auf. Und selbst in Grundschulen steigt der Bedarf an Sozialarbeitern, die die ‚gewaltbereiten Kleinen‘ versuchen, von ihrer eingeschlagenen Bahn wieder wegzuführen. Dass sich (sehr) junge Menschen, die sich diesen Prozessen nicht anschließen, aber womöglich persönlich betroffen sind, je nach ihrer individuellen Resilienz auch existenzielle Fragen stellen, liegt auf der Hand. Dazu kommen bei allen die nicht endenden Krisenberichte und je nach Situation in ihren Familien eine Überforderung, trotz allem ein gemeinsames gutes Leben miteinander zu führen. Führt das alles dazu, dass in den Systemen, in denen sich die (sehr) jungen Menschen aufhalten, allzu oft Angst, Wut und zuweilen auch mangelnde Bildung herrschen, sind Abfärbeprozesse wahrscheinlich.Verhältnisse prägen Verhalten, und will ein junger Mensch sich diesen Bedingungen anders gegenüber aufstellen, sich dagegen selbst schützen, wehren und sich sein mit Geburt positives Gestiges bewahren, dann bedeutet das konkret: er muss sich seiner Werte bewusst sein und bleiben, sie verteidigen, auch und gerade, wenn sie immer wieder verletzt werden. 

Die Frage von Kindern nach dem Sinn im Leben und deren Beantwortung ist aus philosophischer Perspektive alles andere als selbsterklärend. So vertritt der finnische Philosoph Antti Kauppinen die Meinung, die Sinnfrage zu stellen sei erst dann an sich einer Betrachtung wert, wenn der junge Mensch selbstbestimmte grundlegende Projekte zu übernehmen in der Lage ist. Grundlegender als diese reduktionistische Sicht, in der Sinn in einen Leistungskontext geführt wird, meint der amerikanische Philosoph Thaddeus Metz, dass von einem Leben als sinnvoll zu sprechen, per definitionem bedeute, über etwas höchst Wertvolles zu sprechen. Aus dieser Perspektive wäre die Frage an einen jungen Menschen gerichtet ja recht einfach: Wenn Du von Deinem Leben sprichst, was ist dann das für Dich Wertvollste in diesem Leben? Und je nach Alter des Kindes könnte die Frage spitzer formuliert werden: … was ist dann das für Dich Wertvollste, das Du nicht gekauft hast, was nicht zu kaufen ist und was Dir nicht von anderen Menschen geschenkt wurde oder geschenkt werde kann? Kaum zu glauben ist, dass ein Kind oder Jugendlicher als Antwort ‚Gewalt, Aggression oder Hass‘ zur Antwort gibt. Eher zu glauben ist, dass er gar keine Antwort weiß.

„Die Eltern geben bei der Zeugung eines Kindes die Chromosomen her – aber sie hauchen dem Kind nicht den Geist ein. Mit einem Wort:“ durch die von den Eltern her übernommenen Chromosomen wird der Mensch nur darin bestimmt, was er „hat“, aber nicht darin, was er „ist“.“
Viktor Frankl in: „Der Seele Heimat ist der Sinn“

Die Fähigkeit zur Transzendenz besitzt jeder Mensch zu jeder Zeit. Damit ist es absurd, Kindern diese Fähigkeit aufgrund ihrer spezifischen Bedürfnisstruktur oder ihres Alters abzusprechen. Man muss nur lange genug mit Eltern und Angehörigen von gestorbenen Kindern auf einer Palliativstation gesprochen haben, um festzustellen, dass keinem Kind der Sinn seines Lebens abgesprochen wird, vielmehr dass betrauert wird, dass der Tod dem Kind die Möglichkeit nahm, Sinnvolles in seinem Leben zu verwirklichen. Dieses beobachtbare Phänomen verbindet sich mit Frankls Anthropologie, dass die Ausrichtung auf Sinn hin ein spezifisches Humanum ist, bei dem wundern würde, wenn man annähme, Kinder hätten diese Ausrichtung zwar auch, könnte sie aber qua Entwicklungsstufe oder -alter nicht vollziehen. Nur, dass Kinder womöglich ihre Suche nach Sinn (noch) nicht versprachlichen (können oder wollen), bedeutet nicht, ihnen ihren Willen zum Sinn in Abrede stellen zu können.

Gleiches gilt auch für Erwachsene, denen zuweilen erst in Folge einer bestimmten Lebenssituation bewusst wird, dass das, wonach sie suchen nichts anderes ist als ein Sinn im Leben. Andersherum kann es auch ein Zeichen für einen gefundenen Sinn sein, wenn ein Mensch jedweden Alters die Frage nach seinem Sinn nicht stellt. Nicht zuletzt ist es methodisch fragwürdig, wenn Erwachsene, die in ihrem Leben womöglich verschiedene Phasen mit Sinnleeregefühlen oder Gefühlen des Erfülltseins erlebt haben, aus ebendieser erwachsenen und erfahrenen Position heraus auf die Lebensphase eines Kindes schauen und daraus ableiten, dass Sinnsuche und Sinnerleben ’nichts für Kinder sei‘. Eher könnte die Frage auch hier andersherum gestellt werden: wie will ein Erwachsener sich seine Sinnfindung – oder sein Problem damit – erklären, wenn nicht auch unter Einbezug der in der Kindheit (hinreichend oder unzureichend) geförderten Fähigkeiten seiner Sinnwahrnehmung? Diesen Aspekt der Biografieentwicklung umfassend zu erforschen, steht noch aus und ein Punkt könnte dabei besonders interessieren: So die eigene Kindheit als eine liebevolle Zeit erinnert wird, könnte damit die Selbsttranszendenzfähigkeit der Eltern auf ihr Kind begründet werden. Standen die Eltern in der Zeit als sie das Kind aufwachsen ließen zudem unter Belastung oder gar in einer existenziellen Notlage, dann könnte ihr ‚trotzdem Ja zum Kinde sagen‘ einen Hinweis dafür geben, dass ihre Lebenssituation nicht ihre grundlegende Einstellung zur Liebe zu ihrem Kind konterkarierte. Sollte ferner erinnert werden, dass man sich als Kind in dieser liebevollen Zeit trotz womöglich mancher Entbehrung oder Begrenzung ebenso den Bezugspersonen in Liebe zugewandt hat, so könnte dies auf die unbedingte Selbsttranszenzfähigkeit jedes Menschen, ergo auch jedes Kindes hinweisen. Von dieser Warte aus ließen sich dann andere Konstellationen erforschen, in denen Befragte in nicht-liebevoller Umgebung aufwuchsen, ohne dass sie selbst es an Liebe zu ihren Bezugspersonen mangeln ließen usw.. Ein Ergebnis könnte dabei auch sein, dass Befragte äußern, sich zwar als bloß zweckdienliches, nützliches Mittel für ihre Bezugspersonen empfunden zu haben, ohne dadurch aber die Liebe preisgegeben zu haben, die sie als Kind vielleicht bestimmten Interessen oder anderen Menschen gegenüber einbrachten.

„Wenn ich in meine Kindheit weit zurückblicke, dann würde ich aus heutiger Sicht den Moment, als ich mich zum ersten Mal erfolgreich anstrengte, mich aufzurichten und hinzustellen, als den Moment in meinem Leben markieren, in dem ich Sinn gefunden habe. Und wenn ich darüber weiter nachdenke, dann muss es in mir etwas gegeben haben, was mich dazu aufrief, diese Stellung einzunehmen. In diesem Moment, meine ich, bin ich zum ersten Mal über mich hinausgewachsen. Ab diesem Moment war ich Ich.“ (ein Klient im biografischen Teil eines Sinncoachings)

Subjektivistisch könnten wir diese Erzählung so interpretieren, dass das Kind seinem eigenen Willen folgte und ein Interesse daran hatte, zu tun was es tat. Wir könnten noch weiter gehen und dem Kind ein Ziel zuschreiben, in dem es einen Grund dafür sah, seine Stellung zu beziehen – im Beispiel des Klienten als einen Grund dafür, aufzustehen. Um im Beispiel zu bleiben: Eine wissenschaftliche Erforschung der neuronalen Prozesse in dem Moment, in dem ein Kind zum ersten Mal aufsteht, liegt meines Wissens nicht vor. Allemal kann der Moment jedoch phänomenologisch als ein Wendepunkt im Leben eines Kindes ausgezeichnet werden, in dem es ein neues Gefühl dafür hatte, mit seiner Lebenswelt in Berührung zu sein und sein Leben in dieser Welt sodann so, nämlich anders als zuvor, weiterzuleben. Und überhaupt: Eine wissenschaftliche Erforschung des Moments der Sinnfindung ist nicht durchführbar, bestenfalls möglich ist es, die Rationalisierung des Sinnimpulses zu erfassen im Sinne eines: „und dadurch ist mir dann bewusst geworden …“ Material für eine Arbeit an dieser Perspektive findet sich meist in biografischen Abhandlungen erwachsener Menschen, und es wäre meines Erachtens hilfreich und spannend zugleich, wenn es solche Schriften auch bereits von Kindern und Jugendlichen gäbe.

Eine reduktionistisch-utililtaristisch erwachsene Vorstellung von der Sinnhaftigkeit des Lebens von Kindern wird vertreten, wenn Sinn in den Kontext mit ‚vom Kind realisierten erfolgreichen Projekten‘ gebracht wird. Verstehen wir ein Projekt als eine zeitlich befristete Aufgabe mit einem einmaligen Ziel und begrenzten Ressourcen, dann lässt sich natürlich auch das Bauen einer Sandburg als Projekt verstehen. Es scheint mir jedoch eher so, dass die Hingabe, die ein junges Kind einem es faszinierenden Thema schenkt, mit dem Begriff Projekt zusammenzubinden, nahelegt, dass es da jemanden Drittes braucht, der eine Messlatte anlegt, um darüber zu urteilen, ob das, was das Kind da tut, sinnvoll ist oder nicht. Würde sich diese Perspektive durchsetzen, dann wäre Tür und Tor geöffnet für eine Schubladisierung der Werthaftigkeit und Nützlichkeit kindlichen Lebens. 

Macht sich ein Kind selbst Sinn, so kann es spannend sein, mit ihm ins Gespräch darüber zu kommen, für wen oder was das da Gemachte denn gut und förderlich ist. Bearbeitet ein Kind vielleicht ein Stückchen Gartenbeet und gibt sich den Blumen hin, um mit ihnen jemandem eine Freude zu bereiten, fällt es kaum schwer, hinter dem kindlichen Handeln einen subjektiven Sinn zu erkennen. Da es keinem Kind per se abgesprochen werden kann, dass es sich einen vergleichbaren Kontext herstellen kann – auch, wenn es womöglich im Erwartungsmanagement seiner Lebensumgebung eingezwängt ist -, ergibt sich in der Konsequenz für jedes Kind die grundsätzlich gegebene Fähigkeit zur Selbsttranszendenz und damit zur Sinnverwirklichung. In welcher Weise und in welchem Ausmaß es in der Lebenswelt des Kindes jedoch nicht kindgemachte Hindernisse gibt, die es davon abhält, einem objektiven Sinnangebot oder einem subjektiv gemachten Sinn zu folgen, ist eine Frage, die gesellschaftlich durchaus gestellt werden kann.

Lange Zeit geisterte die Vorstellung herum, dass die Fähigkeit zum prosozialen Handeln kleinen Kindern nicht gegeben sei. In der klassischen psychoanalytischen Theorie, in der kognitiven Entwicklungstheorie und in der Theorie zur moralischen Entwicklung wurden Kinder mit den Eigenschaften egozentriert, amoralisch und sozial unreif beschrieben. Erst mit Eintritt ins Schulalter wären in der Regel die Voraussetzungen erworben, sich prosozial verhalten zu können. Aus diesem Blickwinkel sind die Erfahrungen, die ein Kind mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen macht, zentral. Das ‚Lernen an einem prosozialen erwachsenen Modell‘ stellt bei dieser Lesart die Grundlage und Wahrscheinlichkeit dafür dar, dass ein Kind ähnliche Verhaltensmuster für sich adaptiert.

Neuere Forschungsbeiträge sehen hingegen die Entstehung prosozialen Handelns im Zusammensein von Kindern unter ebenbürtigen Gleichaltrigen, bei dem es keinen erwachsenen Erfahrungs- und Kompetenzvorsprung gibt. ‚Unter ihresgleichen‘ sei es naheliegender, dass Kinder ihre Sicht auf die Welt vorurteilsfreier austauschen, sich verschiedene Problemlösestrategien erarbeiten und sich mitteilen und so Kooperation konkreter entstünde als im Kontext ‚Klein beobachtet Groß‘. Die Entwicklung prosozialer Handlungen würde gefördert aufgrund des leichteren Zugangs in die Wahrnehmungswelt anderer Kinder und damit einhergehend in ein originäres Einfühlungsvermögen sowie eines zwischenkindlichen Diskurses über das, was in der begriffserhabeneren Erwachsenenwelt als Normen, Werte oder Prinzipien vermittelt wird.

Junge Kinder interessieren sich sehr für die Welt und für konkrete Dinge in ihr. Die Fähigkeit für die Verarbeitung theoretischer oder abstrakter Inhalte nimmt mit der Erweiterung der neuronalen Verschaltungen im Neocortex zu, meist ab Eintritt in die Schule. Würde Sinn dabei als rein selbstgemachtes Konstrukt verstanden, dann wäre ein Leben eines Kindes wohl dann sinnvoll, wenn es seine Vernunft positiv auf grundlegende Bedingungen kindlicher Existenz ausrichtet oder negativ auf das, was sie bedroht. Weitergedacht würden diese ‚Bedingungen‘ zu individuellen Aushandlungsprozessen einladen, denn was positiv oder negativ auf die eigene Existenz ‚einzahlt‘ stünde in der exklusiven Anschauung des einzelnen Kindes. Über derartige Aushandlungsprozesse, die auf existenzielle Lebensbedingungen gerichtet sind, ist bislang nichts bekannt, schaut man auf die Kohorte der Kinder im Vorschulalter – und dies, obgleich es solche Bedingungen fraglos gibt. Dies zugrundelegend lässt sich argumentieren, dass junge Kinder ihren Sinnbezug nicht festmachen am Für oder Wider der Befriedigung ihrer psychischen Bedürfnisse durch Dritte, sondern an dem, was sie im Rahmen ihrer ihnen möglichen Weltoffenheit an Gelegenheiten wahrnehmen, das zu verwirklichen ihnen wertvoll ist. Dass dieser Weltbezug des Kindes sich gängigen Rationalitäts-, Intelligenz- oder Intentionalitätsmaßstäben entzieht, mag sich als Problem derer erweisen, die mit empirischen Methoden versuchen, sich dem Kontext Kind und Sinn zu nähern. Wer danach urteilt, dass es einer Sinnrationalität im erwachsenen Verständnis bedarf, um die Phase der frühen Kindheit als sinnorientiert zu etikettieren, läuft Gefahr, zum Beispiel im Falle des Todes eines Kindes in dieser Lebensphase, den Sinngehalt des Lebens dieses Kindes nur aus der Objektbrille eines Erwachsenen zu sehen, der den Verlust des Kindes als Verlust von Sinn in eigener Sache versteht.

Das Leben teilt sich dem Kind mit.
Das Kind fühlt sich vom Leben angesprochen.

Wer hingegen die Sinnrationalität tauscht gegen eine Sinnnarrativität, einer Erzählung, die das Kind, von seinem Leben erfährt, einer Erzählung, die sich auch nicht permanent ändert und der das Kind zutiefst vertraut – der wird dieses Narrativ vielleicht erwachsen beschreiben als eine Art Basso Continuo: Einem Grundton des Lebens, dem das Kind folgt und der jedem verschlossen bleibt, der dem Kind seine erwachsen gewordenen ‚Flötentöne des Lebens‘ beizubringen versucht. Wer ein Sinnnarrativ jedoch jedem Kind in seiner frühen Lebensphase vorurteilsfrei belässt, der kann nie der unbeweisbaren Behauptung unterliegen, das es ein sinnloses Leben führt oder führte.

Um einen Schlenker zu einer integraleren Anschauung des Themas zu machen: Ich halte es für möglich, dass prä-personale Sinnimpulse mit weiterer Bewusstseinsentwicklung sich in personale, und noch später in trans-personale Sinnimpulse wandeln. Geistig-narrative, geistig-rationale und geistig-integrale Sinnimpulse wären dann vielleicht die Sender-Kategorien, die je nach Lebenslänge von Menschen empfangen werden. Was alle Impulse eint, ist der Bezug der geistigen Dimension (Frankl), die sich immer dann ‚einschaltet‘, sobald es Hinweise für einen Menschen gibt, worum es ihm jetzt zu gehen hat. Kommen diese Hinweise aus einem seelisch-körperlichen Zustand heraus, dann macht sich der Mensch das Sinnvolle zwecks Verbesserung dieses Zustandes. Kommen die Hinweise von einem Gegenstand aus der Lebenswelt der Person, dann nimmt das Geistige diesen Hinweis als Sinnanruf entgegen. Beides, Sinnsubjektivismus wie Sinnobjektivismus, zeigen an, dass eine Person in einer positiven Verbundenheit mit innerlich wertvollen Zuständen oder Gegenständen lebt, die der aktuell entwickelten Struktur ihrer entwickelten Bewusstheitsebenen angemessen sind. Dass das Lebensalter oder die biografisch bereits verankerten Lebenserfahrungen einen Anteil an dieser Entwicklung haben, soll nicht in Frage stehen. Was aber – und dazu sollte dieser Beitrag anregen – meines Erachtens immer in Frage stehen sollte, ist der Versuch einer direkten oder indirekten Abwertung der Sinnhaftigkeit im individuellen Leben aufgrund der gegebenen Lebensphase der Person.

Wo kommt er her, der Sinn?

Mit meinen Ausführungen unter dem Titel ‚Eigentlich ist Leben einfach‘ habe ich den Gedanken ausgerollt, dass sich Sinn nur in den beiden unteren Quadranten des Wilberschen AQAL-Modells finden lässt. In meinem Buch ‚Sinncoaching‚ findet sich dazu die ‚Formel‘: Sinnfindung = Werteklarheit x Weltoffenheit². Den Raum zu vergrößern, den sich eine Person dank ihrer grundsätzlichen Fähigkeit der Weltoffenheit erschließen kann, wird zu einer günstigen Wirkung einer Logotherapie oder eines Sinncoachings dann, wenn eine Person Bedingungen beklagt, die ihr einen freien und selbstverantwortlichen Zugang in diesen Raum erschweren. Erschwernisse dieser Art wurden von Frankl mit seinem Terminus ‚Tragische Trias‘ (Leid, Tod, Schuld) beschrieben und von mir mit der Tragischen Berufstrias (Verfehlung, Verlust, Trennung) erweitert.

Arbeite ich mit Klienten hin zu einer Stärkung ihrer Weltoffenheit, wird immer wieder gefragt (zuweilen auch in Frage gestellt), ob und wie denn überhaupt davon ausgegangen werden könne, dass die Welt Sinn für einen Menschen bereit hält? Das Gespräch führe ich dann meist so weiter: „Einmal angenommen, eine positive Antwort auf Ihre Frage liegt auf dem Tisch. Würden Sie dann anders handeln als Sie es gerade jetzt tun, wo Sie mir von Ihren Erschwernissen berichten?“ Die Antworten der Klienten auf diese Frage gehen meist in eine Richtung wie: „Sicher, ja, das wäre ja eine Verbesserung, eine Motivation, ein neuer Lebensgrund … für mich“. Manche Klienten sagen auch zum Beispiel: „das wäre erstaunlich, aber ich würde darüber dann zumindest nachdenken.“

Nach dieser Antwort lade ich den Klienten ein, sich für einen Gedanken aus der aristotelischen Philosophie und Physik zu öffnen. Der Gedanke geht in diese Richtung:

„Ihre Antwort gibt wieder, dass Sie sich bewegen, dass Sie handeln werden, wenn Sie Ihre Eingangsfrage positiv beantwortet sehen. Nehmen Sie dazu an, dass es etwas Erstes gibt, dass diese Bewegung in Ihnen anregt. Wir nennen dies nun ‚das unbewegt Bewegende‘. Der Begriff der Bewegung beweist die Notwendigkeit der Annahme eines ersten unbewegt Bewegenden. Die These, dass alle Dinge, die in Bewegung sind, von etwas anderem bewegt werden, bedeutet, dass Bewegung überhaupt nur dann zu Stande kommen kann, wenn es etwas von dem Bewegten Verschiedenes gibt, das die Bewegung verursacht. Wir können Bewegung von etwas nur dann verstehen, wenn wir verstanden haben, von was das, was bewegt wird, bewegt wird.

Wenn Sie also sagen, Sie würden nach Erhalt der Antwort auf Ihre Frage anders handeln als bislang im Kontext Ihres Anliegens, dann steht damit fest, dass Sie selbst es nicht sein können, der sich da zuerst bewegt. Würden Menschen glauben, sie allein wären es, die sich bewegen – sie wären also Selbstbeweger -, dann gingen sie davon aus, dass sie beides sind: jemand, der bewegt wird, und der, der bewegt. Fallen beide aber in Eins zusammen, dann ließe sich Bewegung, die erklärt werden soll, nicht erklären, wir kämen in einen unendlichen Regress. Die Ursache der Bewegung kann also kein Selbstbeweger sein. Vielmehr muss diese Ursache ein unbewegt Bewegendes sein. Da Sie sagen, dass die Antwort auf Ihre Frage Sie in Bewegung brächte, muss es etwas geben, dass unbewegt ist. Nennen wir es das Prinzip, von dem alle Bewegung abhängt.

Welchen Begriffsnamen ein Mensch diesem Prinzip gibt, entscheidet letztlich der einzelne Mensch. Ich habe entschieden, diesem Prinzip den Begriff Sinn zu geben. Sinn ist unbewegt und weil er es ist und in Ihrer Lebenswelt nicht weicht, kann er von Ihnen gefunden werden. Finden Sie ihn, bewegt er Sie und Sie handeln. Wenn Sie diesem Prinzip auch den Begriff Sinn geben wollen, dann hält Ihre Lebenswelt ihn für Sie bereit. Wenn Sie diesem Prinzip einen anderen Begriff zuordnen wollen, dann prüfen wir ihn darauf, ob er unbewegt bewegt und wenn ja, dann nehmen wir diesen.“

„Menschsein heißt, immer schon über sich selbst hinaus und auf etwas gerichtet sein, das nicht wieder es selbst ist, auf etwas oder jemanden, auf einen Sinn, den es erfüllt, oder auf anderes menschliches Sein, dem es liebend begegnet. Und es gilt, daß der Mensch in dem Maße er selbst ist, in dem er sich selbst übersieht und vergißt.“
(aus Viktor Frankl, Der Mensch auf der Suche nach Sinn)

Manchmal kommt es beim Gespräch über die Sinnfindung auch zu den Klienten überraschenden Erkenntnissen. Zum Beispiel, dass er bislang daran glaubte, dass er nur wissen müsse, warum er etwas tut, um sich darüber zu motivieren, es auch umzusetzen. Und wer will bestreiten, dass positive und selbstgesteuerte Ziele nicht eine gute Grundlage dafür sind, dranzubleiben, auch wenn das Ziel  schwierig und anstrengend zu erreichen ist? In der Psychologie gibt es zahlreiche Verfahren, die messen, wie es um die psychische Fähigkeit zur Zielerreichung bestellt ist. Und es gibt auch Verfahren, die messen, womit Menschen sich Sinn machen, um diesen subjektiven Sinn dann in Ziele zu transformieren. Dieser Aspekt von Sinn ist ein individueller. Ein universeller hingegen fragt jeden Menschen irgendwann danach, worum es ihm nun zu gehen hat? Die Worum-Frage ist existenziell, sie zu beantworten braucht weit mehr als die Antwort auf die Frage nach einem subjektiven Warum.

Warum soll ich etwas tun? Wer sich so fragt, antwortet selbstbezüglich. Und wer auf diese Frage keine Antwort weiß oder davon ausgeht, diese Frage mangels Kompetenzen oder anderer fehlender Ressourcen ohnehin nicht beantworten zu können, der ist an sich schlau, wenn er sich aus diesem Umstand auch kein Problem macht. Dann lebt man eben in den Tag hinein und vermisst womöglich dabei auch nichts. Werden Menschen mit dieser Haltung dann nach dem Sinn in ihrem Leben befragt, wird man wohl eher ein Achselzucken ernten oder einen gelangweilten Blick – und nicht unbedingt eine Aussage, die darauf schließen ließe, dass es dem befragten Menschen irgendwie schlecht geht. Aber: Die individuell mögliche Bedeutungslosigkeit von Sinn lässt sich mit psychometrischen Verfahren messen, doch sagen die Ergebnisse überhaupt nichts darüber aus, ob dieser Zustand im nächsten Moment für die Person noch gültig ist. Und eben diesen nicht völlig auszuschließenden, nächsten Moment im Leben einer Person, in dem die Antwort auf ein ‚Worum hat es mir jetzt in meinem Leben zu gehen?‘ zu geben ist – dieser Moment ist nicht messbar. Und die Menschen, die diesen Moment gerade jetzt in Form einer Frage fühlen, die ihr Leben ihnen gerade jetzt stellt, kommen in der empirischen Sinnforschung nicht vor. Das alles macht diese Forschung zwar nicht zwecklos, aber eins leistet sie keineswegs: Eine Antwort darauf zu geben, worum es einem Menschen im nächsten Moment seines Lebens wohl zu gehen hat.

„Im Gegensatz zum faktischen Ich ist das Selbst ein fakultatives.
Es repräsentiert den Inbegriff der Möglichkeiten des Ich.“
Viktor E. Frankl (in: „Der leidende Mensch“, 3. Auflage, Huber Verlag, 2005, S. 169)

Dazu ein kleines Reflexionsangebot:
Selbstwirksamkeit: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, etwas in der Welt zu bewegen, einen Unterschied zu machen und die eigene Lebensenergie auf etwas zu richten, was als wertvoll bewertet wird.
Sinnwirksamkeit: Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, etwas auf Basis ihrer Werte in die Welt zu schaffen, was durch Hingabe für eine Sache oder in Liebe für einen anderen Menschen einen Sinn verwirklicht.

Geschafft. Das neue Buch ‚Sinncoaching‘ ist fertiggestellt.

Wie kann Coaching bei existenziellen Zukunftsfragen wirksam unterstützen? In einer Welt geprägt von multiplen Krisen, gesellschaftlichen Umbrüchen und wachsender Komplexität rückt die Frage nach Sinn verstärkt in den Fokus vieler Menschen. Dieses Praxishandbuch richtet sich an Coachs, die ihre Klientinnen und Klienten dabei unterstützen wollen, Orientierung zu finden, persönliche Werte zu klären und sinnerfüllte Lebensentscheidungen zu treffen.

Das Buch beleuchtet theoretische Grundlagen, existenzphilosophische Bezüge und methodische Zugänge des Sinncoachings – inspiriert durch das Menschenbild Viktor Frankls. Es zeigt, wie Sinnimpulse erkannt, reflektiert und in konkretes Handeln überführt werden können – auch dann, wenn emotionale Erschöpfung, Lebenszweifel oder Überforderung das Erleben dominieren.

Elf Kapitel verbinden Konzepte wie Zuversicht, Wertevielfalt, Trotzmacht und Träume mit ausführlich beschriebenen Coachingprozessen. Anhand realer Beispiele wird deutlich, wie Sinncoaching in unterschiedlichen Lebenskontexten wirkt.

Dieses Buch richtet sich an erfahrene Coaching-Professionals, die mit Tiefe und Haltung arbeiten möchten. Es erweitert das Methodenspektrum für existenziell ausgerichtete Coachings und unterstützt dabei, auch in unsicheren Zeiten tragfähige Antworten zu ermöglichen – wertebewusst, ressourcenorientiert und sinnerfüllt.

Sinn ist der eigentliche und tiefste Beweggrund eines Menschen, um zu handeln, schrieb Frankl 1946. Und nicht nur das. Bereits willentlich auf die Suche nach Sinn zu gehen, sich für den Sinn im Leben zu motivieren, offen zu werden oder zu bleiben für das, was in der Welt an Menschen und Aufgaben auf einen wartet – all das sind Aspekte auf der Reise hin zum Sinn. Coaching-Klienten bringen vieles davon mit. Eine innere Stimme sagt ihnen, dass es Zeit ist, eine Wendung vorzunehmen.

Manchmal leitet der Klient mit einer Sinnfrage das Coaching ein, explizit und drängend. Manchmal fragt er, ob es noch sinnvoll sei, dies oder das zu entscheiden oder zu unternehmen. Manchmal taucht die Frage nach Sinn erst auf, nachdem das anfänglich formulierte Anliegen während des Coachingprozesses durch hinzutretende Ereignisse nicht mehr relevant ist. Manchmal geben Klienten zu verstehen, dass sie sich schon lange mit dem Sinn im Leben beschäftigen. Und manchmal fragen sie, ob das, was sie aktuell fühlen, wohl so etwas wie eine Sinnkrise sein könnte. Hier setzt die Begleitung von Coaching an, alles mit dem Ziel, dem Klienten eine Stärkung seiner Sinnwahrnehmung zu ermöglichen und ihm dabei zu helfen, Unentscheidbares entscheiden zu können.

Viel Glück im Neuen Jahr

‚Ich kann mich nicht mehr so recht freuen‘, ‚Ich fühle mich unglücklich‘, ‚Das alte Jahr hat mich so richtig runtergezogen und ich dachte, nach Corona könne es nur besser werden‘ …

Das Empfinden, sich nicht als glücklich zu erleben, gehört zum Standardproblem in einer Praxis für Psychotherapie. In unzähligen Facetten berichten Menschen von diesem Unglücklichsein. Und davon, wie sie bislang versucht haben, sich ihre Glücksgefühle zurückzuholen. Und davon, dass diese Methoden zwar lecker, erotisch, schnell, euphorisierend usw. waren, nicht jedoch von Dauer. Und auch davon, dass mehr vom Selben ebenfalls nicht das ersehnte Gefühl gebracht habe.  Immerhin, das Gehirn nimmt was kommt und schüttet je nach Veranlagung des Menschen bereitwillig Adrenalin, Oxytocin, Phenylethylamin, Dopamin und andere Botenstoffe aus. Kurzfristig hilft das und tut gut.

Was das Gehirn nicht weiß: Dass es etwas nicht produzieren kann, was die Ursache für das Empfinden des Unglücklichseins ist. Und diese ‚Ur-Sache‘ ist ‚Sinn‘. Sinn ist eine Ur-Sache in Form eines Gegenstandes, auf den sich der Mensch beziehen kann und der ihm die Verwirklichung seiner eigenen Werte ermöglicht. Ein ‚Gegenstand‘ in Form eines Menschen, einer Aufgabe, einer Verantwortung. Fehlt ein solcher Gegenstand, kommt der Mensch in einen unglücklichen Zustand. Dann ist etwas mit ihm ‚los‘ und er empfindet sich in seiner Welt als hilflos, nutzlos, wertlos, sinnlos.

Der Mensch will nicht glücklich sein. Er will einen Grund haben, um glücklich zu sein.
Dieser Satz von Viktor Frankl macht deutlich: Glück ist eine Folge: es folgt dem Gefühl, Sinn im Leben gefunden zu haben. Wem dieses Gefühl abhanden gekommen ist, dem helfen weder Champagner, Sex oder Nougatschokolade. Auch kein Geld.

Wir wissen: Was hilft, ist die Klärung der eigenen Werte. Wer sie kennt und nicht nur glaubt, sie zu kennen, der hat sein Fundament für Resilienz und Sinnfindung gelegt.

In diesem Sinne wünscht Ihnen das Team der KrisenPraxis eine Werteklarheit, mit der Sie gut in dieses und alle Jahre kommen, die noch vor Ihnen liegen werden.

2023 – neu: 14. Die vierte Hauptstraße zum Sinn

Wie hatte Frankl noch einmal die Sinnquellen beschrieben, die jedem Menschen zur Verwirklichung von Werten bereit stehen? Eine erste Quelle, in der Menschen Sinn finden können, ist die der Aufgaben, die nicht erledigt und gelöst würden, wäre der Mensch nicht ein homo faber, der arbeitende Mensch, der unternimmt und schöpferisch tätig wird.

Als zweite Quelle steht das Erleben bereit. Der homo amans – der liebende Mensch – empfängt und genießt mit Freude in Welt der Natur, der Kultur, des Miteinanders. ‚Erst die Arbeit, dann das Vergnügen‘, mit dieser Formel wurden in meiner Kindheit diese beiden für Frankl gleichwertigen Quellen in eine Hierarchie gebracht. Heute macht sich in meiner Anschauung ein sonderbares Streben nach Balance zwischen Aufgabenerfüllung und Selbsterfüllung auf angestrengte Weise breit. Zuweilen scheint es mir, als wäre eine gelungene Umkehrung der alten Formel eine Art Verhandlungserfolg des Einzelnen über seine Welt. Aber das ist meine Wahrnehmung und sie steht hier nicht weiter in Rede. Eher soll auf die dritte Quelle hingewiesen werden, die Frankl für diejenigen Situationen im Leben benennt, in denen der Zugang zu den beiden anderen erschwert oder sogar verunmöglicht wird. In diesen Situationen ist der homo patiens gefragt, der Mensch, der angesichts eines Leids, einer zu verantwortenden Schuld oder im Wissen um den nahenden Tod, zu einer existenziellen Stellungnahme aufgefordert ist.

Auf diesen drei Hauptstraßen zum Sinn kann sich nach Frankl der Mensch bewegen und in dieser Bewegung verwirklicht der Mensch bestehende individuelle Werte, seien es schöpferische Werte [wie zum Beispiel Leistung, Arbeit, Aufbau, Beitrag, Neuerung, Tatkraft …], Erlebniswerte [wie zum Beispiel Anmut, Zünftigkeit, Geschicklichkeit, Schönheit, Flair …] oder Einstellungswerte [wie zum Beispiel Tapferkeit, Faulheit, Versöhnlichkeit, Askese, Resolutheit ..].

Und wie das Leben so spielt, beginnt jeder Tag mit einer neuen Reise über diese Straßen. So kann ein Mensch:

  • beim Zähneputzen [Handlung, aufbauend auf schöpferischen Werten]
  • ein paar Lieder im Radio hören [Handlung, aufbauend auf Erlebniswerten],
  • sich dann wettertaugliche Kleidung anziehen [Handlung, aufbauend auf schöpferische Werte],
  • über den Lieblingsweg mitten im Grünen zur Arbeit radeln [Handlung, aufbauend auf Erlebniswerten und schöpferischen Werten],
  • dann dabei unterbrochen werden, weil man eine Unfallstelle sichert und, weil man das tut, den ersten Termin im Büro verpassen wird [Handlung, aufbauend auf Einstellungswerten und schöpferische Werten],
  • dann verspätet ankommen und die Überraschung annehmen, von Kollegen mit einem Geburtstagskuchen begrüßt werden [Handlung, aufbauend auf Erlebniswerten] usw. usw.

Andererseits kann die Person auch reflektieren, entlang welcher Werte-Meme sie ihren Tag gestaltet hat:

  • Beim Zähneputzen ein paar Lieder im Radio zu hören [kann ein Hinweis auf blaues Meme sein: Strukturierter Tagesbeginn],
  • sich dann wettertaugliche Kleidung anzuziehen [kann ein Hinweis auf orange sein, adäquate Leistungserbringung für die Bewältigung möglicher Wetterprobleme],
  • über den Lieblingsweg mitten im Grünen zur Arbeit zu radeln [kann ein erneuter Hinweis auf blau sein, Nutzung eines Routineprozesses, vielleicht auch mit grünem Anteil aufgrund der Geringhaltung von umweltbeeinträchtigende Handlungen],
  • dann dabei unterbrochen zu werden, weil man eine Unfallstelle sichert und weil man das tut, den ersten Termin im Büro verpassen wird [kann ein Hinweis auf blau sein, eine Entscheidung aufgrund intrinsischer moralischer Verpflichtung, vielleicht auch mit rotem Anteil aufgrund der Selbstbemächtigung, diese Entscheidung willensstark auch gegen mögliche Konflikte zu treffen],
  • dann verspätet anzukommen und von Kollegen mit einem Geburtstagskuchen begrüßt zu werden [vielleicht ein Hinweis auf türkis, wenn der Moment angenommen wird so wie er ist] usw. usw.

Das, was das Leben einem Menschen aufträgt, „wechselt nicht nur von Mensch zu Mensch – entsprechend der Einzigartigkeit jeder Person – sondern auch von Stunde zu Stunde, gemäß der Einmaligkeit jeder Situation“ sagt Viktor Frankl und – wir können ergänzen – hält jederzeit für einen Menschen einen Sinn bereit, den er mit seinem Sinn-Organ [dem Gewissen], und entlang seiner entwickelten Werte-Meme finden und verwirklichen kann.

Diese Ergänzung erscheint mir aus einem persönlichen Ärgernis heraus wichtig zu sein. In zahlreichen Büchern und Online-Vorstellungen der Integralen Theorie von Wilber mit ihren Verweisen auf die Werte-Meme nach Clare W. Graves, wird oftmals das türkise Meme als dasjenige ausgezeichnet,

  • in dem sich ein Mensch mit dem Thema Sinn auseinandersetzt
  • in dem Menschenführung oder Organisationsentwicklung sinnorientiert vollzogen wird
  • in dem der Sinn quasi zu Hause ist

Diese Zuschreibung halte ich für Unfug, suggeriert sie doch eine Art Exklusivrecht auf Sinn oder eine Exklusivhaltung mit Sinn, wenn ein Mensch die Entwicklung auf diese türkise Ebene vollzogen hat. Nein, Sinn kann der Person nicht zugeschrieben werden, denn Sinn ist in der Welt und wird von einer Person mit einer aktuell beigen Bewusstheit aufgrund eines Themas, das dieser Bewusstheit bedarf, anders kontexualisiert als von einer Person mit einer purpurnen, roten oder anderen. Steht zum Beispiel eine Person – wie jüngst bei den extremen Unwettern in Südosteuropa – in der grauenhaften Lage, sich der Wassermassen nicht mehr erwehren zu können und steht sie förmlich vor dem materiellen Aus, so bleibt der Sinn in Form eines fundamentalen Sinns des Lebens erhalten und wird als THEMA mit dem Überlebens-Meme Beige entsprechend adressiert. Hat eine andere Person ihren Wohnsitz an einem Ort, wo sich die Wassermassen nicht derart brachial ihren Weg gebahnt haben, dann mag es sein, dass diese Person vielleicht mit ihrem blauen Ordnungsmeme zuerst die eingetretenen persönlichen Schäden dokumentiert, um die eigene Familie vor finanziell negativen Auswirkungen zu schützen, um sich nach getaner Befassung mit diesem Thema dann einem neuen zu stellen, vielleicht dem Thema ‚Unterstützung des technischen Hilfswerks beim Wegräumen des Schutts in schwererer betroffenen Gebieten“. Hier könnte die Person den Sinn also in einem Impuls entdecken, der sie aufruft, die Werte des grünen Meme mit seinem Aspekt der sozialen Verantwortung zur Verwirklichung zu bringen.

Wenn ich also sehr dazu rate, damit aufzuhören, eine Sinnzuschreibung einzig dem türkis Meme vorzubehalten, so stelle ich dafür einen anderen Begriff in den Raum, der mir für dieses Meme zur besseren Differenzierung aller bisherigen geeigneter zu sein scheint – den Begriff der Wertfreiheit. In Türkis ist Alles mit Allem verbunden, das Universum eine Einheit fein balancierter ineinander greifender Kräfte. Diese Kräfte wirken, ohne dass ihrer Wirkkraft eine Wertung zugrunde liegt noch einer solchen es bedarf.

Wertfreiheit stellt in meiner Anschauung eine Art Implosion der Weltausschnittsgrenzen dar. Ein Mensch hat seine Transzendenzfähigkeit derart ausgebildet, so dass er über die Offenheit zur Klärung und Weiterentwicklung des eigenen Wertesystems – die ich dem gelben Meme zuschreibe – zur Offenheit zur ‚Vernachbarschaftlichung‘ alles Anderen mit dessen Werten gelangt. Mit dieser Offenheit zur Wertfreiheit, eines Zusammenfallens aller eigener Werte mit allen anderen Werten und über dies hinaus mit allen weiteren Werten, geht der Mensch auf der vierten Hauptstraße zum Sinn, der Straße der Vollendung. Wer auf dieser Straße geht, den will ich homo complens, den vollendenden Menschen, nennen.

2023 – neu: 11. Eine Annäherung von Aspekten der Sinntheorie Frankls an die Integrale Theorie Wilbers

Zum Mensch-sein gehört wesentlich das Geistige dazu. Für Viktor Frankl war es stets ein Anliegen, dieses ontologische Vorausgehen des Geistigen vor dem Willentlichen hervorzuheben. Das Geistige ist je in der Welt und dieses Geistige ist offen für die menschliche Transzendenz. Ohne, dass sich ein Mensch transzendiert, verfehlt er das Geistige und bleibt verhaftet im Psychischen. Das jedoch strebt der Mensch nicht an, vielmehr ist der Mensch ein sinnstrebiges Wesen, er strebt nach Sinn, den die Welt für ihn bereithält.

Ist doch der Mensch eben immer auch ein psychophysisches Wesen und damit in der Immanenz dieser seiner Bedingtheiten eingebunden, so ist er doch ebenso stets gefordert, sich von diesen Bedingtheiten nicht alles gefallen zu lassen. Ich lasse es mir von meinem Selbst nicht gefallen, die Türen verschlossen zu halten, die mir den Möglichkeitsraum zum Sinn eröffnen, meint, sich selbst – zumindest ein gutes Stück weit – zu vergessen. Selbstvergessenheit ermöglicht somit die Weltoffenheit und den Eintritt in einen Raum, der Sinn bereithält. Dieser Sinnraum kann unterschiedlich etikettiert werden. Entweder findet ein Mensch in diesem Raum den für ihn stimmigen Gott, eine metaphysische Dimension der Wirklichkeit, an der jeder Mensch für Frankl a priori seinen Anteil hat. Oder er findet in diesem Raum eine Person, die nicht er selbst ist oder eine Aufgabe, die er nicht selbst entworfen hat und der er sich mit Liebe und auch unter Verzicht psychischer Begehrlichkeiten, Lustbarkeiten oder Ablenkungen hingibt. Oder er zeigt im Kontext der Unabänderlichkeit einer existenziell bedeutsamen Situation eine Lebenseinstellung, die trotz aller gegebenen Widrigkeiten seine unerschütterliche Transzendenzfähigkeit offenlegt. In meinem Buch ‚Coaching des Todes‚ habe ich die in diesem Kontext von Frankl bereits herausgearbeiteten Lebensthemen ‚Leid‘, ‚Schuld‘ und ‚Tod‘ um weitere, ich nenne sie ‚existenzielle Abschiede‚, ergänzt.

Behält das Psychische gerade dann die Oberhand, wenn es möglich und notwendig wäre, quasi einen Fuß in die Tür des hellen Sinnraums zu stellen und lässt sich der Mensch, um in der Metapher zu bleiben, dann doch von seinem Selbst alles gefallen, so verhält und handelt er für sich selbst mittels seines psychischen Ego-Ichs. Überwindet er dieses Ego jedoch aus besseren Gründen, so tritt sein geistiges Ich in die Welt [ebendieses geistige Ich überstrahlt – so mein Verständnis – insbesondere im Moment eines existenziellen Abschieds das Ego und hinterlässt in der Welt eine Sinnspur der Person].

Nun darf die von Frankl jedem Menschen per se zugeschriebene Transzendenzfähigkeit und damit die Ermöglichung eines Handelns und Verhaltens des geistigen Ich nicht derart überdehnt verstanden werden, dass das psychische Ego-Ich als ‚finster, böse oder schlecht‘ zurückbleibt. Im Gegenteil, die Psyche – so mein Verständnis – ist auch eine ehrenwerte Instanz, wenn der Mensch dank seines genetischen Erbes, dank seiner Umwelt und kraft seiner Triebe zu etwas Wichtigem Stellung bezieht [vgl. Frankl, V.E.: Der leidende Mensch. Bern 1998, S. 149). So liegt es mir persönlich fern, zum Beispiel einen Teil meines Wertesystems in Frage zu stellen, den ich als positive Übertragung im Kontext elterlicher oder schulischer Erziehung werte und dafür meinen Eltern danke. Oder einen Teil meines Verhaltens abzuqualifizieren, den ich als Reaktion auf belastende Lebenserlebnisse ausformte. Oder die Triebe zu diskreditieren, die mich zuweilen drängen, die Dinge zu tun, die mir aus gegenwärtiger Sicht guttun. Da aber, wo eine existenzielle Einladung zu einer gewissenhaften Entscheidung im Raum stand und eben nicht das in den Vordergrund gerückt wurde, was der Sprache der Psyche entsprochen hätte, war das Staunen und die VerWUNDERung über einen eigenen neuen eingeschlagenen Weg durchaus gegeben. Aus diesen Erfahrungen heraus steht für mich persönlich außer Frage, dass das Geistige (der Raum, in den menschliche Transzendenz hineinwirkt) und das Gehirngeistige dimensional unterschiedlich sind. Das Gehirngeistige stellt für mich den neuronalen Raum dar, in dem

  • zum einen empfunden, gefühlt, gedacht und intuitiv gehandelt wird (diese vier Systeme und ihre situativ stets neue interaktive Konstellation werden zum Beispiel von Prof. Julius Kuhl in seiner Persönlichkeitstheorie als das ‚Spielfeld‘ der Psyche betrachtet) und
  • zum anderen aber auch vollzogen wird, alle Selbstanteile für den wesentlichen Moment einer existenziellen Einladung zu vergessen, sich vielmehr ’nur‘ zu inspirieren (in-spirare = einhauchen; spiritus = das Geistige] von dem, was sich da als Sinnimpuls von außen offenbart, um dann – bildlich gesprochen – wieder den Verstand, das Mentale einzuschalten, um sich kraft alles Psychischen auf das ‚Begeisterte‘ zu transzendieren und sich ihm hinzugeben).

Das, was das Gehirngeistige sprachlich-landläufig als ‚Sinn‘ begreift und ‚fassen‘ kann, ist letztlich – und das ist nicht gerade wenig – das, was das Ego-Ich in einer Situation als Sinn erdenkt, erfindet oder macht. Mit diesem Begriff des ‚gehirngemachten subjektiven Sinns‘ verbinde ich die Kraft der Psyche, mich über den Tag zu retten, mich mit Selbstbeschäftigung vom Gefühl der Selbstverdrossenheit loszueisen, mir mit Selbstaufopferung, Selbstbefriedigung oder Selbstoptimierung das Gefühl der Selbstverwirklichung einzureden. All das gehört zum Mensch-sein dazu und solange die damit verbundenen Verhaltens- und Handlungsweisen mit ihren Denk- und Fühlweisen weder selbst- noch fremdschädigend wirken, erfüllt die Psyche ihren guten ZWECK.

Das, was all diese Zwecke jedoch dimensional überspannt, kann das geistige Ich erspüren. Dieses Ich geht bildlich gesprochen auf die Spur des im Moment seines Aufscheinens unbegreifbare, unfassbare Objektive. Mit diesem Begriff des ‚objektiven Sinns‘ verbinde ich die Kraft des Geistigen, mir die Möglichkeit einer Weltbeschäftigung vorzuhalten mit der ihr innewohnenden Inspiration – wenn nicht von mir von wem denn sonst – hineinzuwirken in das, was nicht würde, bliebe ich ‚Gefangener meines Selbst‚. Mit seiner Fähigkeit zur Transzendenz kann sich ein Mensch den Weg zum Person-sein ebnen und über diesen dem befriedigenden, psychisch (hoffentlich) gut gemachten Sinn die Verwirklichung eines geistig erfüllenden Sinns zur Seite stellen.

Wie kann diese sinntheoretische Perspektive nun mit dem integralen Gedankengut von Ken Wilber verwoben werden? Erinnern wir dazu, dass das zentrale Axiom der Theorie Wilbers besagt, dass Entwicklung prinzipiell dem Prozess von „transzendieren und einschließen“ unterliegt. Die Themen und Schemata [in Form von Werten, Verhalten, Fähigkeiten, Kapazitäten usw.] einer Ebene werden zum einen von der nächst höheren Ebene [und damit weitergedacht von allen höheren Ebenen] eingeschlossen und bei neu auftauchenden Themen durch Transzendenz in neue Schemata weiterentwickelt. Eine Entwicklungsebene [die wir bei einer konkreten Arbeit zum Beispiel in der Therapie, in der Beratung oder im Coaching anschauen] wird dabei im Kontext einer Entwicklungslinie und diese wiederum in einem der vier Wilberschen Quadranten betrachtet [siehe hierzu die von mir im Beitrag 1 dieser Reihe empfohlene Videoreihe zu den einzelnen Aspekten der Integralen Theorie].

Mit den Werteebenen von Clare Graves, die Einzug gehalten haben in verschiedenen Veröffentlichungen unter dem Stichwort ‚Spiral Dynamics‚ werden dauerhaft entwickelte Merkmale von Individuen oder Systemen beschrieben. Neben der Klassifizierung von Graves finden sich in der Literatur weitere wie zum Beispiel Jean Gebsers Modell der fünf Strukturen des Bewusstseins, die Ebenen der Bedürfnispyramide von Abraham Maslow, die Stufenmodelle der Persönlichkeits- oder Bewusstseinsentwicklung nach Erikson, Loevinger, Cook-Greuter u.v.a.m.

Allen Modellen schreibt Wilber zu: ‚everybody is right‘, die Auswahl einer groberen oder feineren Ausdifferenzierung des jeweiligen Modells orientiere sich letztlich an der zugrundeliegenden Forschungsfrage, bei aller Trennschärfe wäre jedoch nicht zu übersehen, dass jedes Modell ein Teil [ein Holon] eines darüber stehenden Ganzen sei. In seinem Hauptwerk Eros, Kosmos, Logos stellt Wilber die sogenannte Holarchie dar. Jedes Holon ist dabei zuerst ein Ganzes, es wird dann gegebenenfalls auf das nächst höhere Holon transzendiert und dort als Sub-Holon eingeschlossen. Eine bekannte Holarchie ist die Sequenz Atom – Molekül – Zelle – Organismus.

Als eine weitere Holarchie kann das Modell der Werte-Meme von Graves angeschaut werden. Es soll hier im Zusammenhang [auch als Wiederholung zu einem früheren Beitrag in dieser Reihe], insbesondere aber in seinen jeweiligen Übergängen von der einen zur nächsten Ebene betrachtet werden.

=> Beige: Das Meme der Horde mit dem Streben des Einzelnen nach Überleben. Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Sicherheit haben Vorrang. Gewohnheiten und Instinkte werden zum bloßen Überleben eingesetzt. Eine Ich-Identität ist in diesem Meme noch nicht – oder aufgrund einer extremen Krisenbelastung nicht mehr – auszumachen. Der Umgang mit den Gegebenheiten erscheint primitiv, vegetierend, animalistisch, archaisch.
Die Gabe des Meme: Überlebenswille
Das Risiko des Meme: Untergang

Übergang von Beige zu Purpur: Bei sich massiv selbst- oder andere gefährdenden Verhaltens- und Handlungsweisen bewirkt das Ergreifen einer schützenden Hand die Re-Integration in eine soziale Hilfsgemeinschaft.

=> Purpur: Das Meme der Gruppe, der Ahnen, der Familie, der Sippe.
Das Meme sucht Geborgenheit und Sicherheit [z.B. durch starke Familienbindungen, Riten, Naturbezogenheit]; das Denken ist animistisch, schamanistisch und mythisch; die Gruppe sorgt sich um ihr Überleben und Wohlbefinden; wichtig sind Geschlechterrolle, Sexualität und Verwandtschaft; ethnisch homogene Gruppen; hohe Loyalität gegenüber den ‚Ältesten und Senioren’ und der ‚Sippe’. Das Individuum ist der Gruppe untergeordnet.

Purpur ist ein sog. ‚WIR’-Mem, es findet sich in ‚verschworenen Gemeinschaften’, da wo ‚Blut dicker als Wasser’ ist, in Seilschaften, auch im Kindergarten.
Die Gaben des Meme: Sensibilität, Solidarität, Opferbereitschaft
Die Risiken des Meme: Unterwürfigkeit, Aberglaube, blinder Gehorsam

Rückschau von Purpur zu Beige: Hat Purpur seine Geborgenheitsausrichtung reguliert und berücksichtigt es die guten Kräfte von Beige [EINBEZIEHEN], so entsteht eine günstige Symbiose aus Lebenswillen und Gruppenenergie.

Übergang von Purpur zu Rot: Menschen machen die Erfahrung, dass sich auch die Seniorität irren kann, nicht alles weiß und kann. Verfügt ein Individuum in diesem Kontext über besondere Stärken und Kompetenzen, setzt es sie entweder egozentriert zur eigenen Positionierung in der Gruppe oder zum Schutz der Gruppe [TRANSZENDIEREN] ein und  steigt damit in die Macht auf.

=> Rot: Das Mem der Macht, der Impulsivität, des Kampfes strebt nach Ehre, Respekt, Herrschaft und Ansehen; es vermeidet es, von anderen gedemütigt oder gezwungen zu werden; das Denken ist gegenwartsbezogen, konkret, ego-zentriert. Im roten Meme interessiert sich das Individuum nicht für mögliche Konsequenzen, sondern nur für das Handeln; es vertraut sich voll und ganz; das Individuum ist der Gruppe übergeordnet.

Rot ist ein sog. ‚ICH’-Mem, es findet sich bei Kindern im rebellischen Trotzalter, bei heldenhaften Machern, im Milieu der Gewalt, Systemen mit autokratischen Führern.

Die Gaben des Meme: Selbstvertrauen, Kraft und Charisma
Die Risiken des Meme: Egoismus, Hochmut und Gewaltsamkeit

Rückschau von Rot zu Purpur: Hat Rot seine Dominanz reguliert und berücksichtigt es die guten Kräfte von Purpur [EINBEZIEHEN], so entsteht eine günstige Symbiose aus Autorität und Akzeptanz.

Übergang von Rot zu Blau: Bei zu stark und herrisch gewordenen Individuen gilt es zum Erhalt des Gemeinwesens, deren Willkür zu begrenzen. Dazu dienen Initiativen von Menschen [TRANSZENDIEREN], der Macht starker Einzelner adäquate Eindämmungsstrukturen mittels weltlicher oder religiöser Ordnungssystemen entgegenzustellen.

=> Blau: Das Meme der Ordnung, der Wahrheit, der Rechte strebt nach Regeln und Stabilität; achtet auf Gerechtigkeit und Gewissenhaftigkeit. Das Denken ist konservativ, ‚prinzipiell’, statusorientiert. Blau steht ein für das, was ‚gut’ und ‚richtig’ ist, es hält sich an Gesetze, Regeln,
Hierarchien und verhält sich diszipliniert; Komplexität und Veränderung werden mit Ordnungssystemen adressiert.

Das Individuum im blauen Meme zeigt Loyalität für die Themen, die es zu seinen macht, auch zu Bereichen des Glaubens, der Tradition oder zur Organisation. Die Organisation ist dem Einzelnen übergeordnet. Blau ist ein ‚WIR’-Mem, seine Ausrichtung auf Regeln findet sich zum Beispiel in Form von Bürokratien, Patriarchaten, Kadern, Pfadfindergemeinschaften, aber auch in totalitären Systemen, in Organisationen mit spezifischen Kodizes, in der Grundschule.

Die Gaben des Meme: Geduld, Loyalität, Klarheit
Die Risiken des Meme: Starrheit, Ideologie, Fundamentalismus, Zwanghaftigkeit

Rückschau von Blau zu Rot: Hat Blau seine ‚Regelkunst’ unter Kontrolle und zieht es die guten Kräfte des Rot mit ein, so entsteht eine günstige Symbiose aus Strukturqualität und Leitungsmacht.

Übergang von Blau zu Orange: Alle Meme bis hin zu Blau gelten als ethnozentrisch und konventionell. Orange transzendiert nun all die bisherigen Gegenwarts-Bewusstheiten in Richtung einer weltzentrischen und postkonventionellen Ausrichtung. 

=> Orange: Das Meme der Leistung, des Erfolgs, es strebt nach Freiheit, Selbstständigkeit und Erfahrung. Es will gut und materiell wohlhabend leben; es achtet auf Fortschrittsoptionen und mag den Wettbewerb, die Wissenschaft, das neue Lernen. Es will Karriere machen, Anerkennung erhalten und die eigenen Chancen nutzen; das Denken ist hypothetisch-deduktiv, objektiv, wissenschaftlich. Das Individuum vertraut in Orange auf sein Wissen und die eigenen Fähigkeiten; es bedient sich aller Ressourcen, um den Erfolg zu sichern; informiert sich kontinuierlich, um ‚up to date’ zu sein. Die Individualität ist der Organisation übergeordnet.

=> Orange ist ein ‚ICH’-Mem, es findet sich im freien Unternehmertum, in Wissenschaft, Börse, höheren Schulen und in körperschaftlich organisierten Institutionen.

Die Gaben des Meme: Selbstbewusstsein, Optimismus, Planungsstärke, Zielstrebigkeit
Die Risiken des Meme: Manipulation der Ressourcen, Fortschrittshörigkeit, Solidaritätsverlust, Materialismus

Rückschau von Orange zu Blau: Hat Orange seine individualistische Freiheit gekoppelt mit den guten Kräften des Blau, so entsteht eine günstige Symbiose aus Innovation und Bewahrung.

Übergang von Orange zu Grün: Wird die Leistungs- und Wettbewerbsorientierung überdehnt, zeigt sich mit Grün ein Korrektiv, das auf die Verantwortung für das Große und Ganze im weltzentrischen Verständnis verweist. Dazu dienen auch Initiativen, die es den Menschen ermöglichen, den Anschluss an die Wissens- und Erfahrungsfelder unter Wahrung ihrer individuellen Kraft und Würde gestalten zu können.

=> Grün: Das Meme der Harmonie, der Kooperation, der Akzeptanz strebt nach gesellschaftlicher Entwicklung, Teilhabe, Wertegemeinschaften; erforscht das eigene Innere im Kontext der Empathie mit anderen. Es schätzt Beziehungen und Wissenstransfer; betont den Willen zur Konsensbildung; atmosphärische Intelligenz, Gespür und friedvolle Weltoffenheit sind wichtig. Statt Stärken-Schwächen-Polarität gilt die Vision des vielfältigen Menschen; das Denken ist pluralistisch, vernetzt, nichtlinear, sozial und auf gemeinsames Handeln ausgerichtet. Das Menschenbezogene ist dem Individuellen übergeordnet.

Grün ist ein ‚WIR’-Meme, es findet sich in Konzepten des Unternehmensbürgertums, in Netzwerken mit Nachhaltigkeitsanspruch, in Menschenrechtsbewegungen, in multiperspektivischen hierarchiefreien Hochleistungsteams.

Die Gaben des Meme: Sensibilität, Lebensorientierung, Weltoffenheit, Wertschätzung, Integration
Die Risiken des Meme: Entscheidungsunfähigkeit, ideologische Anti-Ideologie, Naivität, Ziellosigkeit

Rückschau von Grün zu Orange: Hat Grün seine ‚Klagen über die Welt’ im Griff und gekoppelt mit den guten Kräften des Orange, so entsteht eine günstige Symbiose aus Klugheit und Innovationsfreude.

Übergang von Grün zu Gelb: Wird die Begeisterung für Multiperspektivität und soziale Gleichheit überdehnt, zeigt sich mit Gelb eine Bewusstheit höherer Ordnung, der es gelingt, das angestrengte ‚Für-etwas-Korrektiv-sein-Müssen’ zugunsten einer leichtgängigen Handhabung von Komplexität zu wandeln.

=> Gelb: Das Meme des Lernens, des Systemischen, des Geistigen fokussiert auf breite Funktionalität, profunde Kompetenz, weitreichende Flexibilität, lebendiges Wachstum. Es ist in der Lage, mit Ambivalenzen umzugehen und weiß um die Permanenz der Veränderung; lernt beständig, selbstgesteuert und aus allen Quellen; vermag Freiheit und Verantwortlichkeit so zu leben, dass das Eigene ohne Schädigung des Anderen vollzogen wird; es besitzt ein liebevolles Menschen- und ein realistisches Weltbild; das Denken ist systemisch, perspektivisch und erzeugt systemische Fragestellungen; das Geistige [spezifisch Menschliche] ist dem Psychophysischen übergeordnet.

Gelb ist ein ‚ICH’-Mem, integriert hierarchische und nichthierarchische Strukturen und verschiedenste Lern- und Arbeitsformen. Es nutzt die pragmatische Erkenntnis, dass ‚Systeme immer mithelfen’; orientiert sich an dem, was naheliegend und notwendig ist; befähigt zu mehr Verantwortungsübernahme. Gelb findet sich in hochentwickelten Netzwerken, Projekten mit einem Höchstmaß an Selbstorganisation und Eigenverantwortlichkeit, temporären Organisationsformen, in Sinnsystemen.

Die Gaben des Meme: Kreativität, Autonomie, Multiperspektivität, Perspektivenwechsel
Die Risiken des Meme: Arroganz, Unnahbarkeit

Rückschau von Gelb zu Grün: Hat Gelb seine Fähigkeit zur Vernetzung gekoppelt mit den guten Kräften des Grün, so entsteht eine günstige Symbiose aus Wissensgesellschaft und Wertegemeinschaft.

Übergang von Gelb zu Türkis: Wird die Vernetzungsorientierung und das systemische Denken überdehnt, so vermag Türkis die sich damit in Bewegung setzende Informationswelle auf das Globale, Wesentliche zu reduzieren.

=> Türkis: Das Meme des Ganzheitlichen, des Holon richtet sich an einer globalen Ordnung aus, die befreit ist von menschlich gesetzten Regeln. Es vereint die geistige Dimension mit mentalen Fähigkeiten und konzentriert sich auf das Wohl aller lebenden Wesen und aller natürlichen Systeme. Das türkise Meme sieht das Universum als ein ästhetisches-elegantes-ausgewogenes-wissendes-verwobenes Feld; das Denken ist holistisch-global, evolutionär und intuitiv. Es fokussiert auf das globale Überleben, nicht auf das Überleben des Einzelnen oder einer speziellen sozialen Entität. Türkis findet sich in der Zusammenarbeit von Menschen, die sich mit Aspekten der über die aktuelle Menschheitsgeneration weit hinausgehenden Fragestellungen befassen und einen Spiritual-Think-Tank begründen.

Wenn nun Menschen wie Du und Ich mit je unterschiedlichen Bewusstheiten [Meme = Thema + Schema] über ein Thema sprechen oder an ihm arbeiten, dann besteht stets die Gefahr, dass eine ‚höher‘ entwickelte Werteebene die ’niedrigere‘ abwertet. Diese Abwertung kann dabei inhaltlich unangemessen sein, wenn nämlich die ’niedrigere‘ Bewusstheit als Schema geeigneter wäre für den Umgang mit dem Thema.
Andererseits neigt zuweilen die niedrigere Werteebene dazu, die höhere anzugreifen, im Sinne eines ‚abgehoben, unnahbar, arrogant …‘. Zuschreibungen dieser Art kennen alle Menschen. Sollte aber die höher entwickelte Bewusstheit zwar angemessener sein für den Umgang mit dem Thema, setzt sich aber die niedrigere aus welchen Gründen auch immer durch, so wird eine bestmögliche Entwicklung des Themas behindert, die Entwicklung stockt oder die Nicht-Entwicklung führt bis hin zum Tod des Systems, in dem die Entwicklung zwingend gewesen wäre.

Beispiel: Zwei Menschen befinden sich in einer Ausbildung. Der eine will im Netzwerk mit anderen Menschen das neue Wissen in verschiedenen Zusammenhängen ausprobieren [Gelb]. Der andere will sich fokussieren auf inhaltlich korrektes Erlernen der Details und strebt nach Ordnung im didaktischen Ablauf [Blau]. In der integralen Sichtweise hat das Gelbe Meme das Blaue integriert, Gelb nutzt die Ordnungsfähigkeit des Blau nun jedoch womöglich in anderer Weise als der Mensch mit dem Blauen Meme es tut. Ein Konflikt ergäbe sich nun, wenn Gelb das Blau als ‚rückschrittig, altmodisch, kleingeistig …‘ abwerten würde. Oder wenn Blau das Gelb auf der anderen Seite als ‚zu wenig tiefgängig, unberechenbar oder unstrukturiert‘ etikettieren und angreifen würde.

Oder:
Orange will gerne besser sein als die anderen und stellt eigene Ziele über das soziale Wohl. [Stichworte: Turbokapitalismus, Verdrängungswettbewerb, Strebertum …]
Grün möchte das Soziale in seiner Bedeutung hervorheben und fördert die Gleichheit in vielen Lebensbereichen. [Stichworte: Equal Payment, Quote, Inklusion, CSR …]

Oder:
Rot will den persönlichen Triumpf als Sieger. [Stichworte: Einzelkämpfer, Weltherrschaft, Ellenbogenmentalität …]
Blau möchte Konflikte und Kampf vermeiden, indem Beziehungen formal definiert werden. [Stichworte: Verfassung, Code of Conduct, Stellvertreterregelungen …]

In der Lebenspraxis finden sich im privaten, beruflichen, gesellschaftspolitischen wie globalen Kontext zahllose Konflikte, die im Kern auf aufeinanderprallende Bewusstheiten hinweisen. Schaut man dazu in das von Wilber in seine Theorie integrierte Graves Modell der Werte-Meme und weiter auf die von Don Beck und Christopher Cowan [Autoren des Buches Spiral Dynamics] vorgenommene Kopplung dieses Modells mit dem Konzept der Meme des britischen Biologen Richard Dawkins so sieht man hier, dass ein Meme mittels Kommunikation von einer Generation an die nächste weitergereicht, dort reproduziert (einbezogen) und weitentwickelt (transzendiert) wird. Menschen passen so à la longue ihre Verhaltens- und Handlungsmuster, ihre Überzeugungen und Glaubenssätze an die Gegebenheiten der Gegenwart an und entwickeln so – analog der Entwicklung der Gene und der mit ihnen verbundenen biochemischen DNA – ihre psychologische DNA. Aus ihren Überlegungen formulierten Beck und Cowan einige zentrale Eigenschaften, über die Meme ihrer Ansicht nach verfügen:

  • Meme bringen die Bewusstheit zum Ausdruck, mit der menschliches Verhalten bestimmt wird.
  • Meme beeinflussen alle Lebensentscheidungen.
  • Meme können situativ verbessernd oder verschlechternd wirken, mithin passend oder unpassend für spezifische Kontexte sein.
  • Meme beschreiben menschliche Denkweisen.
  • Meme können sich unter veränderten Lebensbedingungen verstärken oder abschwächen.

Für Beck und Cowan stellen die Meme ‚Beige’ bis ‚Grün’ und die Meme ab ‚Gelb’ zwei qualitativ unterschiedliche Cluster dar. Im sogenannten ‚first level tier’ [Beige -> Grün] werden Denkweisen praktiziert, die die Bewältigung situativer Themen eines Menschen oder eines Kollektivs sichern helfen. Hier wirken die einzelnen Meme zwar jeweils aufeinander aufbauend, jedoch zumeist sich untereinander bewertend und grenzziehend. Die Meme ab ‚Gelb’ – das ‚second level tier’ – nehmen dagegen nicht nur einzelne Ebenen, sondern alle in den Blick.

Die Reise durch die Meme wird vergleichbar anschaulich, wenn man sich zuerst einen Menschen konstruiert, der an einem Ort nur das ihn unmittelbar Umgebende und seine basalen Grundbedürfnisse Befriedigende denkend erschaut, woraufhin sich dieser Mensch dann nach und nach quasi ‚erdnah‘ zuerst bis ‚Grün’ seinen Denkraum vergrößert, um schließlich mit ‚Gelb’ wie in einer Rakete sitzend vertikal erst die gelbe Metaebene, dann die türkise Globalebene usw. durchreist, dabei sich die Perspektive stetig weitet und die sich zu stellenden Fragen auf einen immer weiter reichenden Horizont verweisen. Dem ‚Second-Level-Denkenden’ ist bewusst, dass sein Denken ohne Integration und Würdigung aller ‚First-Level-Denkweisen’ lückenhaft bleibt – seine Denkhaltung überzeugt daher mit einem hohen Maß an Mehrdeutigkeitstoleranz, eigener Entwicklungs- und Reflexionsbereitschaft und Überblicksperspektive.

Das individuelle Meme-Set kann aus dieser Perspektive also verstanden werden als ein sich im Leben dynamisch entfaltendes Bündel an Denkformen, mit dem ein Mensch in einer aktuellen Situation ‚so oder so’ über den ihm vorliegenden Kontext denken kann und hierauf sein bewusstes Verhalten begründet.

Eine in einem Folgebeitrag zu thematisierende Frage wird sein, welchen Beitrag der Mensch ’selbst‘ leisten kann, um sein individuelles Meme-Set weiterzuentwickeln und in welcher Weise Sinnimpulse zu einer solchen Entwicklung inspirieren können?

Im Praxistransfer des beschriebenen Gedankenguts auf den in diesem Blog fokussierten Krisenkontext, stelle ich in meiner Rolle als psychotherapeutischer Begleiter immer wieder einen der folgenden Zugangswege zum ‚Bewusstheits-Diskurs’ mit Klienten fest:

  • Der Klient hat die Einsicht, dass er in Nutzung eines bestimmten Memes bislang versucht hat, seiner Krise Herr zu werden, und erkennt, dass ein anderes, ihm auch präsentes Meme womöglich angemessenere Denkweisen im Umgang mit der Situation ermöglichen würde.
  • Wie oben, das Meme, das dem Klienten dienlich wäre, steht ihm jedoch noch nicht zur Verfügung und ruft dazu auf, in einem Lernprozess entwickelt zu werden.
  • Der Klient ist ambivalent in der Nutzung ihm vergleichbar gut verfügbarer Meme und entwickelt so durch eine mentale Blockade im Krisenbewältigungsprozess eine Selbstunsicherheit.
    [Es ist zu beachten, dass die Koexistenz mehrerer ausgeprägter Meme im Krisenkontext nicht gleichgesetzt werden kann mit einem automatisch ‚besseren’ Weg der Situationsbewältigung. Vielmehr gilt es, stets das ‚passendste’ Meme-Set, die angemessene Bewusstheit, zu entwickeln.]

In meiner Rolle als Therapeut, Berater oder Coach führe ich das Modell der ‚Werte-Meme’ als Navigationssystem ein und biete dem Klienten zu den einzelnen Meme passende Interventionen an. Wenn – wie Beck und Cohan postulieren – Meme als Denkstrukturen verstanden werden können, dann lässt sich mit diesem Modell erarbeiten, wie ein Klient einerseits über seine Krise und andererseits über seine Vorstellung eines Weges aus der Krise denkt. Dabei stelle ich zumeist fest, dass der Klient beide ‚Denkaufgaben’ im selben und im für ihn stärksten Meme angeht.

Wie zum Beispiel Karin H., die als Abteilungsleiterin eines Großunternehmens berichtet: „Meine Situation ist eskaliert als es in unserem Unternehmen jüngst vier MItarbeiterversammlungen gab, die sich im Nachhinein als kaskadisch inszenierte Veranstaltungen entpuppten, von denen in der ersten Gruppe die Mitarbeiter über anstehende Veränderungen informiert und sie für ihre bisherigen Leistungen anerkannt und mit pompösem Tamtam motiviert wurden, in der zweiten Gruppe die Mitarbeiter auch die Informationen über die anstehenden Neuerungen erhielten, sie aber dabei die Botschaft erhielten, von ihnen würde künftig noch mehr Leistung erwartet werden. In der dritten Gruppe wurden die anstehenden Veränderungen mit einem Unterton geschildert, der nahelegte, sich als Mitarbeiter den Verbleib in unserem Unternehmen genau zu überlegen und die vierte Gruppe wurde als letzte darüber in Kenntnis gesetzt, dass man mit ihnen aufgrund der Situation zeitnah Gespräche zum Ausscheiden aus dem Unternehmen zu führen gedenke.

Da jeder Mitarbeiter durch die Einladungen wusste, wer in welcher Versammlung war, und es erst durch dieses Vorgehen für Mitarbeiter offenkundig wurde, welche Vorgesetzten – und manchmal auch der eigene – auf die Abschussliste gesetzt wurden und umgekehrt, war nach dieser Vorstandsaktion natürlich Katastrophenstimmung angesagt. Meine persönliche Verzweiflung ist nun, dass ich dieses Vorgehen als zutiefst respektlos und ungehörig empfinde, zumal ich und einige meiner Mitarbeiter in die dritte Gruppe sortiert wurden.

Ich bin seit 22 Jahren im Unternehmen beschäftigt, führe seit vier Jahren gut 20 Mitarbeiter, habe in den vergangenen Jahren stets die vereinbarten Ziele erfüllt oder übererfüllt und kann auf eine stattliche Reihe erfolgreicher Projekte zurückblicken. Mein Verhältnis zu meinem unmittelbaren Vorgesetzten ist gut, jedoch hat sich die – zum Teil mit ehemaligen Offizieren der Bundeswehr – neu besetzte Vorstandsebene aus meiner Sicht von Anbeginn ihrer Zusammenarbeit nur das Ziel gesetzt, einen harten Cut zu machen und Personal freizusetzen.

Das fing vor zwei Jahren schon an, als verschiedene Projekte ausgeblutet und mehrere interne Abteilungen ausgegliedert wurden. Da ging damals schon einiges nicht mit rechten Dingen zu, wenn ich erinnere, mit welchen Argumenten uns die Anpassungen vermittelt wurden. Erst hieß es, das Unternehmen hätte ein größeres Auslandsinvestment in Aussicht und wolle deshalb Prozesse und damit auch Personen neu bündeln und würde daher nun einige Projekte beauftragen, in denen die Konzepte für eine neue Struktur entwickelt würden. Dann wurde aber nach kurzer Zeit mitgeteilt, dass die Unternehmensleitung sich entschlossen habe, im Ausland mehrere Shared Service Center aufzubauen. Alles wurde als Dringlichkeitsszenario dargestellt – nur, wenn die Strukturen verändert würden, könnte man im Ausland erfolgreich operieren.

Hinterher sickerte durch, dass man das Service-Konzept bereits bei den Verhandlungen mit den Partnern im Ausland im Gesamtpaket eingebunden hatte. Diese Unaufrichtigkeit und das Spielen mit den Menschen werden für mich immer unerträglicher. Als Nachwuchskraft habe ich solche Handlungsweisen vermutlich früher gar nicht wahrgenommen oder als für mich relevant angesehen. Mit zunehmender Führungsverantwortung wurde mein Einblick in die Entscheidungsprozesse und den Stellenwert, den Menschen in unserem Unternehmen für einen Teil des Topmanagements haben, bewusster. Ich habe, so gut es ging, meinen Mitarbeitern gegenüber mit Achtsamkeit und Gewissenhaftigkeit in Gesprächen und Entscheidungen gegengewirkt und in den letzten Jahren eine auch von anderer Seite beachtete Teamkultur entwickelt. Wir haben uns gut eingespielt und immer komplexere Aufgaben gewuchtet, haben uns eine innere Ordnung gegeben, weil die Unternehmenswerte für uns zu schwammig waren, und ich denke, mit meiner eigenen Disziplin und Klarheit habe ich den Mitarbeitern die Sicherheit gegeben, die sie für ihre Lebensplanung brauchen.

Das alles soll nun nichts mehr wert sein. Für mich bedeutet die Situation, dass ich alle rechtlichen Schritte einleiten werde, um nicht unter die Räder zu kommen. Natürlich habe ich meinen Vorgesetzten auch befragt, wie er Form und Inhalt dieser demütigenden Aktion einschätzt, und er erklärte mir, dass die Organisation alle Funktionen ohne Ansehen der Personen auf ihren kurzfristigen Beitrag zum Turnaround geprüft hätte. Dabei wäre auch in Kauf genommen worden, dass Mitarbeiter, die persönlich keinen Anlass zur Kritik böten, nun von der neuen Ausrichtung der Firma betroffen seien. Dass ich dazu gehöre, würde er bedauern, und ich solle das ‚Angebot zum Nachdenken’ doch ‚konstruktiv’ aufgreifen.

Ich bin sehr besorgt, denn ich bin alleinstehend, mein Sohn sitzt seit einem Motorradunfall vor eineinhalb Jahren im Rollstuhl, meine Mutter braucht tägliche Pflegedienstunterstützung nach ihrem Schlaganfall, den sie vor einem Jahr erlitten hat. Ich habe hier sehr viel mit Behörden und Krankenkassen zu regeln, und mir unter diesen Bedingungen mit 49 Jahren eine neue Führungsaufgabe zu suchen, möchte ich nicht. Mir bereitet meine derzeitige Arbeit keine Mühe, ich bringe gerne volle Leistung, aber ich erwarte einen fairen Umgang und angemessene Regelungen – nicht so ein ‚von oben herab’. Was ich mir zur Entlastung der Situation überlegt habe? Sehr schmerzlich wäre es für mich, meine Mutter dauerhaft in einem Pflegeheim unterzubringen, bisher kann ich ja einige Stunden mit ihr verbringen. Die finanzielle Unterstützung, die ich meinem Sohn gebe, damit er sich seine rollstuhlgerechte Wohnung noch besser für sich einrichten kann, müsste ich auch strecken. Ach, es sind an sich viele Sachen, die neu organisiert werden müssten und die manche Nächte schlaflos werden lassen …“

Schauen wir bei dieser Schilderung auf die mit ihr zum Ausdruck gebrachte Bewusstheit der Klientin, so finden sich eine Reihe von Merkmalen des ‚Ordnungs’-Memes. Mit einer solchen zentralen Bewusstheit strebt der Mensch nach Struktur, Wahrheit, Recht, nach Regeln und Stabilität. Das Denken wird durch Prinzipien und Status geprägt, als Bewertungsmaßstäbe werden ‚gut’, ‚schlecht’, ‚falsch’ und ‚richtig’ herangezogen. Menschen, die aus diesem Meme heraus denken und handeln, zeigen sich diszipliniert, loyal und traditionell. Wird nach möglichen Bewältigungsformen gesucht, so stehen ‚Anwälte, die für Recht sorgen’, ‚Delegation von Themen an vertraute Personen’, ‚Aufbau von Konfrontationslinien, um bei anderen Menschen zu einer ehrlichen Aussage vorzudringen’, ‚Beharren auf betrieblichen Vereinbarungen’, … an erster Stelle.

Die Denkweisen der Klientin im Kontext ihres Anliegens waren – so sollte es sich im Verlauf der weiteren Arbeit beim Betrachten ihres Wertesystems, ihrer Grundeinstellungen in Krisen sowie durch ein Gespräch über sie potenziell verletzende Verhaltensweisen anderer Menschen zeigen – in dieser Gewichtung in % verteilt:

türkis: 0
gelb: 5
grün: 5
orange: 25
blau: 35
rot: 5
purpur: 25
beige: 0

In der Tat interpretiert diese Klientin ihren problematischen Anliegenkontext auf derselben Bewusstheitsebene, auf der sie auch nach Lösungen für ihr Problem sucht. Erscheint ein Problem als ‚kompliziert’ und liegen einem Menschen Erfahrungen im Umgang mit Situationen dieses ‚Schweregrades’ vor, so mag dieses Vorgehen hinreichend zufriedenstellende Lösungen bewirken. Erhält die Situation jedoch durch Komplexität und Dynamik eine individuell empfundene Unbeherrschbarkeit, Brisanz und Lösungsdringlichkeit, dann hat nach meiner Einschätzung die Erkenntnis ihre Berechtigung, dass „der Kern des systemischen Denkens die Einsicht ist, dass wir uns verabschieden müssen vom linearen Denken” [Paul Watzlawick] und sich Lösungen für Probleme nicht im Raum ihres Entstehens finden lassen. Für den Krisenkontext folgen hieraus meine Thesen:

  • Die Bewältigung einer Krise findet in einem anderen Bewusstheitsfeld statt als ihre Entstehung.
  • Verfügen Menschen nicht über die für die Krisenbewältigung passende Bewusstheit, so eskaliert die Situation.

Für Karin H. bedeutete dies, das sie blockierende Werte-Meme zu identifizieren und Aspekte eines anderen oder zusätzlichen Memes in Erwägung zu ziehen, auch wenn dies einen umfassenderen Lernprozess erfordern sollte:

Karin H.: „… nun, ich hoffe, dass ein Zustand eintritt, der es mir weiterhin erlaubt, mich um meine Familie zu kümmern. Das ist mir allemal wichtiger als irgendein beruflicher Aufstieg, denn weiterführende Karriereambitionen hatte ich glücklicherweise ohnehin nie. Mit meiner Position und den mit ihr verbundenen Aufgaben bin ich vollauf im Reinen. In meiner privaten Situation wären solche Absichten nun für mich sicher die Grundlage größerer Unzufriedenheit geworden. Dann hoffe ich, dass meine Mitarbeiter – egal in welche Richtung ihre weitere Entwicklung gehen wird – auf anständige Weise Alternativen aufgezeigt bekommen und sie auch mit mir auf eine solche Weise umgehen. Und dann hoffe ich, dass ich als Folge eines solchen Zustands auch die Nähe zu meinen Freunden und Bekannten nicht einbüße, denn von dort bekomme ich schon heute sehr viel Kraft. An sich erhoffe ich mir einen Zustand, der mir nicht Energie raubt, so wie es in der letzten Zeit der Fall ist, und den ich ja durch Schlafstörungen auch schon körperlich merke …“

Das im Zusammenhang ‚Hoffnung’ von der Klientin besonders betonte Meme ist das der ‚Gruppe und Familie [purpur]’. Würde die Klientin reflektieren, dass ein Verharren im blauen Ordnungs-Meme ihre Lage im Unternehmen möglicherweise erschwert und ein Streben nach einer familienfreundlicheren Lösung im Kern ein gelingenderes Leben verspricht, wären hierauf aufbauende Interventionen sinnvoll [was nicht bedeutet, dass flankierende Maßnahmen – in diesem Beispiel aus dem Ordnungs-Meme – nicht zusätzlich zweckdienlich sein könnten]. Im konkreten Fall wurde Karin H. deutlich, dass ein ‚Pochen auf Gerechtigkeit’ zugunsten einer im Unternehmen für ihre familiäre Situation sensibilisierenden Kommunikation hintangestellt werden sollte, mit dem [Wunsch-]Ziel, mit ihren Vorgesetzten über die Bedingungen zu sprechen, die eine für beide Seiten passende und geräuscharme Veränderung ermöglichen. Parallel entschloss sie sich, einen Anwalt für Arbeitsrecht zeitnah und vorsorglich über die Vorkommnisse in Kenntnis zu setzen.

„Glück ist, was einem erspart bleibt“, meinte einst Viktor Frankl. Schaut man sich die Reflexionen der Klientin hinsichtlich des Themas Aufstiegsambitionen, des Erhalts der Freundschaften oder auch ihres Möglichkeitsraums bei der Versorgung von Mutter und Sohn an, so kann die Klientin leicht erkennen, dass es ihr ‚trotz allem‘, was sie im Unternehmen im Wertekontext Gerechtigkeit an Verletzung erfahren hat, gelingen kann, im ersten Schritt eine Einstellungsmodulation vorzunehmen, die die Werte aus dem Purpur-Meme in den Vordergrund rückt. Persönliche eskalierende Auseinandersetzungen in ‚blau‘ kann sie sich ‚ersparen‘ und diese freie Lebensenergie auch dafür einsetzen, eine Weiterentwicklung ihrer Werte-Ebenen vorzunehmen.