„Wer um den Sinn seines Daseins weiß –
er und er allein ist auch noch am ehesten im Stande, alle Schwierigkeiten zu überwinden.“
Viktor E. Frankl
Wanderer am Wegesrand
Holzstich aus 1888
Vor circa 800 Jahren schrieb der islamische Mystiker Fariduddin Attar aus dem Norden Persiens seine metaphorische Geschichte vom Vogel aller Vögel, dem Simurgh. Dabei geht es um die Geschichte einer internationalen Vogel-Konferenz, die erforderlich wurde, weil es im Reich der Vögel viele Schwierigkeiten und Umbrüche gab. Nachdem die Versammlung feststellte, dass sie die verschiedenen Probleme und Krisen nicht meistern konnte, beschloss man, sich an den Simurgh, den Meistervogel, zu wenden. Für dieses nicht leichte Unternehmen stellte man eine Delegation von dreißig Vögeln zusammen, die sich sodann auf den Weg zum Simurgh machten.
Die Vögel mussten auf ihrer Reise über sieben Berge und durch sieben Täler allerlei Abenteuer bestehen. Auf einer Metaebene lässt sich bei dieser Erzählung eine Brücke schlagen zu den von Graves beschriebenen sieben Entwicklungsphasen der Menschheit vom vMeme Beige (dem Überlebens-Meme) bis zum systemischen vMeme Gelb (dem Meme, das alle vorangegangenen vereint als Ausgangspunkt für die weitere, höhere Entwicklung der Menschheit, weg von einer egozentrierten hin zum transpersonal-kosmoszentrierenden Menschheit).
Auf ihrer Reise erhalten die Vögel immer mehr Hinweise über das Wesen des Simurgh und erkennen, dass sie selbst, die dreißig Vögel, alle zusammen der Meistervogel sind. So entsteht eine Reise von dreißig Vögeln auf der Suche nach dem dreißigsten Vogel, der ihre innere Einheit repräsentiert. Sie erkennen, dass nur sie zusammen fähig sind, die Probleme, die Anlass ihrer Reise waren, zu lösen. Nur sie gemeinsam können die Antwort des Simurgh hören.
Für sich genommen, ist das Buch des alten Mystikers bereits ein wahrer Lese-Genuss. Doch habe ich mich gefragt, wer heute vielleicht die ‚Vögel‘ sein könnten, die sich gemeinsam auf ihre Reise zum Vogel aller Vögel machen (sollten), um eine integrierte, bewusste Weltgemeinschaft zu ermöglichen? Dazu sind mir diese dreißig Rollen eingefallen:
Weltahnenforscher – Integralphilosoph – Neuropsychologe – Friedensmediator – Völkerrechtler – Panikforscher – Lebensraumsystemarchitekt – Kosmos-Ethiker – Restorative-Justice-Systemiker- Klimatransformationsforscher – Hyperkomplexitätsforscher – Weltgesundheitsingenieur – KI-Ethiker – Digitalitätssoziologe – Schwarmintelligenzforscher – Ozeanographiker – Biodiversitätsforscher – Erdsystemwissenschaftler – Gemeinwohl-Eco-Ökonom – Weltgartenschauarchitekt – Postsozialmarktwissenschaftler – Weltgesellschaftsforscher – Bürgerbeteiligungs-Designer – Glokaler Governance-Architekt – Macht- und Ungleichheitsanalyst – Globaltransformatiker – Friedenspädagoge – Psychotraumatologe – Integraltherapeut – Megagruppenprozessmoderator
Welche Probleme könnten für diesen Simurgh zu Auftragsarbeiten werden?
Vielleicht ein solches?
Die meisten Menschen denken den ganzen Tag, ohne zu merken, dass sie denken. Vertieft in Episoden der Vergangenheit oder in der Planung von morgen, bleibt allzu oft die tiefe, gedankliche Auseinandersetzung mit dem auf der Strecke, was schwerfällt angenommen zu werden. Ein solches Thema ist die Erkenntnis, dass es der Mensch offenbar trotz aller detailliert erforschten Daten vielfach nicht schafft, aus ihnen die erforderlichen Lehren zu ziehen. Im Kleinen ist es vielleicht der persönliche Datensatz eines Blutbildes, aus dem heraus der Arzt einem klipp und klar sagt, was passieren wird, wenn sich die Einstellung der Person den Bedingungen nicht anpasst. Oder der Umstand, dass viele Menschen oft zu wenig für ihr Alter sparen, sich über Gebühr verschulden und finanzielle Risiken ignorieren, obwohl Modelle und Daten klare Warnungen liefern. Oder trotz klarer Daten über zunehmende Resistenzen und zukünftige Gefahren greifen Menschen weiterhin zu Antibiotika „just in case“. Und auch, wenn es manchem Leser hier nicht gefällt: trotz statistischer Evidenz für deutlich reduzierte Unfallrisiken werden Regeln oft ignoriert, im Sport, im Straßenverkehr, im Haushalt. Dann darf nicht vergessen werden, dass trotz zahlreicher Berichte über Datenlecks und Missbrauch viele Menschen mit ihrer IT sehr leichtfertig verfahren. Die Gründe dafür sind psychologisch gut erforscht:
Das alles wirkt auch, womöglich sogar noch stärker im Großen zum Beispiel beim Thema Klimawandel.
An sich müsste es ja jeder Mensch hierzulande vorbeten können: wir haben zuviele Menschen auf diesem Planeten, damit einen zu hohen Wasserverbrauch, wir blasen zu viel CO2 und Methan in die Luft, wir haben einen Verlust an Biodiversität und eine zu hohe Belastung durch Erosion und Entwaldung. Und selbst, wenn wir heute alle schädigenden Faktoren auf 0 setzen könnten, dann hätten wir und die nächsten bis zu zehn Generationen weiter unter den Folgen dessen zu knabbern, was wir in unserer Zeit nicht verhindert haben.
Das Fatale: Insgeheim ist dieses grandiose Scheitern jedem bewusst, die Verbitterung ist groß und der Zynismus auch. Wie fühlt man sich in einer Mannschaft, die ihr Spiel völlig verbockt hat, obwohl sie die Daten hatte, um wenigstens unentschieden zu spielen? Wie geht es einem selbst, wenn man weiß, dass man am Scheitern seinen Anteil gehabt haben wird? Wie geht es einem, wenn man womöglich zudem nicht an Gott und seine immerwährende Liebe und Entschuldigungsbereitschaft glaubt? Wie hält man das bloß aus?
Manche Menschen versuchen über einen esoterischen Zugang zur Meditation ihre dabei entstehenden veränderten Bewusstseinszustände so zu interpretieren, wie es ihnen gerade in ihr Glaubenssystem passt. Selbst in einem der Länder mit der längsten Tradition der Meditation, in Japan, wurden die durch diese Methode bewirkten nicht-dualen Bewusstseinszustände in Konzepte des Faschismus eingebaut. So entstand das Kamikaze durch Einsatz von Zen-Praktiken, mit denen das Überwinden des Egos und der Angst vor dem Tod trainiert wurden, was letztlich als Erfüllung eines höheren Ziels und als ständiger Kreislauf von Tod und Wiedergeburt und nicht als endgültiges Ende interpretiert wurde.
Es kommt immer darauf an, was man aus einer Methode macht. Und so kann auch die beste Meditationserfahrung nicht garantieren, dass von einem Menschen ethische Handlungen ausgehen. Das ist bitter, denn wenn es schon nicht der Verstand ist, der ausreicht, um doch noch zu verhindern, dass alle bekannten Kipppunkte wirklich kippen und andere Bewusstseinszustände oder Angebote zur Selbsttäuschung es auch nicht vermögen, das die Menschheit umschwenkt, dann bleibt wohl wirklich nicht mehr allzu viel.
Außer vielleicht dem klaren unverfälschten Bewusstsein dafür, dass wir alle wirklich nicht imstande sind, das, was klar ist zu tun, wirklich zu tun. Für diesen Sinn unseres Lebens haben wir Menschen offenbar die Antenne eingefahren und geben uns dafür lieber der Leugnung unserer kollektiven Sterblichkeit hin.
Im Kern ist es wohl unsere Trägheit für das Wesentliche. Wir sind turboschnell in wichtigen technologischen Themen, aber grottenlahm in dem, wofür die Zeit abläuft. Überall dort, wo ein Gehirn drin ist, kommt viel zu langsam etwas heraus, was einen globalen return of mental invest versprechen könnte – eben dafür braucht es wohl einen Simurgh.
Dafür lassen wir uns kollektiv langweilen von ‚Kriegsmächtigen‘, die zwar alle auch von den selben Informationen über den Zustand der Welt an sich konfrontiert werden und trotzdem meinen, mit ihren ‚Spielchen der Erwachsenen‘ irgendetwas von Belang beizutragen. Teilweise ewig anmutende Konflikte werden fortgesetzt, die Erschöpfung steht allen ins Gesicht geschrieben und wenn auch sie dann eines Tages ihre Rolle als Leugner des Wesentlichen bemerken werden, haben sie es zumindest geschafft, zur Beschleunigung allen Endes beigetragen zu haben.
Wobei es aber vielleicht eine Tür zu einem besseren Ausgang gibt! Wenn es schon so ist, dass wir Menschen so tun als ob wir die Lage im Griff haben, wenn es so ist, dass wir uns ablenken lassen, von dem, was uns alltäglich versucht zu erregen oder aufzuregen; wenn es schon so ist, dass wir die einzigen Wesen auf Erden sind, die sich selbst simulieren, jemand oder etwas (vielleicht eine KI) würde schon kommen, der oder das das Ruder herumreißt, um im gleichen Atemzug auszusprechen, was von dieser Idee zu halten ist. Wenn es schon so ist, dann können wir wenigstens jeder für sich eines tun: Das unangenehme Gefühl wirklich heranzulassen und auszuhalten und dann konkret zu benennen. Das Gefühl, das man nicht spüren will, dem aber jede Simulation gilt, die eben simuliert, es ginge um alles nur nicht um das Umschiffen dieses einen Gefühls.
Und wenn das Gefühl dann einmal klar benannt ist, dann könnte jeder Mensch eine sanfte Einladung ans eigene Gehirn aussprechen: „Du musst dir von dir und deinem Umgang mit diesem Gefühl nicht alles gefallen lassen“.
Damit würde ein Kollektivauftrag ermöglicht: „Lieber Simurgh, unterstütze jeden, der wissen will, worum es ihm selbst zu gehen hat, nachdem sein Gehirn bislang einen bemerkenswerten Job tat, indem es ihm eine Welt simulierte, die permanent kaschierte, welches zutiefst unangenehme Gefühl von ihm zu bewältigen ist, um die Autorschaft seines Lebens zum Wohl aller zurückzugewinnen.“
… wurde ich in den vergangenen Jahren immer wieder gefragt. Ich erzählte dann immer wieder kurz von einem Ereignis, das mich 2004 zu Frankl führte, verbunden mit einer völlig neuen beruflichen Ausrichtung. In meiner eigenen biografischen Arbeit entdeckte ich dann weitere Momente, ungeplant, unerhofft, unerwartet, die zu Veränderungen in meinem Leben führten, die ich seit meiner Ausbildung in der originären Logotherapie und Existenzanalyse in den Kontext ‚objektiver Sinn‘ rücke. Andererseits gab es eine Fülle hausgemachter, selbst- und fremdbestimmter Ziele, von denen gar nicht einmal wenige durchaus erfolgreiche Ergebnisse zeitigten. Sie zu erreichen machte für mich Sinn, sie waren ’subjektiver Sinn‘.
Zum philosophiegeschichtlichen Gelehrtenstreit, ob Sinn nun objektiv oder subjektiv sei, habe ich mich so positioniert: Der objektive Sinn ist wesentlich, der subjektive Sinn ist wichtig. Damit will ich sagen, beide Perspektiven sind für mich gültig, aber es gibt gravierende Unterschiede. Objektiver Sinn braucht die Fähigkeit des Menschen, ihn in seiner Lebenswelt wahrzunehmen, wenn er sich zeigt (siehe hierzu auch den Teil 2 zu diesem Beitrag, der Anfang 2026 erscheint). Rückblickend habe ich diese Fähigkeit einige Male einsetzen können, und ich weiß nicht, wie oft ich Sinnanrufe dieser Qualität aus welchen Gründen auch immer nicht wahrgenommen habe und womöglich Sinnloseres tat als mir der verstrichene Moment angeboten hätte.
Subjektiver Sinn dagegen braucht die Fähigkeit des Menschen, sich mit seiner Lebenswelt auseinanderzusetzen und absichtsvoll Prozesse in Gang zu setzen, die etwas aus seiner Sicht Erstrebenswertes zuwege bringen sollen. Sich für Ziele dieser Art einzusetzen, gelang mir in meinen vierzig Berufsjahren durchaus eher mehr als weniger, aber es gab durchaus Empfindungen des Ziel-Zweifels bis hin zur Tilgung von Zielen, deren Erreichen mir irgendwann keinen Sinn mehr machten.
Während die Wahrnehmung eines objektiven Sinns unmittelbar nicht messbar ist, lässt sich zum Beispiel die individuelle Motivationsstärke, die eine subjektiv sinnvolle Zielerreichung bedingt, durchaus messen. Ebenso mit psychometrischen Verfahren messbar ist das Empfinden einer Demotivation, in der eine Person das von ihr angestrebte subjektive Ziel als unsinnig erlebt.
Ganz praktisch gesprochen biete ich meinen Gesprächspartnern folgende Hypothesen zur Reflexion an:
Im Leben kommt es auf die stimmige Relation von objektivem und subjektivem Sinn an.
Dazu vier, quasi in vivo unvorstellbare Perspektiven:
– Angenommen, eine Person nimmt nie einen objektiven Sinn wahr und zugleich setzt sie sich überhaupt keine eigenen Ziele, dann wird sie sich zum Ende ihres Lebens die Frage stellen: War es richtig, gut oder schön, dieses Leben gelebt zu haben, überhaupt gelebt zu haben?
– Angenommen, sie nimmt objektiven Sinn wahr, setzt sich jedoch überhaupt keine eigenen Ziele, dann wird sie fragen: Fühlt es sich für mich richtig, gut oder schön an, gelebt zu haben, ohne dass es ein spezifisch individuelles Leben wahr, das ich lebte?
– Angenommen, eine Person nimmt nie einen objektiven Sinn wahr, setzt sich hingegen aber eine Anzahl ihr wichtiger Ziele. Dann wird sie sich zum Ende ihres Lebens die Frage stellen: War es richtig, gut oder schön, diese Ziele für mich lohnend verfolgt zu haben?
– Und angenommen, eine Person nimmt objektiven Sinn wahr und setzt sich zudem darüber hinaus subjektiv sinnvolle Ziele. Dann wird sie fragen: Hat das Verhältnis gestimmt, habe ich alles aus meinem Leben gemacht, was ich aus ihm hätte machen können?
Objektiver Sinn trägt das Leben nachhaltiger als subjektiver. Das, was einem Menschen subjektiv Sinn macht, kann situativ schnell von einem anderen wichtigeren, subjektiv gemachten Sinn abgelöst werden. Ein als wesentlich gefühlter objektiver Sinn kann zu einer Lebensaufgabe transformiert werden, subjektiver Sinn stellt dagegen eher eine Lebenserwartung dar. Beim ersten stellt das Leben die Person vor eine Aufgabe, beim zweiten hat die Person an ihr Leben Erwartungen, dass sich Bedingungen ergeben werden, damit sich gemachter subjektiver Sinn in Form einer Zielerreichung verwirklichen lässt.
Kann subjektiv gemachter Sinn nicht verwirklicht werden, die Person hat jedoch einen objektiven Sinn im Leben, den sie verwirklichen kann
=> Glück und keine Krise
Kann subjektiv gemachter Sinn verwirklicht werden, die Person hat jedoch keinen objektiven Sinn im Leben, den sie verwirklichen kann
=> Zufriedenheit und Krisenlatenz
Weder objektiver noch subjektiv gemachter Sinn
=> Empfinden von Unglück durch existenzielle Sinnkrise
Objektiver und subjektiver Sinn
=> Riesenglück
Wird objektiver Sinn geistig wahrgenommen (das Leben erwartet von der Person eine Stellungnahme auf Basis der ihm per se verfügbaren Freiheit und Verantwortung), dann wird dieser Sinn in einem Folgeschritt mental – ich nenne dies auch gehirngeistig – transformiert (die Person fragt sich dann zum Beispiel, ob (Kompetenz) und wie (Methodik) sie nun umsetzen kann, wozu sie Stellung bezogen hat …). Subjektiver Sinn hingegen kann nicht in objektiven Sinn transformiert werden.
Zum Jahresende eine Anregung zur Reflexion:
Stellen Sie sich Ihre persönliche Lebenswaage vor. Legen Sie in die linke Schale eine oder mehrere Kugeln für den objektiven Sinn in Ihrem aktuellen Leben und in die rechte analog die Kugeln für jeden von Ihnen subjektiv gemachten Sinn. Spüren Sie eine Offenheit, an dieser Relation im neuen Jahr möglicherweise etwas zu verändern? Bei Fragen dazu können Sie mir gerne eine Mail schreiben.
Die Logotherapie wurde von Viktor Frankl entwickelt und ist eng mit seiner Biografie verbunden, insbesondere mit seinen Erfahrungen in mehreren Konzentrationslagern. Obwohl er dort Ehefrau und Eltern verlor, konnte er mithilfe seiner bereits zuvor konzipierten Lehre die extremen Belastungen bewältigen. Im Zentrum seines Ansatzes steht der Wille zum Sinn als grundlegende menschliche Ausrichtung.
In den frühen 1990er Jahren stellte Frankls ehemaliger Schüler Alfried Längle ein Konzept vor, das namentlich fast identisch ist, sich inhaltlich jedoch deutlich unterscheidet. Diese Nähe in der Bezeichnung führt bis heute zu Missverständnissen bei Ratsuchenden und Interessenten an einer Fachausbildung zum Logotherapeuten. Das besprochene Buch will diese Unklarheiten beseitigen und eine fundierte Entscheidungsgrundlage schaffen.
Verfasst wurde das Werk von zwei Vertretern der originären Logotherapie nach Frankl. Anna Kalender arbeitet wissenschaftlich am Viktor Frankl Institut in Wien, Alexander Batthyány ist Professor in Budapest und im Vorstand des Instituts tätig. Ausgangspunkt des Buches ist die häufige Verwechslung zwischen Frankls Logotherapie und Existenzanalyse und der von Längle begründeten Psychotherapie, der er die umgedrehte Bezeichnung Existenzanalyse und Logotherapie gab und damit ursächlich die Probleme verantwortet, wenn Menschen unbeabsichtigt einen Ansatz wählen, der nicht ihren Erwartungen entspricht und sie in eine teilweise zum Gedankengut Frankls diametral entgegengesetzte psychotherapeutische Richtung führt.
Der erste Teil des Buches zeichnet die Entwicklung von Frankls Logotherapie nach. Batthyány schildert Frankls Lebensweg, seine Lagerhaft und die Entstehung zentraler Werke, darunter das weltweit millionenfach verbreitete Buch ‚trotzdem Ja zum Leben sagen‘, indem Frankl über seine Lagererfahrungen berichtet. Zudem wird auf die breite wissenschaftliche Rezeption hingewiesen, die sich unter anderem in zahlreichen empirischen Studien und vielen Ehrendoktorwürden zeigt. Inhaltlich hebt Batthyány zentrale Merkmale der Logotherapie hervor, etwa den Vorrang des Sinnwillens, die Annahme menschlicher Freiheit und die Existenz einer geistigen Dimension, die über psychische und körperliche Aspekte hinausreicht. Diese Annahmen stehen im Gegensatz zu deterministischen Sichtweisen anderer Therapierichtungen.
Ausführlich wird der Bruch zwischen Frankl und Längle dargestellt. Längle hatte wesentliche Grundannahmen von Frankls Lehre verändert, was schließlich dazu führte, dass Frankl sich 1991 von der von Längle gegründeten internationalen Fachgesellschaft distanzierte und deren inhaltliche Ausrichtung scharf und zum Teil sogar als anti-logotherapeutisch kritisierte. Während Frankl und seine Schüler diesen Bruch klar benannten, wurde und wird er in Publikationen der von Längle gegründeten Gesellschaft eher relativiert. Batthyány kritisiert, dass trotz tiefgreifender inhaltlicher Abweichungen weiterhin der Eindruck einer engen Nähe zu Frankl erweckt werde. Zudem setzt er sich kritisch mit Längles stark intuitiver Vorgehensweise auseinander, etwa in der Psychosomatik und in der Gesprächsführung, die sich deutlich von Frankls dialogischer Haltung unterscheide.
Im zweiten Teil des Buches arbeitet Anna Kalender die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen systematisch heraus. Sie zeigt, dass Frankls Logotherapie auf Sinn, Freiheit und Verantwortung gründet, während Längle zentrale Konzepte verändert hat. Besonders deutlich wird dies im Menschenbild, da in Längles Ansatz die Eigenständigkeit der geistigen Dimension abgeschwächt wird. Auch das Motivationsverständnis unterscheidet sich stark, da der Sinnwille bei Frankl eine herausgehobene Stellung hat, bei Längle jedoch nur eines von mehreren gleichrangigen Motiven darstellt. Kalender macht deutlich, dass gerade Frankls Verständnis erklärt, warum Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn finden können.
Weitere Differenzen bestehen im Sinnbegriff selbst. Frankl ging von einem objektiven Sinn aus, der in einer Situation entdeckt werden kann, während Längle Sinn subjektiv versteht. Dies führt laut Kalender zu problematischen Konsequenzen, da dadurch auch moralisch fragwürdige Handlungen als sinnvoll gelten könnten. Auch im Umgang mit Leid zeigen sich grundlegende Unvereinbarkeiten zwischen beiden Konzepten.
Insgesamt macht das Buch transparent, wie unterschiedlich der Konflikt öffentlich dargestellt wird und warum eine klare Abgrenzung notwendig ist. Es ermöglicht Interessierten an Therapie oder Ausbildung einen sachlichen Vergleich und unterstützt sie dabei, eine informierte Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus führt es prägnant in Frankls Denken ein und greift grundlegende ethische Fragen auf, etwa ob Sinn und Werte objektiv bestehen oder beliebig festgelegt werden können. Damit bietet das Werk nicht nur Orientierung innerhalb der Logotherapie, sondern auch eine fundierte Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen.
Crisis meint „entscheidende Wendung“. Als eine Wendung, für deren Richtung sich der Mensch zu entscheiden hat. Dies fällt umso schwerer, wenn die Richtung, die ein Mensch vor einer Krise einschlug, von ihm als sinnerfüllend gefühlt wurde. Wird dieses Gefühl von einer Krise überschattet (zerstört kann ein Gefühl nie werden), so stellt sich die Frage, welche Schlüsse der Mensch nun daraus zieht? Als Beispiel sei hier der von einem Klienten traurig beklagte Tod seiner Ehefrau genannt. Seine viele Jahre währende Partnerschaft stand stets unter einem guten Stern, das Paar stand innig und vertraut zueinander und in ihren verschiedenen Bekannten- und Freundeskreisen wurde dieses Glück wahrgenommen und zuweilen auch bewundert. Dieser Mann kam nun in die Situation, sich nach wenigen Monaten nach dem Tod seiner Ehefrau in eine neue Frau zu verlieben und litt unter den Vorhaltungen von Familienmitgliedern, die ihn mit tradierten Glaubenssätzen (Stichwort: Trauerjahr) konfrontierten als die neue Frau gemeinsam mit ihm wahrgenommen wurde. Durch die subtilen Rückmeldungen empfand er Schuldgefühle seiner Familie gegenüber als auch gegenüber der neuen Frau, verbunden mit einer Angst, diese würde sich vielleicht früher oder später von ihm abwenden, würde er dieses Dilemma nicht auflösen.
„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost. Denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“
Dietrich Bonhoeffer
Im Beratungsgespräch mit dem Klienten ergab sich dieser Dialog: „Wenn Sie nun über die sich entwickelnde Konstellation zwischen Ihnen, Ihrer Familie und der neuen Frau nachdenken, was bewegt Sie da am meisten?“ Klient: „Ich fürchte, dass meine Familie denkt, ich wolle meine verstorbene Frau ersetzen, dass ich versuchen würde, sie einfach zu ‚vergessen‘. Dabei ist klar, meine verstorbene Frau war einmalig. Niemand kann sie ersetzen.“ „Und doch fürchten Sie, dass Ihre Familie es so sehen könnte.“ Klient: „Ja, aber die neue Frau nimmt nicht den Platz meiner verstorbenen Frau ein, sie erhält ihren eigenen Platz in meinem Leben. Aber wie erkläre ich das meiner Familie?“ „Stellen Sie sich einmal vor, Sie nähmen Ihrer Familie gegenüber die Rolle eines Lehrers ein, der nicht sofort alles erklären muss, sondern zuerst Verständnis dafür zeigt, dass der Lernprozess der Schüler anders ausschaut als der eigene. Was wäre dann Ihr erster kleiner Schritt?“ Klient: „Dass ich sage, dass man diese Sichtweise einnehmen kann. Aber dass es auch anders sein kann, nämlich dass ich wieder Liebe empfinde, ohne dass dies die Erinnerung an meine verstorbene Frau schmälert. Dass beides möglich ist.“ „Und wie könnten Sie dies so formulieren, dass es Ihre eigene Verantwortung und Ihre Freiheit betont, ohne als Rechtfertigung zu klingen?“ „Vielleicht so: Ich liebe meine verstorbene Frau immer noch. Diese Liebe bleibt und ist unverrückbar. Gleichzeitig habe ich einen neuen Menschen in mein Leben gelassen, weil es für mich einen Sinn ergibt, mich auf einen Menschen zu beziehen, den ich liebe.“ „Und wenn Ihre Familie Sie fragt, warum Sie nicht länger warten, was könnten Sie dazu sagen?“„Dass die Liebe nicht begrenzt ist, und dass es mir mein Leben ermöglicht, dass ich mich jetzt und nicht irgendwann auf dieses Leben einlasse.“ „Haben Sie das Gefühl, dass diese Worte Ihrer Familie den nötigen Raum geben werden, ihre eigenen Emotionen zu ordnen, ohne dass Sie dadurch Ihre Integrität verlieren?“ „Ja, das kann helfen, denn für die Gefühle meiner Familie trage ich keine Verantwortung, sondern für meine Gefühle, wenn ich entscheide, wie ich meinen neuen Lebensabschnitt gestalte.“ „Dann verstehen Sie die aktuelle Situation als ‚entscheidende Wendung‘. Und eine Möglichkeit bleibt Ihnen immer, wenn es Familienmitgliedern schwerfallen sollte, die Verantwortung für ihren Teil zu übernehmen. In diesem Fall können Sie sich fragen: „Wem gehört das Problem?““
„Habe Mut, dich deiner eigenen Vernunft zu bedienen.“
Immanuel Kant
Wie stellt sich der Mensch seinen Lebensthemen und kritischen Situationen? Biegt er ‚nur‘ oder bricht er unter seiner Situation? Seit einigen Jahren wird mit dem Begriff der Resilienz die Fähigkeit beschrieben, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen.
Wurde in den 50er-Jahren noch von einem Persönlichkeitsmerkmal ausgegangen, das durch ein Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Einflüssen entsteht, wurde später die Resilienz als Kompetenz verstanden, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen. Bildhaft wird in diesem Zusammenhang seither die Resilienz als Brücke angesehen, die Stress hat, wenn sie unter einem gewissen Druck steht. Sie gerät in Spannung, schwankt, aber hält. Eine Krise würde bedeuten, dass sie einstürzt. Ist sie jedoch resilient, dann biegt sie sich zwar unter dem auf sie ausgeübten Druck, kann diesen jedoch schadenfrei ausgleichen.
Alle diese Definitionen nehmen eine rückwärtsgerichtete Perspektive ein. Gerät ein Mensch in eine ihn überlastende Krise, so mag zwar trefflich analysiert werden, dass die Resilienz den Erfordernissen der Situation wohl nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie der Person unzureichend oder ihre Ressourcen genügten nicht den Anforderungen. Oder es waren die Bedingungen bei gleichzeitig fehlenden Schutzfaktoren, die sich in ihrer Kombination ungünstig zur Krise auswuchsen.
Einen wissenschaftlich fundierten und überprüften Test zur Resilienzmessung gibt es bis heute nicht. Wie auch, ändern sich doch letztlich bei jedem Menschen zuweilen sehr kurzfristig relevante Schutzfaktoren wie zum Beispiel:
▪ Vorbilder und vorgelebte positive Lebensmodelle im persönlichen Umfeld
▪ Gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen und Freunden
▪ Ausgeprägte Selbst- und Fremdwahrnehmung
▪ Eigenverantwortlichkeit in Entscheidungen und Handlungen
▪ Fähigkeit zur Akzeptanz dessen, was ist
▪ Wohlbalancierte Beziehungen
▪ Optimistischer Glaube an die eigene Kraft
▪ Realistische Ziele mit Langzeitperspektive
▪ Plan B mit zweitbesten Zielen
▪ Kenntnis der eigenen Stresskommunikation
▪ Problemlösefähigkeit
▪ Impulskontrolle
▪ Verlassen der Opferrolle
▪ Verantwortungsübernahme
▪ Hoffnung und Zuversicht
▪ Selbstliebe
▪ Körperliche und geistige Vitalität…
Betrachten wir diese Faktoren, die Resilienz entwickeln helfen sollen, so könnten wir schnell annehmen, dass sich ein Mensch in einer Krise wähnt, wenn er ohne diese Faktoren in eine ihn erschütternde Lebenssituation geraten ist. Nur: Wenn diese Faktoren zu Beginn einer Krise nicht zur Verfügung stehen, dann waren sie bereits auch zuvor nicht gegeben. Von einem positiven Lebensmodell ist dann auch ohne Krise wenig zu spüren gewesen oder gute Beziehungen zu vertrauten Menschen waren ohnehin rar oder der Glaube an die eigene Kraft war bereits zuvor einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.
Natürlich ist es einem Menschen zu wünschen, sich gut beschützt zu fühlen. Ist er es nicht und kommt eine Krise hinzu, dann wird aus einer kritischen Lebenslage schnell eine absolute Not. Ist er es, dann ist dies jedoch noch lange kein Garant dafür, eine Situation nicht als Krise zu empfinden.
Aus unserer Sicht bleibt das Resilienzkonzept in seinen bisherigen Entwürfen deshalb noch unzureichend, weil es davon ausgeht, dass etwas einen Menschen resilient macht. Aus dieser Perspektive passt das Bild der Brücke gut, denn je nachdem, mit welcher Qualität, Aufmerksamkeit, Kompetenz, Materialgüte usw. die Brücke gebaut wurde, wird man auf ihre Standhaftigkeit und Lebensdauer schließen können. Ohne, dass also etwas gemacht wird, kann ein Mensch nicht robust genug sein, um sich schweren Lebenssituationen stellen zu können. Ein solches Menschenbild sieht den Menschen im Grundsatz als ‚defizitär‘ an.
Das unser Konzept tragende Verständnis, das den Menschen als frei, verantwortlich und nach Sinn im Leben strebend ansieht, passt so gar nicht zu einem solchen Bild. Und so fragen wir, was sich wohl ändert, wenn wir die individuelle Resilienz nicht an der Summe solcher Einzelfaktoren festmachen, sondern sie im Gegenteil als jedem Menschen per se gegebene Eigenschaft ansehen? Der Mensch ist in diesem Verständnis grundsätzlich ausgestattet, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung einzunehmen, führt zu einer interessanten Herausforderung. Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung wie zum Beispiel eine posttraumatischen Belastungsstörung doch ‚normal‘ sei.
Hierauf erwidern wir, dass es in unserem Verständnis vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes sein individuelles Verhalten eben nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die er antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft. Trotz widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns dabei auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt nicht das verletz- und erkrankbare Psychische die Hauptrolle, sondern das Geistige, das es dem Menschen stets ermöglicht, sich auf den Sinn im Hier und Jetzt auszurichten. Dies gelingt ihm, indem er sich seiner eigenen Werte bewusst wird und mit ihnen im Einklang stehende Entscheidungen und Handlungen trifft. Nicht das eine Person in einer Krise aktuell Verstörende,Traumatisierende, stark Belastende steht im Mittelpunkt, sondern die Klärung des Wertesystems mit ihrem Bezug zu dem, was die Situation sinnvollerweise zu tun anzeigt.
Mit anderen Worten: Der Mensch ist resilient, wenn er seine Werte kennt. Sind sie ihm nicht präsent, dann können sie in einer Krise nicht zur Bewältigung aktiv eingesetzt werden. Die Psyche übernimmt damit das Ruder und versucht mit der Belastung quasi alleine fertig zu werden. Dies führt in brisanten und erschütternden Lebenssituationen zu massiver Überforderung und den bekannten Symptomen wie Angst, Depression, Aggression usw.
Dazu das folgende Schaubild. Es zeigt den Zusammenhang zwischen Belastung und Bewältigungsfähigkeit. Ist die Belastung hoch und hat die Person eine gering entwickelte Fähigkeit, die Situation angemessen zu bewältigen, dann entsteht zum Beispiel Angst. Krisen, die einen Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen, führen zur maximaler Anspannung und negativen psychischen Symptomen. Ist sich die Person dann zudem ihrer Werte nicht bewusst,
entsteht ein Empfinden der völligen Sinnleere, der Resignation und tiefen Hoffnungslosigkeit.
Stellt sich der Krise jedoch eine Werteklarheit in Form deutlicher Selbstbewusstheit gegenüber, dann vermag die Person einen Willen zum Sinn zu formulieren, der sich letztlich in dem zeigt, was Viktor Frankl die ‚Trotzmacht des Geistes‘ nennt. Diese Macht, sich trotz allem von den eigenen Werten gestützt zu fühlen, ist stets stärker als der ‚normale‘ Versuch der Psyche, sich in einer nicht normalen Lebenslage auf- oder abzugeben. Das ist auch gut so, denn …
… jeder Mensch muss sich selbst ‚be-sinn-en‘. Andere Menschen können diesen Prozess zwar positiv beeinflussen, die Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch selbst finden und geben. Wäre das anders, dann könnten moralische Appelle ‚wie jemand zu sein habe‘ als Sinnangebote verpackt werden und letztlich einen Menschen komplett fremdbestimmen.
Dass wir solche Angebote kennen, sei es durch Botschaften aus der Werbung, der Mode, von Sekten oder sektiererischen Gruppierungen, aber auch in Unternehmen, in denen mit materiellen Verlockungen Pseudo-Sinn ‚gestiftet‘ wird, ändert nichts am Faktum: So wie Durst der ‚Beweis‘ für die Existenz von so etwas wie Wasser ist, so ist das Sinnlosigkeitsgefühl ein Beweis für den stets gegebenen Sinn.
Die Ortung des Sinns übernimmt der menschliche Sinnkompass, das Gewissen. Es ist nicht gleichzusetzen mit einem anerzogenen oder kulturell beeinflussten ethischen Bewusstsein. Vielmehr steht das Gewissen noch vor reflektierter Moral. Als Geistiges ist das Gewissen bereits da, bevor der Mensch seinen Verstand einschaltet. Jedoch – und dies erleben wir in unserer Arbeit immer wieder – versperrt der Verstand zuweilen vehement den Zugang zum geistig Sinnvollen. Dann blockieren bestimmte eingebrannte Denksätze, vermeintliches Erfahrungswissen oder eben die schon genannten Pseudo-Sinnangebote die Tür zum Sinn.
Krisen – so zeigt die Erfahrung – sind oftmals durch diese Blockaden gekennzeichnet. Der Denksatz: ‚Es wird schon irgendwie gut gehen‘, kann ein solcher Satz sein, der Sicherheit vorgaukelt und dem Menschen ein nicht zu haltendes Versprechen gibt. Verliert ein Mensch in einer Krise dann ‚Sinn‘, dann bedeutet dies nicht, dass es keinen mehr gibt, sondern lediglich, dass die Möglichkeiten der Sinnverwirklichung unter dem Einfluss der Krise nicht mehr erkannt werden. Beginnt nun die Sinnsuche, dann startet das ‚Entdecken einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit‘ [Frankl]. Dass Menschen sich in Krisen aufmachen, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu verleihen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es ihn gibt, jederzeit und eben auch in Krisen. Neben dem Bewusstsein, das erkennt, was ist, erkundet das Gewissen das, was sein soll. Das, was jetzt trotz allem zu verwirklichen ist.
Das Gewissen zeigt also die wertvollen Möglichkeiten auf, die trotz einer Krise auf Verwirklichung warten. Es ist die ‚Resilienzstruktur‘, auf die nur ein Mensch ‚wieder hin zu springen‘ [resalio] befähigt ist. Doch für diesen Sprung bedarf es eines gewissen Trainings. Bleibt das Gewissen untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich ‚verirren‘. Er hat dann keine Gewissheit, wie es weitergehen kann.
Wie wichtig es ist, sich den Blick auf den Sinn im eigenen Leben auch in Krisen nicht zu verstellen oder verstellen zu lassen, zeigen auch die Forschungsergebnisse zur sogenannten Kontrollüberzeugung. So ist heute bekannt, dass Menschen, die der Ansicht sind, äußere Faktoren würden den Verlauf der Lebensgeschichte stärker beeinflussen als die eigenen Einstellungen und Haltungen, in Krisen deutlich öfter Symptome wie Angst und Depression zeigen. Ist der
Mensch jedoch davon überzeugt, dass er – auch wenn er Hilfe anderer bedarf – grundsätzlich selbst das Heft des Handelns in seiner Hand hat, dann wirkt dies deutlich stressmindernd. Die Krise wird ernstgenommen, in ihrer Bedrohlichkeit jedoch herabgestuft – die Person empfindet die Brisanz und doch übernimmt sie Verantwortung.
So empfiehlt sich eine Individuelle Krisenprävention, um gerüstet zu sein für Bedingungen, die einem suggerieren, es gäbe keinen Sinn mehr – für einen solchen Prozess schauen wir in der Logotherapie oder im Sinncoachig auf zwei Faktoren: Die Klärung der individuellen Werte und die Stärkung der individuellen Weltoffenheit. Sind Klärung und Stärkung vollzogen, ist der Prozess der Individuellen Krisenprävention beendet.
Augen zu und durch – schließlich hat dieser Krisentyp keine eigenen Anteile an der Krise. Das glaubt er felsenfest und kommuniziert es auch. Und wenn das so ist, dann muss er natürlich weitermachen, sich bis zur Erschöpfung einbringen, mit dem Kopf durch die dickste Wand gehen. Das ist er sich wert, das findeter gut, dafür gebührt ihm aus seiner Sicht Respekt. Für seine Anstrengungen will er Erfolg und den Besitz an der finalen Lösung. Wer mit ihm in belastender Situation spricht, sollte daher gewappnet sein – denn sein Widerstand und Widerspruch gegen andere Ansichten kann mächtig sein und jeder, der gegen ihn verliert, wirkt wie neuer Treibstoff auf dem Weg zu dem aus seiner Sicht einzig Wahren. Dieser ‚Krisenapostel’ sieht in der ihn belastenden Situation nicht vorrangig sich selbst als Person unter Druck stehend, sondern vielmehr das von ihm bis heute Geschaffene, Entwickelte, Geleistete. Wie ein Mensch, der nicht wahrhaben kann, dass eine neue Generation die Welt anders interpretiert, kämpft er, ‚weil die Traditionen zu erhalten sind’. Oft wirkt er stur, wo atmosphärische Intelligenz gefragt wäre.
Empfehlen ihm vertraute Personen eine neuen Sicht auf Zeitgeist und Gegebenheiten, dann hören sie ihn nicht selten Aspekte ansprechen wie ‚persönliches Lebenswerk in Gefahr’, ‚erlittene Demütigung’, ‚weiter harte Arbeit leisten müssen’ oder ‚Gewissenlosigkeit anderer’.
In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Zukunftsresistenz, ihre Neigung zur Abwertung der Ansichten ihren Umfeldes und ihrer dogmatischen Selbstüberschätzung anzusprechen. Dabei ist hilfreich, sie biografisch auf frühere Lernprozesse zu befragen, ohne dabei die für sie wichtige Diskretion in Frage zu stellen.
Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung des ‚Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren‘ [Brecht]. Sie bewahrt sie davor, aufzustecken oder ihre Grundüberzeugungen dem Opportunismus zu opfern.
Wie spricht diese Person:
„Ich meine…; ich finde, wir sollten …; bist Du davon überzeugt, dass ….; es ist unsere Pflicht, …; ich bin der Ansicht, dass …; ich vertraue darauf, dass …; mit allem Respekt, aber …; das kann ich mit mir nicht vereinbaren, …; ist das auch wirklich echt?; es wäre mir von großem Wert, wenn…; das braucht eine gewissenhafte Vorbereitung…; mir ist wichtig, die Zusammenarbeit auf eine solide Basis zu stellen …; die Qualität muss stimmen …; …“
Was diese Person braucht: Anerkennung ihrer wertebasierten Leistung
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Angst
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Sorge
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet eine Berechtigung zur Selbstgerechtigkeit
Zeigt eine Person dieses ‚Krisenprofil’, dann erlebt man einen Menschen, der sich einerseits sehr über das Ungemach in der Welt ärgern kann, dann andererseits aber auch bereit ist, eben dieser ‚Welt’ alles zu geben, damit eine Belastungssituation nur bald endet und wieder friedliches Fahrwasser erreicht wird. Dass ebendiese Haltung, es allen recht machen zu wollen – möglicherweise sogar sich schuldig zu fühlen oder etwas zu bekennen, wo eigenes Fehlverhalten gar nicht vorliegt –, einen wesentlichen Anteil am Krisengeschehen haben kann, ist für den ‚Krisenharmoniker’ kaum zu glauben. Kritisieren vertraute Personen diese Haltung und raten zu ‚gesunder Distanz’, dann fühlt sich die Person meist verunsichert, zu Selbstzweifeln neigend und ungeliebt.
Ihrem Muster folgend, versucht sie, die eigene Traurigkeit durch eine überstarke Zuwendung auch zu den Akteuren im Krisensystem zu verdecken. Dieses durchsichtige Manöver führt zügig in eine Teufelsspirale, an dessen Ende eine zutiefst deprimierte und sich selbst verletzende Person steht.
In der Begleitung dieser Person gilt es, an ihrer Selbstwertresistenz, an eigener Demütigung und latenter Selbstaufgabe anzusetzen. Durch einen ermöglichungsorientierten, individuelle Grenzen fördernden Prozess sollten bei ihr Veränderungen angeregtwerden, ohne sie dabei in eine “
Wie spricht diese Person:
„Ich fühle…; geht es Dir gut bei der Idee …; es liegt mir am Herzen, …; ich mag es sehr, …; so etwas hasse ich ungemein …; ich bin darüber glücklich …; damit fühle ich mich wohl …; es macht mich betroffen, …; ich freue mich, Dich so wohlauf zu sehen…; mir geht’s gar nicht gut, wenn ich Dich so sehe …; das ist sehr traurig …; ich freue mich, dass es Dich gibt …; mit Ihnen zusammen zu arbeiten, tut mir sehr gut …; …“
Was diese Person braucht: Anerkennung als Person, sinnliche Anregungen
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Ärger
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: gesunde Rückmeldung ihres Ärgers
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Trauer
Eine Krise muss man doch ‚verstehen’ können: Mit einem genauen Lageplan, einer tiefen Analyse des Geschehens und einem Hin-und-her-Abwägen besticht dieser ‚Krisentyp’, ohne dabei überzeugendvermitteln zu können, wie der konkrete nächste Schritt denn ausschauen soll. Das, was war, ist klar – was sein soll, noch diffus. Die Krise wird als Verlustereignis erlebt und darüber muss trefflich immer wieder nachgedacht werden. Meist findet der Krisengrübler alle möglichen ‚Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre …’-Gründe für seine Last.
Raten ihm vertraute Personen zu einem ‚Weniger-ist-mehr’ und zu einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit der Situation, dann werden sie mit einem ‚Was versteht ihr denn schon?’ oder einem ‚Das geht nicht, weil …’ in ihre Denkschranken verwiesen. Irrationales, wie das Angebot, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben, wird oftmals schroff widersprochen, denn nur ein kühler Kopf sei in der Lage, alles zu überblicken und in dieser besonderen Situation keinen Fehler zu machen.
In der Begleitung dieser Person empfiehlt es sich, ihre Handlungsresistenz, Deutungsüberschärfe und mentale Selbstüberforderung zu thematisieren. Dies gelingt gut, wenn sie durch verschiedene Blickwinkel und eine humorvolle Gesprächsführung für konkrete Aktionen ermuntert wird. Natürlich, ohne dabei ihre bisherigen Anstrengungen zu diskreditieren.
Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung ‚es kann mich niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden’ [Adenauer]. Sie befähigt sie zu grundsätzlich vernünftiger Argumentation und Risikoeinschätzung in relevanten Entscheidungen.
Wie spricht diese Person:
„Ich denke…; welche Optionen haben wir…; nach meinen Berechnungen …; bedeutet das, …; in welchem Zeitrahmen …; auf Basis welcher Daten …; kann ich die Fakten dazu einmal sehen …; woher stammen diese Informationen …; nach meiner Einschätzung …; wenn wir so weitermachen, dann …..; es ist doch ganz klar, dass …; es ist richtig, dass …; das ist gut begründet, …; ich zermartere mir mein Hirn …; ich habe viel darüber gegrübelt …; heißt das, dass …; …“
Was diese Person braucht: Leistungsanerkennung
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Verlust
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Traurigkeit
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Frustration und Verärgerung.
Die Krise als Theaterspiel – mit Grandezza, Dramatik oder einem enormen rhetorischen Aufwand verleiht dieser ‚Krisenakrobat’ seiner Belastungssituation nach außen fast eine gewisse spielerisch-trotzige Leichtigkeit. Gewähren ihm vertraute Personen keinen Beifall für seine Bemühungen der Krisenlösung, sondern sprechen ihn auf ein höheres Maß an Eigenverantwortlichkeit an, versteht er sich darauf, die Schuld für die eingetretene Situation bei anderen zu suchen und zu finden.
Eine reflexive sachliche Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen wird zurückgestellt – zu wuchtig wäre wohl der Schmerz. Lieber greift der Krisenluftikus zu Ablenkungen aller Art, bis seine Ausblendungsmethoden nicht mehr greifen und er ‚bei aller Freundschaft’ aufgefordert wird, endlich Position zu beziehen und einen Beitrag zur konstruktiven Veränderung der Situation zu leisten.
In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Realitätsresistenz, Naivität und Trotzigkeit durch eineermutigende, ernstnehmende Unterstützung mit bildhafter Gesprächsführung zu steuern, ohne sie für ihre Haltung zu belächeln oder ihre Ergebnisverantwortung in Frage zu stellen.
Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ‚unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale‘ [Picasso]. Sie bewahrt sie davor, fremdbestimmenden ‚Einflüsterungen’ von Dritten zu folgen und erhält ihr ihre Wahrnehmungsvielfalt und Handlungsflexibilität für wichtige Entscheidungen.
Wie spricht diese Person:
„Ist ja superklassetoll …; das mag ich – das mag ich nicht …; du schaust ja heute echt prächtig aus …; na, welchen Bock haben wir heute mal wieder geschossen?…; wer nicht will, der hat schon …; das ist ja ein feiner Zwirn, den Sie da anhaben…; lassen Sie uns abhängen und quatschen …; MAHLZEIT ! [morgens um 7 Uhr]; jetzt mal ganz entspannt bleiben …; ich mach mir ein Problem, wenn ich es hab …; das Leben kommt einfach immer um die Ecke …; …“
Was diese Person braucht: Kontakt, Spaß
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Eigenverantwortung
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Aufrichtiges Bedauern
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet eine Berechtigung zum Trotz