Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 13

Individuelle Wahrnehmung vermittelt einem Menschen niemals die Welt in ihrer ganzen Fülle, sondern stets nur einen Ausschnitt. Was ein Mensch für die Wirklichkeit hält, ist bereits das Ergebnis einer von ihm zu verantwortenden Auswahl, Perspektive und geistigen Verarbeitung. Weisheit beginnt deshalb mit der Einsicht, dass jede Erkenntnis zugleich Offenbarung und Begrenzung eigener Wahrnehmungsverarbeitungsverantwortung ist.

Ein einfaches Gedankenexperiment macht dies anschaulich. Stellen wir uns einen Körper vor, der sich gleichmäßig auf einer Kreisbahn bewegt. Beobachten wir seine Bewegung unmittelbar, erkennen wir den kreisförmigen Verlauf ohne Schwierigkeiten. Fällt unser Blick jedoch nicht auf den Körper selbst, sondern lediglich auf seinen Schatten, verändert sich das Bild grundlegend. Aus der kreisförmigen Bewegung wird scheinbar ein geradliniges Hin und Her. Nichts an der Wirklichkeit hat sich verändert – verändert hat sich allein die Perspektive, aus der sie betrachtet wird.

Oder nehmen Sie diese Aufgabe. Fragen Sie sich bitte, ob das folgende Dreieck eine obere Ecke hat:

Wenn Sie mit Ja geantwortet haben, dann haben Sie nicht das Dreieck wahrgenommen, sondern ein aus Ihrer Blickposition wahrgenommenes Dreieck. Würden Sie das Bild ausdrucken und an die Decke kleben, dann würde je nach dem, wo Sie im Raum stehen und das Dreieck betrachten, einmal diese, ein anderes Mal jene Ecke die für Sie obere Ecke sein. Das Dreieck selbst hat sich dabei jedoch nicht verändert.

Die scheinbar widersprüchlichen Beobachtungen lösen sich in dem Augenblick auf, in dem also eine weitere Dimension berücksichtigt wird. Was auf einer Ebene unverständlich erscheint, wird aus einer umfassenderen Sichtweise nachvollziehbar. Die Wirklichkeit war von Anfang an dieselbe; unvollständig war lediglich ihre Betrachtung.

Diese Beispiele verweisen auf eine Grundstruktur menschlicher Alltagserkenntnis. Wir neigen dazu, unsere jeweilige Perspektive mit der Wirklichkeit selbst zu identifizieren. Robert Musil sprach in diesem Zusammenhang von einer perspektivischen Verkürzung des Denkens. Gemeint ist jene unvermeidliche Tendenz, die Fülle des Wirklichen in überschaubare Erzählungen, Begriffe und Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu übersetzen. Wir ordnen Ereignisse zeitlich, unterscheiden zwischen Gründen und Folgen, entwickeln Theorien und Modelle. Dadurch entsteht Verständlichkeit. Gleichzeitig verschwindet vieles von dem, was sich dieser Ordnung entzieht.

Gerade hierin liegt eine der bleibenden Versuchungen des Reduktionismus. Immer wieder entsteht die Hoffnung, den Menschen vollständig auf eine einzige Erklärungsebene zurückführen zu können: auf biologische Prozesse, neuronale Aktivität, genetische Programme, soziale Bedingungen oder psychische Mechanismen. Jede dieser Perspektiven trägt zweifellos Wesentliches zum Verständnis des Menschen bei. Keine von ihnen vermag jedoch den Menschen als Person vollständig zu erfassen.

Die Existenzanalyse Viktor Frankls widerspricht einer solchen Reduktion nicht deshalb, weil sie naturwissenschaftliche Erkenntnisse gering schätzen würde. Im Gegenteil: Sie anerkennt ihren hohen Erklärungswert. Sie erinnert jedoch zugleich daran, dass Erklären und Verstehen unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Naturwissenschaft beschreibt Bedingungen. Existenzanalyse fragt nach der Bedeutung, die der Mensch diesen Bedingungen gibt. Zwischen Ursache und Verantwortung bleibt jener geistige Raum bestehen, in dem Freiheit überhaupt erst möglich wird.

Auch die moderne Komplexitätsforschung weist in diese Richtung. Immer deutlicher zeigt sich, dass die Eigenschaften lebendiger Systeme nicht allein aus der Anzahl ihrer Bestandteile hervorgehen, sondern vor allem aus deren Vernetzung. Nicht die Menge der Elemente entscheidet über die Leistungsfähigkeit eines Systems, sondern die Art ihrer Beziehungen. Die Biologie liefert hierfür eindrucksvolle Beispiele. Lange Zeit nahm man an, die Komplexität eines Organismus müsse unmittelbar mit der Zahl seiner Gene zusammenhängen. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms führte jedoch zu einem überraschenden Ergebnis. Der Mensch verfügt keineswegs über außergewöhnlich viele Gene. Manche Pflanzen besitzen sogar deutlich mehr genetische Informationseinheiten. Entscheidend ist vielmehr, wie diese Informationen miteinander kombiniert, reguliert und in unterschiedlichen Zusammenhängen aktiviert werden. Aus vergleichsweise wenigen Bausteinen entsteht durch ihre vielfältige Verknüpfung eine kaum vorstellbare Komplexität. Und obwohl es immer wieder gelingt, in den verschiedenen Komplexitäten wiederkehrende Ordnungen zu erkennen, bleibt doch jede wissenschaftliche Erklärung solcher Ordnungen vorläufig. Die Fortschrittlichkeit von WIssenschaft besteht in ihrer Weisheit, mit Vorläufigkeit umzugehen und sich damit die Möglichkeiten zu bewahren, dass sich hinter dem bereits Erkannten weitere Dimensionen verbergen, die erst durch einen erweiterten Blick sichtbar werden. Das Spannungsfeld zwischen dem bereits Erkannten und dem noch unsicheren Möglichen aushalten zu sollen, bereitet vielen Menschen Unbehagen, dem sie mit diversen psychischen Abwehrmechanismen begegnen – immer irgendwie in der Hoffnung, dass – um im obigen Beispiel zu bleiben – ihr Dreieck stimmt und ebendiese Ecke stets die obere ist.

Etwas offener betrachtet, versteht man schnell, dass sich menschliches Leben bevorzugt in solchen Spannungsfeldern erst entfaltet. Wer jede Unsicherheit, jede andere Ecke, vermeiden will, erstarrt leicht in Gewohnheiten. Wer dagegen jede Ordnung [nicht gleichzusetzen mit Vorhersagbarkeit] aufgibt, wer nicht erkennt, wie und wofür er eine Ecke als seine obere definiert, verliert Orientierung. Weisheit sucht deshalb weder absolute Sicherheit noch grenzenlose Beliebigkeit. Sie bewegt sich bewusst in jenem fruchtbaren Zwischenraum, in dem Neues entstehen kann, ohne dass das bereits Tragende verloren geht.

Selbst dort, wo die einzelnen Bestandteile eines Systems klaren Gesetzmäßigkeiten folgen, bleibt die Entwicklung des Ganzen langfristig offen. Geringfügigste Veränderungen der Ausgangsbedingungen können sich im Laufe der Zeit verstärken und zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen. Die Zukunft ist deshalb nicht einfach die lineare Fortsetzung der Vergangenheit. Sie enthält Möglichkeiten des Sollen-Könnens, die sich erst im Verlauf des Geschehens entfalten. Das mag nach Entwicklungs-Stress klingen, aber:

Mensch-Sein heißt In-der-Spannung-Stehen zwischen Sein und Sollen, unaufhebbar und unabdingbar! Was wir zu fürchten haben, ist weniger eine Überforderung als vielmehr die Unterforderung des Menschen … wir wissen zur Genüge um die Pathogenität nicht nur von Stress-Situationen, also von Situationen der Belastung, sondern auch von Situationen der Entlastung. [Frankl, V.: Der leidende Mensch, 1946]