Und immer wieder geht die Sonne auf … – Teil 12

In den vergangenen Beiträgen wurde Weisheit als eine mehrdimensionale psychische Fähigkeit vorgestellt, die zur Bewältigung oder Lösung komplexer oder unlösbarer Fragen oder Probleme zum Einsatz kommt. Viktor Frankls Logotherapie darf im Kontext existenzieller, zuweilen das Leben völlig in Frage stellender SItuationen, als eben die Therapieform verstanden werden, in der dem Aspekt der Weisheit eine besondere Stellung zukommt. Das bedeutet freilich nicht, dass jeder Logotherapeut als Weisheitslehrer etikettiert werden darf. Anders jedoch als die Therapieformen, deren Kernausrichtung in der Exploration eines ‚Warum ist das heute so?‘ stehen, ist die Logotherapie mit ihrem Fokus auf das ‚Worum hat es Dir trotz allem nun zu gehen?‘ deutlich näher am Anspruch, mit dem Klienten an weiseren Zugängen zur Zukunftsgestaltung zu arbeiten.

Unweise ist nicht derjenige, der wenig weiß, sondern derjenige, der die Grenzen seines Wissens nicht erkennt.

Da nur sehr wenige Lebenssituationen aus sinnorientierter Perspektive als objektiv unlösbar angesehen werden können (zum Beispiel das Problem, wie dem Tode oder einer schweren Schädigung des Lebens bei offensichtlichen Naturkatastrophen oder Unfallgeschehen entgangen werden kann, wenn diese ein individuelles Handeln bereits verunmöglichen), stellen letztlich alle anderen Situationen trotz allem zwischen ihren negativen Reizen und einer psychischen Reaktion wie Wut, Trauer, Kränkung, Angst usw. die Person vor die Möglichkeit geistig zu agieren, anstatt lediglich psychisch zu reagieren. Manche Menschen verbinden diesen Gedanken allzu schnell mit der Vorstellung, in der Logotherapie würde stets mit Kategorien wie Vergebung, Versöhnung oder Trennung gearbeitet und es würden entsprechende Empfehlungen ausgesprochen. Dem ist nicht so. Auch ist es kein Automatismus, mit Klienten im Krisenkontext letztlich an einer Neuorientierung zu arbeiten. Krise, verstanden als crisis = entscheidende Wendung, meint nicht Wendung zum Neuen hin. Vielmehr ist die Wendung zum Wesentlichen hin die sinnzentrierte Arbeitsrichtung, und hierbei steht die (Re-)Vitalisierung von Werten im Vordergrund. Von Werten, die ihrerseits nicht ’neu‘ sein müssen.

Die Arbeit mit den Werten des Klienten und ihren Verwirklichungsräumen stellt in meinem Verständnis der logotherapeutischen Kunst die Grundlage für das eigentliche, weisere Arbeiten dar. Und für diese Arbeit mit Aspekten wie Wertewahrnehmung, Exploration von elterlichen Werteprojektionen, systemische Wertekonflikte, Werteverwirklichungsoptionen, Wirkung von Wertevernachlässigungen usw. usw. gilt es, sich als Logotherapeut profund zu qualifizieren.

Über die Rolle als Sinn- und Wertetherapeut hinaus, wird weiseren Menschen häufig eine große Lebenserfahrung, ein höheres Lebensalter, ein höheres Bildungsniveau, eine ausgeprägtere Intuition, eine robuste Selbstregulation, eigene Resilienz und vieles mehr ‚unterstellt‘. Das alles kann hilfreich sein, nach meinen Beobachtungen im Rahmen meines Weltausschnitts sind dies alles jedoch keine notwendigen Bedingungen. Wenn ich Situationen erinnere, wie weisere Menschen agierten, dann nahm ich beispielsweise diese, nicht summativen, Merkmale wahr:

  • Echtes Interesse an allem, was die von einer kompexen Situationen betroffenen Person(en) über ihren Kontext berichteten, verbunden mit Realitätsklärungen und der Adressierung von Glaubens- und Meinungsbeimischungen (im professionellen Rahmen zum Beispiel adressiert mit den ‚Drei Sieben des Sokrates‘ oder mit systemischeren, auf Unterschiede gerichteten Rückfragen an die Person). Je nach Situation kann auch ein Blick in die Weltanschauungen und das Menschenbild der betroffenen Person einen weiseren Zugang hin zu einem Perspektivenwechsel ermöglichen.
  • Entschleunigung der kognitiven und emotionalen Prozesse der betroffenen Person durch das Angebot, mehr über den bisherigen Umgang mit der Situation lernen zu wollen. Ruhe und Entschärfung durch wohlwollende, nicht-triviale und allmähliche Ausrichtung des Gesprächs auf all das, was durch die Situation nicht belastet wird.
  • Methodische Anleitung zur Perspektivenumkehr. Was nimmt der Klient aus der Sicht derer wahr, die Teil der komplexen Belastungssituation sind – egal in welcher Rolle? Das Ziel ist eine unterschiedsbildende Multiperspektivität zum Zwecke weiserer Entscheidungen.
  • Gesprächsführung mit der Metapher „als stündest du am Seitenrand“ – derart auf die komplexe Situation blickend, dass eine Selbstdistanzierung und -relativierung möglicher wird. Es geht dabei nie um Beschönigung oder Infragestellung der Belastung, vielmehr um die Grundlegung einer Akzeptanz des Geschehens mit dem Fokus auf die ‚gerade jetzt offene Frage: Welche Antwort verlangt diese Situation gerade jetzt von mir?“
  • Einsatz der ‚Systemischen Gesetze‚ mit der Absicht, einen weiseren und tragfähigeren Weg aus der Belastung zu finden. Häufig werden bei der Konfrontation mit diesen Gesetzen Erinnerungen an frühere komplexe Belastungen frei, die zuweilen negative Spuren hinterlassen haben und die mit der aktuellen Situation in Verbindung gebracht werden.
  • Mutiger Einsatz auch provokativer, womöglich auch schmerzhafter Interventionen zum Zwecke der Spiegelung und gegebenfalls lebensdienlicher Musterbrechnungen von Selbstbegrenzungen oder Selbstverzwergungen, die es der Person schwermachen, sich in personaler Freiheit weiterzuentwickeln.
  • Bereits am Anfang an das Ende denken. Tritt über kurz oder lang eine Besserung der Situation ein, kann sanft auf präventive Möglichkeiten der weiteren Lebensweggestaltung hingewiesen werden, da existenzielle Grenzsituationen jederzeit erneut eintreten können.

Nicht jede Krise muss überwunden werden. Manche muss in ihrer Offenheit integriert werden.

Weisheit entsteht nicht erst dort, wo Menschen Antworten gefunden haben, sondern dort, wo sie den Mut entwickeln, den Grenzen ihrer Existenz offen zu begegnen. Die Erfahrung der Endlichkeit verändert den Blick auf nahezu alle Lebensbereiche. Viele Konflikte verlieren ihre scheinbare Größe, während Beziehungen, Verantwortung und gelebte Zeit an Bedeutung gewinnen. Wer seine Endlichkeit nicht verdrängt, sondern in sein Selbstverständnis integriert, entwickelt häufig eine größere Gelassenheit gegenüber Unsicherheit und zugleich eine höhere Sensibilität für das wirklich Wesentliche. Nicht existenzielle Abschiede machen das Leben sinnvoll, sondern die Endlichkeit ruft dazu auf, den über sie hinausreichenden SInn zu entdecken und diesen mit verantwortlichem Handeln zu unterlegen.

Je komplexer die Welt wird, desto weniger Kontrolle ist möglich. Gerade deshalb wächst die Bedeutung des Vertrauens in die persönliche Verantwortung. Vertrauen reduziert Komplexität schlagartig, und kann man der Welt gerade nicht vertrauen, dann zumindest sich selbst.