Kategorie-Archiv: Menschenkunde

Psychokrisen von Organisationen

Organisationen werden von Menschen gemacht. Sind Menschen auch noch Inhaber ihrer Organisation, dann ist naheliegend anzunehmen, dass ihre eigenen Persönlichkeitsmerkmale über über die Wege der Kommunikation und Führung auf das Organisationsklima ‚durchschlagen‘. Gerade also in kleinen und mittleren Unternehmen lohnt sich der Blick auf die Kultur und die sie treibenden Führungs-Kräfte.

Die depressive Organisationskultur zeichnet sich durch Zurückgezogenheit, Mangel an Vertrauen und Zuversicht und Passivität aus. Eher ziellos ist in ihr ein fehlendes Interesse an dem, was auf den Märkten los ist, zu beobachten. Vielmehr befasst sich diese Organisation mit sich selbst und hyperreflektiert, warum man nicht weiterkommt, um dann im übertragenen Sinne ‚weh-leidig‘ mit sich intern umzugehen. Eine Strategie, die neue Wege ebnet, findet man nicht. Mitarbeitern, die Ideen in neue Richtungen entwickeln, werden daran ‚erinnert‘, dass das doch wegen so vieler Hindernisse alles nicht möglich sei. Veränderungsinitiativen werden im Keim erstickt. Am Ende eines solchen Weges vernichtet sich die Organisation selbst.

In der zwanghaften Organisation finden sich allerlei Rituale, sich wiederholende Prozesse, engmaschige Kontrollen, Symbole für Ordnung, gründliche Prüfungen, der Drang nach Vollständigkeit und detaillierter Information. Strategien haben weniger den Markt oder die Kunden im Fokus, vielmehr wird dem Innenleben der Organisation die Aufmerksamkeit geschenkt. Mitarbeiter mit einer Affinität zur Veränderung laufen hier regelmäßig gegen dicke Wände. Ohne Geduld und Ausdauer sind diese Bretter kaum zu bohren.

Noch mehr Kontrolle als in der zwanghaften Organisation wird in einer paranoiden angeboten. Hier wird man schnell verdächtigt und misstrauisch beäugt, wenn man Gedanken oder Handlungen äußert oder tätigt, die außerhalb der strengen Vorgaben liegen. Mehrstufige Budgetrunden mit exzessiven Absicherungsprozessen, ein bis ins Kleinste strukturierte Meldesystem – sei es hinsichtlich des Personals, der Kosten, der Projektplanung usw. – sind Kennzeichen dieser Organisation. SIcherheit und eher noch Angst vor Unsicherheit führen Diskussionen schnell in einen Bereich, wo Menschen, die dem System nicht angehören vermuten, gleich würde ein kapitaler Angriff auf diese Organisation bevorstehen, Innovation ist ein Antibegriff, lieber reagiert das System und rettet sich in Distanz, Tradition und Konvention.

Wer es spannender mag, der findet in der dramatischen Organisation eine hektische Umtriebigkeit, Hyperaktivität, Spontaneität, Verlust der Impulskontrolle, Hemmungslosigkeit. Jenseits der Realität flüchtet man sich in dieser Organisation in Verdächtigungen und Fantasien. Wer hier im Rampenlicht steht, der versucht, diesen Platz zu erhalten, mit Macht und allerlei psychologischen Spielchen. Wer sich diese Organisation mit wachem Blick von außen anschaut, der erkennt schnell die Energievergeudung, die darin besteht, dass sich diese Organisation ihr eigenes System schaffen will – immer im Irrglauben, das würde nicht erkannt und entlarvt. Narzisstisch werden Wachstumparolen verkündet, wobei in der ‚Tüte‘ der Organisation meist so wenig Substanz gefunden wird, dass man sich irgendwann nicht mehr darüber wundert, dass hier mehr auf Risiko gespielt und man hier Nachhaltigkeit oder Seriosität eher vergeblich findet.

Die schizoide Organisation zeigt sich durch Nicht-Führung. Irgendwie hat man das Gefühl, die Leitungsebene ist überhaupt nicht anwesend und auch nicht daran interessiert, was und wie es in ihrer Organisation zugeht. Schaut man hinter die Kulissen, dann findet sich die Sorge, dass Kooperation in welcher Form auch immer mehr Probleme als Fortschritt erbringen könnte. Also geht man nicht in die Offensive, übt sich in Understatement, Liebe zur Distanz und der Entschleunigung von Veränderungsinitiativen. Wer den Willen zum Wandel mitbringt, der fühlt sich eigenartig ausgebremst und kommunikativ im Regen stehen gelassen. Wer dagegen vorgeht, entwickelt irgendwann psycho-logisch eher die Angewohnheit, mehr an sich selbst als an die Organisation zu denken. Eigene Pfründe sichern lautet dann die Parole.

Sind diese ‚Überzeichnungen‘ nicht wahrnehmbar, dann balanciert sich die Organisation offenbar günstig aus und vermag leichter, den differenzierten Erwartungen aller relevanten Bezugsgruppen zu entsprechen. Wer sich über die neurotischen Auswüchse von Organisationen noch mehr informieren möchte, dem sei die Forschung von Kets de Vries & Coll. empfohlen.

Menschenbild der Psychoanalyse

Das Menschenbild der Logotherapie, das den Menschen als das Wesen auszeichnet, das nach Sinn strebt, wurde in der KrisenPraxis bereits vielschichtig beleuchtet. Schauen wir heute und in den kommenden Tagen auf andere große Richtungen der Psychotherapie.

Psychoanalyse: Sie begründet ein materialistisches Menschenbild, das den Menschen reduziert auf die biologisch-physiologische Dimension. Das Seelische wird dabei nur als Funktion der
Materie verstanden, die mit physikalisch-chemischen Gesetzen erklärbar sein müsste. Das Geistige des Menschen, angesehen als unabhängig vom Leib existente Wesenheit, findet in diesem Menschenbild keinen Platz. Freud als Urvater der Psychoanalyse sieht durch Anwendung von Vernunft und Wissenschaft den Raum, das Seelenleben vollständig durch biologische Kausalzusammenhänge zu erklären. Er schreibt in ‚Jenseits des Lustprinzips‘: „Die Mängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten.“

Die Psyche des Menschen wird so zu einem nach energetischen Prinzipien funktionierenden Apparat, bestehend aus ‚Es‘ [die Triebe], ‚Ich‘ und ‚Über-Ich‘ [die moralische Instanz] ‚. Der ‚Schmierstoff‘ dieses Apparates ist ‚libidonöse Energie‘. Einen freien Willen des Menschen kennt die Psychoanalyse nicht, vielmehr stellt das ‚Lust-Unlust-Prinzip‘ den Regelmechanismus der mennschlichen Psyche dar. Der Mensch ist so letztlich darauf angewiesen, Lust zu
suchen und Unlust zu vermeiden. Freud sieht den Menschen mit sich selbst und der Welt im
Kampf, von Ängsten und unbewussten Wünschen geplagt. Mehr als von Umwelteinflussen
wird er von angeborenen Instinkten zu bestimmten Verhaltensweisen getrieben.

Die Natur des Menschen ist geprägt durch sein angeborenes Streben nach Maximierung der Triebbefriedigung und Minimierung der Ängste, wobei er im ständigen Konflikt steht zwischen den egoistischen Ansprüchen des ‚Trieb-Es‘ und den Forderungen des moralisch-elterlichen ‚Über-Ich‘, zwischen Lust- und Realitätsprinzip.

Reflexion der Verletzung kindlicher Bedürfnisse

In verschiedenen psychologischen Theorien wurden die Grundbedürfnisse von Menschen zusammengestellt. Klaus Grawe, führender Wissenschaftler in der Psychotherapieforschung, stellt vier Grundbedürfnisse heraus:

  • Bindungsbedürfnis
  • Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle
  • Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung

In der therapeutischen Praxis steht meist die konkrete Verletzung kindlicher Bedürfnisse im Fokus, die sich an Grawes Ordnungsrahmen orientieren:

  • Sichere Bindung zu anderen Menschen haben (Sicherheit, Stabilität, nährende Zuwendung und akzeptiert werden)
  • Autonomie, Kompetenz und Identitätsgefühl entwickeln können
  • Freiheit, berechtigte Bedürfnisse und Emotionen auszudrücken
  • Spontaneität und Spiel
  • Realistische Grenzen gesetzt bekommen und selbst die Kontrolle innehaben

Ob es zur Verletzung kindlicher Bedürfnisse gekommen ist, können Menschen zuweilen nicht erinnern. Sie äußern dann eher vage Vermutungen oder spüren subtil, dass irgendetwas nicht ganz in Ordnung war. Manchmal vermag die Reflexion von Fähigkeiten [in Anlehnung an Nussbaum], etwaigen ‚Verletzungen‘ in der Vergangenheit nachspüren zu können. Dahinter steht die These, dass dauerhaft verletzte Bedürfnisse dazu führen, dass der Mensch nur in eingeschränktem Maße Fähigkeiten dieser Art entwickelt:

  • Fähig zu sein, bis zum Ende eines vollständigen menschlichen Lebens leben zu können [dies bedingt z.B. die Fähigkeit, sich von lebensschädigenden Substanzen fernhalten oder Risikoverhalten eindämmen zu können].
  • Fähig zu sein, eine gute Gesundheit zu haben [Ernährung, Unterkunft, Sexualität[ – dies bedingt die Fähigkeit zur Selbstfürsorge, der autonomen Willensäußerung usw.
  • Fähig zu sein, unnötigen Schmerz und Leid zu vermeiden [hierzu gehört auch die Fähigkeit zur Krisenprävention].
  • Fähig zu sein, zu phantasieren, zu denken und zu schlußfolgern.
  • Fähig zu sein, auch emotional Bindungen zu Dingen und Personen zu unterhalten.
  • Fähig zu sein, sich ein Bild von einem guten Leben zu machen [Lebensentwurf].
  • Fähig zu sein, soziale Interaktion in Form von Mitgliedschaft, Freundschaft, Beruf usw. auszuüben.
  • Fähig zu sein, in Anteilnahme für und in Beziehung zu Tieren, Pflanzen und zur Welt der Natur zu leben.
  • Fähig zu sein, zu lachen, zu spielen, zu genießen usw.
  • Fähig zu sein, das eigene Leben zu leben [dies bedingt die Klarheit des eigenen Wertesystems].

Haben Sie alle Fähigkeiten in Ihrer Wahrnehmung hinreichend entwickelt? Wem oder welchen Umständen könnten Sie dafür danken?

Kleine Krisenpräventionsübung – IV

Stil 11: Ich finde meinen Platz im Leben durch Charme und Witz. Oft sind die anderen damit ganz leicht dazu zu bewegen, das zu tun, was mir nützlich ist. Ich gleiche einem Nesthäkchen in einer Familie, dem alles irgendwie zugetragen wird.

Stil 12: Nichts gelingt mir richtig gut. Ich habe zwei linke Hände und ich bin unbeholfen. Deshalb beschränke ich mich, wenn irgend möglich auf das, womit ich Erfolg habe. Verantwortung kann mich so sehr belasten, dass ich gerade dann besonders versage. Andere nehmen mir vieles ab, da es ihnen ja leichter fällt. Ich fühle mich weniger fähig als die anderen und ihnen unterlegen.

Stil 13: Ich halte meine Gefühle und spontanen Reaktionen zurück. Ich fürchte, dass ich sonst die Situation vielleicht nicht mehr kontrollieren könnte. Ich verlasse mich lieber auf meinen Verstand. Probleme sind eben nur mit Vernunft zu lösen. Ich schätze den Intellekt, die Logik und eine vernünftige — nicht gefühlsbestimmte — Sprache. Gemeinschaft bedeutet mir nicht allzu viel.

Stil 14: Ich hasse Routine und suche Abwechslung, Spannung, Abenteuer. Ich könnte ein Spieler sein. Wenn das Leben monoton wird, scheue ich oft keine Mühe, damit wieder etwas los ist. Ich brauche andere Menschen, die für mich interessant sind und von denen ich Spannung und Abenteuer erwarten kann. Manchmal ziehe ich mich auch von anderen Menschen zurück und suche Aufregung in Träumereien oder Phantasien.

Gut, nun sind Sie dran. Viel Freude bei Ihrer Reflexion.

Kleine Krisenpräventionsübung – III

Stil 8: Anforderungen des Lebens gegenüber bin ich häufig negativ eingestellt. Ich weiß stets eher wogegen ich bin, als wofür. Ich kann dabei meine Ablehnung offen zeigen. Ich kann sie aber auch zum Ausdruck bringen, indem ich mich passiv verhalte und die Wünsche und Forderungen anderer überhöre oder umgehe.

Stil 9: Ich bin ein Pechvogel. Mit mir will wirklich niemand tauschen. Anscheinend bin ich etwas Besonderes. Ich bin schon zu bedauern, aber da kann man eben nichts machen. Was ich schon alles an Unglücksfällen hatte und wie oft ich nur so eben noch daran vorbeigekommen bin! Ich hätte tatsächlich oft mehr Mitgefühl verdient!

Stil 10: Ich leide ähnlich wie der Pechvogel, aber ich leide für ein hohes Ziel oder Prinzip. Ich empfinde mich manchmal als ein Opfer all des Unrechts, das es um mich herum gibt. Märtyrer könnten sich so gefühlt haben. Manchmal demonstriere ich mein Leiden vor einem gleichgültigen Publikum.

Kleine Krisenpräventionsübung – II

Stil 4: Ich muss Recht haben und Recht behalten. Auf diese Weise kann ich mich über die anderen stellen. Richtig und falsch sind für mich die eigentlichen Kriterien. Für Unklarheiten und Ziellosigkeit habe ich kein Verständnis. Es ist für mich wichtig, möglichst wenig Fehler zu machen. Werden mir aber welche nachgewiesen, suche ich mich zu verteidigen, indem ich auf die Fehler hinweise, die auch andere machen.

Stil 5: Ich bringe mich dann am besten ein, wenn ich mich überlegen fühle. Daher meide ich Situationen, in denen ich nicht im Mittelpunkt stehen kann. Um mich in solchen Fällen von den anderen fernhalten zu können, vergrabe ich mich auch schon mal für längere Zeit in ein Hobby oder tue etwas, was eigentlich nichts bringt. Wenn ich nicht unter den Ersten oder Besten sein kann, bin ich unter den Letzten oder Schlechtesten – oder ich mache überhaupt nicht mehr mit.

Stil 6: Es ist für mich ganz wichtig, dass mich alle mögen. Bereits die Ablehnung durch einzelne Personen irritiert und stört mich. Ich reagiere auf Kritik besonders empfindlich und halte es für eine Niederlage, wenn ich irgendwo keine Zustimmung finde. Ich versuche zu spüren, was anderen Menschen gefallen könnte und ändere schon mal meine Meinung, wenn ich damit mehr Zustimmung finde. Ich sehe meinen Wert abhängig von den Wertschätzungen anderer Personen.

Stil 7: Ich will ein guter Mensch sein und stelle an mich höhere moralische Maßstäbe als es die anderen bei sich tun. Manchmal sind sie übermenschlich hoch, wenn ich zum Beispiel einen Fehler von mir für völlig unverzeihlich halte. Meine überhöhten Maßstäbe können mir das Gefühl geben, den anderen moralisch überlegen zu sein. Andere Menschen fühlen sich so durch mich öfter entmutigt.

Kleine Krisenpräventionsübung – I

Heute und an den folgenden Tagen stellen wir Ihnen vierzehn individualpsychologisch geprägte Lebensstile vor und ermuntern Sie, diese zuerst dahingehend zu überprüfen, welche Ihnen selbst am ehesten entsprechen. Wenn Sie Ihre Auswahl getroffen haben, dann empfehlen wir, dass Sie aus allen ausgewählten Texten einen Gesamttext schriftlich verfassen und dabei in einem Resümee ergänzen, in welcher Krisensituation es wohl sehr unpassend wäre, würden Sie sich in der Weise verhalten, wie Sie es anhand der ausgewählten Passagen beschreiben.
Wenn Sie im Anschluss an diese Arbeit nicht vollends ausschließen können, dass diese Krisensituation in den nächsten Jahren wirklich eintritt, sollten Sie ein Krisenpräventionsgespräch auf der Basis Ihrer Überlegungen in Erwägung ziehen.

Stil 1: Ich stelle gern andere Menschen in meinen Dienst. Um dies zu erreichen, kann ich andere einschüchtern, charmant, launisch sein oder auch auf taktische Weise eine vermeintliche Schwäche zeigen. Ich sehe das Leben oft als ungerecht an, da es mir häufig versagt, was ich für mein gutes Recht halte. Ich bin eigentlich nie richtig zufrieden.

Stil 2: Ich bin fast ständig in Bewegung und habe dabei das Gefühl, ich müsse mich beeilen, um all das zu Ende zu bringen, was ich noch tun sollte. Ich bin gewissenhaft und so auf meine Ziele ausgerichtet, dass ich mir nur selten Ruhe und Muße gönne. Ich spüre dabei jedoch so etwas wie eine Angst, ich könnte ein Versager sein, und die übersteigerte Aktivität könnte vielleicht ein Mittel sein, um diese Angst zu überdecken.

Stil 3: Ich möchte mein Leben unter Kontrolle haben. Überraschungen schätze ich im allgemeinen nicht. Auch spontane Reaktionen suche ich möglichst zu vermeiden, und ich zeige auch nicht gerne meine Gefühle, da sie meine Selbstkontrolle beeinträchtigen könnten. Demgegenüber bewege ich mich lieber in geistigen Bereichen. Ich halte auf Ordnung. Von mir fordere ich, dass ich das Rechte tue, und ich stelle so hohe Erwartungen an mich, wie kein anderer. Etwas besser komme ich mir schon vor, wenn ich sehe, womit sich die anderen begnügen.

Ewige, alte Mär

Die Mär von der ‚Krise als Entwicklungschance‘ hält sich wacker. Sie suggeriert, dass Krisen zur Entwicklung erforderlich seien und eine quasi exklusive, besondere Möglichkeit der Reifung böten. Welch Armutszeugnis für die Spezies Mensch, wenn Kummer, Leid, Schmerz oder Qual die Ausgangsbasis von Entwicklung sein sollen!

Wohl begegnet man dem Phänomen, dass Menschen ihre Bequemlichkeitszone nicht verlassen und nicht mehr wahrnehmen, dass sich Umfeldbedingungen verändern und dies in der Folge zu Umbrüchen führt. ‚Aus Schaden wird man klug‘ ist dann ein gern gehörter Unsinn-Spruch. Er reduziert den Menschen auf ein Wesen, das sich von der bequemen Lust antreiben lässt und erst eines massiven Lebenshindernisses bedarf, um von ihr abzulassen.

Wenn die Lust ihm dann vergangen ist, sucht der Mensch nach einem neuen Sinn oder kommt gar zur Ansicht, ohne das Lustvolle sei das Leben doch sinnlos. Beide Reflexe sind zwar ’normal‘, verkennen sie doch aber beide, dass Sinn per se gegeben ist und nicht erst ein neuer durch eine Krise entsteht und weiters, dass Sinn stets außerhalb des Menschen liegt, während Lust eine Qualität der menschlichen Psyche ist. Die ‚Währungen‘ Sinn und Lust sind somit eher vergleichbar mit Luft und Blut. Das eine liegt außerhalb von uns, das andere ist ‚hausgemacht‘. Die Frage, was für was von größerer Bedeutung ist, dürfte leicht zu beantworten sein – eine Ordnung, die auch Viktor Frankl stets hervorhob, wenn er darauf aufmerksam machte, dass Menschen, die dem Glück oder Erfolg hinterherlaufen, den Sinn dabei niemals finden können. Andersherum jedoch, der Mensch, der Sinn im Leben gefunden hat, in der Folge auch Glück, Zufriedenheit und Erfolg [Erfolg – er folgt dem Sinn] verspürt.

Ist man erst einmal der Versuchung erlegen, einen Menschen wie beschrieben auf seine Triebe zurückzuführen [re-reducere – zurückführen], dann ist naheliegend, ihm helfen zu wollen, dass dieser derart bedürftige ‚reduzierte Mensch‘ neue Widerstandskraft aufbaut. Dies wird heute weithin mit Resilienz [re-selire = zurückspringen] beschrieben. Ganze Trainerarmeen bieten ihre Geheimwaffen an, um Menschen in einen Zustand zu führen, nach erlittener Pein die Ketten einschränkender Verhaltens- oder Denkmuster zu sprengen, damit man stark und gereift aus der Krise komme. Das Dumme ist nur, dass die Selbstkonzept- und Resilienzforschung [Filipp,S.-H.: Selbstkonzeptforschung, 1993, Davis,N.: Resilience, 1999, Wustmann,C.: Resilienz, 2004] längst bewiesen hat, dass objektive Lebenslagen und individuelle Persönlichkeitsmerkmale subjektiv unterschiedlich wahrgenommen und bewältigt werden. Menschen entwickeln ihre Bewältigungsstrategien selbst, um den Alltagsanforderungen zu entsprechen. Dies ist auch in Krisen nicht anders – auch hier versuchen Menschen, mit ihren psychischen Bordmitteln die kritischen Gegebenheiten zu ordnen und mit ihnen umzugehen. In einem solchen psychischen Zustand auf ‚Kettensprengungen‘ zu setzen und zu ihnen mit welcher Form externer Motivation aufzurufen, kann nicht anders als fehlzuschlagen – dies wird wohl ein Grund dafür sein, dass es bis heute keine Wirksamkeitsstudie hinsichtlich wissenschaftlich begleiteter Resilienztrainings gibt.

Je bitterer, ungesunder, ruinöser usw. eine Situation empfunden und vielleicht als Krise bezeichnet wird, umso wichtiger ist es, den Betroffenen darin zu unterstützen, zuerst einmal die mit ihr verbundenen negativen Affekte wieder unter Kontrolle zu bekommen. Dazu braucht es den Willen des Betroffenen und einen herzlichen, offenen Zugang dessen, der dem Menschen beisteht.

Nach dieser Stabilisierung kann damit begonnen werden, das herauszudestillieren, was trotz der Krise unauslöschlich geborgen ist: die Werte der Person und die mit ihnen seit je her und per se auch weiterhin gegebene Fähigkeit, Sinn zu finden. Mit dieser Grundfähigkeit geht jeder Mensch ins Leben – sie sich erst in Folge einer Krise bewusst zu machen, wird dann leider missverstanden als Reifung, die ohne die Krise nicht hätte stattfinden können. Ebendies immer und immer wieder zu kolportieren wird nicht dadurch besser, indem man es noch öfter behauptet. Im Gegenteil – diese Mär ist dem Menschen nicht angemessen. Ihn hingegen als sinnstrebiges Wesen zu würdigen, hätte vielmehr die Konsequenz, ihm dabei zu helfen, sich das eigene Wertesystem bewusst zu machen, es als Aktivposten auszuzeichnen, einen Schatz, den jeder Mensch mit sich herumträgt und mit dem weit mehr Positives bewirkt werden könnte als ihn erst dann auszupacken, wenn eine Not dazu aufruft.

Werte haben in diesem Verständnis eine ähnliche Qualität wie Wissen – sie nutzen sich auch bei mehrfacher Anwendung nicht ab. Die eigenen Werte zu wissen, ist aus unserer Sicht daher der beste Weg dafür, auch in nicht vermeidbaren kritischen Lebenssituationen einen derart robusten Umgang mit sich selbst und der eingetretenen Lage zu pflegen, so dass trotz allem, zu dem was das Leben einfordert, ja gesagt werden kann.

Im Kern geht es genau um dieses ‚trotzdem‘, wenn ein Mensch etwas ‚überwinden‘ will. Ohne einen Willen zum Sinn mitzudenken, ist der Überwindungswille des Menschen gar nicht recht vorstellbar. Wofür überhaupt will ich meine Krise überwinden? Diese Frage weist hin auf ‚Sinn‘.

Nimmt der Mensch an, dass es dieses Wofür gibt [Anm.: weiß er bereits, dass es stets ein Wofür gibt, dann empfindet er das Leid, den Verlust, die Trennung, die Verfehlung zwar als starke Last, sein Zustand ist jedoch nicht als Krise zu bezeichnen], dann erkennt man dies anhand verschiedener Hinweise. Ein solcher Mensch zeigt an, dass er sich in einer Krise befindet, dass er im Selbstzweifel steht, dass er an Verbesserung glaubt, dass er im Kern handlungsbereit ist, dass er sich nicht ‚abgeben‘ will, dass er realistisch hinsichtlich des Aufwandes ist, dass er seine Verantwortung erkennt, dass es Fragen des Lebens gibt, die jetzt zur Beantwortung anstehen:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Dass diese Fragen auch ohne Krise nach Antwort rufen, geht oft im Alltäglichen unter. Wer sich Zeit dafür nimmt, handelt krisenpräventiv und erspart sich damit manche Zukunftslast.

Dass aber selbst in größter Lebensnot diese Fragen nicht nur beantwortet, sondern in konkrete Handlung umgemünzt werden können, zeigt dieses von vielen Beispielen:

Der sechsjährige Tijn wird vermutlich sterben. Sein Hirntumor konnte bisher nicht wirklungsvoll behandelt werden. Und was tut Tijn? Er ruft seine niederländischen Landsleute dazu auf, sich die Nägel zu lackieren, etwas Geld für kranke Kinder zu spenden und drei Freunde zu bitten, dies ebenso zu tun. Nägel lackieren? Tijn hatte dies selbst einmal gemacht und sich über die bunten Finger gefreut. Offenkundig hat der Junge damit Werten wie Kreativität, Tatkraft, und Lebendigkeit Ausdruck verliehen. Mit Blick auf viele Kinder, die an unheilbaren Krankheiten oftmals sogar noch jünger sterben, meinte Tijn, eine solche Aktion könnte diesen Kindern doch helfen. Ist es schwierig, sich die Antworten vorzustellen, die dieser Junge wohl auf diese Fragen gegeben hätte?:

Was ist es, was mir als gehaltvoll und wesentlich erscheint?
Was geht mich jetzt unmittelbar an?
Was betrifft jetzt genau mich?
Wofür werde ich in diesem Zusammenhang einstehen?

Tijn hat sinnvoll gehandelt. Und der Erfolg folgte: Eine derart hohe Spendensumme wurde in Holland noch nie im Rahmen einer privat initiierten Aktion eingesammelt.

„Der Mensch wird, was er wird,
durch die Sache, die er zu der seinen macht.“
Karl Jaspers

ErMUTigende Fragen

Ergänzen Sie einmal die Fragen so, wie sie für Sie derzeit stimmen würden, wenn Sie Ihnen von einer Person gestellt würden:

Wie haben Sie soviel Mut aufgebracht, ….

Was hat Ihnen die Kraft gegeben, …

Wie haben Sie es geschafft, trotz allem ….

Wie konnte es Ihnen gelingen, ….

Und welche Antworten könnten Sie sich auf diese Fragen geben?

Fragen Sie diese Fragen doch einmal eine Kollegin, einen Freund, ein Kind, die Nachbarin …. und achten Sie auf die Form der Antwort. Sie werden staunen.