Es gibt eine Form der Einsamkeit, die sich erst in Gesellschaft bemerkbar macht. Man sitzt mit anderen Menschen an einem Tisch. Stimmen sind da, Lachen, Fragen, Antworten. Man tauscht Erlebnisse aus, erzählt von der Arbeit, vom Wochenende, von Filmen, vom Wetter, von anderen Menschen. Es wird gesprochen und doch entsteht in einem selbst der Eindruck, als sei überhaupt nichts gesagt worden. Die Worte bewegen sich zwar zwischen Menschen, aber sie scheinen niemanden wirklich zu erreichen. Man antwortet, weil eine Antwort erwartet wird.
Man fragt zurück, weil das Gespräch diese Form verlangt. Man lächelt an den entsprechenden Stellen. Man erzählt eine kleine Geschichte. Der andere reagiert. Alles funktioniert. Und gerade weil alles funktioniert, kann eine eigentümliche Langeweile entstehen. EIne Langeweile, in der ein Mensch spürt, dass zwischen ihm und den Menschen nichts Wesentliches geschieht. Für den, den das stört, obwohl er bereit ist, mit anderen in eine kommunikative Gegenwärtigkeit mit Breite und Tiefe zu kommen, kann dieser Zustand auf Dauer in etwas führen, was ich eine intellektuelle Langeweile nenne.
Im gewöhnlichen sozialen Kontakt nehmen wir Kommunikation nicht als philosophisches Problem wahr. Wir erleben einen Menschen unmittelbar als jemanden, mit dem wir etwas teilen: einen Raum, eine Tätigkeit, eine Situation – oder eben auch nicht. Und dann beginnt das Spiel des sozialen Austauschs mit Zustimmung, Empörung, Belustigung, Anteilnahme oder anderen Reaktionen. Meist vorhersehbar, wenn man sich einigermaßen kennt. Meist in sozialer Reibungslosigkeit, denn in unserer Gesellschaft herrscht Angst vor und diese Angst lähmt die Überwindung intellektueller Langeweile. Angst, dass die eigene Meinung von anderen nicht geteilt wird. Angst, dass man von anderen nicht gebraucht wird. Angst, dass man nicht über das Wissen verfügt, um wirklich mithalten zu können. Und viele Ängste mehr. Und so hält sich Kommunikation selbst am Leben und die kommunizierenden Menschen bleiben voneinander eigentümlich getrennt.
Klar, der gesellige Small Talk erfüllt eine wichtige soziale Funktion. Er ermöglicht Nähe ohne Risiko. Er schafft Vertrautheit, ohne Intimität zu verlangen. Er erlaubt Menschen, miteinander zu sein, ohne sich einander aussetzen zu müssen. Diese Kommunikation ist verpflichtungsfrei und meist mit flachen Stellungnahmen versehen. Mal bleibt man in seiner Sprechblase mit denen, die teilen, was man sagt. Das befriedigt aufgrund eines Wohlfühlerlebnisses. Mal ist man mit Menschen zusammen, die Interesse signalisieren, ohne tatsächlich interessiert zu sein. Oder die über Persönliches sprechen, ohne persönlich zu werden. Vielleicht sind das Aspekte dafür, dass Gespräche eine seltsame Leere vermitteln können. Zweckdienliche Gespräche zwar, aber letztlich sinnlos. Die eigentliche Qualität dieser existenziellen Form von Langeweile liegt darin, dass sie nicht im Individuum allein lokalisiert werden kann. Sie entsteht vielmehr zwischen einem Menschen, der mit Kommunikation eine andere Werteverwirklichung verbindet als der andere. Dieses Phänomen führt zu einem Resonanzdefizit und zu interessanten Folgeprozessen.
So berichten mir Klienten zum Beispiel, dass sie sich im Zusammensein mit anderen Menschen völlig alleine fühlen können, sich aber geistig sehr lebendig empfinden. Die dann erst zum Ausgleich, dann als Ersatz im Literatur- oder Kunstgenuss die Intensität eines Austauschs wahrnehmen, der im Zwischenmenschlichen einfach nicht entstehen will. Dieser Ersatz ist dann in gewisser Weise zwar gesichtslos, dafür aber inhaltsreich. Ein Inhaltsreichtum, der einen Preis fordert, nämlich den, dass aufgrund dieser wirklichen Inhalte im Zwischenmenschlichen noch weniger Resonanz entsteht, weil immer deutlicher empfunden wird, dass man über das Niveau eines Geredes nicht hinauskommt. Ein Gerede, das dann besonders irritiert, wenn man spürt, dass beim Gesprächspartner etwas vorhanden sein könnte, was einen gemeinsamen präsenten Blick in eine bunte Themenwelt ermöglichen würde. Doch dieser Blick schweift zu schnell wieder weg, denn die Aufmerksamkeitsschwelle, der Zeitdruck, die Gesprächsumgebung, die Erwartungen anderer und vieles mehr, belassen an sich mögliche, robuste Gespräche auf dem Level einer banalen Oberfläche. Was würde geschehen, wenn dieser Mensch für zehn Minuten aufhörte, sozial erwartbar zu sprechen? Was würde erscheinen, wenn er nicht mehr erzählen würde, was er erlebt hat, sondern was ihn wirklich beschäftigt? Wenn er nicht mehr seine Position verteidigte, sondern das ausspricht, was an sich alle Menschen eint, die Preisgabe seiner Unfertigkeit?
Ohne Überraschung verliert Kommunikation ihre eigentliche Kraft. Denn Denken lebt von der Möglichkeit, dass etwas anders sein könnte als erwartet. Ein wirklich lebendiges Gespräch besitzt deshalb eine gewisse Unkontrollierbarkeit. Wird sie akzeptiert, dann kann es spannend werden und ein Mensch kann das Geistige seines Gesprächspartners erkunden. Womöglich ist dieses Geistige sogar etwas völlig Fremdes. Oder nur etwas Fremdes in einem Maße, dass es dazu anregt, mit dem schon Eigenen in Verbindung gebracht zu werden. Ist das erreicht, dann hat sie an sich keine Chance mehr, die intellektuelle Langeweile.
Was sagt die Wissenschaft dazu? Hartmut Rosas Theorie der Resonanz adressiert die Erfahrungen mit intellektueller Langeweile und beschreibt mit Resonanz und Entfremdung zwei grundlegende Modi menschlicher Weltbeziehung. Resonanz bezeichnet dabei gerade nicht bloße Harmonie, Zustimmung oder angenehme Interaktion. Entscheidend ist vielmehr ein Geschehen, in dem Menschen mit ‚eigener‘ Stimme [Frankl würde hier wohl von Stellungnahme sprechen] antworten und sich dadurch im Verlauf der Gesprächsbeziehung beide Seiten potenziell verändern können. Damit enthält Resonanz enthält ein Moment von Unverfügbarkeit. Intellektuelle Langeweile kann damit als spezifische Resonanzarmut im Modus sozialer Kommunikation verstanden werden.
Das Problem eines als leer erlebten Gesprächs liegt dann nicht darin, dass „nichts Interessantes“ gesagt würde. Auch ein Gespräch über komplexe Themen kann resonanzlos bleiben. Umgekehrt kann ein Gespräch über einen scheinbar trivialen Gegenstand außerordentlich resonant sein. Ziehen wir hier Luhmanns Kommunikationstheorie heran, dann können wir ergänzen, dass Kommunikation nur zustandekommt, wenn die Differenz von Information und Mitteilung verstanden und für Anschlusskommunikation relevant wird.
Entscheidend ist also, ob zwischen den Beteiligten ein Antwortverhältnis entsteht. Entsteht es nicht, dann kann dies als Entfremdung wahrgenommen werden. Auch sie ist eine Weltbeziehung, nur dass sich hier die Beteiligten einander indifferent oder repulsiv gegenüberstehen und innerlich unverbunden bleiben. Es entsteht eine Beziehung der Beziehungslosigkeit. Dieses Phänomen erklärt, weshalb die Erfahrung besonders intensiv sein kann, wenn man selbst eine starke Sehnsucht nach intellektueller Begegnung hat. Man erwartet nicht notwendig Übereinstimmung, sondern Widerhall und Gedanken, die die eigenen berühren, verändern, irritieren oder zurückwerfen. Damit einher geht eine ethische Dimension, da der Wunsch nach geistiger Resonanz nicht in die Erwartung umschlagen darf, andere Menschen müssten sich für die eigenen Resonanzbedürfnisse verfügbar machen. Im Gegenteil: ein soziales System benötigt eine ersehnte geistige Begegnung Einzelner nicht, um weiterzufunktionieren. Es kann auch das Banalste ausreichen, solange sich die Beteiligten eben nicht entfremdet fühlen.
Diese Perspektive steht im EInklang mit Ken Wilbers Integraler Theorie. Sein Zugang ist allerdings wissenschaftstheoretisch anders einzuordnen als die etablierten soziologischen Theorien Luhmanns und Rosas. Wilber ermöglicht uns einen metatheoretischen Syntheseversuch, der Psychologie, Bewusstseinstheorien, Spiritualität, Kulturtheorie und Systemdenken miteinander verbindet. Wilber unterscheidet vier grundlegende Perspektivbereiche: das Ich mit seinem subjektiven Erleben, das Es mit dem beobachtbaren individuellen Verhalten, das Wir als gemeinsam geteilte Bedeutungsräume und das Feld der ‚Sie‘ mit all ihren sozialen und institutionellen Strukturen.
Wilbers Theorie erlaubt mit diesen vier Zugängen die Hypothese zu setzen, dass verschiedene Menschen dieselben Gegenstände aus unterschiedlich komplexen Perspektiven betrachten können. Für die Erfahrung intellektueller Langeweile wäre es deshalb denkbar, dass zwei Menschen nicht an einem Mangel an Themen leiden, sondern an einem Mismatch ihres Umgangs mit Perspektivenkomplexität. Aber Vorsicht: Wilbers Modelle könnte dazu verführen, intellektuelle Langeweile auf der einen Seite als Beweis dafür zu interpretieren, man selbst befände sich auf einer „höheren“ Bewusstseinsstufe als das Gegenüber. Eine solche Deutung wäre weder logisch zwingend noch phänomenologisch zuverlässig, denn ob ein Gespräch langweilig erscheint, beweist zunächst nur etwas über die subjektive Erfahrung mit dem Gesprächsgeschehen. Es beweist nicht, dass der andere weniger intelligent ist oder er per se nicht in der Lage ist, in einem Gespräch einer angebotenen Perspektive nicht gedanklich zu folgen. Vielleicht interessiert ihn lediglich etwas anderes, oder er vertraut dem Gesprächspartner nicht, oder er denkt weniger verbal … Mit Luhmann gesprochen darf appelliert werden zu beachten, dass ein Mensch grundsätzlich nicht über einen unmittelbaren Zugang zum psychischen System des anderen verfügt, auch wenn einem Menschen bewusst wird, dass zwischen ihm und dem anderen in einer spezifischen Situation keine geistige Resonanz entsteht. So betrachtet, ist „langweilig“ keine objektive Eigenschaft eines Gesprächs, vielmehr können wir definieren: Intellektuelle Langeweile im Sozialkontakt ist die subjektive Erfahrung einer Diskrepanz zwischen sozial gelingender Kommunikation und ausbleibender geistiger Resonanz. Oder anders formuliert könnte man sagen, dass Intellektuelle Langeweile bedeutet, dass Gesprächsbeziehungen fehlen, in denen das eigene Denken auf eine antwortende Fremdheit stößt.





