Archiv für den Autor: Ralph Schlieper-Damrich

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Trauer

Wird über Trauer gesprochen, dann ist der Tod meist nicht fern. Dabei ist diese Grundemotion des Menschen mit Erfahrungen verbunden, die über den physischen Tod weit hinausreicht. Menschen betrauern den Verlust ihrer Heimat, ihrer Jugendlichkeit, ihres Berufes, ihrer Freiheiten, ja sogar die Niederlage ihrer Mannschaften im Sport. Menschen versinken in Lethargie, Depression, Apathie, Wehmut, Menschen suchen Trost und liegen sich in den Armen, um ein Stückchen Geborgenheit zu erfahren. Das alles unabhängig von ihrem Alter, ihrer Bildung, ihrem Geschlecht, ihrer Kultur, ihres Glaubens oder auch ihres Wohlstands.

Offen Trauer zu zeigen ist in einer Selbstoptimierungsgesellschaft, die dem Primat des Durchhaltens, Kämpfens und Leistens folgt, eine schwierige Sache. Schnell kommt so Trauer in die Nähe der Schwäche und des Tabus – mit der Folge, dass man verlernt, mit der eigenen und der Trauer anderer angemessen umzugehen. Viele Menschen geraten so in Trauerkrisen, weil sie ihre Verlusterlebnisse, die Folgen ihrer Erkrankungen oder die sich im Leben ergebenen Abschiede meinen nicht kommunizieren zu sollen. Dabei ist Trauer als angeborenes primäres Gefühl evolutionsgeschichtlich eine psychobiologische Reaktion zur Aufrechterhaltung der Gruppenbindung bei Trennungs‐ und Verlusterlebnissen. ‚Wir müssen jetzt näher zusammenrücken‘, dieser Satz spiegelt wider, wonach sich viele Menschen sehnen, wenn sie in Trauer sind.

Die Trauerforscherin Elisabeth Kübler‐Ross war die erste Wissenschaftlerin, die detaillierte Beobachtungen über die wechselnden emotionalen, kognitiven und verhaltensmäßigen Zustände bei trauernden Menschen machte. Mit ihrem Phasenmodell half sie dabei, die unterschiedlichen Interventionen herauszuarbeiten, die Menschen gut tun, um zuerst die Phase des Nicht‐Wahrhaben‐ Wollens, dann die Phase der aufbrechenden Emotionen, gefolgt von der Phase des Suchens und Sich‐Trennens und letztlich der Phase des neuen Selbst‐ und Weltbezugs zu durchlaufen. Heute wissen wir aber, dass dies nur ein grobes Modell ist. In der Realität verlaufen die Etappen manchmal mehrfach, manchmal unvollständig, manchmal schnell, manchmal über Jahre.

Trauer ist individuell und passt nicht in ein festes Schema. Dennoch gilt es für den betroffenen Menschen immer, zuerst einmal einen Verlust als Realität zu akzeptieren, den individuellen Trauerschmerz zu erfahren, sich wieder in die Umwelt einzupassen, in der nun fehlt, was zuvor gegeben war und dabei sich für das, was das Leben bereithält zu öffnen. Ob dabei das Gespräch mit vertrauten Personen, neutralen Dritten oder Gruppen unterstützen kann, muss die Person für sich fühlend entscheiden.

Ein trauernder Mensch stellt hohe Anforderungen daran, wie sein Trauern zu sein hat. Nicht selten wird Trauer in einer Weise gezeigt wie man sie in jungen Jahren im familiären Umfeld erlebt hat. Hieraus ergeben sich Trauer‐Glaubenssätze, die als ‚Ich‐sollte‘ oder ‚Ich‐müsste“‐Sätze formuliert werden, zum Beispiel als ‚sei perfekt in deiner Trauer‘; ‚beeil dich in deiner Trauer‘, ‚Sei stark in deiner Trauer‘. In der Begleitung eines trauernden Menschen kann es für ihn daher sehr entlastend werden, wenn er sich Erlaubnis erteilt, zum Beispiel ‚ich darf mir Zeit lassen‘ oder ‚ich darf meine Trauer auf meine Art gestalten und abschließen‘. Auf der körperlichen Seite gehören zu den Erlaubnissen, die eigene Versorgung durch gute Ernährung, Bewegung, ausreichend Schlaf und soziale Kontakte zu erhalten.

Aus Trauer zu lernen verweist auf die Vergänglichkeit unseres Lebens und der Dinge dieser Welt. Sie macht bewusst, dass Leben immer auch Abschied und Trennung mitmeint. Damit fördert sie eine Haltung, den Augenblick und das Vorhandene zu schätzen und die Relativität vieler Werte und Verhaltensweisen zu erkennen. Ein solches ‚abschiedlich leben‘ kann eingeübt werden: ‚Was würdest du heute anders machen, wenn dies der letzte Tag deines Lebens, deines Berufs, deiner Jugendlichkeit … wäre?‘ Sich diese Frage immer wieder einmal vorzulegen, kräftigt präventiv einen Menschen für den Umgang mit der Trauer, die sich eines Tages einstellen wird.

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Scham

Scham ist ein brennendes Gefühl. Man spürt einen Achtungsverlust sich selbst gegenüber oder vor anderen Menschen. Scham ist stärker als Peinlichkeit. Um Scham zu empfinden, brauchen wir ein menschliches Gegenüber, das auch Selbstbewusstsein hat. Vor dem Computer schämen wir uns nicht, obwohl der viel besser rechnen kann als wir. Auch nicht vor Tieren oder Säuglingen. Das unterscheidet die Scham von der Angst: Ich kann mich vor einer Schlange oder vor einem heranrasenden Auto ängstigen, aber nicht schämen.

Auf den ersten Blick kann Scham als eine psychische Funktion zum Erhalt der Überlebensfähigkeit eines Menschen angesehen werden. Wer Scham fühlt, der anerkennt seine Selbstanteile der Nicht‐Fähigkeit oder Nicht‐Fertigkeit im Spiegel der Erwartungen an sich selbst. Der Mensch vergleicht sich mit einem oder mehreren anderen Menschen und empfindet seine Außenwirkung in seiner Selbstanschauung diesen gegenüber als minderwertig. Oder er vermittelt ein Selbstbild von sich, das sich in einer Situation als unangemessen erweist und von der Außenwelt als solches ‚entlarvt‘ und mit entsprechendem Feedback versehen wird.

Scham geht meist einher mit einer Verunsicherung über das aktuelle Identitätskonzept. Dadurch, dass sie die Diskrepanz zwischen Ist‐ und Sollzustand anzeigt, hat sie eine identitätsfordernde Funktion. Die eigenen Unzulänglichkeiten, derer man sich schämt, können in der Folge jedoch nicht nur zu einem negativen Effekt – zum Beispiel der Minderung des Selbstvertrauens – führen, sondern auch ein bedeutender Impuls zur Persönlichkeitsentwicklung sein. Studien haben zum Beispiel gezeigt, dass Scham zu einer größeren Hilfsbereitschaft und größerem Mitgefühl führen kann. Ebenso erweist sich die Scham als zweckdienlich, um bei berechtigter Kritik von Dritten diese über das Schamgefühl zu einer angemessenen Selbstkritik zu transformieren, der ihrerseits ein Lernprozess folgt. Scham vermag somit die Fähigkeiten stärken, sich selbst zu helfen, offener für einen möglichen Fortschritt in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung zu werden, die psychische oder physische Verfassung zu verbessern oder die Schwelle der eigenen Schamtoleranz adäquat zu verschieben.

Hilfreich ist es in diesem Zusammenhang, den Unterschied zwischen dem ‚Gefühl für Scham‘ und einem ‚beschämt zu sein‘ zu erkennen. Das Gefühl für Scham kann als Reaktionsbildung verstanden werden, mit der sich im Verhalten eine besondere Sensibilität für den Erhalt und Schutz kontextspezifischer Ideale und Werte, zum Beispiel der Würde oder des Respekts zeigt. Das Gefühl ‚beschämt zu sein‘ resultiert hingegen vielmehr aus einer Frage wie: ‚War es richtig, mich so zu zeigen?‘.

Aus einer sozialpsychologischen Perspektive betrachtet schützen Schamgefühle unsere Privatheit und sind als inneres, extrem aversives Signal ein Indiz für eine empfundene Übertretung von Distanzgrenzen, zum Beispiel im Kontext der Preisgabe von intimen Informationen. Im sozialen Kontext bewirkt das Schamgefühl, dass Distanz zu anderen Personen eingehalten wird. In diesem Sinne ist Scham die Grundlage von Moral und Intimität und steht in engem Zusammenhang mit Schuld‐ und Selbstwertgefühlen.

Der kleine ‚Schmerz‘, das maßvolle und dosierte Erleben von Scham, ist notwendig, um sich selber in Frage stellen zu können und somit zu lernen. Sie spornt uns an, nach mehr Unabhängigkeit zu streben, Leistungen zu erbringen, die wir uns bisher nicht zugetraut haben ‐ also unseren Idealen nachzukommen, den idealen Vorstellungen, die wir von uns als Person haben. Solange Scham diesen Aspekt hat, ist sie durchaus positiv. Erst wenn sie die Person überwältigt und sich womöglich zudem mit Angst vermengt, wirkt sie destruktiv. Pathologisch meint dies: Wenn Häufigkeit oder Heftigkeit nicht mehr zu neuen angemesseneren Konzepten vom Selbst, von den Objektbeziehungen und der Umwelt führen können, sondern umgekehrt entweder zur dauerhaften Ausprägung eines schamresistenten ‚Größenselbst‘ oder zu einem fragilen narzisstischen Gleichgewicht mit ständigen Selbstzweifeln und der Neigung zur Idealisierung anderer Personen führen, dann ist therapeutische Arbeit an der Scham angezeigt. Das Bewältigen von Scham kann zu Erfahrungen des Stolzes führen und sich somit in innere Stärke verwandeln. Es stärkt die Fähigkeit, sich der Scham zu stellen und unterstützt den Individuationsprozess.

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Wut

Die Impulskontrolle zu verlieren oder mit Gebrüll, Gekeifer oder Aggression die Luft abzulassen, gilt heute weithin als Ausdruck einer schlechten Kinderstube. Wem öffentlich die Ader schwillt, wer schreit oder flucht, dem drohen schiefe Blicke. Auch Ärzte warnen vor zu viel Wutstress. Herzattacken und Schlaganfall werden begünstigt. Andererseits ist das der Emotion Wutvorangehende Gefühl des Ärgers an sich sehr hilfreich. Wem etwas ‚arg‘ ist, empfindet im Kern einen Wertekonflikt. Irgendetwas stört massiv und entspricht nicht den eigenen Wertmaßstäben. Günstig wäre nun natürlich, den verletzten Wert zu erkennen und angemessen den Konflikt zu kommunizieren. Wer anstelle dessen aber zur Wutreaktion übergeht, der mag sich biologisch ‚getröstet‘ wissen. So gehen Wissenschaftler der Harvard‐Universität davon aus, dass Wut dem Zweck diene, sich in der sozialen Hierarchie durchzusetzen. Dabei dienten Erbanlagen, die bei manchen Menschen den Botenstoff Dopamin im Gehirn regulieren, der für Wut und Aggression von Bedeutung ist. Viktor Frankl hielte diesem ‚Freibrief‘ wohl entgegen, dass ‚man sich von sich selbst nicht alles gefallen lassen muss‘, also auch nicht von Genen und Dopamin.

Schauen wir auf das kleine Kind, dann zeigt sich Wut bereits im Gesicht mancher Babys. Klar, wenn man etwas will und nicht bekommt, dann entsteht ein Ungerechtigkeitsempfinden. Wut wird so zur Antriebskraft des Kindes, seinen Wert ‚Gerechtigkeit‘ verwirklichen zu können. Gelingt dies, dann steigert die Wut quasi das Selbstwertgefühl. Kommt das Kind durch sein Schimpfen nicht weiter, erhält es sogar Gegenwut, dann steht zu befürchten, dass es sich nicht angenommen oder ernstgenommen erlebt – mit entsprechend möglichen Auswirkungen für die weitere Entwicklung. Andererseits: wer als Kind konfrontiert wird mit elterlichem Gebrüll für Kleinigkeiten, der kommt in eine ständige Alarmbereitschaft, in Furcht oder Dauerscham.

Wie auch immer, wer als Wutbürger durchs Leben geht, braucht als Gegenpol die Fähigkeit, ‚in seiner Fassung zu verbleiben‘. Selbstregulation meint dabei nicht zwanghaft positives Denken. Vielmehr die Fähigkeit ‚eine Nacht drüber zu schlafen‘, eine regulierende Atemtechnik zu beherrschen, im Stillen zu fluchen, Ausdauersport zu betreiben, um mentalen Stress abzubauen. Dies wäre die verhaltenspsychologische Komponente. Die existenzpsychologische ist die, das eigene Wertesystem zu analysieren, um herauszuarbeiten, bei Verletzung welcher Werte der Hut hochgeht, und warum. Vielleicht wird einem so klar, dass vielleicht die Kaffeetasse, die immer in der Teeküche dreckig herumsteht als Mangel an Wertschätzung des Arbeitsteams empfunden wird. Die Tasse wird so zum Symbol für das Empfinden, immer den Dreck anderer wegmachen zu müssen. Wer einen solchen Zusammenhang erkennt zwischen Wert, Auslöser und Wutreaktion, der kann gegensteuern – mit wertebasierter Kommunikation und Bedürfnisformulierung.

  • Auf welche Menschen oder Erlebnisse reagiere ich mit Ärger, Wut oder Zorn?
  • In welchen Situationen ist meine Wut am größten?
  • Wie lange beschäftigt mich schon diese Wut?
  • Was empfinde oder spüre ich, bevor die Wut hochkommt?
  • Was erlebe ich nach einem Wutausbruch?
  • Was macht diese Wut mit meinen Gedanken und Phantasien?
  • Wie äußert sie sich in meinem Körper?
  • Was bekomme ich dafür, wenn ich meine Wut zurückhalte oder verberge?
  • Was könnte mein Gewinn sein, wenn ich sie ausdrücke?
  • Was wäre das Schlimmste, das mir beim Ausdruck meiner Wut passieren könnte?
  • Was wäre das Schlimmste, das mir zustoßen könnte, wenn ich der Wut keinen Ausdruck gebe
  • Was änderte sich tatsächlich in meinem Leben, wenn eine dieser Möglichkeiten eintreten sollte?

Zum Beitrag vom 4.1.2026 – hier: Umgang mit Angst

Kaum eine andere menschliche Emotion hat eine solche Vielzahl von Erscheinungsformen und wird so kontrovers bewertet wie die Angst. Das zeigt sich an den vielen verwandten Begriffen: Furcht, Panik, Entsetzen, Grauen, Schrecken, Horror, Phobie, Beklemmung, Hilflosigkeit, Besorgnis und andere mehr. Überspitzt könnte man sagen: Es gibt so viele Ausformungen von Angst, wie es Menschen gibt. Denn jeder Mensch hat seine persönliche, in seinem Leben gewachsene Angst und seine eigene Weise, mit ihr umzugehen. Dennoch bezeichnen wir alle diese Erscheinungsformen mit dem einen Wort Angst. Es muss also einen gemeinsamen Kern aller dieser Arten von Angst geben, den jeder Mensch versteht.

Angst dient als Warnsignal vor akuten und zukünftigen Gefahren. Sie aktiviert, sensibilisiert und hält eine Person präsent hinsichtlich möglicher Bedrohungen der körperlichen und psychischen Integrität. Die Angst vor Ansteckung – wer erinnert sich nicht an die anfängliche Corona‐Zeit. Diese Angst war zumeist gesund, die Gefahr war unbekannt, das Leben galt es zu beschützen. Schnell wurde jedoch für viele Alles und Jeder zur Gefahr, irrational, überzogen, zu heftig und manchmal auch zu laut. Wenn der Grad der Angst der realen Situation nicht mehr angemessen ist, wenn sie das Verhalten deutlich und einseitig prägt und sich die Angst so weit verselbstständigt, dass eine Person Angst vor ihrer Angst bekommt: Dann ist Angst nicht mehr gesund. Dann ist sie nicht nur Warnung, sondern Lebensthema.

Die Unangemessenheit krankhafter Angst zeigt sich quantitativ wie qualitativ, körperlich, zeitlich und in ihrer Intensität. Wird Angst als unerträglich empfunden, in einem Gefühl der Selbstvernichtung, dann hat sich förmlich vom Leben Besitz ergriffen und es ist längst an der Zeit, ihr wieder den Platz einzuräumen, der ihr gebührt – der freundliche Platz dessen, der aufpasst, aber nicht lähmt. Ein solches Verhalten wieder einzunehmen, gelingt meist besser mit professioneller, auch medikamentöser Unterstützung. Der Grund dafür ist, dass Angst – anders als andere Emotionen nicht einfach verschwindet, selbst wenn sich die Situation neu darstellt. Angst ist derart fest mit unserer evolutionären Entwicklung verbunden, dass es auch wundern würde, nähme sie mit einmal Mal eine völlige Nebenrolle ein. Im Grunde hat der Mensch ‚nur‘ zu lernen, dass er stets die Hauptrolle in seinem Leben spielt. Denkt er jedoch stets über Angst nach, erwartet er förmlich, dass sie sich zeigt, dann wird die Person selbst zum Statisten ihrer zur Hauptrolle gewordenen Angst.

Typische Denkfehler unter Angst sind das Überschätzen von Gefahren und das Unterschätzen eigener Kompetenzen, das Beziehen von Misserfolgen auf die eigene Person und von Erfolgen auf glückliche Umstände, das katastrophische Denken und das Denken in extremen Entweder‐Oder Kategorien [z.B. ‚entweder ich werde Klassenbester oder ich bin der totale Looser]. Bei einem gesunden Umgang mit möglichen bedrohlichen Situationen, sieht die Person hingegen auch das, was keine Gründe bietet, sich zu sorgen, zu fürchten oder was Gefahr läuft, verloren zu gehen.

Jede unangemessene Angst ist krankhaft, aber nicht jede krankhafte Angst ist behandlungsbedürftig, sofern sie nicht störend ist, weil man ihr aus dem Weg gehen kann (z.B. indem man die Treppe statt des Aufzugs benutzt) oder weil man trotz der Angst immer noch handlungsfähig bleibt. Wird Angst als Störung, als Leidensdruck empfunden, dann sollte nicht gezögert werden, einen Logo‐ oder Verhaltenstherapeuten aufzusuchen.

Grundidee der Individuellen Krisenprävention

„Wie geht’s?“ „Danke, alles gut, wie immer.“ Bei vielen Menschen läuft der Alltag in festen Bahnen, routiniert, zuweilen eintönig, irgendwie eben ‚wie immer‘. Wird das beschauliche Dasein aber durch die vier großen K, Konflikt, Krankheit, Krise, Katastrophe durcheinandergebracht, dann fühlt sich die erforderliche Anpassung an wie eine Lebensprüfung, von der man weiß, nicht genug für sie zuvor gelernt zu haben. Die Folge: Stress bis zum Abwinken. Und ist die ‚Dekompensationsgrenze‘ überschritten, auf Deutsch: ist das Maß des Erträglichen voll, dann wird einem Menschen meist erst dann bewusst, dass der schwelende Konflikt, der Schmerz, der Selbstzweifel, die Not nicht mehr alleine bewältigt werden kann.

Vielleicht sind es auch äußere Bedingungen, die das Leben belasten, sei es die Unsicherheit bei der Rente, rechte Gewalt, der Krieg in Europa oder andere gesellschaftliche Ereignisse. Manches davon kann so sehr unsicher machen, dass Menschen psychische Auffälligkeiten entwickeln. Oft können schon kleine Maßnahmen wie das berühmte tiefe Durchatmen, die kleine Entspannungsübung, der Sport, Yoga oder Meditation beitragen, einen Situationsstress besser zu handhaben. Manchmal aber reicht das nicht, manchmal ist da mehr als ’nur‘ Stress. Dann braucht es eine andere ‚Coping‘-Strategie, eine andere Art, mit existenziellen Belastungen umzugehen.

Die Kunst, mit Stressoren fertig zu werden, die über das normale Maß hinausgehen und sie so einzusetzen, dass ein erfüllendes, gelingendes Leben wieder möglich wird, braucht einen heilsamen, begleitenden Prozess. Ihn unterstützt in der Regel eine individuell stimmige Psychotherapie, die die Sprachlosigkeit durchbricht und die Dinge in einem geschützten und diskreten Rahmen beim Namen nennt. Ein Ort, in dem sich das Aufgewühlte wieder beruhigen kann und in dem Emotionen, die sonst vielleicht belächelt würden, möglich sind.

Die Erzählungen aus dem unmittelbaren Kontext werden dabei eingebettet in die übergeordnete Lebensgeschichte – schließlich hat und ist jeder Mensch mehr als seine aktuelle Situation und sein aktuelles Verhalten. Interessant sich dann beim Übergang vom ‚Kleinen‘ zum ‚Großen‘ das Gegensätzliche, Gemeinsame, die Unterschiede und Muster. An diesen ‚Kipp-Punkten‘ entstehen oft die möglichen Ansätze hilfreicher Veränderung. Um zu ihnen zu kommen, braucht die Erzählung verschiedene Ebenen. Auf der Oberflächenebene berichtet der Klient das Ereignis, die Details und ermöglicht dem Therapeuten [oder Coach …], sich von der Abfolge, den beteiligten Personen, dem Ort u.a. ein Bild zu machen. Auf der Innenebene beschreibt er, wie er emotional und mental auf das Ereignis reagiert hat, was in ihm vorging, was er dachte, wie er handelte. Und auf der Reflexionsebene schaut er, wie er das Erlebnis einordnet in seine Lebensgeschichte, welche Lösungswege ihm offen stehen, welche Hindernisse sich auftun, was bereits gelang, welcher Lernprozess sich anbietet, wie sich Geschehenes für Zukünftiges nutzen lässt.

Ein oft anzutreffendes Phänomen in Gesprächen mit Klienten ist der ‚Abwärtsvergleich‘. Treten völlig neue Situationen mit persönlich negativem Einfluss ein und weiß die Person dann nicht, ob ihr Empfinden angemessen ist oder nicht, dann sucht sie nach Erzählungen über andere Menschen, die vergleichbare Situationen erlebt haben. Das Ergebnis eines solchen Vergleichs ist oftmals stabilisierend und positiv konnotiert [‚wenn ich mir vorstelle, was diese Person durchgemacht habe, dann hätte es mich selbst ja noch schlimmer treffen können…].

Abwärtsvergleiche sind Bewertungen, die mit der Wirklichkeit, also dem Empfinden der verglichenen Person, nichts zu tun haben müssen. Das Interessante an Abwärtsvergleichen ist daher, dass sie auch dann funktionieren, wenn man sich einen Menschen bloß vorstellt, dem es schlechter geht als einem selbst. Allemal trösten sie also die Person über die eigene Situation hinweg, und oft motivieren sie parallel dazu, ‚sich von sich selbst nicht alles gefallen zu lassen‘ [Viktor Frankl].

Was geschieht aber, wenn man in belastender Situation einen Menschen in realer Anwesenheit erlebt, dem es schlechter geht als einem selbst. Von diesen Momenten wird häufig so berichtet, als würde in solchen Situationen das Gewissen der Person eingreifen und nicht zulassen wollen, dass man sich quasi auf ‚Vergleichskosten‘ anderer Menschen besser fühlt.

Wie kann vor diesem Hintergrund nun eine Empfehlung für eine passendere Copingstrategie lauten? Auch hier helfen die Einsichten betroffener Menschen weiter: „Wende dich im konkreten Erleben einer persönlichen Belastung den Menschen zu, die dir in ihrem Verhalten bereits einmal zeigten, dass es trotz einer Leiderfahrung für sie (weiterhin) darum ging, einen Beitrag zu leisten für jemanden, der nicht sie selbst war oder für etwas, das nicht die Person als egoistisches Ziel für sich selbst formuliert haben.“

Warum Krisenprävention so hilfreich ist

Die oben genannten ‚vier großen K‘ sind mehr oder minder lange Zeiträume mit starker emotionaler Aufladung. Angst, Wut, Trauer oder Scham – dazu in den folgenden Tagen mehr – führen in eine psychische Verfassung, die nach Abwehr ruft. Versuche, solchen Situationen mit Weglächeln oder Ignoranz zu begegnen, schlagen meist fehl. Dahinter steht oft der Irrtum, dass man Emotionen unterdrücken sollte, um dem Umfeld eine vermeintliche Schwäche nicht anzuzeigen. Viele Menschen kennen zum Beispiel bei Todesfällen den Umstand, dass man einfach nur noch funktioniert, um allen Anforderungen zum Beispiel von Ämtern zu genügen. Hierfür braucht es zwar wirklich einen kühlen Kopf, dennoch merken viele Menschen schnell, dass sie sich die Zeit für die emotionale Verarbeitung der Situation ebenso nehmen müssen. Das ist auch gut so, denn Emotionen sind weder bloße Begleiterscheinun­gen noch in ihrem Erscheinen verallgemeinerbar. Im Gegenteil, sie sind höchst individuelle Hinweise auf den Belastungsgrad, die Bedeutung des Ereignisses, die Bewertung der Situation und die Nähe der eigenen Person zum Tod [sei es einer Person oder auch einer Aufgabe, von der man Abschied nehmen muss].

Wenn man nun im Rahmen einer (in einer unbelasteten Zeit vorgenommenen) Krisenprävention die eigenen Emotionen erkundet, die bei nicht völlig auszuschließenden zuküntigen Lebenssituationen zu erwarten sind, dann hat man eine Grundlage dafür geschaffen, wie man sich steuern und regulieren kann, sollte eine solche extreme Belastung wirklich eintreten [und jeder Mensch kann sich sicher sein: irgendwann kommt eine solche Situation]. Kommt die Krise unvorbereitet, dann liegt es für die Psyche nahe, einen Abwehrmechanismus zu starten [zum Beispiel Leugnung, Aggressivität, Rationalisierung u.v.a.m.]. Diese Abwehr jedoch lässt sich nicht ewig aufrecht erhalten – versucht man es dennoch, sind psychische oder psychosomatische Wirkungen zeitnah beobachtbar.

Wer sich jedoch präventiv seiner Emotio­nen klar wird, kann sie im Fall des Falles annehmen, justieren, regulieren und damit leichter aus dem Stimmungstief herauskommen. In einer Krise diese Emotionsarbeit zu leisten ist natürlich ebenso möglich – nur ungleich schwerer, da nun die Verarbeitung des Anlasses und die Klärungsarbeit für den Umgang mit der Situation zusammenkommen. Was Menschen in einer Krise und der mit ihr verbundenen Doppelbelastung oft versuchen ist, dem Ereignis einen Sinn ab­zuringen – ‚für irgendetwas wird es gut sein‘. Dieses sehr menschliche Vorgehen entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Illusion, dass man wohl erst durch die Krise einen Reifungsschritt hat gehen können.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Krisenprävention verhindert keine Krisen. Ihr Beitrag besteht vielmehr darin, den Umgang mit potenziellen Krisen zu verbessern. Durch sie wird es möglich, sich über das Wesentliche bewusst zu werden, über das, was jede Krise überdauern wird – die eigenen Werte [Betonung auf eigene]. Wer sie kennt, setzt klare Prioritäten, entscheidet wertebewusst, bleibt sensibel für die trotz allem auf den Menschen wartenden Sinnangebote.

Krisenprävention kann man nicht delegieren. Wer sie selbstbewusst vollzieht, kann Krisen besser trotzen. Und: Krisenprävention kostet nicht viel an Zeit oder Geld. Sie kostet vorrangig die Überwindung des Glaubens an eine lllusion. Der Illusion, dass Krisen sein müssten, um sich als Person weiterentwickeln zu können.

Wenn einen eine dunkle Energie trifft

Man bewirbt sich in einem Unternehmen und kündigt später einem Vorgesetzten. Diese Mitarbeiterweisheit hat bei genauer Betrachtung meist etwas für sich. Wobei: eine Einbahnstraße liegt dem Weg zur Kündigung auch eher selten zugrunde. Wenn die individuellen Werte nicht denen des Vorgesetzten entsprechen, dann sind Wertekonflikte früher oder später zu erwarten. Eine Bedingung, die Wahrscheinlichkeit solcher Konflikte zu verringern, besteht zuerst einmal darin, dass sich alle Gesprächspartner ihrer eigenen Werte, den Werten mit dem größten Verletzungspotenzial und den erfreuenden Erlebnissen, die mit der früheren Verwirklichung eigener Werte verbunden waren, wirklich bewusst werden.

Der Goldstandard der Führung wäre wohl, sich im Rahmen von Mitarbeitergesprächen die Zeit für einen solchen persönlichen Werteabgleich zu nehmen. Dieser Schritt wiederum bedingt, sich auf eine Methode einer Werteanalyse gemeinsam zu verständigen. Viele Unternehmen setzen dafür onlinebasierte Wertetools ein – ich früher auch, als ich in meiner Verantwortung für die Führungskräfteentwicklung eines Unternehmens der Pharmaindustrie auf sie mangels Alternative zurückgreifen musste. Was mich damals immer störte, war der mit diesen Tools zwangsläufig verbundene Reduktionismus. Später, und als eine der ersten ‚Amtshandlungen‘ in meiner Selbständigkeit, entwickelte ich als Gegenpol dann mit den LebensWerte-Karten ein Angebot, das die Vielfalt menschlicher Werte umfassender adressiert und damit auch feinere Nuancen für die Erklärung individuellen Verhaltens ermöglicht.

So umfassend die Bandbreite der Werkzeuge auch ist: Bei einer Gruppe von Führungskräften jedoch ist auch heute kaum zu erwarten, dass sie zu einem Gespräch über ihre, ihrem Verhalten zugrundeliegenden Grundwerte einladen werden. Diese Gruppe ist gekennzeichnet von Merkmalen, die wir die ‚dunkle Triade‘ nennen. Sie besteht aus den drei ‚Zutaten‘

  • Psychopathie mit ihrer Empathie- und Rücksichtslosigkeit sowie eines Mangel an Schuldbewusstsein
  • Narzissmus mit seinem Streben nach Bewunderung und arroganter, fehlender Kritikfähigkeit
  • Machiavellismus mit seiner Menschenmanipulation und reinem Zweckdenken.

Jede dieser Verhaltensweisen kann für sich allein bereits das konstruktive Miteinander in einem Unternehmen deutlich belasten. Wenn aber alle drei zusammenkommen, braucht es im Umfeld solcher Personen ein wahrlich dickes Fell. Wird dann nachgefragt, warum an diesen Führungskräften festgehalten wird, erhält man in aller Regel die Antwort, dass sie sehr intelligent, strategisch denkend, sachorientiert und kenntnisreich seien und das Unternehmen auf sie deshalb nicht verzichten könne.

Nach Viktor Frankl ist der Mensch im Kern durch drei Prinzipien charakterisiert: Freiheit des Willens, Wille zum Sinn und Suche nach Sinn im Leben. Der „Wille zum Sinn“ bedeutet, dass jeder Mensch selbst Verantwortung für sein Leben trägt und aus dieser Freiheit heraus eine sinnvolle Lebensgestaltung wählen kann. Was also Führungskräfte mit einer ‚dunklen Triade‘ immer beachten sollten: Dass es keinen objektiven Sinn gibt, der ein solches subjektives Verhalten bedingt oder rechtfertigt. Daraus folgt, es muss für die Person subjektiv sinnvoll sein, sich so zu verhalten. Wenn jedoch im Dysfunktionalen subjektiv Sinn gesehen wird, muss darauf geschlossen werden, dass die Person einen objektiven Sinn in ihrem Leben noch nicht entdeckt hat. Diese existentielle Leere und innere Spannung auszuhalten kostet viel Kraft, manchmal so viel, dass ihre Folge Verzweiflung, Selbstzerstörung oder eben auch destruktives Verhalten ist.

Umgekehrt: Würden die derart destruktiv erscheinenden Menschen ihre Chance ergreifen, auf die Suche nach einem Sinnimpuls ihrer Welt zu gehen, der größer ist als ihr eigenes egoistisches Streben, dann könnten sie eine Menge an Lebensenergie besser nutzen als sie dies im Rahmen ihres ‚dunklen Verhaltens‘ leisten können.

Auch wer narzisstisch, manipulativ oder empathielos wirkt, bleibt ein freies, verantwortliches und sinnorientiertes Wesen. Er kann sich entscheiden, sein Leben anders zu gestalten, und andere Menschen können ihn dabei gegebenfalls unterstützen. Anstatt die Person zu verurteilen oder zu ‚therapeutischen‘ Reformversuchen zu greifen, kann man versuchen, sie auf ungelöste Probleme hinzuweisen, die ihrer Kompetenzfelder, ihrer Zielorientierung und ihrer Entschlusskraft bedürfen.
Gelingt das nicht und die Person handelt weiterhin manipulativ, schädigend oder empathielos, dann gilt es, sie mit klaren Grenzen zu konfrontieren – dies kann auch ein Mitarbeiter tun, der sich vermeintlich in einer schwächeren Position wähnt. Aus einem schlichten Grund: Wenn die Leitung des Unternehmens das Verhalten der Führungskräft als wertiger ansieht als den Sinn, den Mitarbeiter durch ihre Arbeit in dem Unternehmen verwirklichen, dann kann das Unternehmen nicht das richtige für den Mitarbeiter sein.

Menschen mit dunklen Tendenzen provozieren oft starke Gefühle bei anderen. Der betroffene Mitarbeiter sollte daher Sorge dafür tragen, zuerst die eigene Haltung der Situation gegenüber zu klären. Welche eigenen Werte werden verletzt, ich welchen Kontexten genau geschieht das, wie wurde die Führungskraft auf ihr Verhalten aufmerksam gemacht?

Natürlich gibt es keine Garantie, dass sich jemand mit starker Ausprägung der Dunklen Triade durch Einsicht und Ausrichtung auf objektive Sinnimpulse spürbar ändert. Manche Persönlichkeitszüge sind biografisch tief verwurzelt und kein Mitarbeiter hat den Auftrag, diese Wurzeln aufzudecken noch ihre Folgen zu ertragen.

Aber: Indem Sinn und Verantwortung ins Gespräch gebracht werden — statt nur Compliance, Druck oder Kontrolle — eröffnet man der Führungskraft die Chance, dass destruktives Verhalten reflektiert wird und sinnvoll umgelenkt werden kann.

Wenn Sie in der Situation sind, mit einem betroffenen Mitarbeiter oder Kollegen ins Gespräch gehen zu wollen, dann kann dieser Ablauf dazu einen Strukturbeitrag leisten:

  • Klären
    Ziel: Verstehen, was tatsächlich geschieht, ohne zu pathologisieren.

Fragen  
„Was genau tut die Person, was Sie verletzt oder verunsichert?“
„Welche konkreten Verhaltensweisen empfinden Sie als manipulativ, dominant oder rücksichtslos?“
„In welchen Situationen treten diese Muster besonders auf?“

  • Distanzieren
    Ziel: Die Freiheit der eigenen Reaktion wiedergewinnen.

Fragen  
„Was liegt innerhalb Ihrer Einflusszone — und was eindeutig nicht?“
„Welche Ihrer Reaktionen, die Sie bisher gezeigt haben, sind Ausdruck Ihrer eigenen Werte — und welche waren eher ausgelöst durch die Führungskraft?“

  • Orientieren
    Ziel: Herausfinden, worin der persönliche Sinn im Umgang mit dieser Person liegen kann.

Fragen  
„Welche Bedeutung könnte diese schwierige Situation für Ihr persönliches Wachstum haben?“
„Worauf möchten Sie am Ende zurückblicken können: Dass Sie gekämpft haben? Dass Sie klar geblieben sind? Dass Sie Grenzen gesetzt haben?
„Welche unterstützenden Bedingungen müssen dafür für Sie geschaffen werden?“

  • Grenzen setzen
    Ziel: Die moralische Qualität des eigenen Handelns sichern.

Fragen:
„Welche Grenzen wollen Sie setzen, die sowohl Ihnen selbst entsprechen als auch die Würde der Führungskraft nicht verletzen?“
„Wie können Sie klare Grenzen kommunizieren, ohne in die destruktiven Muster der Führungskraft hineingezogen zu werden oder sie gar zu kopieren?“
„Was wäre die verantwortungsvollste Entscheidung im Sinne Ihres Wertesystems?“

  • Entscheiden
        Ziel: Klären, ob Verbleib oder Rückzug sinnvoll ist.

Fragen
„Gibt es eine realistische Hoffnung, dass die Führungskraft ihr Verhalten ändert — oder dient die geplante Intervention eher Ihrem Selbstschutz?“
„Wenn Sie sich von dieser Führungskraft distanzieren, worum würde es dann für Sie gehen?
„Und wenn Sie bleiben, worum ginge es Ihnen dann?“
„In welcher dieser Möglichkeiten fühlen Sie sich freier?

Eine Entwicklungsanregung für 2026

Wie wäre es, wenn Sie in der ersten Woche dieses Jahres einmal in sich gehen und sich die Frage beantworten, welches das Gefühl ist, dem Sie bereits lebensewig versuchten, aus dem Wege zu gehen und sich deshalb ihm nicht stellten? Und dann: Wie wäre es, wenn Sie dieses Jahr dafür nutzen würden, die Macht dieses einen Gefühls so einzuhegen, dass es sich damit für Sie einreiht in die Gefühle, von denen Sie sagen, dass sie für Sie völlig stimmig sind, sie zu fühlen (auch wenn das Menschen an Ihrer Seite womöglich ganz anders sehen)?

„Denke und handle so, dass
Dir niemals die Achtung
vor Dir selbst vergehe.“

Wilhelm Wundt, in: Ethik 3, 1912

ich möchte ergänzen:

„Verhalte Dich jedem Menschen,
der Dein Gegenüber ist so, als
wäre dieser Mensch die ganze
Menschheit.“  

Gruß vom Simurgh

Vor circa 800 Jahren schrieb der islamische Mystiker Fariduddin Attar aus dem Norden Persiens seine metaphorische Geschichte vom Vogel aller Vögel, dem Simurgh. Dabei geht es um die Geschichte einer internationalen Vogel-Konferenz, die erforderlich wurde, weil es im Reich der Vögel viele Schwierigkeiten und Umbrüche gab. Nachdem die Versammlung feststellte, dass sie die verschiedenen Probleme und Krisen nicht meistern konnte, beschloss man, sich an den Simurgh, den Meistervogel, zu wenden. Für dieses nicht leichte Unternehmen stellte man eine Delegation von dreißig Vögeln zusammen, die sich sodann auf den Weg zum Simurgh machten.

Die Vögel mussten auf ihrer Reise über sieben Berge und durch sieben Täler allerlei Abenteuer bestehen. Auf einer Metaebene lässt sich bei dieser Erzählung eine Brücke schlagen zu den von Graves beschriebenen sieben Entwicklungsphasen der Menschheit vom vMeme Beige (dem Überlebens-Meme) bis zum systemischen vMeme Gelb (dem Meme, das alle vorangegangenen vereint als Ausgangspunkt für die weitere, höhere Entwicklung der Menschheit, weg von einer egozentrierten hin zum transpersonal-kosmoszentrierenden Menschheit).

Auf ihrer Reise erhalten die Vögel immer mehr Hinweise über das Wesen des Simurgh und erkennen, dass sie selbst, die dreißig Vögel, alle zusammen der Meistervogel sind. So entsteht eine Reise von dreißig Vögeln auf der Suche nach dem dreißigsten Vogel, der ihre innere Einheit repräsentiert. Sie erkennen, dass nur sie zusammen fähig sind, die Probleme, die Anlass ihrer Reise waren, zu lösen. Nur sie gemeinsam können die Antwort des Simurgh hören.

Für sich genommen, ist das Buch des alten Mystikers bereits ein wahrer Lese-Genuss. Doch habe ich mich gefragt, wer heute vielleicht die ‚Vögel‘ sein könnten, die sich gemeinsam auf ihre Reise zum Vogel aller Vögel machen (sollten), um eine integrierte, bewusste Weltgemeinschaft zu ermöglichen? Dazu sind mir diese dreißig Rollen eingefallen:

Weltahnenforscher – Integralphilosoph – Neuropsychologe – Friedensmediator – Völkerrechtler – Panikforscher – Lebensraumsystemarchitekt – Kosmos-Ethiker – Restorative-Justice-Systemiker- Klimatransformationsforscher – Hyperkomplexitätsforscher – Weltgesundheitsingenieur – KI-Ethiker – Digitalitätssoziologe – Schwarmintelligenzforscher – Ozeanographiker – Biodiversitätsforscher – Erdsystemwissenschaftler – Gemeinwohl-Eco-Ökonom – Weltgartenschauarchitekt – Postsozialmarktwissenschaftler – Weltgesellschaftsforscher – Bürgerbeteiligungs-Designer – Glokaler Governance-Architekt – Macht- und Ungleichheitsanalyst – Globaltransformatiker – Friedenspädagoge – Psychotraumatologe – Integraltherapeut – Megagruppenprozessmoderator

Welche Probleme könnten für diesen Simurgh zu Auftragsarbeiten werden?

Vielleicht ein solches?

Die meisten Menschen denken den ganzen Tag, ohne zu merken, dass sie denken. Vertieft in Episoden der Vergangenheit oder in der Planung von morgen, bleibt allzu oft die tiefe, gedankliche Auseinandersetzung mit dem auf der Strecke, was schwerfällt angenommen zu werden. Ein solches Thema ist die Erkenntnis, dass es der Mensch offenbar trotz aller detailliert erforschten Daten vielfach nicht schafft, aus ihnen die erforderlichen Lehren zu ziehen. Im Kleinen ist es vielleicht der persönliche Datensatz eines Blutbildes, aus dem heraus der Arzt einem klipp und klar sagt, was passieren wird, wenn sich die Einstellung der Person den Bedingungen nicht anpasst. Oder der Umstand, dass viele Menschen oft zu wenig für ihr Alter sparen, sich über Gebühr verschulden und  finanzielle Risiken ignorieren, obwohl Modelle und Daten klare Warnungen liefern. Oder trotz klarer Daten über zunehmende Resistenzen und zukünftige Gefahren greifen Menschen weiterhin zu Antibiotika „just in case“. Und auch, wenn es manchem Leser hier nicht gefällt: trotz statistischer Evidenz für deutlich reduzierte Unfallrisiken werden Regeln oft ignoriert, im Sport, im Straßenverkehr, im Haushalt. Dann darf nicht vergessen werden, dass trotz zahlreicher Berichte über Datenlecks und Missbrauch viele Menschen mit ihrer IT sehr leichtfertig verfahren. Die Gründe dafür sind psychologisch gut erforscht:

  • Menschen priorisieren oft unmittelbare Belohnungen.
  • Probleme, die sich kollektiv oder in der Zukunft zeigen, wirken weniger real.
  • Kognitive Verzerrungen wie zum Beispiel der Optimismus-Bias („Mir passiert das nicht“) oder der Status-quo-Bias („Das war schon immer so“) erschweren Verhaltensänderungen.
  • Verhalten wird stark durch Normen, Traditionen und Gruppenzugehörigkeit bestimmt.
  • Je komplexer die Problemlage, desto eher blockiert die Handlungslust.

Das alles wirkt auch, womöglich sogar noch stärker im Großen zum Beispiel beim Thema Klimawandel.

An sich müsste es ja jeder Mensch hierzulande vorbeten können: wir haben zuviele Menschen auf diesem Planeten, damit einen zu hohen Wasserverbrauch, wir blasen zu viel CO2 und Methan in die Luft, wir haben einen Verlust an Biodiversität und eine zu hohe Belastung durch Erosion und Entwaldung. Und selbst, wenn wir heute alle schädigenden Faktoren auf 0 setzen könnten, dann hätten wir und die nächsten bis zu zehn Generationen weiter unter den Folgen dessen zu knabbern, was wir in unserer Zeit nicht verhindert haben.

Das Fatale: Insgeheim ist dieses grandiose Scheitern jedem bewusst, die Verbitterung ist groß und der Zynismus auch. Wie fühlt man sich in einer Mannschaft, die ihr Spiel völlig verbockt hat, obwohl sie die Daten hatte, um wenigstens unentschieden zu spielen? Wie geht es einem selbst, wenn man weiß, dass man am Scheitern seinen Anteil gehabt haben wird? Wie geht es einem, wenn man womöglich zudem nicht an Gott und seine immerwährende Liebe und Entschuldigungsbereitschaft glaubt? Wie hält man das bloß aus?

Manche Menschen versuchen über einen esoterischen Zugang zur Meditation ihre dabei entstehenden veränderten Bewusstseinszustände so zu interpretieren, wie es ihnen gerade in ihr Glaubenssystem passt. Selbst in einem der Länder mit der längsten Tradition der Meditation, in Japan, wurden die durch diese Methode bewirkten nicht-dualen Bewusstseinszustände in Konzepte des Faschismus eingebaut. So entstand das Kamikaze durch Einsatz von Zen-Praktiken, mit denen das Überwinden des Egos und der Angst vor dem Tod trainiert wurden, was letztlich als Erfüllung eines höheren Ziels und als ständiger Kreislauf von Tod und Wiedergeburt und nicht als endgültiges Ende interpretiert wurde.

Es kommt immer darauf an, was man aus einer Methode macht. Und so kann auch die beste Meditationserfahrung nicht garantieren, dass von einem Menschen ethische Handlungen ausgehen. Das ist bitter, denn wenn es schon nicht der Verstand ist, der ausreicht, um doch noch zu verhindern, dass alle bekannten Kipppunkte wirklich kippen und andere Bewusstseinszustände oder Angebote zur Selbsttäuschung es auch nicht vermögen, das die Menschheit umschwenkt, dann bleibt wohl wirklich nicht mehr allzu viel.

Außer vielleicht dem klaren unverfälschten Bewusstsein dafür, dass wir alle wirklich nicht imstande sind, das, was klar ist zu tun, wirklich zu tun. Für diesen Sinn unseres Lebens haben wir Menschen offenbar die Antenne eingefahren und geben uns dafür lieber der Leugnung unserer kollektiven Sterblichkeit hin.

Im Kern ist es wohl unsere Trägheit für das Wesentliche. Wir sind turboschnell in wichtigen technologischen Themen, aber grottenlahm in dem, wofür die Zeit abläuft. Überall dort, wo ein Gehirn drin ist, kommt viel zu langsam etwas heraus, was einen globalen return of mental invest versprechen könnte – eben dafür braucht es wohl einen Simurgh.

Dafür lassen wir uns kollektiv langweilen von ‚Kriegsmächtigen‘, die zwar alle auch von den selben Informationen über den Zustand der Welt an sich konfrontiert werden und trotzdem meinen, mit ihren ‚Spielchen der Erwachsenen‘ irgendetwas von Belang beizutragen. Teilweise ewig anmutende Konflikte werden fortgesetzt, die Erschöpfung steht allen ins Gesicht geschrieben und wenn auch sie dann eines Tages ihre Rolle als Leugner des Wesentlichen bemerken werden, haben sie es zumindest geschafft, zur Beschleunigung allen Endes beigetragen zu haben.

Wobei es aber vielleicht eine Tür zu einem besseren Ausgang gibt! Wenn es schon so ist, dass wir Menschen so tun als ob wir die Lage im Griff haben, wenn es so ist, dass wir uns ablenken lassen, von dem, was uns alltäglich versucht zu erregen oder aufzuregen; wenn es schon so ist, dass wir die einzigen Wesen auf Erden sind, die sich selbst simulieren, jemand oder etwas (vielleicht eine KI) würde schon kommen, der oder das das Ruder herumreißt, um im gleichen Atemzug auszusprechen, was von dieser Idee zu halten ist. Wenn es schon so ist, dann können wir wenigstens jeder für sich eines tun: Das unangenehme Gefühl wirklich heranzulassen und auszuhalten und dann konkret zu benennen. Das Gefühl, das man nicht spüren will, dem aber jede Simulation gilt, die eben simuliert, es ginge um alles nur nicht um das Umschiffen dieses einen Gefühls.

Und wenn das Gefühl dann einmal klar benannt ist, dann könnte jeder Mensch eine sanfte Einladung ans eigene Gehirn aussprechen: „Du musst dir von dir und deinem Umgang mit diesem Gefühl nicht alles gefallen lassen“.

Damit würde ein Kollektivauftrag ermöglicht: „Lieber Simurgh, unterstütze jeden, der wissen will, worum es ihm selbst zu gehen hat, nachdem sein Gehirn bislang einen bemerkenswerten Job tat, indem es ihm eine Welt simulierte, die permanent kaschierte, welches zutiefst unangenehme Gefühl von ihm zu bewältigen ist, um die Autorschaft seines Lebens zum Wohl aller zurückzugewinnen.“