Originäre Logotherapie und Existenzanalyse

Die Logotherapie wurde von Viktor Frankl entwickelt und ist eng mit seiner Biografie verbunden, insbesondere mit seinen Erfahrungen in mehreren Konzentrationslagern. Obwohl er dort Ehefrau und Eltern verlor, konnte er mithilfe seiner bereits zuvor konzipierten Lehre die extremen Belastungen bewältigen. Im Zentrum seines Ansatzes steht der Wille zum Sinn als grundlegende menschliche Ausrichtung.

In den frühen 1990er Jahren stellte Frankls ehemaliger Schüler Alfried Längle ein Konzept vor, das namentlich fast identisch ist, sich inhaltlich jedoch deutlich unterscheidet. Diese Nähe in der Bezeichnung führt bis heute zu Missverständnissen bei Ratsuchenden und Interessenten an einer Fachausbildung zum Logotherapeuten. Das besprochene Buch will diese Unklarheiten beseitigen und eine fundierte Entscheidungsgrundlage schaffen.

Verfasst wurde das Werk von zwei Vertretern der originären Logotherapie nach Frankl. Anna Kalender arbeitet wissenschaftlich am Viktor Frankl Institut in Wien, Alexander Batthyány ist Professor in Budapest und im Vorstand des Instituts tätig. Ausgangspunkt des Buches ist die häufige Verwechslung zwischen Frankls Logotherapie und Existenzanalyse und der von Längle begründeten Psychotherapie, der er die umgedrehte Bezeichnung Existenzanalyse und Logotherapie gab und damit ursächlich die Probleme verantwortet, wenn Menschen unbeabsichtigt einen Ansatz wählen, der nicht ihren Erwartungen entspricht und sie in eine teilweise zum Gedankengut Frankls diametral entgegengesetzte psychotherapeutische Richtung führt.

Der erste Teil des Buches zeichnet die Entwicklung von Frankls Logotherapie nach. Batthyány schildert Frankls Lebensweg, seine Lagerhaft und die Entstehung zentraler Werke, darunter das weltweit millionenfach verbreitete Buch ‚trotzdem Ja zum Leben sagen‘, indem Frankl über seine Lagererfahrungen berichtet. Zudem wird auf die breite wissenschaftliche Rezeption hingewiesen, die sich unter anderem in zahlreichen empirischen Studien und vielen Ehrendoktorwürden zeigt. Inhaltlich hebt Batthyány zentrale Merkmale der Logotherapie hervor, etwa den Vorrang des Sinnwillens, die Annahme menschlicher Freiheit und die Existenz einer geistigen Dimension, die über psychische und körperliche Aspekte hinausreicht. Diese Annahmen stehen im Gegensatz zu deterministischen Sichtweisen anderer Therapierichtungen.

Ausführlich wird der Bruch zwischen Frankl und Längle dargestellt. Längle hatte wesentliche Grundannahmen von Frankls Lehre verändert, was schließlich dazu führte, dass Frankl sich 1991 von der von Längle gegründeten internationalen Fachgesellschaft distanzierte und deren inhaltliche Ausrichtung scharf und zum Teil sogar als anti-logotherapeutisch kritisierte. Während Frankl und seine Schüler diesen Bruch klar benannten, wurde und wird er in Publikationen der von Längle gegründeten Gesellschaft eher relativiert. Batthyány kritisiert, dass trotz tiefgreifender inhaltlicher Abweichungen weiterhin der Eindruck einer engen Nähe zu Frankl erweckt werde. Zudem setzt er sich kritisch mit Längles stark intuitiver Vorgehensweise auseinander, etwa in der Psychosomatik und in der Gesprächsführung, die sich deutlich von Frankls dialogischer Haltung unterscheide.

Im zweiten Teil des Buches arbeitet Anna Kalender die Unterschiede zwischen beiden Ansätzen systematisch heraus. Sie zeigt, dass Frankls Logotherapie auf Sinn, Freiheit und Verantwortung gründet, während Längle zentrale Konzepte verändert hat. Besonders deutlich wird dies im Menschenbild, da in Längles Ansatz die Eigenständigkeit der geistigen Dimension abgeschwächt wird. Auch das Motivationsverständnis unterscheidet sich stark, da der Sinnwille bei Frankl eine herausgehobene Stellung hat, bei Längle jedoch nur eines von mehreren gleichrangigen Motiven darstellt. Kalender macht deutlich, dass gerade Frankls Verständnis erklärt, warum Menschen selbst unter extremen Bedingungen Sinn finden können.

Weitere Differenzen bestehen im Sinnbegriff selbst. Frankl ging von einem objektiven Sinn aus, der in einer Situation entdeckt werden kann, während Längle Sinn subjektiv versteht. Dies führt laut Kalender zu problematischen Konsequenzen, da dadurch auch moralisch fragwürdige Handlungen als sinnvoll gelten könnten. Auch im Umgang mit Leid zeigen sich grundlegende Unvereinbarkeiten zwischen beiden Konzepten.

Insgesamt macht das Buch transparent, wie unterschiedlich der Konflikt öffentlich dargestellt wird und warum eine klare Abgrenzung notwendig ist. Es ermöglicht Interessierten an Therapie oder Ausbildung einen sachlichen Vergleich und unterstützt sie dabei, eine informierte Entscheidung zu treffen. Darüber hinaus führt es prägnant in Frankls Denken ein und greift grundlegende ethische Fragen auf, etwa ob Sinn und Werte objektiv bestehen oder beliebig festgelegt werden können. Damit bietet das Werk nicht nur Orientierung innerhalb der Logotherapie, sondern auch eine fundierte Auseinandersetzung mit zentralen philosophischen Fragen.

 

Tradition und Realität

Crisis meint „entscheidende Wendung“. Als eine Wendung, für deren Richtung sich der Mensch zu entscheiden hat. Dies fällt umso schwerer, wenn die Richtung, die ein Mensch vor einer Krise einschlug, von ihm als sinnerfüllend gefühlt wurde. Wird dieses Gefühl von einer Krise überschattet (zerstört kann ein Gefühl nie werden), so stellt sich die Frage, welche Schlüsse der Mensch nun daraus zieht? Als Beispiel sei hier der von einem Klienten traurig beklagte Tod seiner Ehefrau genannt. Seine viele Jahre währende Partnerschaft stand stets unter einem guten Stern, das Paar stand innig und vertraut zueinander und in ihren verschiedenen Bekannten- und Freundeskreisen wurde dieses Glück wahrgenommen und zuweilen auch bewundert. Dieser Mann kam nun in die Situation, sich nach wenigen Monaten nach dem Tod seiner Ehefrau in eine neue Frau zu verlieben und litt unter den Vorhaltungen von Familienmitgliedern, die ihn mit tradierten Glaubenssätzen (Stichwort: Trauerjahr) konfrontierten als die neue Frau gemeinsam mit ihm wahrgenommen wurde. Durch die subtilen Rückmeldungen empfand er Schuldgefühle seiner Familie gegenüber als auch gegenüber der neuen Frau, verbunden mit einer Angst, diese würde sich vielleicht früher oder später von ihm abwenden, würde er dieses Dilemma nicht auflösen.

„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost. Denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.“
Dietrich Bonhoeffer

Im Beratungsgespräch mit dem Klienten ergab sich dieser Dialog: „Wenn Sie nun über die sich entwickelnde Konstellation zwischen Ihnen, Ihrer Familie und der neuen Frau nachdenken, was bewegt Sie da am meisten?“ Klient: „Ich fürchte, dass meine Familie denkt, ich wolle meine verstorbene Frau ersetzen, dass ich versuchen würde, sie einfach zu ‚vergessen‘. Dabei ist klar, meine verstorbene Frau war einmalig. Niemand kann sie ersetzen.“ „Und doch fürchten Sie, dass Ihre Familie es so sehen könnte.“ Klient: „Ja, aber die neue Frau nimmt nicht den Platz meiner verstorbenen Frau ein, sie erhält ihren eigenen Platz in meinem Leben. Aber wie erkläre ich das meiner Familie?“ „Stellen Sie sich einmal vor, Sie nähmen Ihrer Familie gegenüber die Rolle eines Lehrers ein, der nicht sofort alles erklären muss, sondern zuerst Verständnis dafür zeigt, dass der  Lernprozess der Schüler anders ausschaut als der eigene. Was wäre dann Ihr erster kleiner Schritt?“ Klient: „Dass ich sage, dass man diese Sichtweise einnehmen kann. Aber dass es auch anders sein kann, nämlich dass ich wieder Liebe empfinde, ohne dass dies die Erinnerung an meine verstorbene Frau schmälert. Dass beides möglich ist.“ „Und wie könnten Sie dies so formulieren, dass es Ihre eigene Verantwortung und Ihre Freiheit betont, ohne als Rechtfertigung zu klingen?“ „Vielleicht so:  Ich liebe meine verstorbene Frau immer noch. Diese Liebe bleibt und ist unverrückbar. Gleichzeitig habe ich einen neuen Menschen in mein Leben gelassen, weil es für mich einen Sinn ergibt, mich auf einen Menschen zu beziehen, den ich liebe.“ „Und wenn Ihre Familie Sie fragt, warum Sie nicht länger warten, was könnten Sie dazu sagen?“„Dass die Liebe nicht begrenzt ist, und dass es mir mein Leben ermöglicht, dass ich mich jetzt und nicht irgendwann auf dieses Leben einlasse.“ „Haben Sie das Gefühl, dass diese Worte Ihrer Familie den nötigen Raum geben werden, ihre eigenen Emotionen zu ordnen, ohne dass Sie dadurch Ihre Integrität verlieren?“ „Ja, das kann helfen, denn für die Gefühle meiner Familie trage ich keine Verantwortung, sondern für meine Gefühle, wenn ich entscheide, wie ich meinen neuen Lebensabschnitt gestalte.“ „Dann verstehen Sie die aktuelle Situation als ‚entscheidende Wendung‘. Und eine Möglichkeit bleibt Ihnen immer, wenn es Familienmitgliedern schwerfallen sollte, die Verantwortung für ihren Teil zu übernehmen. In diesem Fall können Sie sich fragen: „Wem gehört das Problem?““

„Habe Mut, dich deiner eigenen Vernunft zu bedienen.“
Immanuel Kant

Lebensthemen und Krisenprävention

Wie stellt sich der Mensch seinen Lebensthemen und kritischen Situationen? Biegt er ‚nur‘ oder bricht er unter seiner Situation? Seit einigen Jahren wird mit dem Begriff der Resilienz die Fähigkeit beschrieben, sich von Schwierigkeiten zwar beeinträchtigen, aber nicht zerstören zu lassen.

Wurde in den 50er-Jahren noch von einem Persönlichkeitsmerkmal ausgegangen, das durch ein Zusammenspiel von genetischen, biologischen und sozialen Einflüssen entsteht, wurde später die Resilienz als Kompetenz verstanden, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen. Bildhaft wird in diesem Zusammenhang seither die Resilienz als Brücke angesehen, die Stress hat, wenn sie unter einem gewissen Druck steht. Sie gerät in Spannung, schwankt, aber hält. Eine Krise würde bedeuten, dass sie einstürzt. Ist sie jedoch resilient, dann biegt sie sich zwar unter dem auf sie ausgeübten Druck, kann diesen jedoch schadenfrei ausgleichen.

Alle diese Definitionen nehmen eine rückwärtsgerichtete Perspektive ein. Gerät ein Mensch in eine ihn überlastende Krise, so mag zwar trefflich analysiert werden, dass die Resilienz den Erfordernissen der Situation wohl nicht entsprach. Entweder war dann die Bewältigungsstrategie der Person unzureichend oder ihre Ressourcen genügten nicht den Anforderungen. Oder es waren die Bedingungen bei gleichzeitig fehlenden Schutzfaktoren, die sich in ihrer Kombination ungünstig zur Krise auswuchsen.

Einen wissenschaftlich fundierten und überprüften Test zur Resilienzmessung gibt es bis heute nicht. Wie auch, ändern sich doch letztlich bei jedem Menschen zuweilen sehr kurzfristig relevante Schutzfaktoren wie zum Beispiel:

▪ Vorbilder und vorgelebte positive Lebensmodelle im persönlichen Umfeld
▪ Gute Beziehungen zu Vertrauenspersonen und Freunden
▪ Ausgeprägte Selbst- und Fremdwahrnehmung
▪ Eigenverantwortlichkeit in Entscheidungen und Handlungen
▪ Fähigkeit zur Akzeptanz dessen, was ist
▪ Wohlbalancierte Beziehungen
▪ Optimistischer Glaube an die eigene Kraft
▪ Realistische Ziele mit Langzeitperspektive
▪ Plan B mit zweitbesten Zielen
▪ Kenntnis der eigenen Stresskommunikation
▪ Problemlösefähigkeit
▪ Impulskontrolle
▪ Verlassen der Opferrolle
▪ Verantwortungsübernahme
▪ Hoffnung und Zuversicht
▪ Selbstliebe
▪ Körperliche und geistige Vitalität…

Betrachten wir diese Faktoren, die Resilienz entwickeln helfen sollen, so könnten wir schnell annehmen, dass sich ein Mensch in einer Krise wähnt, wenn er ohne diese Faktoren in eine ihn erschütternde Lebenssituation geraten ist. Nur: Wenn diese Faktoren zu Beginn einer Krise nicht zur Verfügung stehen, dann waren sie bereits auch zuvor nicht gegeben. Von einem positiven Lebensmodell ist dann auch ohne Krise wenig zu spüren gewesen oder gute Beziehungen zu vertrauten Menschen waren ohnehin rar oder der Glaube an die eigene Kraft war bereits zuvor einer lethargischen Grundhaltung gewichen und so weiter.

Natürlich ist es einem Menschen zu wünschen, sich gut beschützt zu fühlen. Ist er es nicht und kommt eine Krise hinzu, dann wird aus einer kritischen Lebenslage schnell eine absolute Not. Ist er es, dann ist dies jedoch noch lange kein Garant dafür, eine Situation nicht als Krise zu empfinden.

Aus unserer Sicht bleibt das Resilienzkonzept in seinen bisherigen Entwürfen deshalb noch unzureichend, weil es davon ausgeht, dass etwas einen Menschen resilient macht. Aus dieser Perspektive passt das Bild der Brücke gut, denn je nachdem, mit welcher Qualität, Aufmerksamkeit, Kompetenz, Materialgüte usw. die Brücke gebaut wurde, wird man auf ihre Standhaftigkeit und Lebensdauer schließen können. Ohne, dass also etwas gemacht wird, kann ein Mensch nicht robust genug sein, um sich schweren Lebenssituationen stellen zu können. Ein solches Menschenbild sieht den Menschen im Grundsatz als ‚defizitär‘ an.

Das unser Konzept tragende Verständnis, das den Menschen als frei, verantwortlich und nach Sinn im Leben strebend ansieht, passt so gar nicht zu einem solchen Bild. Und so fragen wir, was sich wohl ändert, wenn wir die individuelle Resilienz nicht an der Summe solcher Einzelfaktoren festmachen, sondern sie im Gegenteil als jedem Menschen per se gegebene Eigenschaft ansehen? Der Mensch ist in diesem Verständnis grundsätzlich ausgestattet, um den Widrigkeiten seines Lebens zu trotzen. Diese Arbeitshaltung einzunehmen, führt zu einer interessanten Herausforderung. Oftmals hören wir, dass eine massive Belastungssituation doch eine Reaktion wie Depressivität, Resignation, Antriebsverlust, Gefühllosigkeit oder anderes erzeugen müsse, eine psychische Störung wie zum Beispiel eine posttraumatischen Belastungsstörung doch ‚normal‘ sei.

Hierauf erwidern wir, dass es in unserem Verständnis vom konkreten Menschen abhängt, ob dieser sich von den Geschehnissen um ihn herum überhaupt belasten lässt – letzten Endes sein individuelles Verhalten eben nicht durch die Bedingungen diktiert wird, die er antrifft, sondern von den Entscheidungen, die er trifft. Trotz widriger äußerer Umstände die Bedingtheiten in die eigene Hand zu nehmen und über sich hinauszuwachsen, sehen wir als Urgrund menschlicher Resilienz an. Wir stützen uns dabei auf die von Viktor Frankl begründete Sinntheorie. In ihr spielt nicht das verletz- und erkrankbare Psychische die Hauptrolle, sondern das Geistige, das es dem Menschen stets ermöglicht, sich auf den Sinn im Hier und Jetzt auszurichten. Dies gelingt ihm, indem er sich seiner eigenen Werte bewusst wird und mit ihnen im Einklang stehende Entscheidungen und Handlungen trifft. Nicht das eine Person in einer Krise aktuell Verstörende,Traumatisierende, stark Belastende steht im Mittelpunkt, sondern die Klärung des Wertesystems mit ihrem Bezug zu dem, was die Situation sinnvollerweise zu tun anzeigt.

Mit anderen Worten: Der Mensch ist resilient, wenn er seine Werte kennt. Sind sie ihm nicht präsent, dann können sie in einer Krise nicht zur Bewältigung aktiv eingesetzt werden. Die Psyche übernimmt damit das Ruder und versucht mit der Belastung quasi alleine fertig zu werden. Dies führt in brisanten und erschütternden Lebenssituationen zu massiver Überforderung und den bekannten Symptomen wie Angst, Depression, Aggression usw.

Dazu das folgende Schaubild. Es zeigt den Zusammenhang zwischen Belastung und Bewältigungsfähigkeit. Ist die Belastung hoch und hat die Person eine gering entwickelte Fähigkeit, die Situation angemessen zu bewältigen, dann entsteht zum Beispiel Angst. Krisen, die einen Menschen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen, führen zur maximaler Anspannung und negativen psychischen Symptomen. Ist sich die Person dann zudem ihrer Werte nicht bewusst,
entsteht ein Empfinden der völligen Sinnleere, der Resignation und tiefen Hoffnungslosigkeit.

Stellt sich der Krise jedoch eine Werteklarheit in Form deutlicher Selbstbewusstheit gegenüber, dann vermag die Person einen Willen zum Sinn zu formulieren, der sich letztlich in dem zeigt, was Viktor Frankl die ‚Trotzmacht des Geistes‘ nennt. Diese Macht, sich trotz allem von den eigenen Werten gestützt zu fühlen, ist stets stärker als der ‚normale‘ Versuch der Psyche, sich in einer nicht normalen Lebenslage auf- oder abzugeben. Das ist auch gut so, denn …

… jeder Mensch muss sich selbst ‚be-sinn-en‘. Andere Menschen können diesen Prozess zwar positiv beeinflussen, die Antworten auf die zentralen Fragen des Lebens muss jedoch jeder Mensch selbst finden und geben. Wäre das anders, dann könnten moralische Appelle ‚wie jemand zu sein habe‘ als Sinnangebote verpackt werden und letztlich einen Menschen komplett fremdbestimmen.

Dass wir solche Angebote kennen, sei es durch Botschaften aus der Werbung, der Mode, von Sekten oder sektiererischen Gruppierungen, aber auch in Unternehmen, in denen mit materiellen Verlockungen Pseudo-Sinn ‚gestiftet‘ wird, ändert nichts am Faktum: So wie Durst der ‚Beweis‘ für die Existenz von so etwas wie Wasser ist, so ist das Sinnlosigkeitsgefühl ein Beweis für den stets gegebenen Sinn.

Die Ortung des Sinns übernimmt der menschliche Sinnkompass, das Gewissen. Es ist nicht gleichzusetzen mit einem anerzogenen oder kulturell beeinflussten ethischen Bewusstsein. Vielmehr steht das Gewissen noch vor reflektierter Moral. Als Geistiges ist das Gewissen bereits da, bevor der Mensch seinen Verstand einschaltet. Jedoch – und dies erleben wir in unserer Arbeit immer wieder – versperrt der Verstand zuweilen vehement den Zugang zum geistig Sinnvollen. Dann blockieren bestimmte eingebrannte Denksätze, vermeintliches Erfahrungswissen oder eben die schon genannten Pseudo-Sinnangebote die Tür zum Sinn.

Krisen – so zeigt die Erfahrung – sind oftmals durch diese Blockaden gekennzeichnet. Der Denksatz: ‚Es wird schon irgendwie gut gehen‘, kann ein solcher Satz sein, der Sicherheit vorgaukelt und dem Menschen ein nicht zu haltendes Versprechen gibt. Verliert ein Mensch in einer Krise dann ‚Sinn‘, dann bedeutet dies nicht, dass es keinen mehr gibt, sondern lediglich, dass die Möglichkeiten der Sinnverwirklichung unter dem Einfluss der Krise nicht mehr erkannt werden. Beginnt nun die Sinnsuche, dann startet das ‚Entdecken einer Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit‘ [Frankl]. Dass Menschen sich in Krisen aufmachen, ihrem Leben wieder neuen Sinn zu verleihen, ist ein weiteres Indiz dafür, dass es ihn gibt, jederzeit und eben auch in Krisen. Neben dem Bewusstsein, das erkennt, was ist, erkundet das Gewissen das, was sein soll. Das, was jetzt trotz allem zu verwirklichen ist.

Das Gewissen zeigt also die wertvollen Möglichkeiten auf, die trotz einer Krise auf Verwirklichung warten. Es ist die ‚Resilienzstruktur‘, auf die nur ein Mensch ‚wieder hin zu springen‘ [resalio] befähigt ist. Doch für diesen Sprung bedarf es eines gewissen Trainings. Bleibt das Gewissen untrainiert, so kann der Mensch den Sinn verfehlen, er kann sich ‚verirren‘. Er hat dann keine Gewissheit, wie es weitergehen kann.

Wie wichtig es ist, sich den Blick auf den Sinn im eigenen Leben auch in Krisen nicht zu verstellen oder verstellen zu lassen, zeigen auch die Forschungsergebnisse zur sogenannten Kontrollüberzeugung. So ist heute bekannt, dass Menschen, die der Ansicht sind, äußere Faktoren würden den Verlauf der Lebensgeschichte stärker beeinflussen als die eigenen Einstellungen und Haltungen, in Krisen deutlich öfter Symptome wie Angst und Depression zeigen. Ist der
Mensch jedoch davon überzeugt, dass er – auch wenn er Hilfe anderer bedarf – grundsätzlich selbst das Heft des Handelns in seiner Hand hat, dann wirkt dies deutlich stressmindernd. Die Krise wird ernstgenommen, in ihrer Bedrohlichkeit jedoch herabgestuft – die Person empfindet die Brisanz und doch übernimmt sie Verantwortung.

So empfiehlt sich eine Individuelle Krisenprävention, um gerüstet zu sein für Bedingungen, die einem suggerieren, es gäbe keinen Sinn mehr – für einen solchen Prozess schauen wir in der Logotherapie oder im Sinncoachig auf zwei Faktoren: Die Klärung der individuellen Werte und die Stärkung der individuellen Weltoffenheit. Sind Klärung und Stärkung vollzogen, ist der Prozess der Individuellen Krisenprävention beendet.

Stressverhalten „Durchbeißen und eifrig predigen“

Augen zu und durch – schließlich hat dieser Krisentyp keine eigenen Anteile an der Krise. Das glaubt er felsenfest und kommuniziert es auch. Und wenn das so ist, dann muss er natürlich weitermachen, sich bis zur Erschöpfung einbringen, mit dem Kopf durch die dickste Wand gehen. Das ist er sich wert, das findeter gut, dafür gebührt ihm aus seiner Sicht Respekt. Für seine Anstrengungen will er Erfolg und den Besitz an der finalen Lösung. Wer mit ihm in belastender Situation spricht, sollte daher gewappnet sein – denn sein Widerstand und Widerspruch gegen andere Ansichten kann mächtig sein und jeder, der gegen ihn verliert, wirkt wie neuer Treibstoff auf dem Weg zu dem aus seiner Sicht einzig Wahren. Dieser ‚Krisenapostel’ sieht in der ihn belastenden Situation nicht vorrangig sich selbst als Person unter Druck stehend, sondern vielmehr das von ihm bis heute Geschaffene, Entwickelte, Geleistete. Wie ein Mensch, der nicht wahrhaben kann, dass eine neue Generation die Welt anders interpretiert, kämpft er, ‚weil die Traditionen zu erhalten sind’. Oft wirkt er stur, wo atmosphärische Intelligenz gefragt wäre.

Empfehlen ihm vertraute Personen eine neuen Sicht auf Zeitgeist und Gegebenheiten, dann hören sie ihn nicht selten Aspekte ansprechen wie ‚persönliches Lebenswerk in Gefahr’, ‚erlittene Demütigung’, ‚weiter harte Arbeit leisten müssen’ oder ‚Gewissenlosigkeit anderer’.

In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Zukunftsresistenz, ihre Neigung zur Abwertung der Ansichten ihren Umfeldes und ihrer dogmatischen Selbstüberschätzung anzusprechen. Dabei ist hilfreich, sie biografisch auf frühere Lernprozesse zu befragen, ohne dabei die für sie wichtige Diskretion in Frage zu stellen.

Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung des ‚Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren‘ [Brecht]. Sie bewahrt sie davor, aufzustecken oder ihre Grundüberzeugungen dem Opportunismus zu opfern.

Wie spricht diese Person:
„Ich meine…; ich finde, wir sollten …; bist Du davon überzeugt, dass ….; es ist unsere Pflicht, …; ich bin der Ansicht, dass …; ich vertraue darauf, dass …; mit allem Respekt, aber …; das kann ich mit mir nicht vereinbaren, …; ist das auch wirklich echt?; es wäre mir von großem Wert, wenn…; das braucht eine gewissenhafte Vorbereitung…; mir ist wichtig, die Zusammenarbeit auf eine solide Basis zu stellen …; die Qualität muss stimmen …; …“

Was diese Person braucht: Anerkennung ihrer wertebasierten Leistung
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Angst
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Sorge
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet eine Berechtigung zur Selbstgerechtigkeit

Stressverhalten „Opfern und alles geben“

Zeigt eine Person dieses ‚Krisenprofil’, dann erlebt man einen Menschen, der sich einerseits sehr über das Ungemach in der Welt ärgern kann, dann andererseits aber auch bereit ist, eben dieser ‚Welt’ alles zu geben, damit eine Belastungssituation nur bald endet und wieder friedliches Fahrwasser erreicht wird. Dass ebendiese Haltung, es allen recht machen zu wollen – möglicherweise sogar sich schuldig zu fühlen oder etwas zu bekennen, wo eigenes Fehlverhalten gar nicht vorliegt –, einen wesentlichen Anteil am Krisengeschehen haben kann, ist für den ‚Krisenharmoniker’ kaum zu glauben. Kritisieren vertraute Personen diese Haltung und raten zu ‚gesunder Distanz’, dann fühlt sich die Person meist verunsichert, zu Selbstzweifeln neigend und ungeliebt.

Ihrem Muster folgend, versucht sie, die eigene Traurigkeit durch eine überstarke Zuwendung auch zu den Akteuren im Krisensystem zu verdecken. Dieses durchsichtige Manöver führt zügig in eine Teufelsspirale, an dessen Ende eine zutiefst deprimierte und sich selbst verletzende Person steht.

In der Begleitung dieser Person gilt es, an ihrer Selbstwertresistenz, an eigener Demütigung und latenter Selbstaufgabe anzusetzen. Durch einen ermöglichungsorientierten, individuelle Grenzen fördernden Prozess sollten bei ihr Veränderungen angeregtwerden, ohne sie dabei in eine “

Wie spricht diese Person:
„Ich fühle…; geht es Dir gut bei der Idee …; es liegt mir am Herzen, …; ich mag es sehr, …; so etwas hasse ich ungemein …; ich bin darüber glücklich …; damit fühle ich mich wohl …; es macht mich betroffen, …; ich freue mich, Dich so wohlauf zu sehen…; mir geht’s gar nicht gut, wenn ich Dich so sehe …; das ist sehr traurig …; ich freue mich, dass es Dich gibt …; mit Ihnen zusammen zu arbeiten, tut mir sehr gut …; …“

Was diese Person braucht: Anerkennung als Person, sinnliche Anregungen
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Ärger
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: gesunde Rückmeldung ihres Ärgers
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Trauer

Stressverhalten „Grübeln und mustergültig sezieren“

Eine Krise muss man doch ‚verstehen’ können: Mit einem genauen Lageplan, einer tiefen Analyse des Geschehens und einem Hin-und-her-Abwägen besticht dieser ‚Krisentyp’, ohne dabei überzeugendvermitteln zu können, wie der konkrete nächste Schritt denn ausschauen soll. Das, was war, ist klar – was sein soll, noch diffus. Die Krise wird als Verlustereignis erlebt und darüber muss trefflich immer wieder nachgedacht werden. Meist findet der Krisengrübler alle möglichen ‚Wenn das nicht gewesen wäre, dann wäre …’-Gründe für seine Last.

Raten ihm vertraute Personen zu einem ‚Weniger-ist-mehr’ und zu einer gewissen Leichtigkeit im Umgang mit der Situation, dann werden sie mit einem ‚Was versteht ihr denn schon?’ oder einem ‚Das geht nicht, weil …’ in ihre Denkschranken verwiesen. Irrationales, wie das Angebot, den eigenen Gefühlen mehr Raum zu geben, wird oftmals schroff widersprochen, denn nur ein kühler Kopf sei in der Lage, alles zu überblicken und in dieser besonderen Situation keinen Fehler zu machen.

In der Begleitung dieser Person empfiehlt es sich, ihre Handlungsresistenz, Deutungsüberschärfe und mentale Selbstüberforderung zu thematisieren. Dies gelingt gut, wenn sie durch verschiedene Blickwinkel und eine humorvolle Gesprächsführung für konkrete Aktionen ermuntert wird. Natürlich, ohne dabei ihre bisherigen Anstrengungen zu diskreditieren.

Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung ‚es kann mich niemand daran hindern, über Nacht klüger zu werden’ [Adenauer]. Sie befähigt sie zu grundsätzlich vernünftiger Argumentation und Risikoeinschätzung in relevanten Entscheidungen.

Wie spricht diese Person:
„Ich denke…; welche Optionen haben wir…; nach meinen Berechnungen …; bedeutet das, …; in welchem Zeitrahmen …; auf Basis welcher Daten …; kann ich die Fakten dazu einmal sehen …; woher stammen diese Informationen …; nach meiner Einschätzung …; wenn wir so weitermachen, dann …..; es ist doch ganz klar, dass …; es ist richtig, dass …; das ist gut begründet, …; ich zermartere mir mein Hirn …; ich habe viel darüber gegrübelt …; heißt das, dass …; …“

Was diese Person braucht: Leistungsanerkennung
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Verlust
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Traurigkeit
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Frustration und Verärgerung.

Stressverhalten „Inszenieren und kräftig übertünchen“

Die Krise als Theaterspiel – mit Grandezza, Dramatik oder einem enormen rhetorischen Aufwand verleiht dieser ‚Krisenakrobat’ seiner Belastungssituation nach außen fast eine gewisse spielerisch-trotzige Leichtigkeit. Gewähren ihm vertraute Personen keinen Beifall für seine Bemühungen der Krisenlösung, sondern sprechen ihn auf ein höheres Maß an Eigenverantwortlichkeit an, versteht er sich darauf, die Schuld für die eingetretene Situation bei anderen zu suchen und zu finden.

Eine reflexive sachliche Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen wird zurückgestellt – zu wuchtig wäre wohl der Schmerz. Lieber greift der Krisenluftikus zu Ablenkungen aller Art, bis seine Ausblendungsmethoden nicht mehr greifen und er ‚bei aller Freundschaft’ aufgefordert wird, endlich Position zu beziehen und einen Beitrag zur konstruktiven Veränderung der Situation zu leisten.

In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Realitätsresistenz, Naivität und Trotzigkeit durch eineermutigende, ernstnehmende Unterstützung mit bildhafter Gesprächsführung zu steuern, ohne sie für ihre Haltung zu belächeln oder ihre Ergebnisverantwortung in Frage zu stellen.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung ‚unter den Menschen gibt es viel mehr Kopien als Originale‘ [Picasso]. Sie bewahrt sie davor, fremdbestimmenden ‚Einflüsterungen’ von Dritten zu folgen und erhält ihr ihre Wahrnehmungsvielfalt und Handlungsflexibilität für wichtige Entscheidungen.

Wie spricht diese Person:
„Ist ja superklassetoll …; das mag ich – das mag ich nicht …; du schaust ja heute echt prächtig aus …; na, welchen Bock haben wir heute mal wieder geschossen?…; wer nicht will, der hat schon …; das ist ja ein feiner Zwirn, den Sie da anhaben…; lassen Sie uns abhängen und quatschen …; MAHLZEIT ! [morgens um 7 Uhr]; jetzt mal ganz entspannt bleiben …; ich mach mir ein Problem, wenn ich es hab …; das Leben kommt einfach immer um die Ecke …; …“

Was diese Person braucht: Kontakt, Spaß
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Eigenverantwortung
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Aufrichtiges Bedauern
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet eine Berechtigung zum Trotz

Stressverhalten „Streiten und anklagen“

Bei diesem ‚Krisenprofil’ neigt die Person dazu, die eingetretene massive Belastung noch weiter zu eskalieren. Rachevolle Rosenkriege werden geführt, eine Phalanx von Beratern oder Anwälten wird aufgebaut, die Fähigkeit zur Selbstberuhigung und -distanzierung ist nicht erlebbar. Wollen vertraute Personen den ‚eigenen Anteil am Krisengeschehen’ ansprechen, erfahren sie hierfür Ablehnung und Abweisung bis hin zur Trennung. Führt dies nicht zum Erfolg, kann der ‚Kriseneskalierer’ radikal umschwenken in eine fulminante Selbstanklage und Selbstlieblosigkeit.

In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Vertrauensresistenz, Handlungsschnelligkeit und Offensivkraft durch eine erfahrungsbasierte Unterstützung mit deutlicher Grenzziehung und klaren Vereinbarungen zu steuern, ohne sie dabei zu demütigen oder sie mit Moralvorstellungen zu lenken.

Günstig ist ihre grundsätzliche Haltung des ‚nur dem Mutigen gehört die Welt‘ [deutsches Sprichwort]. Sie ermöglicht ihr die tatkräftige und zügige Umsetzung umfassend reflektierter Entscheidungen.

Wie spricht diese Person:
„Okay, Ärmel hoch und durch!; Einen solchen Mist hat die Welt noch nicht gesehen!; Gut, nun ist genug geschwätzt!; hau rein, damit wir weiterkommen!; jetzt geht’s ans Eingemachte!; Kommen Sie bitte zum Punkt!; Weiter!; Mach zackig!; Das ödet mich hier an, kann es wohl jetzt bald mal losgehen?; Volltreffer!; Sie sehen heute einzigartig aus, absolut chic!; Das steht Ihnen aber gut, alle Achtung!; …

Was diese Person braucht: Aufregung, Aktion
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Bindung
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Nähe
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet Rachegelüste

Stressverhalten „Nichts tun und endlos hoffen“

Diese ‚Krisenpersönlichkeit’ zeigt eine phlegmatische Abwartehaltung. In der Hoffnung, die Belastungssituation würde sich womöglich von ‚Geisterhand’ auflösen, verpasst der ‚Krisenaussitzer’ wichtige Zeitpunkte, um aktiv und selbstverantwortlich zu handeln.

Ihr vertraute Personen haben vergeblich versucht, sie zu deutlichen Entscheidungen und Aktionen zu bewegen – das Ergebnis sind tendenziell halbherzige Schritte, ein ‚Sich-Verzetteln’ in wenig wirkungsvollen Maßnahmen und eine Reduzierung der Kommunikation auch mit wohlgesinnten, konstruktiven Gesprächspartnern.

In der Begleitung dieser Person gilt es, ihre Beratungsresistenz, Inaktion und Vorsicht durch eineprofunde und direktive Unterstützung mit konkreten Arbeits- und Zeitplänen zu steuern, ohne ihn dabei zu überfordern oder ihm seine Eigenverantwortung zu beschneiden.

Günstig ist seine grundsätzliche Haltung eines ‚in der Ruhe liegt die Kraft’ [Konfuzius]. Sie bewahrt diese Person vor vorschnellen Handlungen und ermöglicht ihr, wichtige existenzielle Entscheidungen nach ausreichender Überlegung auch zu treffen.

Wie spricht diese Person:
„Wenn ich so in mich hineinhöre, …; bin mir nicht sicher, was jetzt zu tun ist …; ich frage mich gerade, ob …; was wäre eigentlich, wenn …; das muss ich noch in Ruhe nachklingen lassen …; ich warte auf genauere Anweisungen dazu …; halte Dich bitte zurück …; ich brauche meinen eigenen Raum …; so schnell geht das für mich nicht …; dazu kann ich jetzt noch gar nichts sagen …; dafür muss ich mir erst noch mehr Zeit nehmen …; da werde ich mir jetzt keinen Kopf machen …; …“

Was diese Person braucht: Ruhe, Einsamkeit
Das Thema, das sie immer wieder latent in Stress führt: Autonomie
Wie diese Person sich zeigt, wenn ihr das Thema keinen Stress mehr bereitet: Selbstbewusstsein
Wie diese Person sich zeigt, wenn sie dem Thema ausweicht: Sie empfindet sich selbst als bedeutungslos

Stressverhalten und Krisenprävention

Heute arbeitete ich mit einem Mann, der sich in einer für ihn schweren Berufskrise befindet. Seinem Vater zuliebe hatte er Jura studiert, um in die elterliche Kanzlei einzusteigen. Als zum Ende seines Studiums sein Vater sich anders entscheidet und die Kanzlei veräußert, sieht sich der mittlerweile 30 Jahre alte Mann vor eine existenzielle Frage gestellt: Soll ich in der Juristerei bleiben oder einem früheren Lebenstraum nachgehen, nämlich in die Architektur wechseln?

Seinem Vater, dem er irgendwie nicht böse sein kann, hat er nach dessen ‚Verkündigung‘ gesagt, dass er es traurig finde, dass dieser offenbar keinen anderen Weg hat finden können als sein Lebenswerk zu verkaufen. Erst im Coaching tritt der Groll zutage, den er gegen seinen Vater hegt. An sich, so seine Reflexion, hat der Vater „meine Bedürfnisse mit Füßen getreten“ – „aber, wahrscheinlich ist ihm selbst schwer ums Herz geworden, als er erkannte, dass es doch nicht anders geht“.

Wie auch immer, er müsse ja nun eine Entscheidung treffen. Sein Dilemma: Er hat kein festes Einkommen oder größere Rücklagen, die es ihm ermöglichen würden, einen zweiten Studiengang zu beginnen. Zwar könnte er sich auf eine Festanstellung als Jurist bewerben, aber diese Idee behagt ihm nicht, da er sich nicht als ‚Angestellter‘ versteht. „Ein solches Arbeitsleben geht gar nicht“, ist er überzeugt. Seine größte Sorge ist die, nicht auf eigenen Beinen zu stehen. Seinen Vater in seine Überlegungen einzuweihen, will er nicht, „denn dieser hat die Situation ja schließlich mit verbockt“. Außerdem sei es nun für ihn wichtig, alleine klar zu kommen und sich so zu entscheiden, wie es nur für ihn passt – „aber wenn das auch nicht gelingt, dann weiß ich auch nicht, was dann geschieht.“
Der Klient zeigt deutliche Anzeichen eines ihn belastenden Stressmusters …

Was geschieht nun, wenn ein Mensch in Stress gerät und zu wenig von der positiven Zuwendung erhält, die er braucht? Anfänglicher Stress, quasi Alltagsstress wird dadurch zu verringern versucht, indem eine Person ihre Verhaltensweisen in einer ersten psychischen Reaktion weiter verstärkt. Beispielsweise wird jemand, der einer Problemstellung vorrangig damit Herr zu werden versucht, zu recherchieren, zu analysieren, zu kalkulieren und sich vielfach zu informieren, dies noch intensiver tun („womöglich habe ich noch eine wichtige Datenquelle vergessen…“). Wird dieser Person nun aber keine ‚Anerkennung‘ für seine Denk-Leistungen zuteil, und sie erhält keine hinreichende Bestätigung für ihre Bemühungen, dann findet auf dem quasi nächsten Stresslevel eine Abwertung dessen statt, der oder das diese Anerkennung hätte geben können. Angenommen, dies wäre eine andere Person, dann würde der Stressgeplagte die Fähigkeit dieser Person in Frage stellen, ob sein sein Gegenüber überhaupt in der Lage ist nachzuvollziehen, wieviel Leistung in seiner Arbeit steckt.

Je mehr Stress im Spiel ist, umso negativer wird die Abwertung – einzig, weil es der Person nicht gelingt, ihren Stress herab zu regulieren und in ein gesundes Maß der Selbstberuhigung zu kommen. Es muss demnach etwas Schwerwiegendes sein, was diesen Prozess behindert, und das, was hier schwer wiegt, ist ein sogenanntes ‚Lebensthema‘.

Was nun könnten Lebensthemen für einen solchen Menschen sein, der alles dafür tut, um die relevanten Daten, Informationen und Erfahrungswerte beisammen zu haben, um richtig, pünktlich, genau, korrekt … entscheiden und handeln zu können? Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ihn Situationen schmerzen, in denen er einen Verlust oder einen Abschied erlebt. Für Menschen, ‚die an alles denken‘, und dann doch etwas verlieren [sei es materieller oder immaterieller Art] oder die eine Trennung erleben, die eine Person einleitet [z. B. Scheidung], ist ein solches Ereignis meist völlig unverständlich.

Anstatt nun den erlittenen Verlust oder Weggang mit dem passenden Gefühl des Traurigseins zu kommunizieren, äußern sich diese Menschen, die dies zu tun nicht gelernt haben, eher frustriert und verärgert.

Woran kann es liegen, dass ein passendes Gefühl nicht gelernt wurde? Dies können frühe kindliche Erfahrungen sein, bei denen das Kind beobachtete, wie erwachsene Personen mit ihrem Stress umgingen. Es können Glaubenssätze sein, die irgendwann dem jungen Menschen ‚glauben‘ machten, nur ein bestimmtes Verhalten sei für den Umgang mit einer Stresssituation richtig. Schaut man hinter die von Mensch zu Mensch immer individuellen Kulissen, dann zeigt sich aber stets, dass ein authentisches Gefühl zu zeigen immer auch ein Stück weit zum Ausdruck bringt, fehlbar zu sein.

Niemand liegt immer zu 100% richtig, niemand bringt immer 100%ige Qualität, niemand hat immer zu 100% das Heft des Handelns in seiner Hand, niemand reflektiert eine Situation immer 100%ig vollständig, niemand fühlt immer 100% das was hilfreich wäre, niemand reagiert zu 100% passend gemäß dessen, was die Situation erfordert. Und doch glauben viele Menschen, dass sie nahe an diesen 100% dran sind. Erfahren sie dann kein positives Feedback, das stimmig ist mit dem, wie sie mit der Situation umgegangen sind (im Beispiel also kein Feedback für die Leistung der Datenanalyse …), dann kommt die Person in Stress aufgrund mangelner Anerkennung und es beginnt die Eskalationsspirale.

Wenn Sie sich selbst oder andere Menschen Sie gut kennen, dann können Sie sich auf den Weg zu Ihrem zentralen Lebensthema machen. Ist dieses Thema noch unbewusst oder werden – obwohl bewusst – seine Auswirkungen unterdrückt oder verdrängt, dann besteht das Risiko, dass künftige belastende Ereignisse, die mit diesem Thema verbunden sind, als Krise interpretiert werden.

Von dem, was dann geschieht, haben wir im Kontext der Krisenintervention und Krisenprävention heute bereits eine recht genaue Vorstellung. In den folgenden Tagen stelle ich dazu ‚Porträts‘ vor, die – bewusst leicht überzeichnet – eine Art Summe der Merkmale darstellen, die ich bei Menschen mit vergleichbaren Verhaltensweisen unter Krisenstress über viele Jahre hinweg habe beobachten konnen. Nach der Vorstellung dieser Porträts können Sie dann selbst zu dem eingangs beschriebenen Mann mit seiner Problemstellung zurückkehren und überlegen, welches Porträt seinem Verhalten am ehesten entspricht …  Und wollen Sie dann selbst mehr über Ihre eigenen Verhaltensmuster unter Stress erfahren, mehr über Ihre möglichen Wege einer individuellen Krisenprävention, mehr über Ihr eigenes Lebensthema …, dann schreiben Sie mir gerne eine Mail.